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Druck, Deutschland, 1870 – Material: Papier – Herkunft: Otto-von-Bismarck-Stiftung Friedrichsruh, Inventar-Nr.: He ZSg 073

Nach dem Sturz der spanischen Königin Isabella II. im September 1868 begann die neue Regierung umgehend mit der Suche nach einem neuen Herrscher für den vakanten Thron. Die unter Geheimhaltung erfolgten, zunächst aber stockenden Sondierungen führten schließlich im Februar 1870 zu einem erneuten Angebot der Regierung in Madrid an den katholischen, mit einer portugiesischen Prinzessin verheirateten Erbprinzen Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen, sich um die spanische Krone zu bewerben. Leopold besaß enge verwandtschaftliche Beziehungen zu Napoleon III. und sein Bruder Karl war mit Billigung des französischen Kaisers 1866 zum Fürsten von Rumänien erhoben worden. Somit erschien er der spanischen Regierung als geeigneter Kandidat. Napoleons Plazet sollte eingeholt werden, sobald Leopold sich zur Annahme der spanischen Krone bereit erklärt hatte.

Von der spanischen Thronkandidatur zur Julikrise (1868 – 1870)

Die preußische Regierung wurde über das Angebot informiert, behandelte die Sache jedoch offiziell als Angelegenheit der Familie Hohenzollern und der spanischen Regierung. Nur widerwillig gab Wilhelm I. als Chef des Hauses im Juni 1870 seinen Widerstand gegen die Thronkandidatur auf, nicht zuletzt auf Druck des preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck. Dieser sah in einer möglichen hohenzollernschen Nebenlinie in Spanien Vorteile für die preußische Machtstellung in Europa. Doch die im Geheimen geführten Verhandlungen machten gerüchteweise in Paris die Runde und wurden im weiteren Verlauf durch Indiskretionen aus Madrid zur vollendeten Tatsache. Die französische Regierung, seit Anfang Juli offiziell über die Hohenzollernkandidatur unterrichtet, vermutete hinter selbiger eine preußische Intrige. Sie verlangte nun, nachdem bereits im März 1869 eine entsprechende Warnung an die Regierung in Berlin ergangen war, energisch die Rücknahme der Kandidatur, weil sie nicht gewillt war, in Madrid den Angehörigen einer Dynastie zu dulden, dessen preußische Verwandtschaft sich anschickte, Frankreichs führende Stellung in Europa herauszufordern. Die internationale Presse wurde mobilisiert, um Frankreich als Opfer einer preußischen Verschwörung darzustellen. Dass sich Frankreich hierbei in innerspanische Angelegenheiten einmischte, nahm die kaiserliche Regierung billigend in Kauf, denn sie betrachtete Spanien aufgrund politischer, strategischer sowie wirtschaftlicher und finanzieller Interessen ohnehin als Einflusszone Frankreichs. Daher scheute sie sich auch nicht, die Spanier bei ihrer Suche nach einem zukünftigen König mit entsprechenden Ratschlägen einzudecken.

Am 6. Juli 1870 drohte der französische Außenminister, der Herzog von Gramont, im französischen Abgeordnetenhaus sogar damit, dass Frankreich im Fall einer Nichtrücknahme der Kandidatur seine Pflichten ohne zu zögern erfüllen werde, was eine unverhüllte Kriegsdrohung darstellte – und in der europäischen Öffentlichkeit auch so verstanden wurde. Bereits am Tag darauf reiste auf Weisung Gramonts der französische Gesandte in Berlin, Graf Vincent Benedetti, zu König Wilhelm I., der in Ems zur Kur weilte. Gramont hatte diesem aufgetragen, den preußischen Monarchen zu veranlassen, auf den Erbprinzen einzuwirken, damit dieser die Thronkandidatur fallen lasse. Benedetti wurde am 9. und am 11. Juli vom König empfangen, wo er wiederholt die französischen Wünsche zur Sprache brachte. Die kaiserliche Regierung wollte durch ihr energisches Auftreten Stärke und Handlungsfähigkeit demonstrieren, aber sie schränkte durch Drohgebärden ihren Handlungsspielraum unnötigerweise selbst ein, denn sie hatte deutlich gemacht, dass nur die bedingungslose Rücknahme der Hohenzollernkandidatur Frankreich zufrieden stellen könne, was einer Demütigung Preußens gleichkommen musste.

Otto von Bismarck war zunächst nicht sehr beunruhigt, als er von der Veröffentlichung der Kandidatur in Frankreich erfuhr. Er schlug vor, dass sich der Erbprinz mit Napoleon III. in Verbindung setzen und sich mit ihm einigen solle. Dass es wegen dieses Konflikts möglicherweise zum Krieg kommen könnte, bezog Bismarck in seine Überlegungen zwar mit ein, er war aber nicht bereit, einen solchen auszulösen. Dabei war auch ihm zu Ohren gekommen, dass bereits am 9. Juli 1870 französische Truppen aus Nordafrika nach Europa eingeschifft wurden. Am 8. und 10. Juli erging die Bitte Kaiser Napoleons III. an Österreich und Italien um Waffenhilfe, doch beide Mächte lehnten zur großen Enttäuschung der Franzosen ab. Währenddessen versuchten sowohl der Kaiser als auch Gramont über geheime Kanäle, den Erbprinzen Leopold zur Zurückweisung des spanischen Angebots zu bewegen, was darauf hindeutet, dass Gramont trotz seiner militanten Rhetorik nicht bis zum Letzten zum Krieg entschlossen war. Auch der Kaiser war nicht dafür, den Krieg zu erklären, aber gegenüber der Öffentlichkeit nahm er die Pose des starken Mannes ein. Hingegen arbeitete die Pariser Kriegspartei um die Kaiserin Eugénie und Kriegsminister Edmond Le Boeuf auf einen sofortigen Militärschlag hin. Auch im französischen Parlament wurde lautstark ein Krieg gegen Preußen gefordert. Bismarck hoffte, dass trotz der französischen Empörung sowohl die spanische Regierung als auch Erbprinz Leopold dem Druck aus Paris standhalten würden, denn er war der Ansicht, dass Entschlossenheit in dieser Frage die französische Regierung zum Einlenken zwingen und dass sich diese mit den Tatsachen abfinden werde.

Angesichts der immer heftiger werdenden Reaktionen aus Frankreich entschloss sich die spanische Regierung am 10. Juli 1870, ihr Angebot an den Sigmaringer zurückzuziehen, zwei Tage später verzichtete Leopolds Vater Fürst Karl Anton von Hohenzollern-Sigmaringen im Namen seines Sohnes auf die Kandidatur. Dies geschah nicht zuletzt auf Empfehlung König Wilhelms I. hin, der sich nach dem Gespräch mit Benedetti vom 9. Juli zu diesem Schritt entschlossen hatte. Mit dem Fingerzeig des preußischen Monarchen, der zum Rückzieher des Erbprinzen führte, hatte die französische Diplomatie einen außenpolitischen Sieg über Preußen erzielt. Doch gaben sich die politisch Verantwortlichen in Paris damit nicht zufrieden, weil es nicht gelungen war, gegenüber der Öffentlichkeit eine Beteiligung der preußischen Regierung an der Verzichtserklärung nachzuweisen.

Otto von Bismarck war über den Entschluss der Sigmaringer durchaus verstimmt, denn die Rücknahme der Kandidatur bedeutete für ihn eine diplomatische Niederlage. Zwar akzeptierte er den endgültigen Ablehnungsbescheid des Erbprinzen, doch versuchte er, wenigstens die offizielle Zustimmung Wilhelms I. zu diesem Verzicht zu verhindern, weil der König damit vor aller Augen die Verantwortung in der Kandidaturfrage übernommen hätte – und das war es, was Gramont auch beabsichtigte! Trotz des offensichtlichen Erfolges beruhigten sich die chauvinistisch aufgeheizten Gemüter in Frankreich nicht. Die Verlautbarung des Fürsten Karl Anton wurde in Paris als nicht ausreichend angesehen. Es wurde vielmehr eine offizielle Verzichtserklärung des preußischen Monarchen verlangt. Solange diese aus Ems nicht vorlag, wurden die französischen Forderungen als nicht erfüllt angesehen.

Emser Depesche und Kriegserklärung

Am 12. Juli befahl der französische Außenminister dem Grafen Benedetti telegrafisch, wiederum bei Wilhelm vorstellig zu werden und diesen aufzufordern, eine offizielle Verzichtserklärung abzugeben und auch für die Zukunft eine neuerliche Kandidatur des Erbprinzen auszuschließen. Tags darauf ersuchte der Botschafter um eine weitere Audienz beim König, doch dieser war zu seinem Morgenspaziergang aufgebrochen. Auf der Emser Kurpromenade traf Benedetti schließlich auf Wilhelm I. und trug diesem die weitergehenden französischen Forderungen vor. Zu diesem Zeitpunkt war Wilhelm über den endgültigen Verzicht des Erbprinzen Leopold noch nicht informiert, erst als ihm dessen Entscheidung im weiteren Verlauf des Tages mitgeteilt worden war, bestätigte und billigte er diesen Sachverhalt. Eine offizielle Verzichtserklärung seitens der preußischen Regierung lehnte Wilhelm I. indessen höflich, aber bestimmt ab. Damit war der Fall für den preußischen König erledigt. Eine weitere Audienz verweigerte der Monarch, aber er ließ dem französischen Gesandten sogar zwei Mal seine Billigung des Kandidaturverzichts durch seinen Adjutanten übermitteln, was Benedetti pflichtgemäß nach Paris telegrafierte.

Wäre Gramont an einem Ende der Krise gelegen gewesen, hätte er sich mit diesem diplomatischen Erfolg zufriedengeben können. Der Sturm in Paris hätte sich aller Voraussicht nach wieder gelegt und die Menschen an der Seine wären wieder ihrem Tagesgeschäft nachgegangen. Doch im weiteren Verlauf des 13. Julis erhielt Wilhelm I. aus der preußischen Gesandtschaft in Paris eine weitere Forderung des französischen Außenministers übermittelt: Der König solle einen persönlichen Entschuldigungsbrief an Napoleon III. richten, in dem Wilhelm dem Kaiser versichern möge, dass er nie die Absicht gehabt habe, durch seine Zustimmung zur Kandidatur Frankreich zu provozieren. Damit hatte Gramont den Bogen überspannt. Der König lehnte dieses dreiste Ansinnen empört ab. Der Herzog von Gramont bezweckte auch mit seiner dritten Forderung, über die Person des Monarchen die preußische Regierung in den Rücktritt des Sigmaringers hineinzuziehen, denn nur dann wäre der diplomatische Triumph Frankreichs perfekt gewesen.

Bismarcks Mitarbeiter Heinrich Abeken fertigte über das Gespräch zwischen dem König und Benedetti eine Niederschrift an, deren Inhalt und mögliche Veröffentlichung Wilhelm I. autorisierte. Das Telegramm mit dem Bericht Abekens erhielt der Bundeskanzler noch am Abend des 13. Julis. Der angesichts der diplomatischen Ohrfeige aus Paris niedergeschlagene Bismarck erkannte umgehend die Möglichkeit, aus den Emser Vorkommnissen politisches Kapital zu schlagen und die schon sicher geglaubte außenpolitische Niederlage doch noch abwenden zu können. Denn wie von ihm erhofft, hatte sich Frankreich mit seiner Garantieforderung zu weit nach vorn gewagt, und er konnte dies mit Hilfe von Abekens Telegramm der deutschen Öffentlichkeit auch beweisen. Er redigierte das Schriftstück, das eine gewisse Aufdringlichkeit Benedettis sowie den Eindruck vermittelte, Wilhelm I. wolle eine Zuspitzung des Konfliktes vermeiden. Bismarck fügte nichts hinzu, kürzte aber den Text und beseitigte dabei alle Formulierungen, die ein Entgegenkommen des Königs signalisierten, während die Anmaßung der französischen Regierung besonders betont wurde und die Abweisung der französischen Forderungen umso schärfer hervorstach. Der im ursprünglichen Telegramm ersichtliche Dialogcharakter zwischen Wilhelm I. und dem Botschafter fehlten ebenso wie die Versuche der Beschwichtigung durch den König.

Nach der Veröffentlichung dieser „Emser Depesche“ entstand in Deutschland der Eindruck, Wilhelm I. sei durch Benedetti entgegen der diplomatischen Etikette angesprochen worden. Noch am späten Abend desselben Tages erschien die redigierte Fassung in der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung“, am Morgen des folgenden Tages in einer nicht immer korrekten Übersetzung der Nachrichtenagentur „Havas“ auch in Paris. Doch erst am Abend des 14. Julis kam es zu ersten empörten Reaktionen über die angebliche Beleidigung Benedettis durch Wilhelm I. in der französischen Presse. Nun machte auch in Deutschland die Presse mobil, die mehrheitlich die Auffassung vertrat, dass der preußische König korrekt gehandelt habe und sich die französischen Zumutungen unmöglich habe gefallen lassen dürfen.

In Frankreich herrschte wiederum der Eindruck vor, Benedetti sei durch den preußischen König förmlich abgekanzelt worden. Zudem wurde die Veröffentlichung der Vorgänge von Ems als ein besonderer Affront empfunden. Dabei hatte Bismarck lediglich mit Hilfe der sachlich korrekten, aber zugespitzten Darstellung der Ereignisse in Ems die anmaßende Provokation des französischen Außenministers pariert und die kaiserliche Regierung mit der Veröffentlichung nun ihrerseits in Bedrängnis gebracht. Durch Bismarcks rasche Reaktion wurde Gramonts diplomatischer Triumph am Ende zunichte gemacht, und die französische Regierung stand vor den Augen der Weltöffentlichkeit als Kriegstreiberin da! Der Vorwurf, Bismarck habe die Emser Depesche gefälscht, also in Täuschungsabsicht bearbeitet, ist unzutreffend, denn es lag keine Täuschung vor, sondern eine zugespitzte Darstellung der Ereignisse in Ems. Zudem war es, wie heute auch, unüblich, dass eine Regierung den Text interner amtlicher Dokumente vollständig veröffentlichte. Genauso handelte Bismarck – er folgte der Anweisung des Königs, der es seinem Regierungschef anheimgestellt hatte, den Text zu veröffentlichen, wobei gestraffte Wiedergaben üblich waren.

Jenseits des Rheins wuchs nun die Empörung, und jetzt mussten die vom preußischen König verweigerte Thronverzichtsgarantie und die angeblich von Preußen beleidigte französische Ehre als Kriegsgrund herhalten. Trotz der Warnungen der nichtregierungsnahen Presse, der Opposition im Parlament sowie ausländischer Diplomaten vor der unbedachten Entfesselung eines Krieges, verschärfte die Regierung ihren außenpolitischen Kurs. Ohne die Erfüllung der französischen Garantieforderung durch Wilhelm I. blieben ihr kaum mehr Handlungsmöglichkeiten. Sie konnte versuchen, das Scheitern der Hohenzollernkandidatur trotzdem als Sieg der französischen Diplomatie darzustellen und dabei den zu erwartenden Sturm der Entrüstung in der französischen Öffentlichkeit über sich ergehen zu lassen (und die vermutlich folgenden Konsequenzen – Rücktritt des Kabinetts und Neuwahlen – hinzunehmen), sie konnte vor dem Parlament ihre diplomatische Niederlage eingestehen und demissionieren oder aber sie konnte Preußen den Krieg erklären. Das mittlerweile von Benedetti übermittelte Zugeständnis Wilhelms I., dass dieser den Rückzug des Erbprinzen Leopold gebilligt habe, konnte den Abgeordneten in der kriegerischen Atmosphäre allerdings nicht mehr als diplomatischer Triumph verkauft werden.

Das französische Kabinett tagte am 14. Juli und suchte nach Lösungen für den Konflikt. Zunächst schien es, als würden sich die moderaten Kräfte in der Regierung durchsetzen können – so wurde die Einberufung eines europäischen Kongresses erwogen, ein Plan, für den sich auch der kranke Kaiser erwärmen konnte. Doch stieß dieser auf Widerstand aus der Kriegspartei um die Kaiserin und den Kriegsminister – und der Kongressplan verschwand schnell wieder in der Versenkung. Trotz Missbilligung seitens einiger liberaler Kabinettsmitglieder erfolgte am späten Abend des 14. Juli in Anwesenheit Napoleons III. die Entscheidung, die Reserven einzuberufen. Die Mehrheit des Kabinetts und der Kaiser folgten damit den Argumenten des Kriegsministers für die Mobilmachung. Eindringlich hatte Le Boeuf erneut gefordert, den Zeitvorteil zu nutzen und die Armee sofort in Bewegung zu setzen.

Die Emser Depesche spielte bei den Beratungen und Entscheidungen des französischen Kabinetts keine herausragende Rolle. Die negativen Reaktionen von Teilen der Presse kamen relativ spät, und das französische Parlament diskutierte erst am folgenden Tag über den Text des Dokuments. Es waren vielmehr die Ablehnung der französischen Garantieforderung sowie die Bekanntmachung dieser Abfuhr in der internationalen Presse und gegenüber den auswärtigen Regierungen, die zur Kriegsentscheidung des französischen Kabinetts führten. Dass dies vorgeschobene Motive waren, um einer fast ausweglosen diplomatischen Situation zu entkommen, erkannte Napoleon III. durchaus. Seinem Regierungschef Emile Ollivier teilte er mit, dass Frankreich im Grunde keinen Kriegsrund habe, sich die Regierung aber für den Krieg entscheiden müsse, um den Forderungen der französischen Öffentlichkeit nachzukommen. Der Kaiser sah sich also von den kriegslüsternen Teilen der Presse sowie den Kriegshetzern bei Hofe und im Parlament unter Druck gesetzt. Nach der Ministerratssitzung vom 15. Juli 1870, auf der bereits die Kriegserklärung an Preußen formuliert worden war, verkündete die kaiserliche Regierung schließlich nach langen Diskussionen über eine angemessene Reaktion auf die Emser Depesche vor dem Parlament, dass die Regierung sich außerstande sehe, die erneute Demütigung Frankreichs durch Preußen hinzunehmen. Sie ersuchte die Abgeordneten um die Bewilligung der Kriegskredite, die am 16. Juli mit großer Mehrheit erfolgte.

Das hier gezeigte, undatierte Extrablatt der Neuen Preußischen Zeitung („Kreuzzeitung“) nimmt Bezug auf die Bekanntmachung des französischen Kabinettsbeschlusses, Preußen den Krieg zu erklären. Die seit 1848 überregional erscheinende Zeitung mit einer nicht sehr hohen Auflage (um 1870 ca. 9.000 Stück) galt als Sprachrohr monarchistisch-konservativer Kreise, zu ihren Mitbegründern gehörte auch Otto von Bismarck. Der Text des Extrablattes, dass Frankreich Preußen den Krieg erklärt habe, ist indes nicht ganz korrekt, denn die offizielle Kriegserklärung an Preußen erfolgte erst am 19. Juli, die Übergabe der Kriegserklärung am 23. Juli 1870. Eine unbekannte Person ergänzte die kurze Mitteilung der Zeitungsredaktion um den Vermerk „wird ihn [den Krieg] aber verlieren, das feige, heimtückische Volk der Franzosen.“ Der handschriftliche Zusatz dient als ein markantes Zeugnis der nationalen Erregung diesseits des Rheins in jenen Tagen.

Die Hauptverantwortung für die Herbeiführung des Krieges trug die französische Regierung durch ihr unbesonnenes Handeln in der Julikrise. Hierbei ist besonders auf den als erklärten Preußengegner Gramont und sein in Teilen nicht mit dem Kabinett abgestimmten Maßnahmen in der Julikrise zu verweisen. Auch wenn die kaiserliche Regierung nicht vom unbedingten Willen zum Krieg angetrieben wurde, war sie es, welche die entscheidenden Schritte hin zum Krieg unternahm. Durch die überzogenen Forderungen an Preußen manövrierte sie sich in eine Situation, die ihr nach eigener Anschauung nur noch die Kriegserklärung übrigließ. Das Zweite Kaiserreich wollte die von den Franzosen als selbstverständlich empfundene Stellung als führende Macht des Kontinents behaupten. Hierin liegt die eigentliche Ursache des Deutsch-Französischen Krieges: um die prépondérance légitime nicht zu gefährden, sollten Preußens Machtstreben nach 1866 eingedämmt und der sich abzeichnende kleindeutsche Nationalstaat unter preußischer Führung verhindert oder der deutsche Einigungsprozess wenigstens hinausgezögert werden. Freilich hatte Frankreich den militärischen Konflikt mit Preußen nicht als Eroberungskrieg vorbereitet, aber es hatte die Thronkandidatur des Hauses Hohenzollern-Sigmaringen als diplomatische Herausforderung und inakzeptable Beeinträchtigung seines Prestiges empfunden. Die nationalistisch aufgepeitschten Teile der Presse und der Abgeordneten hatten den Krieg gefordert, und der Kaiser, Regierung und Parlament hatten dieser Forderung mehrheitlich bewusst nachgegeben.

Otto von Bismarck hat einen militärischen Konflikt mit Frankreich zwar als recht wahrscheinlich angesehen, ihn im Verlauf der Krise in seine Überlegungen auch mit einkalkuliert, und er ist ihm am Ende nicht ausgewichen. Jedoch hat er ihn nicht für unvermeidlich gehalten und ihn weder von langer Hand vorbereitet noch zielgerichtet herbeigeführt. Die bisher bekannten Quellen zur Kriegsschuldfrage belegen eine solche These nicht. Dass der preußische Ministerpräsident mit der Thronkandidatur Frankreich eine Falle stellen wollte, um eine französische Kriegserklärung zu provozieren, die ihm ermöglichen sollte, das Einigungswerk zu vollenden, ist eine Jahre später von ihm selbst in die Welt gesetzte Legende. Auch die These, Bismarcks Deutschlandpolitik mit dem Fernziel der Vereinigung von Nord- und Süddeutschland sei in einer Sackgasse angelangt und nur durch einen Krieg mit Frankreich zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen gewesen, geht fehl, weil die Bindungen zwischen Nord- und Süddeutschland seit 1866 durch gemeinsame, integrierende Strukturen und Institutionen deutlich gewachsen und gestärkt worden waren, wenn auch gegen den anhaltenden Widerstand partikularistischer Kräfte vor allem in Bayern und Württemberg. Vollends fragwürdig ist die in der Forschung vorgebrachte Vermutung, Bismarck selbst habe durch Zahlung von Bestechungsgeldern für die Anfrage an die katholischen Hohenzollern seitens der spanischen Regierung gesorgt. Derartige Behauptungen sind quellenmäßig nicht belegt und unterstellen, dass Bismarck über manipulative und hellseherische Fähigkeiten verfügte, um über einen Zeitraum von zwei Jahren hinweg die Politik der europäischen Kabinette, die Beschlüsse der Parlamente sowie die Reaktionen der öffentlichen Meinung vorhersehen, beeinflussen oder gar steuern zu können. Auch wenn er damit kokettierte, über solche Fähigkeiten zu verfügen, und auch wenn er sich vielen seiner Amtskollegen in Europa insbesondere in der Behandlung außenpolitischer Fragen überlegen zeigte, war er dessen ungeachtet kein alles beherrschender Manipulator.

So hätte er beispielsweise die französischen Reaktionen seit dem Sturz Isabellas II. 1868 absehen müssen, um planmäßig vorgehen zu können, doch waren diese kaum vorhersehbar, und sie kamen selbst für zeitgenössische Beobachter in- und außerhalb Frankreichs überraschend. Bismarck wollte die deutsche Einigung nicht überstürzt auf militärischem Wege herbeiführen, sondern sich friedlich entwickeln lassen. Die Thronkandidatur, von deren Hinnahme durch die Regierung in Paris er zunächst ausging, war für ihn lediglich ein diplomatisches Mittel zum Zweck der Stärkung der machtpolitischen Position Preußens und des Norddeutschen Bundes sowie zur Eindämmung von Frankreichs gegen Preußen gerichtete Aktivität. Als in Paris die Kriegsposaunen erschallten, realisierte der Bundeskanzler, dass er sich in den Reaktionen auf der französischen Seite getäuscht hatte, was ihm beinahe eine krachende diplomatische Niederlage eingebracht hätte. Als der Krieg schließlich immer wahrscheinlicher wurde, entschloss sich Bismarck, ihn auszufechten, sollte das Zweite Kaiserreich tatsächlich den ersten Schlag führen.