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Der Innenhof des Hamburger Rathauses, aufgenommen zwischen 1897 and 1905. Martin Haller hatte sich sehr engagiert für den Neubau eingesetzt und war dann federführend an der Realisierung beteiligt.

„Mein Specialfach ist Privat- und Luxusarchitektur. Das entspricht meinem Charakter, meinem Geschmack“, schrieb Martin Haller am 3. Juni 1861 aus Paris an seinen Vater. Nach Stationen in Potsdam und Berlin war er in die französische Hauptstadt gezogen, um dort seine Ausbildung abzurunden – just in der Zeit, in der Georges-Eugène Haussmann deren Zentrum in eine moderne Metropole umgestaltete. Als Haller bald darauf die eigene Karriere in seiner wirtschaftlich aufstrebenden Heimatstadt Hamburg begann, setzte er auch auf eine Architektur im Stil der Neorenaissance und gewann damit im Laufe der nächsten Jahrzehnte zahlreiche Auftraggeberinnen und Auftraggeber, die seine herrschaftlichen Bauten sehr schätzten.

Martin Haller (1835 bis 1925) baute aber nicht nur luxuriöse Villen für die Hamburger Oberschicht, wie Dr. Claus Gossler am gestrigen Abend im Historischen Bahnhof Friedrichsruh erläuterte, sondern auch Bankhäuser und moderne Bürobauten, die Laeiszhalle und, als führendes Mitglied im Rathausbaumeisterbund, das Hamburger Rathaus. In seinen aktiven Jahren bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs war er damit Teil der Hamburger Gesellschaft. Wie genau er diese im Blick hatte, zeigen seine Lebenserinnerungen. Er hatte sie in den Jahren 1913 bis 1920 handschriftlich in elf Kladden zu jeweils etwa 100 Seiten festgehalten. Jahrzehntelang lagen sie unbeachtet im Hamburger Staatsarchiv – die Stadt hatte ihren Sohn, der doch ihr modernes Gesicht so maßgeblich mitgeprägt hat, fast vergessen. Erst mit der hundertsten Wiederkehr der Einweihung des Hamburger Rathauses im Jahr 1997 sei die Erinnerung an Martin Haller langsam wieder zurückgekehrt, berichtete Gossler.

Martin Haller, Wilhelm Hauers und Wilhelm Emil Meerwein (v.l.), drei der Baumeister des Hamburger Rathauses.

Unter dem Dach und mit Unterstützung des Vereins für Hamburgische Geschichte hat Gossler zwei Jahre lang diese handschriftlichen Aufzeichnungen gesichtet, transkribiert und nun als dickes Buch herausgegeben. Bei den ersten fünf Kladden handele es sich um eine chronologische Erzählung, in den sechs weiteren würden einzelne Themen herausgearbeitet, erläuterte er. Ein Viertel des Gesamtumfangs habe Haller dabei den Lebensumständen und -gewohnheiten seiner Großeltern und deren Nachkommen gewidmet. „Für Haller war seine jüdische Herkunft immer wieder Gegenstand seiner Gedanken und Erörterungen“ (12), schreibt der Historiker auch in der Einleitung. So habe er jeder einzelnen Kladde den Sinnspruch „Meminisse juvabit“ (Einst wird es Freude machen, sich zu erinnern) vorangestellt. Es sei der Wahlspruch seiner Vorfahren mütterlicherseits gewesen, die dabei die jahrhundertelange Verfolgung der Juden vor Augen gehabt hätten. Haller selbst war, wie schon sein Vater, getauft – der Jurist Nicolaus Ferdinand Haller (1805 – 1876) war der erste Hamburger Senator jüdischer Abstammung und mehrfach Erster und Zweiter Bürgermeister, nach ihm ist die Hallerstraße in Hamburg benannt. Im Anschluss an die gestrige Buchvorstellung wurde die Frage aufgeworfen, inwieweit Haller selbst mit dem im Kaiserreich grassierenden Antisemitismus konfrontiert war. In seinen Aufzeichnungen ist unter anderem nachzulesen, dass er sich vorurteilsbeladene Aussagen von jemandem anhören musste, der fälschlich annahm, in Haller jemanden mit ähnlicher Gesinnung vor sich zu haben. Auch ist auffällig, dass Haller mit seiner Familie zwar zum Freundeskreis des langjährigen Bürgermeisters Carl Friedrich Petersen gehörte, er aber nicht in dessen nähere Bekanntschaft mit Otto und Johanna von Bismarck einbezogen wurde – obwohl man in Hamburg wiederholt zusammen feierte, so die Schilderung Gosslers, wurden die Hallers nie nach Friedrichsruh eingeladen. Deutlich wurde in der Diskussion, dass in dieser Frage die Forschung noch keine erschöpfenden Antworten geliefert hat.

Das Buch
Claus Gossler (Hrsg.)
Die Lebenserinnerungen des Hamburger Architekten Martin Haller (1835-1925). Porträt einer großbürgerlichen Epoche der Hansestadt
Göttingen 2019 (Beiträge zur Geschichte Hamburgs, im Auftrag des Vereins für Hamburgische Geschichte herausgegeben von Rainer Hering, Band 68)

Zum Thema ist außerdem erschienen:
Karin von Behr
Martin Haller 1835 – 1925. Privat- und Luxusarchitekt aus Hamburg
Mit einem Essay von David Klemm
München / Hamburg 2019


Bildnachweise:
Innenhof des Hamburger Rathauses: gemeinfrei
„Die Baumeister des Hamburger Rathauses“ (I) in: C. W. Allers / Hans Kraemer: Unser Bismarck, Stuttgart, Berlin, Leipzig o.J. , S. 225, VIII (Bibliothek der Otto-von-Bismarck-Stiftung)

Zitat von Martin Haller: Gossler, Seite 8