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Am 29. März 1890 veröffentlichte die Londoner Satirezeitschrift „Punch“ die wohl international bekannteste Bismarck-Karikatur: „Dropping the pilot“. John Tenniel (1820 – 1914) popularisierte damit eine Bildsprache, die bis heute lebendig ist. Die sprichwörtlich gewordene deutsche Übersetzung „Der Lotse geht von Bord“ trifft allerdings weder die Aussage des Zeichners noch das historische Geschehen auf den Punkt. Es ist zu vermuten, dass die „preußische Zensur damals bei der Übersetzung leise die Feder mitgeführt haben“1 könnte.

Kaiser Wilhelm II. ist als scheinbar passiver Beobachter zu sehen, der an der Reling lehnt und entspannt den Abgang Otto von Bismarck beobachtet. John Tenniel dürfte den scheidenden Kanzler dabei aber tatsächlich weniger als Lotsen gesehen haben denn als Steuermann (wie „pilot“ auch übersetzt werden kann), der das „Staatsschiff“ verlassen muss2 – „dropping“ kann allgemein durchaus mit „fallenlassen“ übersetzt werden, in der Fachsprache der Seefahrt lässt man damit jemanden von Bord gehen.

Der erste deutsche Reichskanzler hatte am 18. März 1890 sein Rücktrittsgesuch schließlich nur unwillig eingereicht. Zweimal war er dazu von Kaiser Wilhelm II. aufgefordert worden, und zwar aus vielfältigen Gründen: Zum einen lehnte er den repressiven Kurs des Reichskanzlers gegenüber der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung ab. Zum anderen empfand er dessen Versuch, sämtliche Kommunikation der Minister mit ihm zu kontrollieren, als inakzeptabel. Bismarck, der nach den Ergebnissen der Reichstagswahl im Februar 1890 zudem keine Mehrheiten mehr für die Unterstützung seiner Politik finden konnte, musste sich schließlich geschlagen geben. Sein Rücktritt stand dennoch nicht für eine politische Richtungsentscheidung, wie Lothar Gall in seiner Bismarck-Biografie schreibt: Bei dessen „Sturz ging es von Seiten derer, die ihn stürzten, in Wahrheit um keine Zukunft, um keine vorwärtsweisende Alternative, sondern fast ausschließlich um das, woran sich auch der alternde Kanzler so sehr klammerte: um die Macht als solche und nicht zuletzt um ihren äußeren Schein und ihre Insignien.“3

Selbstporträt von John Tenniel aus dem Jahr 1889 und der von ihm gezeichnete verrückte Hutmacher aus „Alice im Wunderland“.

Bismarck, der sich selbst gerne maritimer Sprachbilder bediente4, hätte für „pilot“ sicher den „Steuermann“ als Übersetzung gewählt, passend zum eigenen Verständnis seiner Rolle. Diese beschrieb er in seinen „Gedanken und Erinnerungen“ beispielsweise bei dem Versuch, den nationalliberalen Politiker Rudolf von Bennigsen 1877 für das Amt des preußischen Innenministers zu gewinnen: „Ich hätte den aufrichtigen Wunsch, ihn zu überreden, daß er, wie ich mich ausdrückte, zum mir in das Schiff springe und mir beim Steuern helfe.“5

Der „Punch“ griff das Motiv von „Steuermann und Staatsschiff“ 25 Jahre später für eine weitere Karikatur wieder auf. Am 31. März 1915, einen Tag vor Bismarcks 100. Geburtstag und mitten im Ersten Weltkrieg, erschien „The Haunted Ship“. Zu sehen ist der Geist des ersten Reichskanzlers, der zum Entsetzen des Kaisers wieder an Bord des deutschen Staatsschiffs kommt. Die Bildunterschrift lautete: „I wonder if he would drop me now!“ – Ich frage mich, ob er mich wieder von Bord schicken würde! Diese zweite Zeichnung stammt aus der Feder von John Bernard Partridge. John Tenniel war im Jahr zuvor verstorben. In Erinnerung geblieben ist er nicht nur für „Dropping the pilot“. Verehrt wird er heute, wie sich an seinem 200. Geburtstag im Februar dieses Jahres in vielen Veröffentlichungen zeigte, vor allem für ein Werk aus dem Jahre 1865: die Illustration der ersten Ausgabe von „Alice’s Adventures in Wonderland“.


1. Stephan Leibfried: „Bismarcks Fall 1890 und die Erfindung des deutschen Staatsschiffs“, Vortrag anlässlich der Verleihung des Schader-Preises, 15. Mai 2014, zuletzt aufgerufen am 25. März 2020: https://www.schader-stiftung.de/themen/demokratie-und-engagement/fokus/internationale-politik/artikel/bismarcks-fall-1890-und-die-erfindung-des-deutschen-staatsschiffs/

2. ebenda

3. Lothar Gall: Bismarck. Der weiße Revolutionär, Frankfurt a.M. 1980, S. 693

4. Wolfgang Mieder / Andreas Nolte: „Ein Schwert hält das andere in der Scheide“. Otto von Bismarcks sprichwörtliche Rhetorik, Würzburg 2018, S. 112 ff.

5. Otto von Bismarck: Gesammelte Werke, Neue Friedrichsruher Ausgabe, Abteilung IV, Gedanken und Erinnerungen. Hrsg. von Michael Epkenhans/Eberhard Kolb, Paderborn 2012, S. 325