Kalenderblatt: Alte Oberförsterei, um 1895

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Zu sehen ist ein Fachwerkhaus mit Vortreppe und Veranda. Auf der Veranda sitzen zwei Frauen, vor der Treppe steht der Förster.

Alte Oberförsterei, Fotografie um 1895 (Archiv der Otto-von-Bismarck-Stiftung)

Das Hirschgeweih am Giebel deutet an, wer im Jahr der Aufnahme dieser Fotografie das Haus bewohnte – ein Förster, genauer: der von Otto von Bismarck eingestellte Oberförster Peter Lange. Sein Domizil wurde allerdings ursprünglich gar nicht für einen naturverbundenen Menschen gebaut, sondern für einen Fabrikbesitzer.

1812 hatte der Unternehmer Kämmerer mit seinem Partner Tissung das Erbzinsgut im westlichen Teil Friedrichsruhs mit dem Areal des vormaligen Eisenwerks gekauft und eine Tuchfabrik mit Webstühlen und einer Walkmühle eingerichtet. Die kleine Fabrik umfasste bald sechs Gebäude und einige Arbeiterwohnungen. In ihren guten Zeiten waren wohl 20 Mitarbeiter dort beschäftigt, die etwa 13.000 Ellen Tuch und 1.000 Pfund Garn jährlich produzierten. Offenbar ließ sich mit dem Unternehmen solide wirtschaften, sodass sich Fabrikbesitzer Kämmerer ein neues Haus bauen lassen konnte – das abgebildete Fachwerkgiebelhaus, das einen bescheidenen Wohlstand verriet.

Zu sehen ist ein einfaches Haus. Im Vordergrund hängt Wäsche über einem Zaun, davor kniet eine Frau bei der Gartenarbeit.

Arbeiterwohnung an der Krim (zwischen Aumühle und Friedrichsruh), Zeichnung von Wilhelm Feldmann (1859 – 1932) aus der Mappe „Im Sachsenwald“.

Die Fabrik wurde in den 1860er-Jahren aufgegeben, womit der frühindustrielle Wirtschaftsstandort Friedrichsruh aufhörte zu existieren – die Kupfermühle hatte schon einige Jahre zuvor ihren Betrieb eingestellt. Aber schon längst hatte sich der Tourismus als einträgliche Branche entwickelt und ließ in Friedrichsruh einige Gaststätten florieren. Dass sich in wenigen Jahren aber Hunderte und an einigen Tagen Tausende Menschen einfinden würden, war zunächst nicht abzusehen.

1871 schenkte Kaiser Wilhelm I. seinem Reichskanzler Otto von Bismarck Teile des Sachsenwaldes und würdigte damit dessen Verdienste um die deutsche Nationalstaatsgründung. Bismarck kaufte die beiden Friedrichsruher Erbzinsgüter hinzu und nutzte zunächst das ehemalige Heim des Fabrikbesitzers als Unterkunft. Bald aber zog er in das Hotel-Restaurant „Frascati“ um, das er kaufte und noch für einige Zeit an den vorherigen Besitzer verpachtete. Das Gebäude wurde 1878/79 zum Herrenhaus umgewandelt und auch das Fachwerkgiebelhaus fand seine neue Bestimmung: als Dienstwohnung des neu verpflichteten Oberförsters Peter Lange, der für die Nutzung des Waldes neue Maßstäbe setzen sollte.

Peter Lange wohnte bis 1897 in dem Haus, zum Ruhestand kehrte er an die Mosel, seine alte Heimat, zurück. Das Fachwerkgiebelhaus sollte nur noch wenige Jahre Bestand haben, 1910 musste es der neuen Oberförsterei weichen, die noch heute bewohnt wird.


Die Informationen in diesem Beitrag sind entnommen aus:

W. Dührsen: Friedrichsruh. Eine historische Skizze, Archiv des Vereins für die Geschichte des Herzogthums Lauenburg, Jahrband 1887
Rolf Hennig: Der Sachsenwald, Neumünster 1983
Alfred Korn: Der Sachsenwald, Bielefeld und Leipzig 1923


Zuletzt erschienen: Kalenderblatt: Waldwärterhaus, 1896