Gustav Stresemann – Erinnerungen an einen ambivalenten Staatsmann

„Gartenfest für Vertreter der Ausländischen Presse beim Reichskanzler Dr. [Gustav] Stresemann. Der Reichskanzler inmitten ausländischer Journalisten.“ September 1923 (Bundesarchiv, Bild 102-00169 / CC-BY-SA 3.0)


Vor 100 Jahren, am 13. August 1923, wurde Gustav Stresemann (1878 – 1929) zum Reichskanzler und Außenminister der Weimarer Republik ernannt: ein Rückblick auf die Stresemann-Rezeption in der Bundesrepublik Deutschland seit 1949

Angesichts der Anfeindungen, denen sich demokratische Staatswesen weltweit – auch in Deutschland – ausgesetzt sehen, ist immer wieder die Erinnerung an jene Phasen unserer Geschichte lohnenswert, in denen mutige Frauen und Männer sich für die Demokratie eingesetzt haben. In der bundesrepublikanischen Erinnerungspolitik lassen sich dabei leider gewisse Einseitigkeiten feststellen, die dem Anliegen, die freiheitliche Grundordnung zu verteidigen, nicht gerecht werden. Deutlich wurde dies 2021 im Kontext des Gedenkens an die Gründung des Deutschen Reichs vor 150 Jahren, als vielfach die antidemokratischen Schattenseiten des Reichs herausgestellt wurden, ohne den evidenten Demokratisierungstendenzen im Reich die ihnen gebührende Aufmerksamkeit zu schenken. Ähnliches war in diesen Tagen angesichts zweier aktueller Jubiläen zu beobachten. Während die Eröffnung des Verfassungskonvents auf Herrenchiemsee am 10. August 1948 mit großem politischen wie medialen Pomp gefeiert wurde, wurde die Berufung Gustav Stresemanns zum Reichskanzler und Reichsaußenminister der Weimarer Republik am 13. August 1923 weitgehend mit Schweigen übergangen. Zweifellos besaßen die Debatten im Sommer 1948 für den weiteren Weg zur Verabschiedung des Grundgesetzes am 23. Mai 1949 große Bedeutung. Doch warum wurde das ebenfalls historische Datum des Sommers 1923 von Politik und Öffentlichkeit fast vollständig ignoriert? Waren zwei Termine zu viel für die öffentliche Aufmerksamkeit oder liegt es an Stresemanns windungsreichem Werdegang von „Ludendorffs ‚jungem Mann‘“ (Hagen Schulze) und Befürworter ausladendster Annexionsforderungen im Ersten Weltkriegs bis zum „größten Staatsmann Weimars“ (Jonathan Wright)? Dabei machen – wie bei Otto von Bismarck und dem Deutschen Kaiserreich – gerade die Ambivalenzen in seiner Politik Gustav Stresemann zu einer spannenden historischen Persönlichkeit, wie seine Rezeption im Laufe der Jahrzehnte zeigt.

Ein liberales Vorbild für die Bonner Republik?

Zugegeben: Das Stresemannbild in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit war lange Jahre facettenreich und widersprüchlich. Zunächst gaben Publizisten den Ton an, nicht selten ehemalige Weggenossen Stresemanns, die ihn als liberales Vorbild für die Bonner Republik priesen und zum Vorkämpfer für die europäische Einigung stilisierten. Von der Politik wurde der von der Publizistik geworfene Ball umgehend aufgenommen. Während der SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher Stresemanns Zusammenarbeit mit dem Osten hervorhob, rühmte die CDU/FDP-Koalition unter Konrad Adenauer Stresemanns Willen zur Verständigung mit den Westmächten. Indem die Bundesregierung 1957 erhebliche Mittel für die Herstellung eines Stresemann-Spielfilms zur Verfügung stellte, unternahm sie ungeschminkt den Versuch, den früheren Reichsaußenminister in einem Wahljahr für die Westpolitik des Bundeskanzlers zu vereinnahmen. Ein Jahr darauf ließ Bundesaußenminister Heinrich von Brentano zum 80. Geburtstag Stresemanns am 10. Mai in der Eingangshalle des Auswärtigen Amts in Bonn ein Bronzerelief mit der Inschrift „Dem großen Europäer“ anbringen und bekannte sich in seiner Festrede zu der Verpflichtung, das von Stresemann begonnene Werk als „Vorläufer und Wegbereiter des Europagedankens“ fortzuführen.

Das Stresemannbild der 1950er-Jahre wäre unvollständig, wenn nicht auch die weniger hellen Pinselstriche gezeigt würden, die grauen, mitunter schwarzen. Namentlich Bundespräsident Theodor Heuss machte keinen Hehl daraus, dass er das publizistisch wie regierungsamtlich verbreitete Bild zu einseitig fand. Mochte er auch Stresemanns „staatspolitische Verdienste“ als Reichskanzler und Reichsaußenminister nicht leugnen, beharrte er darauf, dass man seine Fehlleistungen – die Mitwirkung am Sturz von Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg 1917, die anfängliche Distanz zur Weimarer Reichsverfassung und den Widerstand gegen die Kandidatur des Reichswehrministers Otto Gesslers zum Reichspräsidenten 1925 – nicht vergessen dürfe. Eine Beteiligung an der von ihm so wahrgenommenen „Apotheose“ Stresemanns war ihm unmöglich.

Freigelegte Widersprüche

Bestätigt fühlen konnte sich Heuss durch die Mitte der 1950er-Jahre mit der Öffnung des Stresemann-Nachlasses einsetzende wissenschaftliche Forschung. 1953 waren die von alliierten Truppen nach dem Zweiten Weltkrieg in die USA verbrachten Dokumente freigegeben worden. Nur ein Jahr später veröffentlichte der in die USA emigrierte Historiker Hans W. Gatzke eine Studie, die sich durch die Darstellung von Stresemanns Mitwirkung an der geheimen Aufrüstung Deutschlands als Beitrag zur Entidealisierung als großen Europäer begriff. Eine noch radikalere Demontage des Stresemann-Denkmals betrieb die 1957 erschienene Biografie der jungen deutschen Historikerin Annelise Thimme, indem sie Stresemann als einen deutschen Nationalisten beschrieb, der nach dem Ersten Weltkrieg seine politischen Methoden lediglich den veränderten Umständen angepasst habe. Beide Studien galten durchaus als korrekturbedürftig und animierten so zu weiteren Forschungen. Die sich dabei ergebenden Schwankungen im Urteil hingen nicht unwesentlich mit unterschiedlichen Interessen der Autorinnen und Autoren zusammen. Knüpften die einen in ihrem Willen um die Herstellung einer positiven Traditionslinie deutscher Außenpolitik an die wohlwollende Sicht der frühen 1950er-Jahre an, konzentrierten sich andere auf die Zerstörung der Legende vom überzeugten Europäer.

Die von der Wissenschaft freigelegten Widersprüche warfen gleichsam automatisch die Frage auf, ob Stresemann noch geeignet sei für eine positive Erinnerungskultur. Zahlreiche Presseartikel zu seinem 30. Todestag am 3. Oktober 1959 belegten, dass das positive Stresemannbild weiterhin dominierte. Sehr deutlich spiegelte sich dies auch in der Feier zur Einweihung eines Stresemann-Ehrenmals im wiederaufgebauten Zeughaus von Mainz am 16. Oktober 1960 wider. In Grußworten und Reden äußerte sich die deutsche Politprominenz von Bundespräsident Heinrich Lübke über Bundeskanzler Konrad Adenauer bis zu Bundesaußenminister Heinrich von Brentano unisono anerkennend zu Stresemann, dem großen deutschen Staatsmann, Patrioten und Europäer. Auch die Regierungen Frankreichs und Großbritanniens verneigten sich in gewisser Weise vor dem Reichsaußenminister, indem ihre Botschafter in dem inzwischen von der Landesregierung von Rheinland-Pfalz als Staatskanzlei genutzten Gebäude eine Stresemann-Büste enthüllten.

Dass das positive Stresemann-Bild weiterhin kein Alleinstellungsmerkmal der Christdemokraten war, verdeutlichte die Rede, die der SPD-Vorsitzende und Außenminister Willy Brandt im Mai 1968 zu Stresemanns 90. Geburtstag in Mainz hielt. Brandt würdigte sowohl die von Stresemann bewerkstelligte Stabilisierung der deutschen Währung als auch seinen Beitrag zur Friedenssicherung in Europa. Positiv vermerkte er außerdem, dass Stresemann eine „zweiseitige, nicht zweideutige“ Außenpolitik betrieben habe, ganz so, wie es die geografische Lage Deutschlands verlangte. Parallel zur Feier in Mainz führte Brandts Auswärtiges Amt eine Gedenkveranstaltung durch, auf der sein Staatssekretär Ferdinand Duckwitz den „völkerversöhnenden Gedanken“ der Stresemann’schen Politik als Vermächtnis herausstellte.

„Neueste Aufnahmen vom ersten Sitzungstage des Völkerbundes in Genf. Die deutschen, französischen und belgischen Delegationsführer nach der ersten Besprechung im Hotel „Beau Rivage“. Von rechts nach links: Aussenminister Dr. [Gustav] Stresemann, Minister-Präsident [Aristide] Briand, Reichskanzler Dr. [Hans] Luther, der belgische Minister-Präsident [Emile] Vandervelde, und der Führer der italienischen Delegation [Vittorio] Scialoja“, September 1926 (Bundesarchiv, Bild 102-02399 / CC-BY-SA 3.0)

Forschung setzt neue Impulse

Neue Impulse erfuhr die Stresemann-Rezeption seit Ende der 1960er-Jahre durch die wissenschaftliche Forschung, die dank der fortschreitenden Auswertung des Stresemann-Nachlasses und der inzwischen verfügbaren Akten des Auswärtigen Amtes richtig in Gang kam. Aus der Fülle der Archivalien argumentierend, konzentrierten die neuen Studien sich vornehmlich auf den Außenpolitiker, seine Konzeption, Handlungsspielräume und Optionen unter Rückgriff auf die Vorkriegszeit. Einen Meilenstein setzte 1985 das große Werk von Peter Krüger über die weitgehend von Stresemann geprägt „republikanische Außenpolitik“, die auf der Hinwendung zu einer liberal-demokratischen Kultur und der Ausrichtung nach Westen beruhte.

Entgegen einer hier und da in der Wissenschaft behaupteten Abnahme des öffentlichen Interesses, behielt Stresemann auch in der Publizistik und der Politik an Bedeutung. Als Bundeskanzler Willy Brandt Ende 1971 den Friedensnobelpreis erhielt, erinnerte er in seiner Dankrede für ihn ganz selbstverständlich daran, dass dieser Preis ihn mit Stresemann verbinde, der die hohe Auszeichnung 1926 erhalten hatte. Von Seiten der FDP war es namentlich Hans-Dietrich Genscher, der seit seinem Einzug ins Auswärtige Amt 1974 immer wieder in öffentlichen Verlautbarungen herausstellte, dass er sich den Grundprinzipien seines „großen Vorgänger[s]“ und „große[n] deutsche[n] Liberale[n]“ verpflichtet fühle. Zu Stresemanns 100. Geburtstag hielt Genscher auf einer Festveranstaltung im Landtag von Rheinland-Pfalz eine große Rede auf Stresemann, den „Europäer“. Durch die regierungsamtliche Beteiligung bekam die von der Stresemann-Gesellschaft organisierte Veranstaltung einen quasioffiziellen Charakter. Auf eine eigene Feier sollte Genschers Auswärtiges Amt hingegen anders als zu Zeiten Brentanos und Brandts verzichten.

Für die CDU übernahm inzwischen ihr Vorsitzender und Oppositionsführer im Deutschen Bundestag, Helmut Kohl, die geschichtspolitische Aufgabe der Erinnerung an Stresemann. Ein von ihm zu dessen 100. Geburtstag veröffentlichter Zeitungsartikel zeichnete sich durch ein erstaunlich ambivalentes Bild aus. Ausdrücklich bekannte sich Kohl dazu, dass das Gedenken an den Mann mit „Ecken und Kanten“, „Licht und Schatten“ „weder zu vordergründiger Apologetik noch zur bloßen Pflege liebgewonnener Klischees verleiten“ dürfe. Gleichwohl fühlte auch er sich zentraler Maximen Stresemann’schen Wirkens verpflichtet: der „Politik des Vertrauensgewinns in der Innen- wie in der Außenpolitik“, der Mitwirkung an der „freiheitlichen Gestaltung der internationalen Ordnung“, der Abkehr von einem „undifferenzierten nationalen Egozentrismus“ und der Hinwendung zur „nüchterne[n], Begrenzungen der jeweiligen Handlungsfähigkeit respektierende[n] Wahrung konkreter Interessen der Nationen“. Fünf Jahre später bedauerte Kohl kurz nach der Übernahme des Kanzleramts bei einem Treffen mit Frankreichs Staatspräsident François Mitterrand, „was uns alles erspart geblieben wäre, wenn das beim ersten Versuch 1925 in Locarno zwischen Stresemann und Briand gelungen wäre“.

Wie bedeutsam Stresemann in den 1980er-Jahren noch im gesellschaftlichen Diskurs der Republik war, verdeutlichten zum einen die Zeitungsartikel, in denen er anlässlich der zentralen Jahrestage seines politischen Wirkens – der Unterzeichnung der Locarno-Verträge oder der Verleihung des Friedensnobelpreises – als „Retter des Reichs“ oder „aufgeklärter Nationalliberaler“ gerühmt wurde, aber auch die umfangreichen Besprechungen von Neuerscheinungen zu seiner Politik und Biografie.

Wissenschaftliche Stresemann-Renaissance

Eine regelrechte wissenschaftliche Stresemann-Renaissance ergab sich nach der Wiedervereinigung Deutschlands, die sich in einer Vielzahl neuer Überblicks- und Spezialstudien insbesondere zu seiner Außenpolitik nach 1923 niederschlug. Trotz mancher fortbestehender Dissense in Einzelaspekten bestand ein weitgehender Konsens bei zwei bisher heftig umstrittenen Fragen: der Wandlung vom Nationalisten zum Europäer und den außenpolitischen Zielsetzungen. Stresemann wurde zugestanden, dass seine Verständigungs- und Entspannungspolitik nicht allein instrumentalen Charakter besaß. Und als „Kernpunkt“ seiner außenpolitischen Konzeption galt nunmehr der „Wiederaufstieg des Deutschen Reichs zur souveränen und im internationalen System gleichberechtigten Großmacht“ (Eberhard Kolb). Da dem Deutschen Reich militärische Macht fehlte, schloss Stresemann den Krieg als Mittel der Erreichung seiner außenpolitischen Ziele aus. Stattdessen setzte er auf den Einsatz des deutschen Wirtschaftspotentials in enger Kooperation mit den USA und auf die Verständigung mit Frankreich, ohne aber eine Option für den Westen oder den Osten einzugehen. Weitgehende Übereinstimmung bestand in der Forschung außerdem darin, dass das Ziel des europäischen Friedens und der Verständigung mit Frankreich für Stresemann in engstem Verhältnis zu seinen Revisionsbestrebungen gegenüber Polen stand. Für Eberhard Kolb war es „geradezu das Arcanum von Stresemanns politischer Strategie, erst nach Klärung der anstehenden Probleme im Westen die Lösung der Ostfragen in Angriff zu nehmen“.

Gleichbleibend hoch blieb das Interesse an Stresemann in der Publizistik und der Politik. Ein gerüttelt Maß Wasser in den ansonsten eher süßen Wein goss der Journalist Wolfgang Zank, als er 1991 die These wagte, das Deutsche Reich habe zu Zeiten Stresemanns „mit den Waffen der Wirtschaft […] Europa unterjochen“ wollen. In der classe politique ließ man sich von solcher Kritik nicht einnehmen. Mit Blick auf die Wiedervereinigung Deutschlands und die europäische Einigung fühlte Helmut Kohl einen Traum Wirklichkeit werden, der bis in die Zeit Stresemanns zurückreiche. Hans-Dietrich Genscher akzeptierte unwidersprochen, von journalistischer Seite mit Stresemann verglichen zu werden, und legte dabei Wert darauf, dass der Reichsaußenminister „politisch aus derselben Richtung“ gekommen sei.

Als die Stresemann-Gesellschaft 1995 ihr 40jähriges Bestehen feierte, rühmte sein Nachfolger Klaus Kinkel den Namensgeber des Vereins als „Europäer der ersten Stunden“, der „in schwierigster Zeit visionär auf Ausgleich und Verständigung“ gesetzt habe. Zwar habe er seinen politischen Weg „in nationaler Enge“ begonnen, dann aber als „großer Europäer“ beendet. Nicht nur das europäische Engagement, auch weitere Grundsätze Stresemanns verstand Kinkel als Leitlinien für seine eigene Politik: die Vereinbarkeit von Politik und Moral, die enge Partnerschaft zu Frankreich und den USA wie auch die Überzeugung, dass keinem Erdteil eine höhere Bedeutung gegenüber den anderen zukomme.

„Erste Aufnahmen von der Völkerbundskonferenz in Lugano/Schweiz – unseres nach dort entsandten Sonder-Bild-Berichterstatters! Reichsaussenminister Dr. Stresemann auf dem Wege zur Völkerbundssitzung in Lugano.“ Dezember 1928 (Bundesarchiv, Bild 102-07001 / Georg Pahl / CC-BY-SA 3.0)

Der Staatsmann der Weimarer Republik

Mit gleich drei neuen Biografien, die zur Jahrtausendwende im Umfeld des 125. Geburtstages von Stresemann erschienen, erreichte dessen Rezeption in der Bundesrepublik eine neue Phase. Den Anfang machte 1996 das bahnbrechende Werk des französischen Historikers Christian Baechler, der eine erste ausführliche, abgewogene und wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Biografie über den Reichskanzler und Außenminister vorlegte. Neue Standards setzte dann 2002 das mächtige Werk des englischen Historikers Jonathan Wright, der Stresemann ohne hagiographische Anwandlungen als einzigen Staatsmann der Weimarer Republik porträtierte und in ihm einen deutschen Nationalisten und guten Europäer sah. Ein Jahr darauf fasste der Nestor der deutschen Stresemann-Forschung, Eberhard Kolb, jahrzehntelange Forschungen in einer konzisen Biografie zusammen, die Stresemann im Gegensatz zu manch anderem Werk in sämtlichen Lebensphasen gleichwertig darstellte, seine Politik in den nationalen und internationalen Kontext einbettete und so zu zeigen vermochte, dass die Positionen des „Hauptarchitekt[en]“ der republikanischen Außenpolitik keineswegs einzigartig waren.

Dank der drei großen Biografien herrschte in der Geschichtswissenschaft fortan ein erstaunlich klar konturiertes Stresemannbild, das sich ebenso deutlich von „gegenwartsbezogener Vereinnahmung“ wie von „früheren, aus zeitgenössischen Sympathien und Animositäten erwachsenen Interpretationen“ abhob“. Der Mythos von Stresemann als Vorkämpfer eines föderativ organisierten Europa war nun ebenso entzaubert wie der Gegenmythos vom starren Nationalisten. Sein Leben und sein Wirken schienen „zu einem Kapitel vergangener Geschichte geworden“ zu sein (Eberhard Kolb).

Nicht alle Wissenschaftler mochten diesem Konsens vollständig zustimmen. Namentlich Karl Heinrich Pohl hinterfragte das „schöne Bild vom europäischen Politiker und überzeugten Demokraten, vom europäischen Verständigungspolitiker und zugleich maßvollen nationalen Politiker, vom innenpolitischen Stabilisator und ‚lernenden‘ Staatsbürger“. Als Frucht einer jahrzehntelangen Beschäftigung präsentierte er 2015 eine Biografie, die im Topos vom „Grenzgänger“ einen Schlüssel zur Analyse der Persönlichkeit Stresemanns sah. Stärker als andere Autoren widersprach Pohl der glatten Erfolgsbiografie des DVP-Politikers, zeichnete Brüche und Ambivalenzen nach und betonte eine weniger republikanische, denn bürgerlich-konservativ-liberale Weltsicht, ohne aber dem Diktum vom bedeutendsten Politiker der Weimarer Republik zu widersprechen.

Ähnlich massiv wie bei Pohl geriet Stresemann in der Dissertation von Thomas H. Wagner ins Fadenkreuz der Kritik, wobei der Verfasser sich auf die Entwicklung bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs konzentrierte. Dezidiert angetreten mit dem Anspruch einer „Revision des gängigen Stresemannbildes“, bezeichnete Wagner den jungen Stresemann als einen Opportunisten, der Bismarck als „gigantische Persönlichkeit“ verehrt und ihn mit seinem dezidierten Weltmachtanspruch und seinen ausufernden Annexionsforderungen im Krieg „für seine Zwecke“ missbraucht habe.

Die seither publizierten Darstellungen zeigen, dass Pohls und Wagners Kritiken in der Wissenschaft nur sehr bedingt Spuren hinterlassen haben. Trotz seiner „schillernder[n] Vergangenheit“ (Volker Ullrich) gilt Stresemann weiterhin als der einzige „überragende Staatsmann“ der Weimarer Republik und als „pragmatischer Vernunftrepublikaner“, dessen politisches Handeln trotz aller „Widersprüchlichkeit und Beweglichkeit auf einem festen politischen Fundament“ ruhte (Horst Möller).

Ganz ähnlich fiel das Urteil in Publizistik und Politik aus. So testierte Bundesaußenminister Joschka Fischer Stresemann im Februar 2000 in einem großen Zeitungsartikel ganz im Sinne der vorherrschenden Lehrmeinung „Lernfähigkeit und Realitätssinn“, die ihn vom Monarchisten und Annexionisten zum „sozial aufgeschlossenen Republikaner und […] bedeutende[n] europäische[n] verständigungs- und Friedenspolitiker“ geführt habe. Zwar warf er ihm eine „traditionell nationalkonservativ[e] Vision“ vom Nationalstaat vor, hielt ihm aber zugute, den Krieg als Mittel der Politik ausgeschlossen und auf internationale Verständigung gesetzt zu haben. Wie für Kolb war Stresemann auch für Fischer inzwischen „Geschichte geworden“.

Nachfolgende Bundesregierungen hielten sich mit Äußerungen über Stresemann eher zurück, ohne sie aber völlig zu unterlassen. So nahm Bundeskanzlerin Angela Merkel Stresemann in einer Rede anlässlich des 91. Gedenktages zum Waffenstillstand 1918 in die Riege jener deutschen und französischen Staatsmänner auf, dank deren „Größe und Weitsicht“ die Versöhnung „ihre Kraft entfalten“ konnte. 2016 würdigte sie Stresemann wie auch seinen französischen Kollegen Aristide Briand auf einer Gedenkfeier zum 100. Jahrestag der Schlacht von Verdun für ihre „Bemühungen um eine möglichst dauerhafte friedliche Koexistenz in Europa“, auch wenn ihre „Stimme der Vernunft und der Verständigung“ zu schwach gewesen sei, „um sich nachhaltig Gehör zu verschaffen“. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erwähnte Stresemann 2018 in einer Gedenkstunde des Deutschen Bundestages zum Ende des Ersten Weltkrieges als einen jener Weimarer Kanzler und Minister, die die Republik „durch innen- wie außenpolitische Krisenstürme steuerten“.

Öffentlichkeitswirksame Gedenkveranstaltungen zu Stresemann führten die Verfassungsorgane nicht mehr durch. Dazu sahen sich ‚nur‘ noch die Stresemann-Gesellschaft in Mainz, das Gustav-Stresemann-Institut in Bonn und die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Potsdam berufen, sei es zum 90. Todestag im Oktober 2019 oder zum 100. Jahrestag der Kanzlerschaft Ende August 2023. Indem sie Stresemann als „einen der bedeutendsten Staatsmänner des 20. Jahrhunderts“ rühmen und sein „Jahrhundertvermächtnis“ herausstellen, aber dessen Ambivalenzen nicht leugnen, bestätigen sie den von der Wissenschaft festgestellten Befund, dass es ein vollständig kohärentes Bild von Stresemann nicht geben wird. So ist an den siebten Reichskanzler und achten Reichsaußenminister der Weimarer Republik auch in Zukunft als eines Mannes zu erinnern, den die Fähigkeit auszeichnete, aus schmerzhaften Erfahrungen zu lernen und als falsch erkannte Überzeugungen zu überwinden. Mag es ihm auch nicht an restaurativen Instinkten gefehlt haben, überwog in seinem Handeln der „Sinn für das Neue“ (Hans-Peter Schwarz), das Streben nach einer europäischen Friedensordnung auf der Basis der Verständigung und des Gewaltverzichts. Stresemann vorzuwerfen, dass er die vom Nationalstaat geleitete Stimmung seiner Zeit „nicht durchbrochen“ habe (Joschka Fischer), erscheint verfehlt, weil der Mann des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts so mit den Kategorien des 21. Jahrhunderts beurteilt wird. Noch unangemessener sind freilich alle Versuche, Stresemann für nationalpolitische Zwecke zu vereinnahmen, zumal dann, wenn sie seinem politischen Wirken diametral entgegenstehen.


Erwähnte Literatur:

Christian Baechler, Gustave Stresemann (1878-1929). De l’impérialisme à la sécurité collective, Straßburg 1996

Hans W. Gatzke, Stresemann and the Rearmement of Germany, Baltimore 1954

Eberhard Kolb, Gustav Stresemann, München 2003

Eberhard Kolb, Das Stresemannbild im Wandel der Zeit, in: Dieter Hein/Klaus Hildebrand/Andreas Schulz (Hrsg.), Historie und Leben. Der Historiker als Wissenschaftler und Zeitgenosse. Festschrift für Lothar Gall, München 2006, S.573-585

Eberhard Kolb/Dirk Schumann, Die Weimarer Republik, 9., durchgesehene und erweiterte Auflage, München 2022

Peter Krüger, Die Außenpolitik der Republik von Weimar, 2. Aufl., Darmstadt 1993

Horst Möller, Die Weimarer Republik. Demokratie in der Krise, München 2018

Karl Heinrich Pohl, Gustav Stresemann. Biografie eines Grenzgängers, Göttingen 2015

Hans-Peter Schwarz, Das Gesicht des Jahrhunderts. Monster, Retter und Mediokritäten, Berlin 1998

Annelise Thimme, Gustav Stresemann. Eine politische Biographie zur Geschichte der Weimarer Republik, Hannover/Frankfurt am Main 1957

Volker Ullrich, Deutschland 1923. Das Jahr am Abgrund, München 2023

Thomas H. Wagner, „Krieg oder Frieden. Unser Platz an der Sonne“. Gustav Stresemann und die Außenpolitik des Kaiserreichs bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs, Paderborn u. a. 2007

Jonathan Wright, Gustav Stresemann. Weimar’s Greatest Statesman, Oxford 2002; dt. Übersetzung, ders., Gustav Stresemann 1878–1929. Weimars größter Staatsmann, München 2006