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Unser Wandkalender zeigt in diesem Jahr das historische Friedrichsruh. Ein Foto aus dem Jahr 1884 eröffnet den Zyklus: Zu sehen ist das Wohnhaus Otto von Bismarcks, aufgenommen von Strumper & Co., Hamburg.

Als Kaiser Wilhelm I. im Jahr 1871 seinem Reichskanzler den Sachsenwald schenkte, wartete auf Otto von Bismarck und seine Familie damit noch kein neues Zuhause: Friedrichsruh war kein Bestandteil des Geschenks. Bismarck musste zunächst nach einem Domizil Ausschau halten und wurde schließlich fündig und handelseinig: Er kaufte das Hotel-Restaurant „Frascati“ und weitere Gebäude. Der kleine Ort lag für ihn perfekt mitten im Wald und zugleich mit einem eigenen Bahnhof ausgestattet direkt an der Bahnlinie Hamburg-Berlin.

Das Post- und Telegraphenamt wurde 1938 abgerissen.

Zunächst verpachtete Bismarck das „Frascati“ an den Vorbesitzer, bei seinen ersten Aufenthalten übernachtete er in dem Hotel. 1873 bot sich die Möglichkeit, das Schloss im nahegelegenen Reinbek zu ersteigern. Aber Bismarck verpasste die Auktion, wie er selbst später kolportierte, weil ihm auf dem Weg dorthin die Hunde entlaufen waren. Verworfen wurden im Anschluss auch die Pläne, in Friedrichsruh ein neues Schloss zu bauen. Also kündigte er den Pachtvertrag und ließ das „Frascati“ 1878/79 zum Wohnsitz und Arbeitsort eher schmucklos um- und ausbauen. Im Bestand wurde dabei kein großer Aufwand betrieben, es blieben sogar die Zimmernummern an den einstigen Hoteltüren im ersten Stock erhalten. Parallel zur Bahnlinie entstand ein langer Gebäudeflügel, in dem Schlaf- und Gästezimmer, Büros, die Bibliothek und das Archiv untergebracht wurden. Damit war Platz, um Besucher zu empfangen und die Amtsgeschäfte von Friedrichsruh aus zu erledigen. Auch für die reibungslose Kommunikation mit Berlin wurde gesorgt: Bismarck ließ an der Grundstücksgrenze und damit von der Straße aus frei zugänglich ein Post- und Telegraphenamt errichten, das er der Post verpachtete. Auf den Bau der Mauer, die Haus und Grundstück vor den zahlreichen, mitunter auch aufdringlichen Besuchern schützte, folgte später noch ein Pförtnerhaus, das auch heute noch steht.

Otto von Bismarck wurde schon zu Lebzeiten zum Mythos und sein Wohnsitz zum Reiseziel seiner Bewunderer. Anlässlich seines 80. Geburtstags am 1. April 1895 versammelten sich mehrere Tausend Menschen in Friedrichsruh. (Fotografie aus der Sammlung der Otto-von-Bismarck-Stiftung).

Nach seiner Entlassung aus allen Ämtern im Jahr 1890 behielt Bismarck zwar seine Güter in Varzin (Pommern) und in seinem Geburtsort Schönhausen/Elbe. Friedrichsruh aber wurde für ihn und seine Familie zum Hauptwohnsitz. Zum „Schloss“ stieg das Gebäude im Volksmund wohl aber erst nach seinem Tod auf, nachdem sein Sohn Herbert es 1902/03 um Türmchen und Giebel hatte erweitern lassen. Heute ist das Wohnhaus verschwunden: Es wurde am 29. April 1945 bei einem alliierten Bombardement zerstört, die britischen Streitkräfte hatten dort fälschlich den führenden NS-Funktionär Heinrich Himmler vermutet. Die Familie von Bismarck errichtete an gleicher Stelle später einen neuen Wohnsitz.

Vor dem Brand konnten einige Einrichtungs- und Erinnerungsstücke gerettet werden, sodass heute im Bismarck-Museum das mit originalen Möbeln nachgestellte Arbeitszimmer gezeigt werden kann.


Die Geschichte Friedrichsruhs lässt sich zweimal jährlich ausführlich bei unserem Rundgang mit dem Kulturwissenschaftler Nikolaj Müller-Wusterwitz entdecken. Wir kündigen die Termine in unserem Veranstaltungskalender an.

Literatur:
Otto Prueß: Aumühle. Geschichtliches über Aumühle, Friedrichsruh und den Sachsenwald, Schwarzenbek 2002