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Teilkolorierter Druck, Deutschland, 1919, Papier, Otto-von-Bismarck-Stiftung, Inventar-Nr.: K 2018/002

Am 19. Januar 1919 fanden im Deutschen Reich die Wahlen zur verfassunggebenden Nationalversammlung statt. Im Vorfeld hatten sich insbesondere im bürgerlichen Lager aus den alten Parteien des Kaiserreichs neue Gruppierungen gebildet. Im Grundsatz blieb aber das überkommene Parteiensystem erhalten.

Zum ersten Mal durften auch Frauen an den Wahlen teilnehmen. Das Wahlalter wurde auf 20 Jahre herabgesetzt. Die Wahlbeteiligung war mit 83 Prozent sehr hoch. Stärkste Partei wurde die SPD: Die Mehrheitssozialdemokraten (MSPD) erhielten 37,9 Prozent (163 Mandate), die unabhängigen Sozialdemokraten (USPD) 7,6 Prozent (22 Mandate), die linksliberale Deutsche Demokratische Partei (DDP) 18,6 Prozent (75 Mandate), die nationalliberale Deutsche Volkspartei (DVP) 4,4 Prozent (19 Mandate), das katholische Zentrum und die Bayerische Volkspartei zusammen 19,7 Prozent (91 Mandate), die rechtskonservativ-monarchistische Deutschnationale Volkspartei (DNVP) 10,9 Prozent (44 Mandate) und die sonstigen Parteien 1,5 Prozent (7 Mandate).

Die ehemaligen Mehrheitsparteien des letzten Reichstags aus der Zeit der Monarchie erhielten eine deutliche Mehrheit. Das Zentrum konnte seine bisherige Stellung als Zünglein an der parlamentarischen Waage halten, die politische Rechte wurde als Ergebnis ihrer Haltung während des Ersten Weltkriegs von den Wählern abgestraft. SPD, Zentrum und DDP bildeten als republiktragende Parteien die erste Koalitionsregierung (Weimarer Koalition).

Aufgrund der Unruhen in Berlin im Dezember 1918 und der dortigen Kämpfe im Januar 1919 hatte der Vorsitzende des Rates der Volksbeauftragten, Friedrich Ebert (MSPD), die Nationalversammlung nach Weimar einberufen, wo sie am 6. Februar 1919 zusammentrat. Die Zusammensetzung der Nationalversammlung entsprach dem Parteienpluralismus im Reich. Verschiedene politische Richtungen und deren Verfassungsideen standen sich gegenüber, keine davon erreichte aber eine beherrschende Stellung. Der Nationalversammlung kamen als Trägerin der Souveränität in Deutschland mehrere Aufgaben zu: die Ausarbeitung und Verabschiedung einer neuen Verfassung, die Einsetzung einer Übergangsregierung, die Wahl des Staatsoberhauptes sowie die Entscheidung über Annahme oder Ablehnung des Versailler Friedensvertrages. Am 11. Februar wählten die Abgeordneten Friedrich Ebert mehrheitlich zum ersten Präsidenten des Deutschen Reichs, und sie verabschiedeten nach intensiven Debatten am 22. Juni mit 262 Stimmen gegen die Voten von DVP, DNVP und USPD die Reichsverfassung der Weimarer Republik, die am 11. August 1919 mit der Unterzeichnung durch den Reichspräsidenten in Kraft trat.

Die Karte zeigt auf der Vorderseite die Ergebnisse in den Wahlkreisen und verweist vergleichend auf die Wahlergebnisse der letzten Reichstagswahlen von 1912. Links und rechts finden sich Fotografien der Führungspersönlichkeiten der gewählten Parteien. Die Karte bildet das Deutsche Reich noch in den Grenzen von 1871 ab, aber im an Frankreich zurückgefallenen Elsass-Lothringen, in den von Polen besetzten Gebieten der preußischen Provinz Posen sowie in den von den Alliierten besetzten deutschen Kolonien durfte nicht gewählt werden.