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Figurenstudie von vier Offizieren. Zeichnung von Anton von Werner aus dem Jahr 1872 zur Vorbereitung seines Gemäldes, das die Kaiserproklamation zeigt. (Leihgabe, Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin)

Ein druckfrischer Katalog ergänzt die Sonderausstellung „1870/71. Reichsgründung in Versailles“, die noch bis zum 20. Februar 2022 im Bismarck-Museum und im Historischen Bahnhof Friedrichsruh zu sehen ist.

Der großformatige, reich bebilderte Band zeigt zahlreiche Exponate, die ausführlich erläutert werden. Ihnen vorangestellt sind Essays, die einen umfassenden Eindruck der vielen zeitgenössischen – deutschen wie europäischen – Stimmen vermitteln, die sich zur deutschen Reichsgründung zu Wort meldeten: König Wilhelm I. und sein Ministerpräsident Otto von Bismarck planten, mit der Nationalstaatsgründung vor allem für Preußen eine machtvolle Zukunft abzusichern, der französische Kaiser Napoléon III. aber fürchtete um die Vormachtstellung seines Landes in Europa. Karl Marx, der im Londoner Exil lebte, war optimistisch der Meinung, dass die staatliche Einigung der Arbeiterklasse die Möglichkeit eröffne, sich politisch schlagkräftig zu organisieren. Und während jüdische Bürger hofften, dass die Gesellschaft ungeachtet von Konfessionen und Klassen zusammenfinde, fürchteten in Preußen lebende Polen, dänischgesinnte Nordschleswiger und die Elsässer um ihre kulturellen Eigenständigkeiten.

Ulrich Lappenküper/Maik Ohnezeit (Hg.), 1870/71 Reichsgründung in Versailles. Begleitband zur Ausstellung vom 22. Juni 2021 bis 20. Februar 2022 im Bismarck-Museum und in der Otto-von-Bismarck-Stiftung, Friedrichsruh 2021, 432 Seiten, 24,95 Euro.

Ergänzt werden diese Essays um weitere Beiträge unter anderem zum Verlauf des Deutsch-Französischen Kriegs 1870/71 sowie über die Diskussionen Wilhelms I. mit seiner Ehefrau Augusta über die befürchtete Verdrängung ihres preußischen Titels durch die Kaiserwürde, Frankreichs Wahrnehmung der Reichsgründung und die Staatsbauten des neugegründeten Kaiserreichs. Gemeinsam ist den Analysen, dass sie die doppelte Perspektive der Sonderausstellung aufnehmen: Diese spannende Phase der deutsch-preußischen Geschichte wird in Beziehung zu den Entwicklungen im Nachbarland Frankreich gesetzt und damit in den europäischen Kontext eingeordnet.

Einen weiteren Schwerpunkt setzen – wieder analog zur Sonderausstellung – die Essays, die dem Nachwirken der Reichsgründung gewidmet sind: dem Mythos Bismarcks als „Reichsgründer“, der immer wieder auftauchenden Frage, ob der deutsche Nationalstaat zum Scheitern verurteilt war, sowie der Erinnerung an die Nationalstaatsgründung in Weimarer Republik, NS-Staat, Bundesrepublik und DDR. Deutlich wird, dass der Blick zurück auf die Kaiserproklamation am 18. Januar 1871 und ihre Vorgeschichte stets von den jeweils aktuellen gesellschaftspolitischen Debatten (Weimarer Republik; Bundesrepublik) oder der vom Regime oktroyierten Ideologie (NS-Staat; DDR) geprägt war.

Mit ihrer Sonderausstellung stelle sich die Otto-von-Bismarck-Stiftung, schreibt ihr Geschäftsführer Ulrich Lappenküper im Vorwort, den aktuellen Debatten über das Kaiserreich und der Frage nach dem nationalen Selbstverständnis einer von wachsender Vielfalt gekennzeichneten Gesellschaft.

Mit Beiträgen von Claire Bonnotte, Jan Markert, Maik Ohnezeit, Michael Epkenhans, Susanne Bauer, Mareike König, Alma Hannig, Walter Mühlhausen, Ulrich von Hehl, Andrea Hopp, Tobias Köhler, Godehard Hoffmann, Hans-Christof Kraus, Christoph Nonn, Dominik Bartmann, Robert Gerwarth, Tobias Hirschmüller, Ulrich Lappenküper, Ulf Morgenstern


Der Katalog „1870/71. Reichsgründung in Versailles“, herausgegeben von Ulrich Lappenküper und Maik Ohnezeit, ist im Bismarck-Museum, im Historischen Bahnhof Friedrichsruh und im Online-Shop auf dieser Website erhältlich (432 Seiten; 24,95 Euro)