Printer Icon

Die Proklamierung des deutschen Kaiserreiches (18. Januar 1871), Anton von Werner, Öl auf Leinwand, 1885. Bismarck-Museum Friedrichsruh (© Otto-von-Bismarck-Stiftung / Fotograf: Jürgen Hollweg)

Wir schreiben den 18. Januar 1871. Während im nahen Paris französische Truppen einen letzten Durchbruchsversuch aus der seit Monaten belagerten Hauptstadt vorbereiten, setzt sich in Versailles gegen zehn Uhr früh ein illustrer Zug mit deutschen Fahnenträgern, Ehrenwachen und dem preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm von der Präfektur aus in Richtung Schloss in Bewegung. Beim Eintritt in den Vorhof stimmt ein Musikkorps das Lied „Was ist des Deutschen Vaterland“ von Ernst Moritz Arndt an. Wenig später trifft Preußens König Wilhelm I. ein und lässt sich von seinem Sohn in den Spiegelsaal geleiten, wo sie von einer erlauchten Schar deutscher Fürsten bereits erwartet werden. Nach einem kurzen Militärgottesdienst hält der König von einem Hochtritt aus eine knappe Ansprache, rühmt die „Wiederherstellung des Deutschen Reiches“ am 1. Januar und erklärt sich bereit, die ihm soeben angetragene „deutsche Kaiserwürde“ anzunehmen. Sodann nimmt er unter lautem Jubelruf die Glückwünsche der Festgemeinde entgegen.

Im neuen Deutschen Reich brachen viele, aber nicht alle Bürger in Freudentaumel aus. „Wodurch hat man die Gnade Gottes verdient, so große und mächtige Dinge erleben zu dürfen“, jubelte der Bonner Historiker Heinrich von Sybel. Prinz Otto von Bayern sah das ganz anders. „Ach, Ludwig“, klagte er gegenüber seinem Bruder König Ludwig II. kurz nach der Feier in Versailles, „ich kann Dir gar nicht beschreiben, wie unendlich weh und schmerzlich es mir während jener Zeremonie zumute war, […] unsere Bayern sich da vor dem Kaiser neigen zu sehen.“

Zum 150. Jahrestag der Reichsgründung am 1. Januar 2021 sollen die historischen Ereignisse mit kritischem Blick erneut hinterfragt werden. Warum kam es 1871 zur Geburt des deutschen Nationalstaats? Wieso mit den Mitteln des Krieges? Welche Konsequenzen hatte die nationale Einigung Deutschlands für das Europäische Mächtekonzert? Und wie sollten wir heute mit dem Erbe der Reichsgründung umgehen?

I. Die Idee des deutschen Nationalstaats

Die Idee von einer einigen deutschen Nation entstand an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert im Zuge der Napoleonischen Kriege und des Untergangs des Heiligen Römischen Reiches. Anders als in Frankreich orientierte sich der nationale Gedanke in „Deutschland“ vornehmlich an der gemeinsamen Sprache und Kultur. Für die Wegbereiter wie Johann Gottlieb Fichte, Friedrich Ludwig Jahn oder Ernst Moritz Arndt hieß deutsch sein: deutschen Stammes und deutscher Zunge sein. Wie Deutschland staatlich organisiert werden sollte, ließen die meist aus dem intellektuellen Milieu stammenden Nationalbewegten weitgehend offen. Fest stand für sie aber dreierlei: Einheit war mit Freiheit zu buchstabieren, sie musste von Preußen ausgehen und gegen das Frankreich Napoleons I. gerichtet sein.

Zwar gelang es tatsächlich, das napoleonische Empire 1815 zu besiegen, doch der Traum vom deutschen Nationalstaat blieb vorerst unerfüllt. Die auf dem Wiener Kongress versammelten europäischen Monarchen boten den Deutschen weder Einheit noch Freiheit. Der von ihnen geschaffene Deutsche Bund war lediglich eine Vereinigung souveräner Fürsten und freier Städte. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Für eine unitarische Nation sprach sich in „Deutschland“ damals nur eine Minderheit aus, vor allem entschiedene Demokraten und Republikaner.

Auch dreißig Jahre nach dem Wiener Kongress, dies verdeutlichte das Scheitern der Revolution von 1848/49, waren die Deutschen nicht dazu in der Lage, Einheit und Freiheit auf einen Nenner zu bringen. Dennoch sollte die Debatte über die „deutsche Frage“ nicht verebben, wobei drei Modelle miteinander konkurrierten: die von Preußen propagierte Umformung des Deutschen Bundes in zwei locker verknüpfte Einheiten aus dem Habsburger Reich und einem deutschen Bundesstaat mit der Hohenzollern-Monarchie als Vormacht; der von Österreich favorisierte großösterreichische Bund mit dem Kaiserstaat an der Spitze; und der von den deutschen Mittel- und Kleinmächten verfochtene „Trias-Gedanke“. Da sich keines der drei Modelle durchzusetzen vermochte, blieb vorläufig alles beim Alten – notabene nicht nur wegen der innerdeutschen Zerstrittenheit, sondern auch wegen der mangelnden Bereitschaft der für die Wiener Akte verantwortlichen europäischen Mächte, dem Nationalstaatsgedanken in Deutschland zum Durchbruch zu verhelfen.

II. Der Weg zur Reichsgründung

Auftrieb gewann die „deutsche Frage“ Ende der 1850er Jahre im Zuge der Entstehung des italienischen Nationalstaats. Vor allem in Turn-, Gesangs-, Schützen- und dem neuen Nationalverein erschallte der Ruf nach der deutschen Einheit immer lauter. Dem konnte und wollte sich auch der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck nicht verschließen. Obwohl dem erzkonservativen Verteidiger der monarchischen Ordnung die nationale Gesinnung liberaler und demokratischer Kreise zutiefst wesensfremd war, erfüllte ihn die Überzeugung, dass Preußens Monarchie zwecks Stärkung der eigenen Macht zu fast jedem Bündnis bereit sein müsse. Je mehr sich der nationale Gedanke von der französischen Idee der Volkssouveränität löste und zur bloßen Formel für die Einheit des Volkes mutierte, desto problemloser glaubte Bismarck sich dazu der Nationalbewegung bedienen zu können. Einen fest konzipierten Plan in Richtung auf die deutsche Einheit besaß er nicht. Im Zentrum seines Sinnens stand vielmehr der Kampf gegen Österreich um die Führung im Deutschen Bund.

1864 vollzog Bismarck eine ebenso kurzzeitige wie überraschende Wende. Gemeinsam kämpften die beiden deutschen Vormächte im Krieg gegen Dänemark um die Abtretung der Herzogtümer Schleswig und Holstein. Für die Lösung der deutschen Frage besaß der Krieg eine weitreichende Konsequenz. Denn mit dem nun eingerichteten preußisch-österreichischen Kondominium über die Elbherzogtümer bekam Bismarck ein Zündholz in die Hand, mit dem er den Machtkonflikt mit Habsburg nach Belieben am Köcheln halten konnte. Zur Bereinigung des Konflikts hielt er zwei Optionen für denkbar: eine Aufteilung Großdeutschlands in zwei Interessensphären oder ein vollständiges Hinausdrängen Österreichs aus Deutschland. Auch zur Realisierung dieser Optionen gab es zwei Mittel, die Diplomatie und das Militär.

Das internationale Umfeld sprach für Letzteres. Denn nach dem Krieg auf der Krim Mitte der 1850er-Jahre war die europäische Mächtesolidarität brüchig geworden. Eine neue Generation von Staatsmännern wie Kaiser Napoleon III. in Frankreich, Ministerpräsident Cavour in Italien oder eben Bismarck in Preußen verfolgte seither vor allem eigenstaatliche Interessen.

Dass die Würfel im preußisch-österreichischen Konflikt 1866 tatsächlich für den Krieg fielen, hing auch mit Ereignissen zusammen, die sich Tausende von Kilometern fernab des europäischen Kontinents abspielten, in Mexiko. Die von uns heute vor allem im Wirtschaftlichen unter dem Stichwort der Globalisierung bekannte Vernetzung der Welt gab es ökonomisch wie politisch auch schon im 19. Jahrhundert. In Mexiko hatte Napoleon III. ein von ihm abhängiges Kaisertum unter einem habsburgischen Erzherzog errichtet. Als er seine Truppen auf Druck der USA abziehen musste, brach das Kaiserreich Mexiko zusammen. Prestigehungrig wie er war, sah sich Napoleon III. genötigt, die Scharte auszuwetzen, und zwar in Europa. Damit aber gewannen die Planungen der beiden deutschen Großmächte für eine militärische Auseinandersetzung konkrete Kontur.

Krieg war für das 19. Jahrhundert gemäß dem bekannten Diktum von Clausewitz die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, also legitim zur Durchsetzung staatlicher Interessen. Dieser Krieg aber, in dem sich neben Preußen und Österreich 31 deutsche Mächte gegenüberstanden, war in der Öffentlichkeit höchst unpopulär. Nachdem Preußen den Kampf auf dem Schlachtfeld von Königgrätz für sich entschieden hatte, verneigte sich hingegen so mancher Kritiker vor dem angeblichen Genius Bismarck.

In den europäischen Kapitalen fiel das Urteil ganz anders aus. Selbst im fernen Vatikan entrüstete sich ein Kardinal: „Casca il mondo, casca il mondo!“ – „Die Welt stürzt ein“. Sein Urteil mag überzogen sein, doch eine epochenwendende Bedeutung kam dem Deutschen Krieg tatsächlich zu. Noch ehe er beigelegt war, schlossen sich alle deutschen Staaten nördlich des Mains zum Norddeutschen Bund zusammen, der sich als Kern eines zukünftigen deutschen Nationalstaates begriff. Neben dieser staatsrechtlichen Ebene gilt es noch eine quasi ideologisch-politische zu beachten: Für die deutsche Nationalbewegung war nunmehr klar, dass der Einheit fortan die Priorität gegenüber der Freiheit eingeräumt werden müsse.

Bismarck leitete freilich noch immer kein „Willen zu Deutschland“ (Thomas Nipperdey), sehr wohl aber die Überzeugung, dass die Fürsten südlich der Mainlinie zur Einigung gewonnen und diese Einigung auch europaverträglich gestaltet werden müsse. Denn dass jede Änderung der staatlichen Verfasstheit der Mitte Europas von den Großmächten argwöhnisch beobachtet wurde, darüber konnte kein Zweifel bestehen.

III. Krieg gegen Frankreich

Insbesondere Frankreich galt es zu besänftigen, das durch das Desaster des mexikanischen Abenteuers wie auch durch die gescheiterten Winkelzüge während des Deutschen Krieges empfindlich getroffen war. Um den Konflikt zu bereinigen, boten sich nach den Machtgesetzen der Zeit im Grunde zwei Möglichkeiten an: ein diplomatischer Ausgleich – oder Krieg. Dass Bismarck die Partnerschaftsalternative durchaus in Erwägung zog, verdeutlicht sein Versuch, Frankreichs Expansionsdrang nach Luxemburg und Belgien abzulenken. Da beide Projekte scheiterten, ging Frankreich zu einer Strategie der Eindämmung Preußens über, die 1870 in den Krieg mündete.

Der deutsch-französische Waffengang entzündete sich an der Frage der Wiederbesetzung des verwaisten spanischen Throns. Nach langer Suche hatte die Madrider Regierung die Krone einem Prinzen aus dem katholischen Zweig der Hohenzollern angeboten, Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen. Als die streng-geheimen Verhandlungen am 3. Juli 1870 öffentlich bekannt wurden, wirkten sie wie eine Bombe. Frankreich drohte postwendend mit Krieg und veranlasste den Chef des Hauses Sigmaringen in Absprache mit dem Oberhaupt der Hohenzollern, König Wilhelm von Preußen, zum Verzicht auf die spanische Königswürde.

Die französische Regierung hätte sich mit diesem Erfolg begnügen können, tat es aber nicht. Unter dem Druck einer nationalistisch aufgeputschten Öffentlichkeit beauftragte sie vielmehr ihren Botschafter in Berlin, dem in Bad Ems kurenden preußischen König die Zusicherung abzuringen, dass er der Thronkandidatur eines preußischen Prinzen in Spanien auch in Zukunft nicht zustimmen werde. Wilhelm I. konnte sich einer solchen Forderung nicht unterwerfen und ließ dem französischen Diplomaten ausrichten, dass die Angelegenheit mit dem Verzicht Leopolds für ihn erledigt sei.

Im fernen Berlin erfuhr Bismarck von den Ereignissen in Bad Ems durch einen Bericht, der ihm am 13. Juli 1870 zugestellt wurde. Eilig lancierte er die sogenannte Emser Depesche in verkürzter Form in die Presse und hielt damit, wie er zu Recht mutmaßte, dem „gallischen Stier“ ein rotes Tuch vor. Am 19. Juli erklärte Frankreich Preußen den Krieg. Anders als vom Kaiser der Franzosen erwartet, endete der Waffengang für ihn im Desaster. Am 1. September kapitulierte Napoleons Armee in der Schlacht von Sedan, drei Tage später fiel das Empire einem republikanischen Staatsstreich zum Opfer.

Der Weg für einen raschen Friedensschluss schien frei. Doch die deutsche Forderung nach einer Abtretung von Elsass und Lothringen zerstörte die Gunst der Stunde. Damit änderte sich nicht nur der Charakter des Krieges, sondern auch die internationale Großwetterlage. Hatte nach der Öffnung des Janustempels die französische Deutschlandpolitik als interventionistisch und aggressiv gegolten, die preußische dagegen als dynamisch, aber legitim, breitete sich in den europäischen Kapitalen nun das Gefühl aus, Preußen drohe das kontinentale Mächtegleichgewicht zu zerstören. Mit der Vereinigung des Norddeutschen Bundes mit den süddeutschen Staaten mochten sich die europäischen Großmächte noch abfinden, die territoriale Vergrößerung eines deutschen Nationalstaates lehnten sie jedoch ab.

In einer großen diplomatischen Kraftanstrengung gelang es Bismarck, die europäischen Großmächte neutral zu halten. Parallel dazu besiegelte er in nicht minder schweren Verhandlungen mit den süddeutschen Staaten die Bildung des Deutschen Reiches. Formal ins Leben trat der kleindeutsche Nationalstaat am 1. Januar 1871. Der ‚gefühlte‘ Geburts- und Gründungstag war hingegen der 18. Januar, der Tag der Kaiserproklamation im Schloss von Versailles.

In Friedrichsruh befindet sich nicht nur die nach diesem Ort benannte Fassung des Gemäldes „Die Proklamierung des deutschen Kaiserreiches (18. Januar 1871)“, sondern auch dieser Druck, der die Schlossfassung zeigt (private Leihgabe).

Fast bis zur letzten Minute feilten die Zeremonienmeister an der Feier. Vor allem ein Programmpunkt bereitete ihnen erhebliches Kopfzerbrechen, das Hoch auf den neuen Kaiser, für das sein Schwiegersohn, Großherzog Friedrich von Baden, auserkoren war. Wie undankbar diese Aufgabe sein würde, kristallisierte sich am frühen Morgen des 18. Januar heraus, als Friedrich die Nachricht erhielt, sein Schwiegervater wolle als „Kaiser von Deutschland“ angesprochen werden. Eine solche Titulatur hätte einen landesherrlichen Anspruch auf nicht-preußische Gebiete impliziert und war von Bayern in den November-Verhandlungen mit Bismarck dezidiert abgelehnt worden. Da sich der Bundeskanzler entsprechend energisch dagegen verwahrte und zur Formel „Deutscher Kaiser“ riet, wandte sich der Großherzog in seiner Not an den König und erhielt von ihm die abweisende Antwort: „Du kannst das machen wie du willst, ich werde mich später doch nur so nennen, wie ich es will, nicht wie Bismarck es bestimmen will“.

Friedrich von Baden umging die Titelfrage in der Feier höchst geschickt, indem er sein Hoch weder auf den Deutschen Kaiser noch auf den Kaiser von Deutschland, sondern auf „Kaiser Wilhelm“ ausbrachte; für Wilhelm I. Grund genug, Bismarck beim Ausmarsch aus dem Spiegelsaal keines Blickes zu würdigen.

Der letzte Stein in das neue Staatsgebäude wurde dann am 16. April mit der Verabschiedung der Reichsverfassung gesetzt. Zu diesem Zeitpunkt war der Krieg gegen Frankreich übrigens noch nicht beendet. Erst am 10. Mai unterzeichneten die Regierungen der Dritten französischen Republik und des deutschen Kaiserreiches einen Vertrag, der – wie der Versailler Frieden 48 Jahre später – kaum weniger denn ein Diktat war. Neben der Abtretung der beiden Provinzen Elsass und Lothringen musste Frankreich eine Kriegskontribution in Höhe von fünf Milliarden Francs zahlen und die Besetzung Ostfrankreichs bis zur Überweisung der letzten Rate hinnehmen.

IV. Folgen der Reichsgründung für das europäische Staatensystem

In jüngsten geschichtswissenschaftlichen Publikationen wird die These aufgestellt, die Reichsgründung von 1871 sei für das Zusammenleben der Deutschen in einem gemeinsamen staatlichen Gehäuse weder notwendig noch „alternativlos“ gewesen. Nicht notwendig mag zwar richtig sein, aber die Bildung des Nationalstaates entsprach wenn auch nicht dem Willen aller Deutschen, so doch dem jahrzehntealten Wunsch einer breiten Mehrheit. In der Form des kleindeutschen Nationalstaats Bismarck’scher Prägung war sie sehr wohl alternativlos, weil sich andere Optionen als unrealistisch oder nicht überlebensfähig erwiesen hatten.

Allerdings dürfen wir nicht davor die Augen verschließen, dass Bismarcks spezifische „Reichsgründung von oben“ den neuen Staat mit einer Reihe von Hypotheken belastete. An der Wiege des deutschen Nationalstaates stand ja keine nationale Einigung im eigentlichen Sinn, sondern der Ausschluss der deutschsprachigen Gebiete des Habsburgerreiches. Überdies war das Kaiserreich wie zahlreiche andere europäische Nationalstaaten im Krieg entstanden. „Von vielen Seiten im Auslande“ trete dem Reich „Mißtrauen“, „Antipathie“ und „Furcht“ entgegen, warnten denn auch weitsichtige Politiker wie der Liberale Hermann Schultze-Delitzsch. Dass Kaiser Wilhelm I. Deutschland zum „zuverlässigen Bürge[n] des europäischen Friedens“ stilisierte, wurde in den europäischen Kapitalen registriert, doch wirklichen Glauben schenkte man ihm nicht. Denn zum einen galt ja das Clausewitz‘sche Wort vom Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln fort. Zum anderen schien Deutschland, das neue „Gravitationszentrum“ in der Mitte Europas, auf dem Weg zu einer „potentiell hegemonialen“ Gefahr (Andreas Hillgruber). Die Reichsgründung hatte nicht nur die politische Landkarte Europas, sondern auch die mentale geändert. Während „Kaiser“ und „Reich“ Assoziationen an den alten römischen und mittelalterlichen Gedanken einer europäischen Universalmonarchie schufen, wirkte Deutschland zugleich wie eine „unfertige, ungesättigte Macht“ (Theodor Schieder), was umso bedrohlicher zu sein schien, weil das internationale System insgesamt in einem Schwebezustand war.

„Germany crowned with glory and confident in her strength“, so kleidete der liberale Premierminister William Gladstone die Bedenken der britischen Regierung im Februar 1871 in prägnante Worte, „will start on her new career to encounter the difficulties of the future without the sympathies of Europe“. Benjamin Disraeli, der Oppositionsführer im Unterhaus, charakterisierte die Entwicklung auf dem Kontinent noch drastischer als „German revolution“, die einer „new world“ die Tür geöffnet habe. „The balance of power has been entirely destroyed.“ Für die amtliche Londoner Politik blieben diese Urteile indes vorerst ohne Konsequenzen. Gefesselt von ihrer Weltmachtperspektive, betrieb die britische Regierung in den deutschen und europäischen Angelegenheiten eine Politik der „Non-intervention“.

Ganz anders reagierte das russische Zarenreich. Für die Spitzen der Petersburger Gesellschaft, den Hof und die Offizierskreise, aber auch für das literarische Russland kann die Stimmung nicht anders denn als antideutsch charakterisiert werden. Die Berichte der Presse durchzog eine wachsende Sympathie für die französische Republik, die auch den russischen Reichskanzler Alexander Gortschakow erfasste. Zwar hielt er die Einigung Deutschlands für „faktisch unausweichlich“, dessen Machtsteigerung aber für viel zu weitgehend. Zar Alexander II. fühlte sich trotz aller „Prussophilie“ nicht nur als „Geburtshelfer“, sondern auch als „Schutzmacht“ der deutschen Einigung und erwartete dafür eine Gegenleistung (Stefan Kestler).

Dazu aber mochte wohl der deutsche Kaiser, nicht aber sein Reichskanzler bereit sein: Die von Wilhelm I. gegenüber seinem Neffen Alexander II. telegrafisch formulierte Anerkennung des russischen Anteils an der Reichsgründung lehnte Bismarck als „Schuldverschreibung“ kategorisch ab und stufte Russland seither als potentielles Risiko ein.

Umso wichtiger wurde für den Reichskanzler ein positives Verhältnis zur dritten Kaisermacht Österreich-Ungarn, das ja aus historischen Gründen „einerseits der schärfste ideelle Konkurrent, andererseits jene europäische Macht [war], die Deutschland […] am engsten verbunden war“ (Helmut Rumpler). Aus Sicht der Wiener Regierung ergab sich aus diesem Befund die kontradiktorische Frage, ob sie das Deutsche Reich bekämpfen oder dessen Bündnis suchen sollte. Nach langem Ringen entschied sich Kaiser Franz Joseph für Letzteres. Da die Kriege der jüngsten Vergangenheit unter Beweis gestellt hatten, dass „Macht über Recht“ ging, der Vielvölkerstaat der Habsburger aber mit Macht nur sehr bedingt dienen konnte, empfahl sein Außenminister Gyula Graf Andrássy ein „enges Zusammengehen mit Deutschland“, und zwar mit dem erklärten Ziel eines gemeinsamen Krieges gegen Russland.

Andrássys Pläne wurden in der deutschen Regierung verständlicherweise höchst zwiespältig aufgenommen und mit einem nicht unproblematischen Schachzug konterkariert. Um die Antagonisten in Wien und St. Petersburg von Dummheiten abzuhalten, schloss das Deutsche Reich mit beiden Mächten 1873 ein Bündnis à trois. Bismarcks Hoffnung, das Band der monarchischen Solidarität als Korrektiv zwischenstaatlicher Gegensätze instrumentalisieren zu können, sollte sich schon bald zerschlagen. Indem der Reichskanzler nämlich Frankreich im Kontext des Kulturkampfes mit Präventivkriegsdrohungen einzuschüchtern versuchte, löste er in St. Petersburg und Wien massive Bedenken aus. Preußen, so mahnte die panslawistische russische Zeitung „Nowoje Wremja“ Anfang 1875, betreibe eine „gewagte, gefahrdrohende und abenteuerliche“ Politik; „das Mißtrauen gegen die preußische militärische Hegemonie und den preußischen Ehrgeiz [sei] immer mehr im Wachsen begriffen“.

Im Frühjahr 1875 fühlten sich Russland und auch England in ihrem politischen Ruhebedürfnis dermaßen gestört, dass sie gemeinsam in Berlin zugunsten der französischen Republik intervenierten. Bismarck blieb angesichts des Desasters nur der sofortige taktische und strategische Rückzug.

Indem er sich den Mächten in den folgenden Jahren als „ehrlicher Makler“ zur Verfügung stellte, erwarb er sich in Nord-, Süd- und sogar in Westeuropa ein hohes Maß an Ansehen. Nur das Zarenreich grollte ihm, weil er sich nicht für die russischen Balkanambitionen einsetzen mochte. Angesichts unverhüllter Drohungen mit einer russisch-französischen Allianz sah sich Bismarck genötigt, ein Militärbündnis mit Österreich-Ungarn einzugehen. Um sich nicht durch den neuen Zweibundpartner in die Balkanwirren hineinziehen zu lassen, handelte er 1881 unter großen Anstrengungen mit Österreich und Russland ein neues Bündnis zu dritt aus und ergänzte das Allianzgeflecht in den folgenden Jahren noch um vertragliche Verbindungen zu Italien, Spanien und Rumänien.

1887 brach der Eckstein des Bismarck‘schen Bündnissystems, der Dreikaiservertrag, zusammen. Ein Krieg zwischen Serben und Bulgaren hatte deren Schutzmächte Österreich-Ungarn und Russland auf den Plan gerufen und dem Dreikaiserbund den politischen Boden entzogen. Damit nicht genug, propagierten russische Panslawisten und französische Nationalisten kurz darauf einen Feldzug gegen Deutschland. Im Gegenzug drohten deutsche Diplomaten und Generalstäbler mit einem Präventivkrieg gegen Frankreich. Wenngleich Bismarck eisern an seiner Friedenspolitik festhielt und an seinem in der Tragfähigkeit zunehmend fragwürdigeren Netz von Bündnissen weiter arbeitete, spielte er insgeheim mit dem Gedanken, die russische Neutralität im Falle eines Krieges gegen Frankreich durch das Angebot der „freien Hand“ im Orient zu erkaufen.

Mit dem seit Mitte 1888 herrschenden Kaiser Wilhelm II. war eine solche Kombination nicht zu machen. Massive innen- wie außenpolitische Meinungsverschiedenheiten und eine schwere Schlappe der Regierungsparteien bei den Reichstagswahlen Anfang 1890 boten dem jungen Monarchen den willkommenen Hebel, seinen altgedienten Regierungschef aufs politische Altenteil zu schicken. Das Ausland reagierte auf den Sturz des Eisernen Kanzlers mit „Bestürzung, Unruhe und Besorgnis“. „Deutschland mit Bismarck war eine klar zu bestimmende Größe – Deutschland ohne ihn ist ein Problem“, hieß es sogar in der „Nowoje Wremja“, und das Blatt sprach sinnfällig aus, was viele nicht nur in St. Petersburg, sondern auch in London, Wien oder Rom dachten.

Mit der erzwungenen Entlassung des ersten deutschen Reichskanzlers vor gut 130 Jahren endete für die europäische Mächtepolitik eine beispiellose Ära. Mit Blick auf die eingangs formulierte Themenstellung lassen sich fünf zentrale Ergebnisse konstatieren.

  1. Die Gründung des Deutschen Reichs 1871 war für viele, aber keineswegs für alle Deutschen die Erfüllung eines jahrzehntelangen Traumes.
  2. Auch wenn die europäischen Großmächte die Existenz des Deutschen Reiches in der Ära Bismarck nie in Frage stellten, wurde ihm seit der Gründung eine gehörige Portion Misstrauen entgegengebracht.
  3. Personalisiert wurde das Misstrauen zunächst mit dem Reichskanzler, dessen Bild sich aber in den Kapitalen – mit Ausnahme von St. Petersburg – ab 1878 vom Kriegstreiber zum Friedenswahrer wandelte.
  4. Indem sich die Mächte von Bismarck in ein neuartiges Geflecht von Bündnissen einbinden ließen, die aus seiner Sicht den Frieden bewahren sollten, zielten sie vor allem darauf ab, das Deutsche Reich für eigene machtpolitische Zwecke zu instrumentalisieren.
  5. Seit den 1880er-Jahren traten die Mächte in ein neues Zeitalter der europäischen, ja der Weltgeschichte ein, das für Deutschland katastrophale Folgen zeitigen sollte. Denn das wilhelminische Kaiserreich empfand die von Bismarck verordnete Politik der Saturiertheit als „unerträglichen Stillstand“, suchte einen „Platz an der Sonne“ – und fand den Untergang im Ersten Weltkrieg.
V. Ein Jubiläum zum Feiern?

„Nach nicht einmal fünf Jahrzehnten“, so liest man im jüngst erschienenen Buch des Marburger Historikers Eckart Conze, sei die „Kriegsgeburt von 1871“ im Ersten Weltkrieg hinweggefegt worden, doch sein Erbe habe unheilvoll weitergewirkt, ja sogar die Machtübernahme der Nationalsozialisten „begünstigt“. Wir vernehmen indes auch andere Stimmen, etwa die des Publizisten Klaus-Jürgen Bremm, der die Reichsgründung als „europäischen Glücksfall“ feiert. Ganz überwiegend gilt das Kaiserreich heute in der Geschichtswissenschaft nicht nur als die wohl einzig realistische Antwort auf die seit Generationen schwelende deutsche Frage, sondern auch als eine wichtige Etappe auf dem verschlungenen Weg Deutschlands zur Demokratie: über Jahrzehnte eine Friedensmacht in der Mitte Europas und „ein Fortschrittsmodell als Rechts-, Verwaltungs- und Sozialstaat“ (Jörn Leonhard). Weitgehende Einmütigkeit besteht ferner darin, dass die Gründung keineswegs bereits den Keim des Untergangs in sich trug. Und wenn das Kaiserreich auch 1918 gestürzt wurde, bewegen wir uns heute im „postklassischen demokratischen Nationalstaat“ (Heinrich August Winkler) namens Bundesrepublik Deutschland noch immer in vielfältiger Weise in jenem politischen Raum, der 1871 geschaffen worden ist: Man denke an die staatlichen Institutionen, das (1918 um das Frauenwahlrecht erweiterte) allgemeine, direkte und geheime Wahlrecht, den Föderalismus, den Rechts- und den Sozialstaat oder den Aufstieg der bürgerlichen Kultur.

Ob der 150. Jahrestag der Reichsgründung „zu Stolz doch wirklich Grund“ bietet, wie Willy Brandt 1965 bekannte, mag jeder für sich entscheiden. Das Jubiläum sollte aber intensiv dazu genutzt werden, das Bewusstsein der Öffentlichkeit über eine wesentliche Epoche deutscher Geschichte zu schärfen, eine Epoche, der wir den ihr zustehenden Platz im Demokratiegedächtnis der Bundesrepublik nicht versagen sollten.