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Die deutsche und die französische Geschichte gehen in den Ausstellungsräumen im Bismarck-Museum nicht nur optisch ineinander über. Die doppelte Schwerpunktsetzung vermittelt einen Eindruck von der europäischen Dimension der Reichsgründung (Foto: Jürgen Hollweg)

In der fünften Sektion unserer Sonderausstellung wird noch einmal Frankreich in den Mittelpunkt gerückt. Das Land spielte im historischen Prozess der deutschen Reichsgründung eine Schlüsselrolle, die es auch selbst tiefgreifend verändern sollte: Es hatte als Monarchie und europäische Großmacht den Krieg erklärt und beendete ihn als militärisch besiegte Republik, die eine schwere innenpolitische Krise zu bewältigen hatte und sich außenpolitisch erst wieder positionieren musste.

Frankreich nach 1871

Die Niederlage Frankreichs im Deutsch-Französischen Krieg besiegelte zunächst den Verlust seiner kontinentalen Vormachtstellung, die auf das Deutsche Reich überging. Obwohl militärisch geschwächt, blieb der Status des Landes als Großmacht aber erhalten. Umgeben von Monarchien, galt die aus Kriegsniederlage und Bürgerkrieg geborene Republik jedoch – wie schon 1789 – als Hort der Revolution und damit als möglicher Unruhestifter.

Die nach dem Sturz des Zweiten Kaiserreichs zunächst als Provisorium errichtete Republik war im Innern tief gespalten. Mit der Niederschlagung des Aufstandes der Kommune gelang es ihr jedoch, eine erste schwere Krise zu überwinden. Die Wiederherstellung des Königtums scheiterte und der republikanische Gedanke verbreitete sich zunehmend unter den Franzosen.

Je mehr sich die im europäischen Staatensystem isolierte Republik im Innern festigte, desto mehr gelang es ihr, auch außenpolitisch Handlungsfreiheit zurückzugewinnen. Selbst das Verhältnis zum Deutschen Reich entspannte sich zeitweilig. Die Abtretung von Elsass-Lothringen wurde in Frankreich aber nie verwunden. Der Verlust der Provinzen nährte daher über Jahrzehnte die Revanchegelüste nationalistischer Kreise. Das Elsass-Lothringen-Problem verschärfte den deutsch-französischen Gegensatz und belastete damit die europäische Friedensordnung nach 1871.

 

Geschützpark auf dem Montmartre, Fotografie, Frankreich, 1871, Abzug auf Papier (Otto-von-Bismarck-Stiftung, Inventar-Nr.: F 2021/045). Der Montmartre ist mit 130 Metern die höchste natürliche Erhebung von Paris. Der Versuch der republikanischen Regierung, sich der 400 dort gelagerten Geschütze zu bemächtigen und die Nationalgarde zu entwaffnen, löste am 18. März 1871 den Aufstand unter der Führung der von Sozialisten und Sozialrevolutionären dominierten Stadtregierung (Commune de Paris) aus.

 

Karikatur „La Situation“. Kolorierte Lithografie, Frankreich, 1871, Papier (Otto-von-Bismarck-Stiftung, Inventar-Nr.: ZSg 2800). Die Karikatur thematisiert den Aufstand der Pariser Kommune, der von Regierungstruppen bekämpft wird; auf dem Boden liegen allegorische Figuren der Freiheitsrechte, die dem Bürgerkrieg zum Opfer fallen. Wilhelm I. beobachtet mit Napoleon III. die Auseinandersetzung und fragt ihn, ob er eingreifen solle. Doch der Ex-Kaiser bittet den preußischen König, so lange zu warten, bis sich die Kämpfer gegenseitig vernichtet hätten. Napoleon III. arbeitete in der Kriegsgefangenschaft und im Exil an Plänen für seine Rückkehr auf den kaiserlichen Thron.

 

Eine Sitzung der französischen Nationalversammlung zu Versailles. Druck, Deutschland, um 1871, Papier (Otto-von-Bismarck-Stiftung, Inventar-Nr.: ZSg 2810). Zu sehen ist eine Sitzung der französischen Nationalversammlung, die in der ehemaligen königlichen Oper im Schloss Versailles stattfand. 1875 wurden drei Grundgesetze verabschiedet, die die verfassungsrechtliche Grundlage der Dritten Republik bildeten. 1879 wurden Regierung und Parlament nach Paris verlegt, die Marseillaise zur Nationalhymne und die Trikolore zur Nationalflagge erklärt.

 

Landkarte von Frankreich. Druck, Alexandre Vuillemin (1812 – 1880), Frankreich, um 1871, Papier (Otto-von-Bismarck-Stiftung, Inventar-Nr.: K 2021/005). Auf dieser Karte der Französischen Republik sind die Grenzen der Departments sowie im Ausschnitt Paris und Umgebung zu sehen. Die früheren Departments von Elsass-Lothringen, die an das Deutsche Reich abgetreten werden mussten, sind zwar eingezeichnet, aber nicht farbig markiert.

 

Der schwarze Fleck („La Tache noire“). Heliogravüre, nach einem Gemälde von Albert Bettannier (1851 – 1932), Frankreich, 1887, Papier (Otto-von-Bismarck-Stiftung, Inventar-Nr.: ZSg 2801). Die Niederlage im Deutsch-Französischen Krieg 1871 traumatisierte die französische Gesellschaft, zusätzlich sah man sich durch den Verlust Elsass-Lothringens im Nationalstolz gekränkt. Die Erinnerung an diese Ereignisse wurde auf vielfältige Weise wachgehalten, Fernziel jeder französischen Regierung blieb die Rückgewinnung der abgetretenen Provinzen. In Schulbüchern und Lehrplänen wurde dieses Ziel über Generationen hinweg vermittelt. Der Druck zeigt eine französische Schulklasse, die von ihrem Lehrer auf die ehemaligen, schwarz eingefärbten Provinzen Elsass und Lothringen hingewiesen wird.

 

Patriotische Flasche „Général Boulanger“. François-Théodore Legras (1839 – 1916), Frankreich, um 1890, Glas, Kork (Otto-von-Bismarck-Stiftung, Inventar-Nr.: O 2021/023). – Urkunde zur Erinnerung an den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71. Druck, Frankreich, nach 1911, Papier (Otto-von-Bismarck-Stiftung, Inventar-Nr.: ZSg 2802). Es dauerte viele Jahre, bis der Staat die Kriegsteilnehmer angemessen ehrte. Zuvor wurden Erinnerungsmedaillen und Urkunden von privater Seite hergestellt und vertrieben. Die hier gezeigte, mit patriotischer und militärischer Symbolik verzierte Urkunde (re.) wurde für den Veteranen Simon Rochette aus Mornand-en-Forez (Departement Loire) ausgestellt. Die Erinnerung manifestierte sich schließlich auch im Kitsch: Die Flasche (li.) zeigt den populären General und Kriegsminister Georges Boulanger. Die Kopfbedeckung (Zweispitz à la Wellington) dient als Deckel, unter dem sich ein Korkverschluss befindet. Die Firma Legras produzierte eine Vielzahl von Glaswaren, darunter auch solche, die Persönlichkeiten der Dritten Republik darstellen.

 

Die Sonderausstellung „1870/71. Reichsgründung in Versailles“ ist bis zum 14. November im Bismarck-Museum und im Historischen Bahnhof in Friedrichsruh zu sehen (Dienstag bis Sonntag 10 – 18 Uhr, ab Oktober 10 – 16 Uhr, Eintritt vier Euro oder ermäßigt).

Besuchen Sie die Ausstellung gerne auch virtuell.

Zuvor erschienen: Reichsgründung – 1870/71. Reichsgründung in Versailles (IV)