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„Eine Sitzung des deutschen Reichstags. Nach der Natur aufgenommen von H. Lüders“, als Schwarz-Weiß-Druck erschienen in „Die Gartenlaube“, 1874. Diese farbige Fassung ist in unserer Dauerausstellung „Otto von Bismarck und seine Zeit“ zu sehen.

Wie kann man heute das 150-jährige Jubiläum der Reichsgründung 1871 angemessen begehen? So lautete eine der zentralen Fragen einer Tagung, zu der im Oktober 2020 die Arbeitsgemeinschaft Orte der Demokratiegeschichte zusammen mit der Otto-von-Bismarck-Stiftung, der Forschungsstelle Weimarer Republik der Universität Jena und Weimarer Republik e. V. eingeladen hatte. Mehr als die Hälfte der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich auf dieser Online-Veranstaltung über neue Forschungsansätze und Erkenntnisse austauschten, hat nun zum Tagungsband unter dem Titel „Einigkeit und Recht, doch Freiheit?“ Aufsätze beigesteuert. Der Band bietet damit eine überarbeitete und deutlich erweiterte Fassung der Tagungsbroschüre, die zuvor online erschienen ist (siehe auch: Ein Platz in der Demokratiegeschichte).

In ihrer Einleitung ziehen die Herausgeber Andreas Braune, Michael Dreyer, Markus Lang und Ulrich Lappenküper zunächst eine klare Grenze zur rechtspopulistischen und rechtsextremen Traditionsbildung. Mit dieser werde versucht, wissenschaftliche Erkenntnisse umzudeuten und das Kaiserreich in eine „geglättete“ deutsche Geschichte zu integrieren. „Die Teilnehmer der Tagung waren sich einig, dass diesem Missbrauch mit differenzierten Darstellungen aktueller Forschungsergebnisse in der Öffentlichkeit begegnet werden soll.“

Die Autorinnen und Autoren durchmessen daher zentrale Themenfelder, auf denen sich der demokratiegeschichtlich äußerst ambivalente Charakter des Kaiserreichs zeigt. Zugeordnet sind ihre Beiträge den Kapiteln „Verfassung und politisches System“, „Massendemokratie und Gesellschaft, Parlament und Parteien“, „Intellektuelle und religiöse Milieus“ sowie „Erinnerungskultur“. Indem der Band insgesamt den Fokus auf das Streben unterschiedlicher sozialer Gruppen nach gesellschaftlicher Beteiligung und politischer Mitsprache sowie auf die Evolution von Aushandlungsprozessen oder auch deren Be- oder Verhinderung legt, leistet er einen Beitrag zur historischen Verortung des Kaiserreichs in der deutschen Demokratiegeschichte.

Die Aufsätze im letzten Abschnitt über die „Erinnerungskultur“ verweisen zugleich auf die Fortdauer wissenschaftlicher wie geschichtspolitischer Debatten bis in die Gegenwart. Martin Sabrow diskutiert vor dem Hintergrund der Restitutionsansprüche der Hohenzollern-Familie gegenüber den Bundesländern Berlin und Brandenburg deren Rolle nach dem Sturz der Monarchie und dabei namentlich das Verhältnis von Kronprinz Wilhelm zum Nationalsozialismus. Katja Protte rekapituliert anhand der Ausstellung „Krieg Macht Nation“ im Militärhistorischen Museum Dresden die kriegerische Gründung des deutschen Nationalstaates. Ulf Morgenstern leuchtet mit seiner Darstellung der Erinnerung an das 1918 verlorene deutsche Kolonialreich zugleich auch Wandlungsprozesse in der politischen Kultur in Deutschland aus. Ulrich Lappenküper arbeitet die politisch aufgeladenen und widersprüchlichen Wahrnehmungen des Kaiserreichs in den verschiedenen Phasen der deutschen Geschichte bis in die Gegenwart heraus. Abschließend setzt sich Christoph Nonn mit den Interpretationsmustern verschiedener Historiker auseinander, die mitunter „geschichtspolitisch unverändert geräuschvoll, aber wissenschaftlich unergiebig“ die Debatte beeinflusst haben. Sein Fazit weist über die einzelnen Argumente hinaus: Für die Fundierung eines modernen, liberalen Nationsverständnisses bleibe die Beschäftigung mit dem Kaiserreich unumgänglich.

 

Andreas Braune / Michael Dreyer / Markus Lang / Ulrich Lappenküper
Einigkeit und Recht, doch Freiheit?
Das Deutsche Kaiserreich in der Demokratiegeschichte und Erinnerungskultur
Stuttgart 2021 (Weimarer Schriften zur Republik 17)