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Text: Thilko Carstens

Geht man durch das Bismarck-Museum in Friedrichsruh, fällt im zweiten Raum der Blick auf eine Soldatenstatuette, die Bismarck von den Offizieren seines ehemaligen Bataillons zum 80. Geburtstag geschenkt bekam. Wenig ist bisher über seine Soldatenzeit bekannt.

Fast alle Biographen schweigen sich über seine Militärzeit aus oder erwähnen sie nur sehr kurz. Der Grund dafür liegt an dem Mangel an Quellen über diese Zeit. Doch was weiß man über den Soldaten Otto von Bismarck?

Im Jahr 1838 brach Otto von Bismarck, von seinen Eltern für eine Beamtenlaufbahn vorgesehen, sein Referendariat ab und trat in das Garde-Jäger-Bataillon in Potsdam ein. Dies tat er jedoch nicht freiwillig, denn er musste noch den obligatorischen Wehrdienst ableisten. Hierzu hatte er sich als sogenannter „Einjährig-Freiwilliger“ gemeldet. Diese Möglichkeit gab es in Preußen seit 1813. Wehrpflichtige mit einem höheren Schulabschluss konnten statt des zwei- bis dreijährigen einen verkürzten Wehrdienst leisten. Nach dem Ableisten dieses Jahres wurden die „Einjährig-Freiwilligen“ meistens Reserveoffiziere. Da sie sich in ihrer Dienstzeit jedoch selbst einkleiden und versorgen mussten, konnten es sich nur Söhne wohlhabender Familien leisten. Der Dienst musste zwischen dem 17. und 25. Lebensjahr absolviert werden.[1]

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Gedicht „Fürst Bismarck“ (Inventarnummer? 61 + 62), undatiert, Autor: Richard von Volkmann (-Leander); Material: Papier; Umfang: 4 Seiten (2 Blatt); Maße: Blatt 61: Höhe 29,8 cm, Breite 23,3 cm; Blatt 62: Identisch; Zustand: Gebrauchsspuren, Ränder leicht beschädigt; sonst gut; Ort: Otto-von-Bismarck-Stiftung Friedrichsruh, A 46, Bl. 61 + 62

Auf den ersten Blick sind die Verse scheinbar nur durch den kunstvoll gedruckten Rahmen und die prachtvolle Gestaltung der Initiale von den anderen Dichtungen zu unterscheiden. Denn Gedichte zu Ehren Otto von Bismarcks gibt es unzählige.

So widmete beispielsweise der „Kladderadatsch“ dem „besten Deutschen“ schon 1894 einen Band mit einer Sammlung aller bis zu diesem Zeitpunkt in der Zeitschrift erschienenen Gedichte über Bismarck.[1]

In dem hier vorliegenden lyrischen Werk – Fürst Bismarck. – schildert uns der Autor in 18 Strophen eindrücklich die erst durch Bismarck ermöglichte Reichseinigung anhand der „Germania“, der Personifikation Deutschlands. Diese wird von dem „Gottgesandten“ Otto von Bismarck zu neuer Stärke geführt, woraufhin sie schließlich dem „Helden“ Wilhelm die Kaiserkrone überreichen kann. Doch auch diese Darstellung ist kein Alleinstellungsmerkmal und in ähnlicher Form in anderen Gedichten zu finden. Unterschrieben ist das Gedicht mit dem Namen „Richard von Volkmann-Leander“. Wer aber war dieser Mann?

Aus dem Begleitschreiben des Gedichts, verfasst von seiner Frau Anna von Volkmann (geb. v. Schlechtendal) am 5. März 1891, geht hervor, dass der Name ihres Mannes dem Fürsten Otto von Bismarck möglicherweise nicht unbekannt geblieben sei. Allerdings nicht in Verbindung mit Poesie, sondern mit Chirurgie. Nach einem Blick in den Artikel über Richard von Volkmann in der „Deutschen Biographie“[2] wird klar, dass er einer der renommiertesten Chirurgen des 19. Jahrhunderts gewesen ist. So war er ab März 1867 als ordentlicher Professor an der chirurgischen Universitätsklinik in Halle tätig und wurde zu diesem Zeitpunkt auch dessen Direktor. Zahlreiche wissenschaftliche Publikationen und der Einsatz, beziehungsweise die Verbreitung der „listerschen Methode“[3] trugen maßgeblichen Anteil an seinem Weltruf als für die Medizin – speziell für die Orthopädie – wegweisenden Chirurgen.[4]

Die zweite Begabung des Richard von Volkmann-Leander war die Dichtkunst, welcher er schon als Student nachging. Die Veröffentlichung „Lieder aus der Burschenzeit“ ist zum Beispiel ein Resultat aus dieser Frühphase seines Schaffens.[5]

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Wilhelm Busch: Schein und Sein Mein Kind, es sind allhier die Dinge, Gleichwohl, ob große, ob geringe, Im Wesentlichen so verpackt, Daß man sie nicht wie Nüsse knackt. Wie wolltest Du Dich unterwinden, Kurzweg die Menschen zu ergründen. Du kennst sie nur von außenwärts, Du siehst die Weste, nicht das Herz

Wie so oft haben Wilhelm Buschs (1832-1908) aphoristische Reime auch in „Schein und Sein“ (hier zit. nach Friedrich Bohne (Hrsg.), Historisch-kritische Gesamtausgabe, Bd. 4, Wiesbaden-Berlin 1960, S. 393)  einen tieferen Sinn. Was auch immer wir in der Welt antreffen, will Deutschlands bekanntester humoristischer Dichter und Zeichner und Zeitgenosse Bismarcks uns sagen: nichts ist so wie es scheint.

Der nicht selten schopenhauerisch düstere Niedersachse Busch schneidet damit ein grundlegendes philosopohisches Problem an. Denn hinter „Schein und Sein“ verbirgt sich die Frage nach dem Verhältnis von Oberfläche und tatsächlichem Gehalt, also dem wahren Inhalt der Dinge, den eigentlichen Absichten der Menschen. Sprachwissenschaftlich unterscheidet man zwischen Thema und Rhema, d.h. demjenigen, über das etwas gesagt wird, und demjenigen, was darüber gesagt wird. Und letzteres kann je nach subjektiver Betrachtung sehr vielgestaltig sein. Denn selten steckt in dem zu küssenden Frosch nur der eine verzauberte Prinz oder man erkennt wie Laokoon in der Aeneis in dem Trojanischen Pferd die versteckten Danaer/Griechen („Quidquid id est, timeo Danaos et dona ferentes“). Oft steht man ratlos vor einer blendenden Fassade und ahnt nicht, was sich dahinter verbirgt. Und wenn, dann kann man den Verdacht nicht konkretisieren, oft sind die Vermutungen vielfältig und kein einfacher Lösungsansatz führt zu der einzig richtigen Interpretation.

Solche stichhaltigen Interpretationen komplizierter Probleme trauten die Anhänger Preußen-Deutschlands ihrem Helden Bismarck fast uneingeschränkt zu. In ihren zeitgenössischen Augen war der Ministerpräsident und Reichskanzler innen- und außenpolitisch ein glänzender politischer Analytiker. Wenn ihm mal etwas schief ging, etwa das vorsichtige prorussische Vorfühlen im Rahmen der „Mission Radowitz“, blieb es der Öffentlichkeit häufig verborgen oder Bismarck verstand es, mit anderen, von seinen Apologeten stets als „weitsichtig“ titulierten Taten davon abzulenken.

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Rauch- oder Schreibservice, um 1885, aus Elfenbein, Ebenholz; Maße: 16,00 x 14,00 x 15,00 cm, zu sehen im Bismarck-Museum, Friedrichsruh

Einem glühenden Verfechter des Erwerbs von Kolonien, dem Afrikareisenden Eugen Wolf, begegnete Otto von Bismarck mit dem lakonischen Satz: „Ihre Karte von Afrika ist ja sehr schön, aber meine Karte von Afrika liegt in Europa. Frankreich liegt links, Russland liegt rechts, in der Mitte liegen wir. Das ist meine Karte von Afrika.“

Diese Äußerung aus dem Jahr 1888 zeigt, wie sehr der Reichskanzler auch 17 Jahre nach der Gründung noch immer um den Bestand und Erhalt des von ihm geschaffenen Deutschen Kaiserreiches besorgt war.

Den europäischen Nachbarn auf dem Kontinent, allen voran dem durch die Niederlage von 1871 gedemütigten Frankreich, misstraute er dabei genau so wie den übermächtigen Flügelmächten am Rande Europas, d.h. England und Rußland. Und musste eine über den Status Quo der mitteleuropäischen Großmachtgründung Preußen-Deutschlands hinausgehende Expansion nicht zwangsläufig auf den Unwillen der genannten Staaten stoßen und damit zu einer Gefährdung des mit der Reichsgründung Erreichten führen?

Eine Antwort auf diese Frage ist schwieriger zu geben als es auf den ersten Blick scheint. Denn bekanntermaßen gab Otto von Bismarck als Kanzler und Außenminister 1884 entgegen vorheriger und späterer Bekundungen schließlich doch noch grünes Licht für einen über den bloßen Schutz deutscher Handelsstützpunkte hinausreichenden „pragmatischen Expansionismus“ (Hans-Ulrich Wehler), an dessen Ende in der Wilhelminischen Epoche Kolonien in Afrika und Asien zum festen Territorialbestand Deutschlands gehörten.

Eine zugespitzte Lesart des spontanen Meinungswandels des auf Europa zentrieten ostelbisch-junkerlichen Denkers lautet wie folgt: da mit dem baldigen Tod des Kaisers Wilhelm I. (1797-1888) und dem Regierungsantritt seines englandfreundlichen Sohnes Friedrich Wilhelm (Friedrich 1831 – 1888) zu rechnen war, habe Bismarck begonnen, sich ein Faustpfand in Form kolonialer Erwerbungen zu besorgen.

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„Bismarck als Reichskanzler“ von Franz von Lenbach (1836-1904), bez. „1880“, Öl auf Leinwand, Maße: 1370 x 995 cm, Bismarck-Museum

Text: Andreas von Seggern

„Unsere Enkel werden diese Männer mit den Augen Lenbachs sehen“, würdigte Gustav Pauli 1904 die stets umstrittene gründerzeitliche Porträtkunst Franz von Lenbachs. Keinen betrifft dieses hellsichtige Bonmot mehr als den bereits zu Lebzeiten als Reichsgründer verehrten Otto von Bismarck.
Lenbach prägte das Image Bismarcks, diese faszinierende Mischung aus stattlicher Physis gepaart mit stetig wechselndem psychischem Gemütszustand, der sich nicht selten im fokussierten Blick des Malers auf die Gesichtszüge des Porträtierten wiederspiegelte. Vor überwiegend dunkler Kulisse tritt die „Architektur des gewaltigen Schädels“ [Richard Muther] umso deutlicher hervor.

Die Konzentration auf die Gesichtslandschaft des Staatsmannes erhöht unvermeidlich die Suggestivkraft auf den Betrachter. Lenbach traf damit einen Nerv der Zeit, jene eigentümliche Mischung aus Ehrfurcht und abgöttischer Huldigung des „Reichsungeheuers“ [Lenbach], die spezifisch für den Bismarck-Kult des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts wurde. Im Gesamt-Oeuvre des gründerzeitlichen Malers nimmt das Konterfei Bismarcks mit knapp 80 als gesichert geltenden Fassungen für private und öffentliche Kundschaft den zentralen Platz ein; Lenbach selbst sprach gar von 137 Porträts des Reichskanzlers. Diese erdrückende Zahl von Ausführungen des immer gleichen Charakterkopfes, häufig nach fotografischer Vorlage angefertigt, trug ihm bereits zu Lebzeiten den zwielichtigen Ruf ein, eher Malfabrikant denn Künstler zu sein.

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