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Prof. Dr. Carola Groppe eröffnete im gut besuchten Historischen Bahnhof Einblicke in eine historische Lebenswelt.

Das Leben mochte nach der Reichsgründung unübersichtlicher geworden sein, hatte durch Bevölkerungswachstum, Hochindustrialisierung und Ausbau der Infrastruktur an Tempo gewonnen. Das Bürgertum aber fand darauf seine Antwort, wie es Prof. Dr. Carola Groppe gestern in ihrem Vortrag im Historischen Bahnhof Friedrichsruh beschrieb: Die bürgerliche Person sollte durch ihre Bildung in der Lage sein, alle „Fäden in der eigenen Hand“ zu halten und damit individuell für sich verantwortlich zu sein.

Die Erziehungswissenschaftlerin, die an der Helmut-Schmidt-Universität / Universität der Bundeswehr Hamburg lehrt, veranschaulichte ihren Forschungsbefund am Beispiel der damals etwa 60-köpfigen Unternehmerfamilie Colsman aus Langenberg bei Essen. Diese war dem Wirtschaftsbürgertum zuzuordnen, dessen Lebensmodell in vielerlei Hinsicht große Gemeinsamkeiten mit dem Bildungsbürgertum, also den akademisch Ausgebildeten und ihren Familien, aufwies. Während sich die älteren Colsmans in der ersten Phase des Kaiserreichs bis 1890 weiterhin als Preußen fühlten, änderte sich die Eigenwahrnehmung im Laufe der zweiten Phase von 1890 bis 1914: Die nächste Generation pflegte Handelsbeziehungen nicht nur nach England, sondern rund um den Globus, profitierte von der ersten Globalisierung und entwickelte Stolz auf die wirtschaftlichen Leistungen – die eigenen und die des Deutschen Reiches, dem man sich zunehmend verbunden fühlte.

Kunst und Kultur wurden im 19. Jahrhundert vom Bürgertum geprägt – und es wurde auch selbst ein Motiv, Adolph von Menzel (1815 – 1905) zeigte in seinem Gemälde eine „Abendgesellschaft“.

Die Referentin zeigte anhand von Briefen, die sich das Ehepaar Adele Colsman und Wilhelm Colsman-Bredt1 schrieb, sowie weiterer Korrespondenzen, wie weltoffen und politisch interessiert die Mitglieder der Familie waren. Dies sei ein wichtiger Hinweis darauf, dass das Kaiserreich allein mit den Begriffen Obrigkeitsstaat und Untertanengesellschaft nicht hinreichend beschrieben sei, sagte sie: Gerade auf kommunaler Ebene fiel keine Entscheidung ohne die Bürgerlichen; Unternehmer wie Wilhelm Colsman-Bredt agierten zudem als selbstbewusste Lobbyisten in eigener Sache in Berlin, wovon seine Beschreibungen von Abendgesellschaften, zu denen er von Reichskanzler Otto von Bismarck gebeten wurde, zeugen. Allgemein sei festzuhalten, so Groppe, dass die Wahlbeteiligung im Kaiserreich kontinuierlich angestiegen sei und die Debatten im Reichstag einen großen Widerhall in den Zeitungen und damit in der Öffentlichkeit gefunden hätten. Ein allgemeiner Untertanengeist sei aus den Quellen nicht herauszulesen, das politische System sei im Bürgertum als akzeptabel angesehen worden, wobei es zunehmend zu einer „politischen Bewusstseinswerdung“ gekommen sei.

Diese Beobachtung treffe auch auf die bürgerlichen Frauen zu; sie seien im ausgehenden 19. Jahrhundert ihren Ehemännern Diskussionspartnerinnen auf Augenhöhe gewesen. Die Möglichkeit, eine selbstbestimmte Balance der Lebensbereiche zu finden, habe sich ihnen allerdings erst mit dem Zugang zu den höheren Bildungsabschlüssen und schließlich in der Weimarer Republik mit dem Wahlrecht eröffnet.

 

Literatur von Prof. Dr. Carola Groppe zum Thema:

 


Nachweis Gemälde: gemeinfrei / https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Adolf_Friedrich_Erdmann_von_Menzel_001.jpg

1. Wilhelm Colsman-Bredt hatte den Geburtsnamen seiner aus einer anderen Unternehmerfamilie stammenden Frau aus Prestigegründen an seinen Namen angehängt.