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Wie ist zu erklären, dass sogar noch in den Anfangsjahren der Berliner Republik in den Reden in- wie ausländischer Politiker ein Nachhall der Politik des ersten Reichskanzlers zu vernehmen war? „Ein Grund für das anhaltende Interesse an Bismarck dürfte daran liegen, dass er eine außergewöhnliche, vielleicht einzigartige Verbindung von Staatsdenker und Staatslenker war“ (7), schreiben Prof. Dr. Ulrich Lappenküper, Geschäftsführer der Otto-von-Bismarck-Stiftung, und Dr. Ulf Morgenstern, Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung, im Vorwort des Sammelbandes Überzeugungen, Wandlungen und Zuschreibungen. Das Staatsverständnis Otto von Bismarcks. Erschienen ist dieser in der renommierten Reihe „Staatsverständnisse“, die Prof. Dr. Rüdiger Vogt seit vielen Jahren mit dem Ziel herausgibt, nicht nur (politische) Philosophen anzusprechen, sondern auch zum allgemeinen Diskurs beizutragen.

Diesem Anspruch folgt dieser thematisch breit aufgestellte Band, der mit einem Beitrag über das Staatsverständnis des jungen Otto von Bismarck beginnt und sogleich das wichtigste Charakteristikum seiner Politikauffassung erkennen lässt: Er bekannte sich zu Pragmatismus und Flexibilität, es gab „[k]ein Festklammern am Alten“ (17), schreibt Hans-Christoph Kraus (Universität Passau). Dass diese Haltung allein einem klaren Ziel dienen sollte, wird in den „Positionsbestimmungen“ im Hauptteil des Bandes deutlich. Ob mit Blick etwa auf „Bismarcks Staatsdenken in europäischen und globalen Bezügen“ (Beitrag von Ulrich Lappenküper), das Verfassungssystem (Beitrag von Martin Otto, Fernuniversität Hagen) oder die Wirtschaft (Beitrag von Michael Epkenhans, Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr Potsdam), stets zielte Bismarck auf „die Stärkung, dann die Sicherung der preußischen und später der preußisch-deutschen Macht“ (143), wie Ewald Frie (Universität Tübingen) in Übereinstimmung mit allen Autoren des Bandes feststellt.

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Der renommierte Journalist und Buchautor Michael Jürgs, der noch im Juni mit dem Theodor-Wolff-Preis für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde, ist am 4. Juli 2019 in Hamburg verstorben. Für sein Buch „Wer wir waren, wer wir sind. Wie Deutsche ihre Geschichte erleben“, das 2015 im C. Bertelsmann Verlag erschienen ist, hatte er auch Friedrichsruh aufgesucht und mit Prof. Dr. Ulrich Lappenküper, Geschäftsführer und Vorstandsmitglied der Otto-von-Bismarck-Stiftung, über den ersten deutschen Reichskanzler gesprochen. Wir veröffentlichen sein Porträt des Politikers und zugleich des Ortes mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

 

Vor der Expedition zu einem einstigen Mythos deutscher Nation musste ich zuerst einmal das Archiv auf meiner Festplatte Gehirn durchforsten. Ich hatte mir Wegzehrung angelesen und im Kopf verstaut. Über Otto von Bismarck neue Erkenntnisse zu verbreiten wäre zwar zum Scheitern verurteilt. Aber Spuren des mal unsterblich Scheinenden müssten sich noch finden lassen draußen im Sachsenwald. Dort gab er den Geist auf. Dort liegt er begraben.

Von Michael Jürgs porträtiert als ein „preußischer Bullerkopf“, der auch „zarte Liebesbriefe“ schrieb: Otto von Bismarck, hier mit seiner Schwiegertochter Marguerite, aufgenommen mutmaßlich 1895 in Friedrichsruh. (© Otto-von-Bismarck-Stiftung)

Sein Leben, das politische und das private, seine Entscheidungen für Krieg oder für Frieden sind in gefühlt tausendundeins Büchern, Magazinen, Dissertationen, Artikeln, Filmen analysiert, beleuchtet, geschildert worden. Sogar die zarten Liebesbriefe, die er an seine Frau Johanna – aber während der Ehe auch an andere Frauen – schrieb, veröffentlicht bereits zwei Jahre nach seinem Tod, gehören zu diesem Allgemeingut. Den Olivenzweig, den ihm eine Angebetete zum Abschied überreichte, bewahrte er bis zum Ende in seiner Tabaksdose auf. Soviel Empfindsamkeit hätten ihm nicht mal seine alle Schwächen übersehenden Verehrer zugetraut. Sie liebten ihn blind für seine andere Seite als preußischen Bullerkopf.

Unter all jenen bekannten großen Deutschen, die bei näherer Betrachtung sämtlich nicht gar so groß erscheinen, wie sie in den Schulbüchern dargestellt werden, war er für die Generation der Groß- und Urgroßväter ein Mythos. Ein Held. Eine Kultfigur. Das Wort „Kult“ im Zusammenhang mit Bismarck würden heutzutage Menschen mit einigermaßen intakten Gehirnzellenschon deshalb nicht mehr verwenden, weil inzwischen sogar irgendwelche Masseure von meist geringem Verstand darunter subsumiert werden. Bei aller berechtigter Kritik am Eisernen Kanzler wäre es gleichfalls posthumer Rufmord, würde man ihn mit Udo Walz, Klaus Wowereit oder Mario Barth in einen Kulttopf werfen.

Wahrlich, ein in preußischer Wolle gefärbter Reaktionär, das war er beileibe. Die beim Hambacher Fest bürgerliche Freiheiten fordernden Demokraten von 1832 oder gar die Revolutionäre von 1848 waren ihm ein rechtes Gräuel: „Nicht auf Preußens Liberalismus sieht Deutschland, sondern auf seine Macht. Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden, sondern durch Eisen und Blut.“ Nach den drei siegreichen Einigungskriegen wurde der Gründer des Deutschen Reiches von der Mehrheit des Volkes vergöttert als ein Reichsschmied, der die Machtverhältnisse im Herzen Europas zugunsten Deutschlands verändert hatte und anschließend als ehrlicher Makler zwischen den Völkern den Frieden wahren konnte.

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Mit seinem Besuch des Bismarck-Museums in Friedrichsruh zeigte der chinesische Vize-Staatspräsident Wang Qishan Ende Mai, dass sein Land nicht allein an wirtschaftlichen Beziehungen zu Deutschland interessiert ist. Zwar war der Blick während seines kurzen Besuchs in der Bundesrepublik vor allem auf das Ausloten der Möglichkeiten ausgerichtet, die „neue Seidenstraße“ weiter auszubauen – so hatte er zunächst den Hamburger Hafen besucht und mit führenden Vertretern der Stadt gesprochen. Aber anschließend fand Wang mit seiner Delegation, zu der drei Minister, der chinesische Botschafter in Berlin Shi Mingde und der Generalkonsul in Hamburg Du Xiaohui gehörten, auch Zeit, sich im Bismarck-Museum mit der deutschen Geschichte zu beschäftigten.

Wang Qishan (li.) zeigt sich erfreut über die Memoiren Otto von Bismarcks, die Dr. Rüdiger Kass ihm im Namen der Stiftung überreicht.

Nach einer Begrüßung durch den Vorstandsvorsitzenden der Otto-von-Bismarck-Stiftung Dr. Rüdiger Kass präsentierte ihm Geschäftsführer Prof. Dr. Ulrich Lappenküper in einer kurzen Führung vor allem jene Exponate, die für die deutsch-chinesischen Beziehungen der Bismarck-Zeit von besonderer Bedeutung sind. Dazu zählt ein einzigartiges Schmuckstück: ein mit kunstvollen Schnitzereien verzierter Elefantenzahn, den Otto von Bismarck zu seinem 70. Geburtstags von der Kaiserin Cixi erhielt. Wang Qishan, der selbst einen Universitätsabschluss in Geschichte hat, interessierte sich auch für eine Lithografie, die die Eröffnung des Reichstags 1888 durch Wilhelm II. und damit einen Moment zeigt, in dem die Hohenzollern-Monarchie der Demokratie Raum gibt.

Mit seinem Besuch in Friedrichsruh folgte Wang Qishan den Spuren eines berühmten Landsmannes: Ein Jahr nach der Niederlage Chinas im Krieg gegen Japan stattete der General und Staatsmann Li Hongzhang dem Reichskanzler außer Diensten am 25. Juni 1896 einen im Bismarck-Museum ebenfalls dokumentierten Besuch ab. Neben dem Austausch von Freundlichkeiten ging es insbesondere um die Frage, wie das geschwächte politische System Chinas bei gleichzeitiger wirtschaftlicher Modernisierung bewahrt werden könne. Auch die heutige Volksrepublik sieht sich vor die Herausforderung gestellt, die Stabilität ihres Herrschaftssystems bei gleichzeitiger Modernisierung der Wirtschaft zu bewahren.

Sein Interesse für die Bismarck-Zeit teilt der chinesische Vize-Staatspräsident übrigens mit vielen Menschen aus dem Reich der Mitte: Sie stellen die größte ausländische Besuchergruppe in Friedrichsruh.

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Mit einem historischen Rückblick auf das intensive Verhältnis, das Otto von Bismarck und Bad Kissingen über lange Jahre zueinander pflegten, eröffnet Prof. Dr. Ulrich Lappenküper, Geschäftsführer der Otto-von-Bismarck-Stiftung, die Sonderausstellung des Ehrenbürgerbriefs, der dem Reichskanzler am 19. Februar 1885 verliehen wurde. Geehrt wurde damit ein gerngesehener, häufiger Kurgast: Insgesamt 71 Wochen seines Lebens verbrachte Bismarck in der Stadt und hoffte dabei auf Linderung seiner gesundheitlichen Beschwerden ebenso wie auf ein gewisses „geistiges Stumpfwerden“ zwecks allgemeiner Entspannung. Dennoch erledigte er während seiner Kuraufenthalte dringende Amtsgeschäfte und entwickelte seine politische Ideen weiter, so 1877 mit Blick auf die Maximen seiner künftigen Außenpolitik in einem Dokument, das als „Kissinger Diktat“ berühmt werden sollte.