Die radikale Frauenbewegung im Deutschen Kaiserreich – Vortrag von Dr. Anne-Laure Briatte

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Gegen die Ungleichbehandlung der Frauen formierte sich im Deutschen Kaiserreich politischer Widerstand. Die Historikerin Dr. Anne-Laure Briatte stellt in ihrem Vortrag den Kampf gegen die rechtliche Diskriminierung sowie die fehlenden Bildungsmöglichkeiten für Mädchen und Frauen in den Mittelpunkt. Ihnen wurde bis über die Jahrhundertwende hinaus meist der Zugang zu höherer Schulbildung, Berufsausbildung und Studium verwehrt, sodass sie – sofern sie sich nicht durch ein Erbe oder eine Heirat wirtschaftlich absichern konnten – in großer Mehrheit als Ungelernte schlecht bezahlt arbeiten mussten.

Als zentral für die Einschränkung der Rechte der Frauen benennt Briatte das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB), das vom Reichstag verabschiedet wurde und im Jahr 1900 in Kraft trat: Mit einigen seiner Artikel verschlechterte es die rechtliche Stellung der Frauen gegenüber dem zuvor gültigen Allgemeinen Landrecht der Preußischen Staaten von 1794 insbesondere in den Bereichen Ehe und Eigentum.

Erschwert wurde das politische Engagement gegen diese rechtliche Diskriminierung durch Gesetze, mit denen Frauen ihre Organisation in Vereinen verboten wurde. Als Ausnahme stellt Briatte Hamburg vor, dessen liberaleres Vereinsrecht den Frauenrechtlerinnen ermöglichte, für ihre politischen Anliegen Institutionen zu schaffen.

Die „Radikalität“ der Frauenbewegung, die sich gegen die rechtliche Diskriminierung engagierte, bestand in der Forderung des Frauenwahlrechts als Voraussetzung aller weiteren Fortschritte. Maßgeblich unterstützt von der Sozialdemokratie, führte ihr Engagement unmittelbar nach dem Ende der Monarchie zum Erfolg: Am 19. Januar 1919 wählten Männer und Frauen gemeinsam die Deutsche Nationalversammlung.


Der Vortrag fand am 22. Juni 2023 im Historischen Bahnhof Friedrichsruh statt.

Titelbild unter Verwendung einer Fotografie, vermutlich Atelier Elvira, München, um 1896, (v.l.n.r.) Anita Augspurg, Marie Stritt, Lily von Gizycki, Minna Cauer und Sophia Goudstikker