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Mutsuhito (1852 – 1912) leitete als Tenno grundlegende Reformen ein, die heute mit seinem posthum gebräuchlichen Name Meiji verknüpft sind. Er war der erste Tenno, der fotografiert wurde. Für diese Aufgabe wurde 1872 und 1873 der renommierte Fotograf Uchida Kuichi ausgewählt. (Foto: The Metropolitan Museum of Art)

Trotz mannigfacher nationaler Eigenarten wird man das Verhältnis zwischen Deutschland und Japan heute nicht anders denn als freundschaftlich nennen können. Jüngst wurde die Kooperation mit einem Geheimschutzabkommen beider Regierungen über die Zusammenarbeit im Bereich von Rüstung, Technologie und Cybersicherheit um eine gänzlich neue Facette erweitert. Bei einer Doppelkonsultation lobten die japanischen und deutschen Außen- und Verteidigungsminister resp. Ministerinnen die beiderseitige Wertepartnerschaft etwa im Multilateralismus und der Rechtsstaatlichkeit.

Historisch betrachtet, kann der Weg dorthin allerdings als steinig bezeichnet werden. Unter den seit dem 17. Jahrhundert herrschenden Shogunen der Tokugawa-Dynastie frönte Japan einer Abschottungspolitik und pflegte Außenbeziehungen allein zu den Niederlanden. Erst 1853 und nur unter militärischem Zwang öffnete sich das Land der aufgehenden Sonne ein Stück weit der Außenwelt, indem es den USA, dann auch Russland, Großbritannien und Frankreich freien Handel gewährte.

Preußens Schiffen war das Anlaufen der japanischen Häfen hingegen verwehrt. Um diese Ungleichbehandlung zu beseitigen, entsandte Prinzregent Wilhelm 1859 den Grafen Friedrich zu Eulenburg mit einem Geschwader nach Ostasien, um Japan, aber auch China und Siam zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu bewegen. Die Eulenburg-Expedition traf zu einem höchst prekären Moment im Land ein. Aufgrund eines schweren Konflikts zwischen dem Regierungsapparat der Tokugawa in Edo (heute Tokio) und dem in Kyoto residierenden Tenno befand sich Japan im Zustand innerer Auflösung. Nach monatelangen Verhandlungen gelang Eulenburg am 24. Januar 1861 zwar ein Durchbruch, doch der von ihm unterzeichnete Freundschafts-, Handels- und Schifffahrtsvertrag regelte ausschließlich die Handels- und Schifffahrtsbeziehungen; zu diplomatischen Beziehungen kam es noch nicht. Nach der Ratifizierung des Abkommens 1863 nahm mit Max von Brandt in Japan lediglich ein preußischer Konsul seinen Dienst auf, der 1867 zum Geschäftsträger aufstieg.

Friedrich Albrecht Graf zu Eulenburg (© Otto-von-Bismarck-Stiftung)

Die Pflege der Beziehungen auf diesem protokollarisch eher niedrigen Niveau hing auch damit zusammen, dass das japanisch-preußische Verhältnis bis zur Bereinigung des innerjapanischen Machtkampfs 1868 von gegenseitigem Desinteresse geprägt war. Entgegen den Ratschlägen des Konsuls wahrte Preußens Ministerpräsident Otto von Bismarck in dem zum Bürgerkrieg eskalierenden Konflikt ausdrücklich Neutralität und konzentrierte sich ansonsten auf die Machterweiterung Preußens in Deutschland und Europa. Auch nach der Niederlage des Tokugawa-Shoguns und der Verkündigung der Meiji-Ära durch Tenno Mutsuhito blieben die Beziehungen für Bismarck vorerst sekundär. Großen Respekt nötigte ihm dann aber die Reformpolitik Japans seit den 1870er-Jahren ab.

Leiten ließ sich der Tenno dabei zunächst von den sozialen und politischen Werten Frankreichs. Die Fortsetzung der Öffnungspolitik nahm er als notwendiges Übel hin, pochte aber ansonsten auf die nationale Unabhängigkeit. Um die als ungleich empfundenen Handelsverträge mit dem Westen zu revidieren, entsandte der Tenno 1871 eine Expedition unter der Leitung des Außenministers Iwakura in die USA und nach Europa. Da die US-amerikanische Administration keine Vertragsveränderung akzeptierte und die neue deutsche Reichsregierung keinen Alleingang wagte, besaß Iwakuras Aufenthalt in Berlin 1873 vornehmlich gesellschaftlichen Charakter. Allerdings nutzte Reichskanzler Bismarck die Gelegenheit der Gespräche mit dem Außenminister zu weitreichenden politischen Darlegungen und einem großzügigen Angebot. Zum einen präsentierte sich der Realpolitiker par excellence als Sachwalter des Grundsatzes „Macht vor Recht“. Zum anderen warb er dafür, „besonders freundschaftlich [miteinander zu] verkehren“. Denn Japan befand sich seines Erachtens „in derselben Lage“ wie einst Preußen. Wie die Hohenzollern-Monarchie in den 1860er-Jahren zur europäischen Großmacht avanciert war, bereitete Japan unter dem Mejji-Tenno nunmehr den Aufstieg in Ostasien vor. Deshalb erklärte sich Bismarck sogar dazu bereit, Experten nach Edo zu entsenden, um die japanische Regierung bei ihren Reformen zu unterstützen.

Blick auf den südlichen Turm der Palastanlage in Edo (heute: Tokio), 1868

Von der in der Literatur so genannten deutsch-japanischen „Wahlverwandtschaft“ (Bernd Martin) war in den folgenden Jahren indes zunächst nur bedingt etwas zu spüren. Deutsche Berater wie etwa Albert Mosse klagten sogar über ein „geradezu feindlich gesinnte[s] Volk“ und eine meist „oppositionell und antideutsch“ eingestellte Presse. Erst der französische Ansehensverlust in der zweiten Hälfte der 1880er-Jahre führte in Japan zu einer Neueinschätzung des Verhältnisses zum Deutschen Reich. Unter Führung des Ministerpräsidenten Ito adaptierte es die Reichsverfassung, nahm bedeutende Anleihen am preußischen Bildungswesen und intensivierte die Zusammenarbeit im Militärwesen.

Auch Bismarck räumte den Beziehungen zu dem ehedem kleinen, rückständigen Feudalstaat, der sich zur Vormacht Ostasiens zu mausern begann, einen stetig wachsenden Stellenwert ein. Doch wenngleich ihm das bei seinen Diplomaten noch immer vorhandene zivilisatorische Überlegenheitsgefühl fremd blieb, lehnte er die von Japan wiederholt angemahnte Revision des ungleichen Vertrags bis zu seinem Rücktritt 1890 konsequent ab. Von der uns heute so vertrauten Partnerschaft auf Augenhöhe war in der Ära Otto von Bismarcks also noch nichts zu spüren.


Quellen- und Literatur

Junko Andō, Die Entstehung der Meiji-Verfassung. Zur Rolle des deutschen Konstitutionalismus im modernen japanischen Staatswesen, München 2000

Rede Bismarcks vom 15. März 1873, in: Bismarck, Gesammelte Werke (Friedrichsruher Ausgabe), Bd. 8 Gespräche. Hrsg. von Willy Andreas, Berlin 1926, S.64f.

Philipp zu Eulenburg-Hertefeld (Hrsg.), Ost-Asien 1860-1862 in Briefen des Grafen Fritz zu Eulenburg, Berlin 1900

Gerhard Krebs (Hrsg.), Japan und Preußen, München 2002

Ulrich Lappenküper, Bismarck und Asien, in: ders./Karina Urbach (Hrsg.), Realpolitik für Europa. Bismarcks Weg, Paderborn 2016, S.211-236

[Robert Lucius von Ballhausen], Selbstbiographie des Staatsministers Freiherren Lucius von Ballhausen, in: Ulf Morgenstern (Hrsg.), Arzt und Abenteurer, Minister und Memoirenschreiber. Autobiographische Aufzeichnungen des Bismarck-Vertrauten Robert Lucius von Ballhauasen, Friedrichsruh 2017, S.28-94, hier S-36-50

Bernd Martin, Verhängnisvolle Wahlverwandtschaft. Deutsche Einflüsse auf die Entstehung des modernen Japan, in: Jost Dülffer/Bernd Martin/Günter Wollstein (Hrsg.), Deutschland in Europa. Kontinuität und Bruch. Gedenkschrift für Andreas Hillgruber, Berlin 1990, S.97-116

Albert und Lina Mosse, Fast wie mein eigen Vaterland. Briefe aus Japan 1886-1889. Hrsg. von Shiro Ishii, Ernst Lokowandt und Yukichi Sakai. München 1995

Peter Pantzer (Hrsg.), Die Iwakura-Mission. Das Logbuch des Kume Kunitake über den Besuch der japanischen Sondergesandtschaft in Deutschland, Österreich und der Schweiz im Jahre 1873, München 2002

Holmer Stahncke (Hrsg.), Preußens Weg nach Japan. Japan in den Berichten von Mitgliedern der preußischen Ostasienexpedition 1860-61, München 2000