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Objekt: Grenzkolorierter Stahlstich, gestochen von W. Kratz und F. Kern (Terrain), nach Heinrich Johann Samuel Kiepert und Adolf Gräf (Kartographen), Geographisches Institut Weimar, Deutschland, um 1870 – Maße (Blatt): Höhe: 56 cm, Breite: 70,7 cm Material: Papier – Herkunft: Leihgabe aus Privatbesitz

2020/21 jähren sich zum 150. Mal der Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges im Sommer 1870 sowie die Gründung des Deutschen Kaiserreichs zu Beginn des Jahres 1871. Die Otto-von-Bismarck-Stiftung nimmt diese Ereignisse zum Anlass, mit diversen Veranstaltungen und Bildungsangeboten an die Errichtung des kleindeutschen Nationalstaates zu erinnern. Hierzu gehört auch die Präsentation von Exponaten mit Bezug zum Deutsch-Französischen Krieg und zur Reichsgründung unter der Rubrik „Das besondere Exponat“. Die an dieser Stelle in loser Abfolge vorgestellten Objekte bieten einen Überblick über zentrale Ereignisse des Konfliktes zwischen Frankreich und Preußen-Deutschland, während dessen Verlauf sich das Deutsche Kaiserreich als von vielen Deutschen langersehnter kleindeutscher Nationalstaat konstituierte.

Mit der 1867 erfolgten Gründung des Norddeutschen Bundes durch Preußen nach dessen Sieg über Österreich im Krieg von 1866 war die Vereinigung Deutschlands einen entscheidenden Schritt vorangekommen. Der Norddeutsche Bund bestand aus 22 Gliedstaaten (einschließlich des in Personalunion mit der preußischen Monarchie regierten Herzogtums Lauenburg). Hierzu gehörten neben Preußen, das sich 1866 Hessen-Kassel, Nassau, Frankfurt am Main sowie Schleswig-Holstein einverleibt hatte, auch das Königreich Sachsen, die Großherzogtümer Mecklenburg-Schwerin, Mecklenburg-Strelitz, Oldenburg, Sachsen-Weimar und Hessen-Darmstadt mit seinen nördlich des Mains gelegenen Gebieten, die Herzogtümer Anhalt, Braunschweig, Sachsen-Altenburg, Sachsen-Coburg und Gotha, Sachsen-Meiningen, die Fürstentümer Lippe, Waldeck, Schwarzburg-Rudolstadt, Schwarzburg-Sondershausen, Reuß jüngerer Linie, Reuß älterer Linie, Schaumburg-Lippe sowie die freien Städte Bremen, Hamburg und Lübeck. Die südlich des Mains gelegenen Hohenzollernschen Lande bildeten eine preußische Exklave.

Der Norddeutsche Bund umfasste eine Fläche von rund 415.000 Quadratkilometern. In ihm lebten knapp 30 Millionen Menschen. Preußen nahm rund vier Fünftel des Territoriums sowie 80 Prozent der Bevölkerung des Bundes ein. Der 1834 gegründete und 1867 reformierte Deutsche Zollverein umfasste neben den Staaten des Norddeutschen Bundes zudem die südlich des Mains gelegenen Staaten Baden, Bayern und Württemberg sowie das Großherzogtum Luxemburg. Der preußische Ministerpräsident und nunmehrige Bundeskanzler Otto von Bismarck hoffte mittel- bis langfristig auf einen friedlichen Anschluss der süddeutschen Staaten an den Norddeutschen Bund. Altpreußisch, macht- und staatszentriert, wie er war, empfand Bismarck die deutsche Einheit nie als Herzenssache, und sie wurde von ihm auch nicht planmäßig herbeigeführt. Sollte sie aber nicht zu vermeiden sein, musste der Einigungsprozess seiner Meinung nach von Staat und Regierung gelenkt sowie möglichst „europaverträglich“ gestaltet werden. Insbesondere Frankreich galt es zu besänftigen.

Die hier dargestellte Karte zeigt mit den handkolorierten Grenzen den territorialen Bestand der preußischen Monarchie sowie der Staaten des Norddeutschen Bundes (blau-gelb) und des Deutschen Zollvereins (rot). Da das spätere Reichsland Elsass-Lothringen auf der Karte bereits farblich abgesetzt ist, könnte die Karte Ende 1870 oder Anfang 1871 entstanden sein, weil das Gebiet des zukünftigen Reichslandes zu diesem Zeitpunkt bereits unter deutscher Militärverwaltung stand.