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Die Otto-von-Bismarck-Stiftung trauert um ihr Kuratoriumsmitglied Ferdinand von Bismarck.
Seit den Anfängen der von der Gemeinde Aumühle initiierten Idee zur Gründung einer Stiftung zum Erhalt des Bismarck-Erbes in Friedrichsruh hat sich Ferdinand von Bismarck seit 1987 an den Beratungen mit der Kommune, dem Land Schleswig-Holstein und dem Bund beteiligt. Seine Zusage, große Teile des Bismarck-Archivs der Stiftung als Eigentum zu übertragen, trug 1994 erheblich dazu bei, die jahrelangen Debatten positiv mit der Gründung der Stiftung abzuschließen.
Als Mitglied des Vorstands und später des Kuratoriums der seit 1997 bundesunmittelbaren Stiftung des öffentlichen Rechts hat Ferdinand von Bismarck die Arbeit der Stiftung stets wohlwollend und im Interesse des Andenkens an seinen Ahnherrn, den Reichskanzler Otto von Bismarck, unterstützt und aktiv mitgeprägt.
Die mit ihm 2013 bereits weitgehend vereinbarte weitere Förderung der Stiftung konnte aufgrund seiner langjährigen Krankheit nicht mehr von ihm realisiert werden. Seine geplante zukunftsweisende Unterstützung der politisch-historischen Stiftungsarbeit zur Bewahrung und Vermittlung des Erbes von Otto von Bismarck obliegt nun seinen Nachfahren.
Das Wirken Ferdinand von Bismarcks bleibt uns in dankbarer Erinnerung.

Dr. Rüdiger Kass
Vorsitzender des Vorstands

Prof. Dr. Ulrich Lappenküper
Geschäftsführer und Vorstandsmitglied

Historische Ansichtskarte aus Posen mit Blick auf das Gebäude der Königlich Preußischen Ansiedlungskommission (heute das Hauptgebäude der Adam-Mickiewicz-Universität Posen) und die St.-Pauli-Kirche (heute: Kirche des Heiligen Erlösers).

Ob es um die Begrenzung der Einfuhr billiger Heringe aus Skandinavien oder den Ausbau von Eisenbahnlinien ging, auf dem Schreibtisch Otto von Bismarcks, der zugleich deutscher Reichskanzler sowie preußischer Ministerpräsident und Handelsminister war, landeten wie in den Jahren zuvor die verschiedensten Aufgaben. Die mehr als 2000 Dokumente aus den Jahren 1886 und 1887 lassen allerdings erkennen, dass ihn dennoch nur die Spitze des Eisbergs politischer Angelegenheiten erreichte. Aus diesem Konvolut hat Dr. Ulf Morgenstern, Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Otto-von-Bismarck-Stiftung, für diesen siebten Band der Gesammelten Werke, Abteilung III 548 Schriften ausgewählt, 410 davon bisher ungedruckt. In ihnen spiegelt sich nicht nur die hohe Arbeitsbelastung, sondern auch der Gesundheitszustand des über Siebzigjährigen: Nur zwanzig der abgedruckten Dokumente verfasste Bismarck eigenhändig, andere wurden ihm vorgefertigt zur Unterschrift vorlegt und eine große Anzahl „auf seine ‚Weisung‘ hin bzw. in seinem Namen zu Papier gebracht“ (XII). Dazu zählten auch acht Absagen auf Einladungen der Kaiserfamilie.

Seine prekäre körperliche Verfassung, die sich aus mehreren Schreiben nur allzu deutlich herauslesen lässt, hielt Bismarck aber nicht davon ab, sich etwa nur einem Tag nach einem verpassten Ball am 2. Februar 1886 mit einer zentralen Regierungsaufgabe, wie er meinte, zu beschäftigen: In einem langen Brief an das preußische Staatsministerium (Dokument 42) erörtert er die Möglichkeiten, mithilfe der Königlich Preußischen Ansiedlungskommission für Westpreußen und Posen polnische Landesteile dauerhaft zu germanisieren. Bismarck sei in dieser Angelegenheit als Nationalist im unangenehmen Sinne ein Kind seiner Zeit gewesen, schreibt Dr. Ulf Morgenstern, und habe zudem „als Ministerpräsident einer jener drei Länder, die sich Polen seit dem 18. Jahrhundert teilten“, Angst vor polnischen Unabhängigkeitsbestrebungen gehabt. „Beide Motivlagen verbanden sich, wenn er in ein und demselben Schreiben wirksame Maßnahmen ‚gegen die Polonisierung‘ darin sah, Schulen nicht-preußischen Kindern zu verschließen, Ausländer genau zu beobachten und polnische Vereine analog zu den Maßnahmen des Sozialistengesetzes zu überwachen.“ (XXXII)

Die abgedruckte Auswahl an Dokumenten erlaubt insgesamt einen vertieften Einblick in Entscheidungsfindungen und tatsächliche Entscheidungen, die nun „in gelegentlich ganz neuem Licht zu sehen“ (XI) sind. Dies gilt insbesondere für die Kolonialpolitik des Kaiserreichs oder auch für die Beendigung des Kulturkampfes. Bismarck selbst machte keinen Hehl daraus, dass ihm „die elende Politik […] die Freude an der Jagd, an der Geselligkeit, an der Musik gestört“ hat, wie er am 23. Dezember 1886 schrieb, blickte dann aber doch ganz pragmatisch auf sein Leben: „Mir geht es zwar nicht so gut wie dem Kaiser als er in meinem Alter war, aber doch vermutlich besser als der Mehrzahl der 1815 gebornen [sic!] Sterblichen oder Toten.“ (319)

Holger Afflerbach, Konrad Canis, Lothar Gall und Eberhard Kolb (Hrsg.)
Otto von Bismarck. Gesammelte Werke – Neue Friedrichsruher Ausgabe
Abteilung III: 1871–1898. Schriften, Band 7: 1886–1887
bearbeitet von Ulf Morgenstern
Paderborn, Ferdinand Schöningh Verlag 2018
CXIV, 681 Seiten, Leinen mit Schutzumschlag, ISBN: 978-3-506-79217-4

Das Buch ist auch direkt hier erhältlich.

Rezension von Frank Engehausen in: sehepunkte 19 (2019), Nr. 6 [15.06.2019]

Gemälde von Wilhelm Camphausen (1878), „Napoleon III. und Bismarck am Morgen nach der Schlacht bei Sedan“, 2. September 1870, vor dem Weberhäuschen in Donchery (Public Domain / {{PD-US}})

Welche Rolle spielte Otto von Bismarck, preußischer Ministerpräsident und erster deutscher Reichskanzler, bei der Ausgestaltung des (preußisch-)deutsch-französischen Verhältnisses? Diese Frage war bislang tatsächlich noch nicht im Detail beantwortet, obwohl die fundamentale Bedeutung dieses Verhältnisses für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs von der historischen Forschung intensiv untersucht worden ist. Um ein möglichst vollständiges Bild zu zeichnen, bündelt Prof. Dr. Ulrich Lappenküper, Geschäftsführer der Otto-von-Bismarck-Stiftung, in seinem neu veröffentlichten Werk Bismarck und Frankreich 1815 bis 1898. Chancen zur Bildung einer „ganz unwiderstehlichen Macht“? die Transformation der internationalen Beziehungen im „langen“ 19. Jahrhundert und die Geschichte der deutsch-französischen „Erbfeindschaft“ zu einem politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Panorama, in dem Otto von Bismarck als eine Schlüsselgestalt auftritt.

In seiner persönlichen Entwicklung vom Beobachter zum Meinungsbildner, dann zum politischen Akteur und schließlich zum Zuschauer im (Un-)Ruhestand spiegelt sich dabei ein Wandlungsprozess in den Beziehungen der Staaten zueinander, der vom aufkommenden Nationalismus, von politischen Reformbestrebungen und Revolutionen, wirtschaftlichen Interessen, aber auch gegenseitiger kultureller Faszination geformt wird. Welche Kenntnisse und welches Bild Otto von Bismarck in diesen verschiedenen Phasen seines Lebens von den Franzosen, ihrer Geschichte und Kultur besaß, erhellt der Autor auf der Basis der Literatur sowie insbesondere einer vollständigen Auswertung des Bismarck-Archivs in Friedrichsruh und intensiver Recherchen im Politischen Archiv des Auswärtigen Amts in Berlin, in den Diplomatischen Archiven des französischen Außenministeriums in Paris sowie in den dortigen Archives Nationales.

Ulrich Lappenküper
Bismarck und Frankreich 1815 bis 1898
Chancen zur Bildung einer „ganz unwiderstehlichen Macht“?
Paderborn, Verlag Ferdinand Schöningh 2019 (Otto-von-Bismarck-Stiftung, Wissenschaftliche Reihe, Band 27), ISBN: 978-3-506-79333-1

Das Buch ist auch direkt hier erhältlich.