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Geschrieben von Dr. Ulf Morgenstern am Donnerstag, den 06. Oktober 2016 um 07:55 Uhr

Wer kann, der sollte in den nächsten Monaten eine Reise nach Koblenz machen und dort eine Ausstellung im Bundesarchiv besuchen.

Der Titel könnte von dem erst zögernden, dann fördernden und schließlich wieder desinteressierten Kolonialpolitiker Otto von Bismarck stammen: „Was teiben die Deutschen in Afrika?!“ Mit dem Fokus auf der westafrikanischen Kolonie Kamerun wird das Verhältnis der Deutschen zu einer ihrer ehemaligen Kolonien beleuchtet.

Der zeitliche Rahmen ist dabei nicht nur bis 1919 abgesteckt, als der Versailler Vertrag dem Deutschen Reich seinen „Platz an der Sonne“ kurzerhand strich. Mit Fotos aus den Beständen des Bundesarchivs werden die Besucher auch in spätere Phasen der deutsch-kamerunischen Beziehungen geführt, als Bundesrepublik und DDR je ganz eigene Interessen in Afrika hatten. Nachdenkenswert.

Details zu der bis Ende Januar 2017 zu sehenden Ausstellung finden sich hier.

Wen das allein nicht lockt, der sei an die jetzt auf Hochtouren laufende Weinlese erinnert und an die önologischen und sonstigen kulinarischen Highlights am Rhein. Was machen wir eigentlich noch nördlich der Elbe?

…heißt ein berühmtes Buch Friedrich Nietzsches. Im Alltag geht dieses schöne Schlagwort oft verschütt unter Anträgen, Fristen, Formularen, Sitzungen und sonstigen Pflichtterminen und Widrigkeiten des Forscherlebens.

Dass es auch mal anders gehen kann und zwar sogar unter der Woche, bewiesen gestern 12 neugierige Wissenschaftler aus dem Team Jürgen Zimmerers vom Historischen Seminar der Universität Hamburg. Die Doktoranden und Post-Docs seines Lehrstuhls und der Forschungsstelle „Hamburgs (post-)koloniales Erbe/Hamburg und die frühe Globalisierung“ hatten sich trotz besten norddeutschen Regenwetters auf Erkundungsreise in den Sachsenwald gemacht.

Nachdem Friedrichsruh ausgiebig besichtigt und als Erinnerungsort kontextualisiert war, ging es bei sommerlichen 15 Grad an den Grill und an die Kaltgetränke. „Fröliche Wissenschaft“ eben!

Geschrieben von Dr. Ulf Morgenstern am Montag, den 11. April 2016 um 11:06 Uhr

Als die Reichsregierung aus einem ganzen Bündel von Ursachen 1884/85 dem Drängen kolonialer Enthusiasten nachgab und einige „Erwerbungen“ deutscher Händler unter den Schutz des Reiches stellte, begann das kurze Kapitel deutscher kolonialer Besitzungen in Übersee. Im Bewusstsein der Deutschen haben sich die afrikanischen Territorien und vielleicht auch – weil besonders weit entfernt und mit einer ganz eigener Exotik – die chinesischen Häfen gehalten.

Fast vergessen ist dagegen das Bismarck-Archipel in Papua-Neuginea. Und völlig vergessen sind die dortige Kreolbevölkerung und ihre ganz eigene Sprache, die linguistisch ausgedrückt die einzige deutsche Kreolsprache ist. Auf das Schicksal ihrer Sprecher, die als Nachkommen von deutschen Männern und eingeborenen Frauen weder in die koloniale noch in die indigene und nach der Unabhängigkeit des Gebietes von Australien 1975 auch nicht in die post-koloniale Gesellschaft integriert wurden, weist ein Artikel in der Welt hin.

Darin berichtet Matthias Heine über die Forschungen des Germanisten Péter Maitz von der Universität Augsburg. Im Moment hat Maitz ein Forschungsfreisemester, wir vermuten ihn in Südostasien. Die von Maitz und seinen Kollegen untersuchte Pidgin-Sprache heißt übrigens „Unserdeutsch“: Eine ehemals in deutschen Missionsschulen „erworbene“, unfreiwillige Aneignung deutscher Leitkultur, von der hierzulande bisher nicht einmal eine Handvoll Spezialisten etwas wusste. Nun kann man erfahren, dass die wenigen verbliebenen Sprecher, nach 1875 nach Australien auswanderten. Der Augsburger Forscher bekommt seinen Forschungsgegenstand also in Brisbane und Cairns zu hören. Was für eine post-koloniale Pointe!

In einer englischen Karikatur ist der überraschend zum Kolonialbefürworter gewordene Bismarck zu sehen, der um die Gunst einer „African Venus“ wirbt.

Geschrieben von Dr. Ulf Morgenstern am Dienstag, den 11. August 2015 um 09:57 Uhr

In Waren an der Müritz verläuft östlich des Stadtzentrums, direkt am Ufer die Gerhart-Hauptmann-Allee. Eine der besten Adressen an Deutschlands größtem Binnensee, spontan zählt der Vorbeikommende seine Enkel und singt den Refrain von Peter Fox 2008er Sommerhit „Haus am See“.

In Sommerlaune habe ich dort Ende Juli ein Haus entdeckt, dessen Name die Gedanken von Cocktails und Cricket auf dem Rasen direkt zur einstigen nationalistischen Heldenverehrung lenkten. Die Ursache dieses assoziativen Themenwechsels waren die Jahreszahl „1912“ und 13 braune Frakturbuchstaben: „Friedrichsruh“.

Der Name spricht unmissverständlich für eine Nähe des einstigen Besitzers zum 14 Jahre zuvor verstorbenen Reichsgründer Bismarck. Ob das Haus wohl zu DDR-Zeiten auch so hieß? Ein Ortsname war möglicherweise unverdächtig, die einstige Kanzler-Konnotation war vielleicht in der Mecklenburgischen Weite vergessen. Deutlich sichtbar wurde der Schriftzug wahrscheinlich erst nach der Sanierung der Villa vor einigen Jahren. Die meisten Einheimischen und Müritztouristen dürften über ihn hinweg lesen und nicht an den einst mythisch verehrten Bismarck und dessen letzten Wohnort denken.

Durch meine déformation professionelle als Historiker beschlich mich aber sofort ein merkwürdiges Gefühl. Denn schließlich hatte ich auf meiner Radtour schon wenige hundert Meter zuvor eine massive Portion Kaiserreich verabreicht bekommen, und zwar aus dem Bereich der Kolonialgeschichte. Ist das südliche Mecklenburg also ein Hort positivistischer Erinnerungen an das 19. Jahrhundert? Eher nicht, weitere Kaiserreich-Reminiszenzen im öffentlichen Raum blieben auf der Umrundung der Müritz aus. Abgesehen von allgegenwärtigen Bismarck-Brötchen natürlich, überall neutralisiert zwischen Lachs, Saibling und Aal.

Geschrieben von Dr. Ulf Morgenstern am Donnerstag, den 16. Juli 2015 um 11:58 Uhr

Es gab eine Zeit, da fiel den meisten Deutschen beim Stichwort „Sansibar“ nicht Sylt, sondern Helgoland ein. Nicht die Wochenendvergnügungen der Hamburger Schickeria, sondern karge Felsen mit endemischen Pflanzen kamen einem immer dann in den Sinn, wenn man beim Hören des Wortes „Sansibar“ automatisch auf Gedankenreise zu der sturmumtosten Nordsee-Insel ging.

Und wieso war das so? Weil der Tausch der zum deutschen Kolonialbesitz gehörenden Insel Sansibar vor der ostafrikanischen Küste gegen die bis dahin britische Insel Helgoland im Jahr 1890 eine der ersten außenpolitischen Handlungen Wilhelms II. nach der Entlassung Bismarcks gewesen war.

So jedenfalls ist Geschichte durch die Köpfe von Generationen von Deutschen hindurch bis fast in die Gegenwart weitererzählt worden (bis eine zur Premiummarke aufgestiegende Bar dem Wort „Sansibar“ eine völlig andere Konnotation gegeben hat, doch das ist nicht unser Thema).

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Von Ulf Morgenstern

Zugegeben, erst wollten wir uns aus der kurz aber heftig geführten Debatte über den neuen Roman von Christian Kracht heraushalten. Aber die Stoffgrundlage zwingt eine zumindest schelmische Beschäftigung mit dem anhaltenden Interesse am Mythos „Deutsche Südsee“ geradezu auf.

Das gilt auch und gerade weil die heutige Rezeption des Sujets zwischen überkommenen Stereotypen und unvoreingenommen Einsichten der „neuen Kolonialgeschichte“, der „post-colonial-history“ sowie der allgemeinen Kultur- und Sozialgeschichte osziliert und völlig uneinheitlich ist.[1] Und dann brachte der Spiegel auch noch eine kurze Reportage über einen unbekleideten Japaner, der seinen wohlverdienten Ruhestand unter tropischer Inselsonne im Freien verbringt! Wegen all der schönen Assoziationen aus dem Bilderkreis von Sonnenbrand, Kokosnuss und dem Rilkeschen Imperativ: „Du musst dein Leben ändern“, sei hier noch einmal eine faszinierend-befremdliche Facette deutscher Kolonialgeschichte nacherzählt, die nur wegen der jüngst wieder intensiv diskutierten Zustimmung Bismarcks zum deutschem Kolonialerwerb möglich wurde. Und sich dann zwei Jahrzehnte nirgendwo anders als auf einer Insel der „Neulauenburggruppe“ ereignete und ihren wichtigsten Protagonisten mehrfach in das Bezirkskrankenhaus von „Herbertshöhe“ brachte! Detailliert beschrieben hat den einzigartigen (Kokos-)Holzweg in eine leuchtende Zukunft der Wuppertaler Dieter Klein.[2] Golf Dornseif, ein weiterer Kenner der Vita des Nürnberger Exzentrikers August Engelhardt, hat eine anregend illustrierte Beschreibung der kokovorischen Irrungen und Wirrungen Engelhardts verfaßt, die online nachzulesen ist.

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Brandenburgische Fregatte „Der Kurprinz“, Schiffsmodell, Fregatte aus Silber, 1885 (15,0 x 6,0 x 15,0 cm) auf Marmorsockel (25,5 cm x 13 cm x 4,5, cm), Bismarck-Museum, Friedrichsruh

Otto von Bismarcks diplomatisches und geographisches Weltbild war durch seine lebensweltliche Prägung und außenpolitische Berufserfahrung weitgehend auf den europäischen Kontinent und dessen Mächte, nicht aber deren kolonialen Besitz konzentriert. Nur zögerlich gab er 1884 seine Zustimmung zur Errichtung von deutschen Schutzgebieten.

Das Reich sollte hierbei lediglich in bescheidenem Maße die Interessen seiner Handel treibenden Bürgern schützen, sofern dies nicht auf den tatsächlichen Erwerb von Kolonien hinauslief, deren Ausbau, Schutz und Erhalt ihm nicht nur als zu teuer, sondern für sein preußisch-deutsches Kaiserreich schlicht unrentabel erschienen.

Bismarcks Reserve gegenüber einer außereuropäischen Expansion der von ihm im Namen seines greisen Kaisers geführten Großmacht hatte also zum einen diplomatisch-taktische Gründe; er wollte kein weiteres Konfliktfeld mit den vertraglich eingehegten Nachbarmächten eröffnen, zumal wenn außer nationalistisch-großsprecherischem Prestige kein weiterer Nutzen zu erwarten war. Andererseits erging es dem pommerschen Junker in der Frage der Kolonien ebenso wie bei manchem sozialpolitischen Problem wie bei den der Sozialdemokratie in die Arme laufenden Fabrikarbeitermassen der industriellen Ballungsräume:

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Rauch- oder Schreibservice, um 1885, aus Elfenbein, Ebenholz; Maße: 16,00 x 14,00 x 15,00 cm, zu sehen im Bismarck-Museum, Friedrichsruh

Einem glühenden Verfechter des Erwerbs von Kolonien, dem Afrikareisenden Eugen Wolf, begegnete Otto von Bismarck mit dem lakonischen Satz: „Ihre Karte von Afrika ist ja sehr schön, aber meine Karte von Afrika liegt in Europa. Frankreich liegt links, Russland liegt rechts, in der Mitte liegen wir. Das ist meine Karte von Afrika.“

Diese Äußerung aus dem Jahr 1888 zeigt, wie sehr der Reichskanzler auch 17 Jahre nach der Gründung noch immer um den Bestand und Erhalt des von ihm geschaffenen Deutschen Kaiserreiches besorgt war.

Den europäischen Nachbarn auf dem Kontinent, allen voran dem durch die Niederlage von 1871 gedemütigten Frankreich, misstraute er dabei genau so wie den übermächtigen Flügelmächten am Rande Europas, d.h. England und Rußland. Und musste eine über den Status Quo der mitteleuropäischen Großmachtgründung Preußen-Deutschlands hinausgehende Expansion nicht zwangsläufig auf den Unwillen der genannten Staaten stoßen und damit zu einer Gefährdung des mit der Reichsgründung Erreichten führen?

Eine Antwort auf diese Frage ist schwieriger zu geben als es auf den ersten Blick scheint. Denn bekanntermaßen gab Otto von Bismarck als Kanzler und Außenminister 1884 entgegen vorheriger und späterer Bekundungen schließlich doch noch grünes Licht für einen über den bloßen Schutz deutscher Handelsstützpunkte hinausreichenden „pragmatischen Expansionismus“ (Hans-Ulrich Wehler), an dessen Ende in der Wilhelminischen Epoche Kolonien in Afrika und Asien zum festen Territorialbestand Deutschlands gehörten.

Eine zugespitzte Lesart des spontanen Meinungswandels des auf Europa zentrieten ostelbisch-junkerlichen Denkers lautet wie folgt: da mit dem baldigen Tod des Kaisers Wilhelm I. (1797-1888) und dem Regierungsantritt seines englandfreundlichen Sohnes Friedrich Wilhelm (Friedrich 1831 – 1888) zu rechnen war, habe Bismarck begonnen, sich ein Faustpfand in Form kolonialer Erwerbungen zu besorgen.

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