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Felix Ekberg (l.) interviewte Prof. Dr. Ulrich Lappenküper über den zeitgemäßen Umgang mit dem historischen Bismarck-Denkmal in Hamburg. (Foto: Matthias Fischer)

In der aktuellen Debatte über Deutschlands historische Rolle als Kolonialmacht sind Stimmen laut geworden, die den Sturz der Bismarckdenkmäler und die Umbenennung von Bismarckstraßen fordern. In dieser stark verkürzten und die Geschichte verzerrenden Argumentation dient der erste Reichskanzler als eine Symbolfigur für Rassismus. Diese Zuschreibung wird damit begründet, dass er nach langer Ablehnung schließlich 1882 doch dem deutschen Erwerb von Kolonialbesitz zugestimmt hatte.

In Hamburg konzentriert sich die Diskussion derzeit vor allem auf die von der Hamburgischen Bürgerschaft beschlossene Sanierung des Bismarck-Denkmals im Alten Elbpark. Bleicherhaus e.V., eine Institution der politischen Bildungsarbeit in der Hansestadt, hat nun auf YouTube zu diesem Thema drei Videos hochgeladen, mit denen die gesamte Auseinandersetzung auf eine breiter fundierte Basis gestellt wird. Nach einer kurzen Einleitung im ersten Video „Bismarck: Vater der deutschen Nation oder konservativer Sozialistenfeind?“ vermittelt zunächst Ulrich Hentschel einen Überblick über die Politik des ersten Reichskanzlers, wobei insbesondere die Bezüge zu Hamburg betont werden. Bismarck wird als „Doppelstratege“ vorgestellt, für den die Sozialistengesetze und die Sozialgesetzgebung keinen Widerspruch bedeuteten. Hentschel erinnert unter anderem auch an die bedeutende Rolle Hamburger Kaufleute, allen voran von Adolph Woermann, die den Kolonialerwerb vorantrieben und dafür beim ersten Reichskanzler massiv lobbyierten.

Hentschel findet es schwierig, Bismarck heute angemessen zu verorten, und fordert einen kritischen Umgang. Seine Frage lautet, wie das Denkmal noch zu rechtfertigen sei. Errichtet worden war es 1906 auf Initiative von Bürgern der Hansestadt, die vom wirtschaftlichen Aufschwung durch den Überseehandel profitierte. Gewidmet ist es weniger dem Kolonialpolitiker Bismarck, sondern dem „Reichsgründer“ – sichtbar an seiner Darstellung als Rolandsfigur, die seit dem Mittelalter als Sinnbild bürgerlicher Freiheit und Eigenständigkeit gilt.

Im dritten Video dieser kleinen Reihe antwortet unter dem Titel „Bismarck: Ein Mensch und Politiker seiner Zeit“ Prof. Dr. Ulrich Lappenküper, Geschäftsführer der Otto-von-Bismarck-Stiftung, auf die Fragen von Felix Ekberg, hier als freier Mitarbeiter von Bleicherhaus e.V., zur Problematik, wie wir heute mit unbequemen Figuren der Geschichte umgehen sollten. Er skizziert Otto von Bismarck als eine ambivalente Persönlichkeit, die im 19. Jahrhundert verortet ist. Zu würdigen sei der erste Reichskanzler als Staatsmann, für seine Rolle bei der Reichsgründung und bei der Sozialgesetzgebung sowie dafür, nach den drei sogenannten Einigungskriegen für eine europäische Friedensordnung eingetreten zu sein. Er habe das Kaiserreich in die Moderne geführt und mit der Reichsgründung in mancherlei Hinsicht das Fundament geschaffen, auf dem die heutige Bundesrepublik stehe. Dennoch dürfe seine „erquickliche Liste an Fehlleistungen“ nicht übersehen werden, zu nennen seien insbesondere den Kulturkampf gegen die Katholiken und die Sozialistengesetze.

Mit Blick auf die Zukunft des Denkmals rät Prof. Dr. Lappenküper von einem Abbau und damit von dem Versuch ab, einen Teil der deutschen Geschichte eliminieren zu wollen. Zu empfehlen seien eine Kontextualisierung des Denkmals und entsprechende Angebote der historisch-politischen Bildungsarbeit. Die Antwort auf die abschließende Frage, wer für ein kritisches Gedenken an Bismarck verantwortlich sei, betrifft uns alle: „Es ist ein Auftrag an die Gesellschaft, sich mit dieser Figur kritisch auseinanderzusetzen.“