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Der 150. Jahrestag der Gründung des kleindeutschen Nationalstaates und die aktuelle öffentliche Debatte über die deutsche Vergangenheit als Kolonialmacht haben das allgemeine Interesse an Otto von Bismarck wieder deutlich belebt. In vielen Medien erschienen Diskussionsbeiträge über die politische Rolle des ersten Reichskanzlers und die ihm gewidmeten Denkmäler. Ebenso zu lesen waren eher am Tourismus orientierte Artikel über einen der Bismarcktürme. Diese sind immer noch zahlreich – nicht nur – in Deutschland zu finden und werden vielerorts geradezu liebevoll von Vereinen instandgehalten.

Der neu erschienene Sammelband „1918 – das Ende des Bismarck-Reiches?“ geht nun über Betrachtungen zur historischen Rolle des Politikers Otto von Bismarck und seiner Verklärung zum Mythos deutlich hinaus. Wie die Herausgeber Holger Afflerbach und Ulrich Lappenküper einleitend schreiben, loten die Autoren Antworten auf die Frage aus, „wieviel von dem ursprünglichen Bismarckreich 1918 […] noch übrig war“ und „was vom politischen Erbe des Eisernen Kanzlers noch in unserem demokratisch verfassten Gemeinwesen fortlebt“. Die Beiträge gehen auf eine Konferenz der Otto-von-Bismarck-Stiftung zurück, die im April 2019 im Historischen Kolleg München stattfand. An der abschließenden Podiumsdiskussion nahm auch der Bundesminister und Bismarck-Kenner Peter Altmaier teil.

Um das politische Erbe Bismarcks bestimmen zu können, analysieren die Autoren vor allem zwei Themenkomplexe. Zum einen prüfen sie aus verschiedenen Perspektiven die Annahme, dass das Ende des Bismarckreichs mit dem des Kaiserreichs identisch ist. Zum anderen wird die Frage untersucht, ob Bismarck nur ein meisterhafter politischer Opportunist mit einem großen Gespür für seine politischen Möglichkeiten war oder doch auch über für ihn unverhandelbare Vorstellungen verfügte.

Die informativen Beiträge sind vier Schwerpunkten zugeordnet: 1. Bismarcks Erbe: Preußens Dominanz und monarchischer Reichsgedanke, 2. Der Untergang der deutschen Dynastien 1918, 3. Liberalismus und Parlamentarisierung 1918 und 4. Die nationale Verfasstheit des Deutschen Reiches, wobei hier die erfolglose Minderheitenpolitik gegenüber Elsass-Lothringern, Polen und Dänen im Mittelpunkt steht.

Sichtbar wird insgesamt ein (scheinbares) Paradoxon. Anders als die Sicherung der preußischen Krone und der Machtstellung Preußens in Deutschland gehörte die Errichtung eines deutschen Nationalstaates nicht zu Bismarcks Zielen, sondern war für ihn Mittel zum Zweck. Aber nicht wenige der unter seiner Regierung etablierten reichsdeutschen Institutionen erwiesen sich als modern und höchst funktional, wandelten sich mit dem Systemwechsel 1918 und bestanden fort. Und so gehören noch heute beispielsweise die Verwaltungsgerichtsbarkeit und der Bundesrat zum Institutionengefüge der Bundesrepublik.


Holger Afflerbach und Ulrich Lappenküper (Hrsg.)
1918 – Das Ende des Bismarck-Reichs?
Paderborn, Verlag Ferdinand Schöningh 2021 (Otto-von-Bismarck-Stiftung, Wissenschaftliche Reihe, Band 29)

Ein lesenswerter Beitrag über einige Bismarck-Türme in Sachsen-Anhalt ist am 14. Februar 2021 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen:
Zeitreise ins Kaiserreich: Turm und Drang

Einen Überblick über die Bismarck-Orte weltweit bietet unser Projekt Bismarckierung.