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Blick auf das Schloss Versailles, von der Stadt aus gesehen. Kolorierter Kupferstich, Pierre Menant, gedruckt bei Gilles De Mortain (Demortain), Frankreich, 1714, Papier (Otto-von-Bismarck-Stiftung Friedrichsruh, Inventar-Nr.: ZSg 2728)

Gemälde, historische Fotografien, Filmsequenzen und Urkunden gehören zu den Objekten, mit denen in der Sonderausstellung „1870/71. Reichsgründung in Versailles“ die Endphase des Reichsgründungsprozesses seit 1867 und seine politischen Nachwirkungen veranschaulicht werden. Wir stellen die sechs Kapitel, die bis zum 14. November im Bismarck-Museuem und im Historischen Bahnhof Friedrichsruh gezeigt werden,  in den kommenden Wochen in einer kleinen Reihe vor.

Die Ausstellung nimmt im ersten Raum ihre Erzählung der Ereignisse nicht chronologisch auf, sondern beginnt an einem zentralen historischen Ort der deutsch-französischen Beziehungen: in Versailles. Das Schloss, in dem 1871 der preußische König Wilhelm I. zum Deutschen Kaiser proklamiert und in dem 1919 der Friedensvertrag durch die deutsche Delegation unterzeichnet wurde, wird in seiner Entstehung, Funktion und Bedeutung für Deutschland und für Frankreich skizziert.

Spiegelsaal. Kolorierter Stahlstich, Charles Mottram (1807 – 1876), nach Frederick Mackenzie (1787 – 1854), Großbritannien, 1839, Papier (Otto-von-Bismarck-Stiftung Friedrichsruh, Inventar-Nr.: ZSg 2741). Der 73 Meter lange und knapp 11 Meter breite Spiegelsaal gehört zu den größten und berühmtesten Räumen des Schlosses von Versailles. Er diente hauptsächlich der Repräsentation und war Ort wichtiger historischer Ereignisse.

Versailles – ein geschichtsträchtiger Ort

Ludwig XIV. (1638 – 1715), König von Frankreich und Navarra. Kolorierter Stahlstich, Antoine Joseph Gaitte (1753 – nach 1835), nach einem Gemälde von Hyacinthe Rigaud (1659 – 1743), Frankreich, um 1844 (Leihgabe aus Privatbesitz)

Im 20 Kilometer südwestlich von Paris gelegenen Dorf Versailles ließ Ludwig XIII. (1601 – 1643) ein Jagdschloss errichten, das unter seinem Sohn Ludwig XIV. (1638 – 1715) zu einer großen Palastanlage (Château de Versailles) ausgebaut wurde. Die Wahl des Ortes außerhalb der Hauptstadt Paris diente vor allem dem Zweck, die Macht des Herrschers zu sichern und möglichen Unruhen vorzubeugen. Dies war eine Lehre aus den bürgerkriegsähnlichen Zuständen der Jahre 1648 bis 1653 („Fronde“), die den jungen Ludwig XIV. stark beeindruckt hatten.

Von 1682 bis 1789 königliche Hauptresidenz und Regierungssitz, verlor das Schloss nach Ausbruch der Französischen Revolution diese Funktion. In der Folgezeit vernachlässigt, wurde es vom „Bürgerkönig“ Ludwig Philipp I. zu einem Nationalmuseum umgebaut. Diesem Zweck dienen Schlossanlage und Parkgelände auch heute noch. Überdies wird es – wie schon im 19. und 20. Jahrhundert – gelegentlich als prachtvolle und geschichtsträchtige Kulisse für festliche Veranstaltungen sowie Staatsempfänge genutzt.

Das Schloss ist nicht nur ein Symbol für den „absolutistischen“ Staat, der sich in Frankreich unter Ludwig XIV. herausgebildet hatte und zum Vorbild für andere europäische Herrscher wurde. Versailles stand lange auf deutscher wie auf französischer Seite sinnbildlich für Sieg, Niederlage und Demütigung: Im Januar 1871, noch mitten im Deutsch-Französischen Krieg, wurde im Spiegelsaal das Deutsche Kaiserreich ausgerufen. An dieses verlor Frankreich nach der Niederlage Elsass und Lothringen. Im selben Spiegelsaal wurde 1919 das Ende des Ersten Weltkriegs mit einem Friedensvertrag besiegelt, der Deutschland mit Reparationen und Gebietsverlusten belegte. Elsass und Lothringen wurden an Frankreich zurückgegeben. In der jüngeren Vergangenheit aber hat sich die Bedeutung des Schlosses erneut gewandelt, heute steht es auch für die deutsch-französische Freundschaft.

Links: Die Deutschen auf der Place d’Armes in Versailles 1871, Druck nach Louis Braun (1836 – 1916), Deutschland, um 1877, Papier. Das Bild zeigt deutsche Truppen, aber auch französische Zivilisten und Sanitäter auf dem Hauptplatz vor dem Versailler Schloss nach der Proklamation Wilhelms I. zum Deutschen Kaiser am 18. Januar 1871 (Otto-von-Bismarck-Stiftung Friedrichsruh, Inventar-Nr.: L 1999/140); rechts: Präsident Jacques Chirac und Bundeskanzler Gerhard Schröder vor dem französischen und dem deutschen Parlament in Versailles, Fotografie, Frankreich, 2003, Abzug auf Papier. Am 22. Januar 2003 versammelten sich rund 900 Abgeordnete der französischen Nationalversammlung und des Deutschen Bundestages zu einem Festakt anlässlich des 40. Jahrestages der Unterzeichnung des Deutsch-Französischen Vertrages („Élysée-Vertrag“). Der Deutsch-Französische Vertrag von 1963 war nach drei Kriegen eine zentrale Wegmarke für die Entwicklung der deutsch-französischen Beziehungen auf der Grundlage von Frieden und Verständigung (picture-alliance/dpa, 22.1.2003).


Sonderausstellung „1870/71. Reichsgründung in Versailles“

im Bismarck-Museum und im Historischen Bahnhof Friedrichsruh

22. Juni – 14. November 2021, Dienstag bis Sonntag 10 – 18 Uhr (ab Oktober 10 – 16 Uhr)

Eintritt: 4 Euro oder ermäßigt, freier Eintritt für Schulklassen sowie Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren.