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Unser Wandkalender zeigt in diesem Jahr das historische Friedrichsruh. Im Juni ist eine Fotografie des Bahnhofs zu sehen, die um 1900 aufgenommen wurde.

Tausende kletterten aus den Zügen, wurden von Medaillenverkäufern und Leierkastenmännern belagert, die Kellner der Bahnhofsgaststätte boten Bier, Butterbrot und Grog an und schließlich wurden Wachsfackeln ausgeteilt – so schilderte es ein Hamburger Arzt aus eigener Anschauung. Dieser Trubel herrschte einige Jahre lang regelmäßig rund um den 1. April in Friedrichsruh: Bewunderer des ersten Reichskanzlers fuhren in den Sachsenwald, um ihn an seinem Geburtstag mit einem Fackelzug hochleben zu lassen. Zum 80. Geburtstag im Jahr 1895 reisten sogar Zehntausende an – der Bahnhof sollte nie wieder einen so großen Andrang erleben.

Fahrplan der Berlin-Hamburger Eisenbahn ab dem 1. Mai 1847 (zur detaillierten Ansicht bitte vergrößern).

Das Gebäude war dennoch nie „Bismarcks Bahnhof“. Erbaut wurde es lange bevor der erste Reichskanzler 1871 Teile des Sachsenwaldes als Geschenk erhielt und sich in Friedrichsruh niederließ. Als in den frühen 1840er-Jahren die Bahnverbindung zwischen Hamburg und Berlin geplant wurde, war es der zuständige Schwarzenbeker Amtsvorsteher, der sich aus wirtschaftlichen Gründen für einen Haltepunkt in Friedrichsruh einsetzte. Und so eröffnete pünktlich zur Betriebsaufnahme 1846 ein repräsentatives Empfangsgebäude – wie die anderen Bahnhöfe, die die Strecke säumten, im spätklassizistischen Stil gestaltet. Zusätzlich wurde ein zentraler Holzlagerplatz eingerichtet, der ein eigenes Anschlussgleis erhielt (die Geschichte des später in diesem Bereich gegründeten Sägewerks erzählen wir im März-Kalenderblatt).

In Friedrichsruh hielten täglich alle 16 auf der Strecke verkehrenden Züge – acht in Richtung Berlin und acht in Richtung Hamburg – und beflügelten damit den frühen Tourismus. Dieser hatte bereits einige Jahre vor dem Bau der Bahnverbindung eingesetzt, da das Hamburger Bürgertum den Sachsenwald als Ausflugsziel entdeckt hatte. Entstiegen die Erholungssuchenden nun dem damals modernsten Verkehrsmittel, bot sich nicht nur ein Waldspaziergang an – ebenso lockten mehrere gastronomische Angebote. Auch der Tuchfabrikant Carl Friedrich Kämmerer, damals noch Eigentümer des Erbzinsgutes Friedrichsruh, hoffte auf zusätzliche Einnahmen und eröffnete im Bahnhofsgebäude eine Gaststätte. Seinen Gewinn sah er allerdings schnell geschmälert, hatte er sich doch im Pachtvertrag verpflichtet, die Bahnbediensteten kostenlos mit Kaffee und Brötchen zu versorgen. Diese Vertragsklausel scheint nicht lange Bestand gehabt zu haben. Eine entsprechende Klage ist jedenfalls nicht von Heinrich August Specht dokumentiert, der spätestens seit 1853 Betreiber der Restauration im und am Empfangsgebäude war. Dem Hamburger Gastronomen gehörte außerdem das nur wenige Schritte entfernte Hotel-Restaurant „Frascati“.

Fotografie aus dem Jahr 1890

Der Bahnhofsbetrieb verlief trotz der zahlreichen Reisenden gemächlich. 1866 zählte der Bahnhof sieben Mitarbeiter, vier von ihnen waren Weichensteller. Für sie standen im ersten Stockwerk Betriebswohnungen zur Verfügung. Mit dieser Beschaulichkeit war es schlagartig vorbei, nachdem Otto von Bismarck nach Friedrichsruh gezogen war. Nun galt es, zahlreiche Sonderzüge abzufertigen, mit denen seine Gäste anreisten. Diese stiegen allerdings nicht ordentlich am Bahnsteig aus, sondern auf ausdrücklichen Wunsch des ersten Reichskanzlers direkt vor seinem Gartentor. Mit der Bahn erreichte Bismarck auch seine umfangreiche Post, wobei die Postsäcke mitunter aus dem langsam fahrenden Zug abgeworfen wurden – wie gut dabei die Zufahrt zum Anwesen getroffen wurde, ist nicht überliefert.

Ob Bismarck jemals selbst das Bahnhofsgebäude betreten hat, ist ungewiss. Bekannt ist aber, dass ihm für seine Bahnreisen ein eigener Salonwagen zur Verfügung stand. Der Verein deutscher Eisenbahnverwaltungen hatte ihm diesen 1873 geschenkt.

Die Zeitgenossen dürften es im Trubel rund um Bismarck nicht bemerkt haben, aber die Weichen für einen Bedeutungsverlust des Friedrichsruher Bahnhofs wurden schon 1884 gestellt. In jenem Jahr eröffnete die Bahnstation in Aumühle, am dortigen Mühlenteich etablierten sich neue Ausflugslokale. Als 1906, acht Jahre nach Bismarcks Tod, darüber debattiert wurde, ob Aumühle oder Friedrichsruh die Endstation der Vorortzüge aus Hamburg sein sollte, fiel die Entscheidung zugunsten des mittlerweile gar nicht mehr so kleinen Villenortes Aumühle aus – auch auf Betreiben der Familie von Bismarck, die es in Friedrichsruh lieber etwas ruhiger haben wollte.

Der Sanierungsbedarf war 1996 unübersehbar (links), heute steht das Bahnhofsgebäude unter Denkmalschutz und wird als unser Stiftungssitz sorgfältig gepflegt.

Das Bahnhofsgebäude wurde zwar weiterhin instandgehalten, erlebte die nächsten Jahrzehnte aber eher als architektonisches Mauerblümchen. 1976 wurde die Bahnhofsgaststätte geschlossen, die Gemeinde Aumühle mietete das Gebäude und richtete Wohnungen ein. Dann aber drohte endgültig der Zerfall, wie Fotografien aus den 1980er-Jahren bezeugen. Der damalige Aumühler Bürgermeister Otto Prueß entwickelte zusammen mit einigen Fachleuten, Politikern, dem Kieler Kultusministerium, der Familie von Bismarck und schließlich der Bundesregierung die Idee, in dem Gebäude eine Politikergedenkstiftung des Bundes – die Otto-von-Bismarck-Stiftung – einzurichten. Vor 25 Jahren, im Juni 1996, nahm das erste, damals zweiköpfige Team die Arbeit auf und sorgte dafür, dass das Bahnhofsgebäude denkmalgerecht saniert und damit bewahrt wurde.

Seit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2019 hält kein Zug mehr in Friedrichsruh. Der Historische Bahnhof aber hat als Stiftungssitz seine neue Bestimmung gefunden: Im Erdgeschoss zeigen wir die Dauerausstellung „Otto von Bismarck und seine Zeit“, im ersten Stock befinden sich neben den Büroräumen die Bibliothek und der Veranstaltungsraum, in dem Sonderausstellungen gezeigt und Vorträge gehalten werden. Das Haus steht nun wieder, wie nach seiner Eröffnung als Bahnhofsgebäude, für das Publikum offen – ohne Fahrschein oder Bahnsteigkarte!

Die Dauerausstellung „Otto von Bismarck und seine Zeit“ ist Dienstag bis Sonntag 10 – 18 Uhr geöffnet, in den Wintermonaten 10 – 16 Uhr.


Dieser Beitrag basiert auf:

Otto Prueß: Aumühle. Geschichtliches über Aumühle, Friedrichsruh und den Sachsenwald, Schwarzenbek 2002

Andreas von Seggern: Friedrichsruh – Ein Bahnhof mit Geschichte, in: Lauenburgische Heimat. Zeitschrift des Heimatbundes und Geschichtsvereins Herzogtum Lauenburg, Heft 192, November 2012


Zuvor erschienen: Kalenderblatt: Friedrichsruh im Sachsenwald um 1850