Das „verkaufte Vaterland“ – Vortrag von Dr. Daniel Stienen

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Preußens antipolnische Siedlungspolitik in den Jahren 1886 bis 1914 war das Thema des Vortrags, den Dr. Daniel Stienen (Bayerische Akademie der Wissenschaften) am 9. Juni im Historischen Bahnhof Friedrichsruh gehalten hat.


Zunächst schilderte Stienen die verschiedenen Etappen der polnischen Teilungen von 1772 bis 1815 und ging auf den seither wiederholt gescheiterten Kampf der Polen um den Wiedergewinn ihrer Souveränität ein. Anschließend erörterte er auf der Basis einer umfangreichen Analyse preußischer und polnischer Quellen die Ziele, administrativen Mittel und Ergebnisse der Politik Preußens gegenüber der großen polnischen Minderheit in den Provinzen Westpreußen und Posen seit der Gründung des Deutschen Reiches von 1871.

In der Absicht, die östlichen Provinzen ethnisch homogen zu formen, ordnete die preußische Regierung in einem ersten Schritt ab 1886 die zwangsweise Aussiedlung von Polinnen und Polen ohne preußischen Pass an. Für viele der willkürlich Ausgewählten bedeutete diese Ausweisung eine große soziale Härte, die auch in Deutschland kritisiert wurde. Mit dem dann initiierten Vorhaben, in den beiden Provinzen den deutschen Bevölkerungsanteil signifikant zu erhöhen, scheiterte Preußen allerdings, da zu wenig frei verkäufliches Land zu Verfügung stand. Allerdings gelang es in der Zeit bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs, durch eine gezielte Bodenpolitik den Kauf von Grundbesitz durch polnische Interessenten mehr und mehr zu verhindern. Erreicht wurde dieser Erfolg, indem die Verfügungsgewalt auch der deutschen Grundbesitzer über ihr Eigentum eingeschränkt wurde. Stienen fasste diese Entwicklung mit der Formel „Nationalisierung durch Deliberalisierung“ zusammen.


Titelbild unter Verwendung des Gemäldes „Rugi Pruskie (Die Ausweisung der Polen aus Preußen) von Wojciech Kossak, um 1909 (Original: Bezirksmuseum Toruń, nachkolorierte Reproduktion: Dauerausstellung der Otto-von-Bismarck-Stiftung im Historischen Bahnhof Friedrichsruh)