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Unser Kalender zeigt im Dezember den Druck „Heil Dir im Siegerkranz (16. Juni 1871)“ nach dem Gemälde „Einzug durch Brandenburger Tor 1871“ von Wilhelm Camphausen (um 1880), Archiv der Otto-von-Bismarck-Stiftung, Inventar-Nr.: ZSg 693.

Wie schon 1864 und 1866 wurde Preußens Hauptstadt Berlin nach dem Sieg über Frankreich im Frühsommer 1871 Schauplatz eines besonderen militärischen Spektakels. Die Stadt bereitete sich auf den Empfang der siegreichen Truppen vor – und putzte sich entsprechend heraus: Straßen und Gebäude wurden mit Eichenlaub, Lorbeerkränzen, Teppichen sowie Blumen- und Girlandenschmuck versehen, Flaggenmasten und Wappenschilde aufgestellt. Am 16. Juni marschierte das siegreiche preußische Heer in Berlin ein, vertreten durch Garderegimenter und Abordnungen der anderen Truppenteile. Denkmäler, Ehrenbögen, Ehrensäulen, allegorische Darstellungen und andere Kunstwerke, Inschriften, Beutewaffen sowie Truppenfahnen säumten die via triumphalis vom Tempelhofer Feld über das Brandenburger Tor bis hin zum Lustgarten und zum königlichen Schloss. Am Abend wurden die geschmückten Straßen und Gebäude sogar festlich beleuchtet. Entlang dieser Strecke waren die Berliner, auswärtige Besucher sowie die Vertreter von Verbänden und Vereinen, nach gesellschaftlicher Stellung und Berufsstand geordnet, aufgestellt worden, um für die vorbeiziehenden Soldaten jubelnd und Taschentücher schwenkend Spalier zu stehen. Andere verfolgten das Spektakel von den Fenstern und den Dächern der Häuser oder von voll besetzten Tribünen aus. Marschmusik, Glockengeläut sowie der Jubel der Massen begleiteten den Einzug des siegreichen Heeres.

Der Druck nach Wilhelm Camphausens Gemälde zeigt den Höhepunkt des oben beschriebenen Ereignisses. An der Spitze seiner Truppen zieht Wilhelm I. mit seinem Gefolge aus königlichen Prinzen als Triumphator durch das Brandenburger Tor in seine Haupt- und Residenzstadt ein. 60 in weiße Alpakaroben gekleidete Ehrenjungfrauen empfangen den frischgekürten Imperator. Eine von ihnen, mit Namen Jeanne Blaeser, überreicht dem Monarchen nach dem Vortragen eines kurzen Gedichts auf einem weißen Atlaskissen einen Lorbeerkranz, den der Kaiser im Namen der Armee dankend entgegennimmt. Rechts von ihm reiten Kronprinz Friedrich Wilhelm und Prinz Friedrich Karl von Preußen. Etwas weiter rechts davon ist eine Gruppe Berittener abgebildet, die auf den Kaiser wartet, darunter Helmuth von Moltke sowie Otto von Bismarck in seiner weißen Kürassieruniform. Im Vordergrund beobachten Zivilisten und Uniform tragende Personen das Geschehen, während im Hintergrund weitere zahlreiche Schaulustige zu erkennen sind.

Den Schlussakt der Feierlichkeiten bildete die Enthüllung eines Reiterdenkmals im Lustgarten für König Friedrich Wilhelm III., den Vater Wilhelms I. und Sieger über Napoleon I. Die mitgeführten, vom Feind eroberten Fahnen, Adler und Standarten wurden am Postament des Denkmals niedergelegt. Als die Hülle fiel, spielten und sangen Musiker und Chöre „Heil Dir im Siegerkranz“. 101 Kanonenschüsse sowie Glockengeläut verkündeten der ganzen Stadt den feierlichen Akt. Nachdem der Choral „Nun danket alle Gott“ beendet war, erfolgte der Abmarsch der Truppen in ihre Quartiere.

Die Gründung des Deutschen Reiches markierte für das europäische Staatensystem eine tiefe Zäsur. In der Mitte des Kontinents war ein neues Machtzentrum entstanden, dem aufgrund seiner Bevölkerungszahl, militärischen Kraft sowie wirtschaftlichen Stärke eine potenziell hegemoniale Stellung zufiel. Gleichzeitig büßte Frankreich seine bisher führende Stellung in Europa ein. Die Beziehungen zwischen beiden Staaten blieben nicht zuletzt wegen der erfolgten Abtretung von Elsass-Lothringen dauerhaft belastet.