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Die weißen Busse für den Transport der Häftlinge wurden vom schwedischen Roten Kreuz organisiert. Diese Aufnahme von Hans Lorenzen zeigt sie vor der Abfahrt in Friedrichsruh.

Getragen war dieser Vortrag von der großen Empathie, mit der sich Ulrike Jensen seit vielen Jahren ihrer Forschung zur Rettungsaktion „Weiße Busse“ widmet: Die Historikerin, die in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme für die politische Bildungsarbeit mit Jugendlichen zuständig ist, schilderte auf Einladung der Otto-von-Bismarck-Stiftung das Geschehen vor allem aus der Perspektive der damaligen Häftlinge. Schauplätze der Aktion im Frühjahr 1945 waren Friedrichsruh und das damalige KZ Neuengamme.

Der Vortrag war ursprünglich für den Mai dieses Jahres geplant und musste nach Ausbruch der Corona-Pandemie verschoben werden. Er gehört in die Reihe der Veranstaltungen, mit denen in Aumühle und Wohltorf an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren erinnert und zugleich das bisherige Gedenken kritisch reflektiert wird.

Die Familie von Bismarck stellte in Friedrichsruh ein Grundstück zur Verfügung, das als „Basislager“ der Rettungsaktion diente. Foto: Das Herrenhaus kurz vor der Bombardierung im April 1945, aufgenommen von Hans Lorenzen.

Nach einem kursorischen Überblick über das Schicksal der skandinavischen Länder im Zweiten Weltkrieg – Dänemark und Norwegen wurden besetzt, Schweden blieb zumindest offiziell neutral – beschrieb Jensen zunächst die relativ privilegierte Stellung skandinavischer Häftlinge in deutschen Konzentrationslagern. Eingesperrt waren nicht nur Jüdinnen und Juden, wie sie aufzeigte, sondern beispielsweise auch dänische Polizisten und Grenzbeamte, die sich geweigert hatten, Gefangenentransporte nach Deutschland abzufertigen. Insgesamt wurden 6.000 Däninnen und Dänen sowie 10.000 Norwegerinnen und Norweger in deutsche Konzentrationslager deportiert. Ihre Angehörigen und ihre Regierungen versuchten, das Leiden der Inhaftierten zu lindern, vor allem durch die Versendung von Paketen mit Nahrungsmitteln. Die Freude darüber sei aber zugleich mit einem Dilemma verbunden gewesen, so Jensen, hätten die Zuwendungen doch nie ausgereicht, um polnische, ukrainische oder russische Mitgefangene, die keinerlei Unterstützung erhielten, mitzuversorgen.

Pause für die Retter im Sachsenwald.

Als sich die Situation in den Konzentrationslagern Anfang des Jahres 1945 weiter verschlimmerte, nutzte der schwedische Diplomat Folke Bernadotte Graf von Wisborg den Versuch Heinrich Himmlers, über ihn Kontakt zu den westlichen Kriegsgegnern mit dem Ziel eines Separatfriedens aufzunehmen. Für diese Vermittlung forderte er eine Gegenleistung: Alle skandinavischen KZ-Häftlinge sollten in einem Lager unter der Leitung des Roten Kreuzes zusammengefasst werden und später nach Schweden ausreisen dürfen. Jensen erläuterte, dass in Friedrichsruh auf einem Grundstück der Familie von Bismarck ein „Basislager“ eingerichtet wurde. Von dort aus fuhren im März 1945 weiß gestrichene Busse, die das schwedische Rote Kreuz organisierte, in verschiedene Konzentrationslager und holten die skandinavischen Häftlinge nach Neuengamme. Nur die skandinavischen Frauen, die in Ravensbrück inhaftiert waren, und die skandinavischen Häftlinge des KZ Theresienstadt durften sofort nach Schweden ausreisen.

Gebannt folgten die Zuhörerinnen und Zuhörer an diesem Abend im Historischen Bahnhof vor allem jenen Passagen des Vortrags, in denen Jensen die damaligen Häftlinge zu Wort kommen ließ. Mitgebracht hatte sie längere Zitate, auch aus Interviews, die sie selbst geführt hatte, sowie einige eindrückliche Zeichnungen und Fotos. So standen nicht nur fast unmittelbar die elendigen Haftbedingungen im Raum, sondern auch die bitteren Erfahrungen der Busfahrer und Häftlinge, die im KZ Neuengamme ein Haus mit Sterbenden räumen mussten, um Platz für das Lager der Skandinavier zu machen. Die Historikerin berichtete von den Traumata, die die Überlebenden verfolgten, viele litten unter der „Überlebensschuld“, einer Form der posttraumatischen Belastungsstörung, die nach extremen Erlebnissen auftreten kann.

Die skandinavischen Frauen, die im KZ Ravensbrück inhaftiert waren, wurden ohne den Umweg über das KZ Neuengamme in die Freiheit entlassen. Alle Fotos auf dieser Seite sind dem Archiv des Nationalmuseums Kopenhagen entnommen.

Die skandinavischen Häftlinge durften im Laufe des Aprils 1945 ausreisen. Von Neuengamme ging es zunächst nach Friedrichsruh für eine erste Nacht in Freiheit. Dann wurden alle nach Schweden gebracht, auch die dänischen und norwegischen Staatsangehörigen – in ihren besetzten Heimatländern wären sie nicht in Sicherheit gewesen. In Dänemark empfingen viele Menschen die Busse – auch in der Hoffnung, vom Schicksal ihrer Angehörigen zu erfahren. Die in die Freiheit Entkommenden wurden überschwänglich begrüßt, der ehemalige Häftling Per Saxegaard erzählte davon in einem 2002 geführten Interview: „Ich war sehr krank. Ich wurde liegend transportiert. Ich hatte einen Schlafplatz ganz oben. Auf dem Weg durch Dänemark hatte ich das Fenster unten, und die Dänen warfen Blumen zu mir herein, Unmengen von Blumen. Es war schlechtes Wetter, es regnete, aber … Es hatten sich Tausende von Dänen versammelt, um uns willkommen zu heißen.“

 

Das Nationalmuseum Kopenhagen hat Fotos, mit denen die Rettungsaktion dokumentiert wurde, online gestellt: https://samlinger.natmus.dk/search?q=busser&collection=FHM

 

Literatur zum Thema:
Oliver von Wrochem (Hrsg.)
Skandinavien im Zweiten Weltkrieg und die Rettungsaktion „Weiße Busse“
Ereignisse und Erinnerung
herausgegeben im Auftrag der KZ-Gedenkstätte Neuengamme unter Mitarbeit von Lars Jockheck (Neuengammer Kolloquien 2), Berlin 2012