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Das Gemälde hängt bis zum 15. März im Schloss von Versailles (Foto: © EPV / Thomas Garnier)

Verpackt in einer großen Holzkiste wurde sie durch ein ausgebautes Fenster des Bismarck-Museums geschoben und auf einen klimaregulierten LKW-Anhänger verladen – der Transport war ein kleines Abenteuer, nun aber hängt „Die Proklamierung des deutschen Kaiserreiches (18. Januar 1871)“ vor dunkelrotem Hintergrund im Schloss von Versailles. Das Gemälde Anton von Werners ist für die Ausstellung „Versailles Revival 1867-1937“ für einige Wochen dorthin gereist, wo sich die deutsche und französische Geschichte schicksalhaft berührten.

Bis zum 15. März 2020 ist die große Ausstellung zu sehen, die an die Wiederbelebung des Schlosses von Ludwig XIV. erinnert: Nach der Französischen Revolution war es im kollektiven Bewusstsein verblasst und wurde erst einhundert Jahre später „wiederentdeckt“. Einen wesentlichen Anteil daran hatte zunächst die Ehefrau Napoleons III., Kaiserin Eugénie – sie schwärmte für Königin Marie Antoinette und deren Lebensstil. Ihre Leidenschaft wurde bald geteilt und Versailles zum Vorbild für andere Königspaläste. So ließ Ludwig II. von Bayern, ein großer Bewunderer des Sonnenkönigs, nach diesem Vorbild das Schloss Herrenchiemsee errichten.

Das Bild wurde im Bismarck-Museum sorgfältig in einer Transportkiste fixiert.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entdeckten dann auch Maler, Musiker und Schriftsteller Versailles für sich und ließen sich inspirieren – Marcel Proust konnte der vergangenen Schönheit allerdings nur melancholische Gedanken abgewinnen.1 In den Jahren 1892 bis 1919 wurde das Schloss, das inzwischen zu einem Museum geworden war, unter seinem Direktor Pierre de Nolhac prachtvoll wiederhergestellt. Dass sich viele Künstlerinnen und Künstler kurz vor und um die Jahrhundertwende vom Schloss in Versailles inspirieren ließen, ist nach Ansicht der Kuratoren ein überraschender Moment in der Kunstgeschichte. Dieser wird in der Ausstellung mit fast 350 Werken, Dokumenten und Fotografien eingefangen.

Diese Wiederbelebung – auch daran erinnert die Ausstellung – geschah vor dem Hintergrund tiefgreifender politischer Umbrüche, die der Kriegserklärung Frankreichs an Preußen am 19. Juli 1870 folgten: Nach dem Sturz Napoleons III. und der Ausrufung der Dritten Republik im September diente Schloss Versailles vom 5. Oktober 1870 bis 13. März 1871 als Sitz des großen Hauptquartiers der deutschen Armeen. Dort wurde dann am 18. Januar 1871 der preußische König Wilhelm I. zum Deutschen Kaiser ausgerufen – von Anton von Werner auf jenem Bild2 festgehalten, das die Reise aus dem Sachsenwald angetreten hat.

Bis zur Rückkehr des Gemäldes zeigen wir in Friedrichsruh eine hervorragende fotografische Reproduktion in gleicher Größe.

Das Gemälde aus Friedrichsruh wird in der Abteilung gezeigt, in dem das Schloss von Versailles als „Ein Ort der Repräsentation der Macht“ erscheint. Es hängt neben Werken des Franzosen Pierre Puvis de Chavannes, der viele Wandmalereien für öffentliche Gebäude geschaffen hatte, und des Deutschen Georg Bleibtreu, der im 19. Jahrhundert als Schlachtenmaler berühmt war.

„In der Ausstellung, die den historischen und politischen Kontext der Renaissance von Versailles in der Zeit zwischen dem Ende des Zweiten Kaiserreiches und der Zwischenkriegszeit in Erinnerung ruft, erschien es uns offensichtlich, das Gemälde Anton von Werners zu zeigen“, haben uns die Kuratoren auf die Frage geantwortet, warum sie die „Kaiserproklamation“ ausgeliehen haben. „Kein Werk könnte besser von dem Ereignis am 18. Januar 1871 zeugen, das ebenso grundlegend für die deutsch-französischen Beziehungen war wie für die Geschichte des Schlosses von Versailles, das damals der Schauplatz war.“

 

Eine ausführliche französischsprachige Übersicht (siehe „Dossier de presse“) kann auf der Website des Château Versailles angeklickt werden: „Versailles Revival 1867-1937“.

 


1. „Versailles, grand nom rouillé et doux, royal cimetière de feuillages, de vastes eaux et de marbres, lieu véritablement aristocratique et démoralisant, où ne nous trouble même pas le remords que la vie de tant d’ouvriers n’y ait servi qu’à affiner et qu’à élargir moins les joies d’un autre temps que les mélancolies du nôtre.“ (Marcel Proust, Les Regrets: Reveries couleur du temps; in: Les plaisirs et les jours, 1896 – Versailles, ein großer Name, der rostig und süß ist, ein königlicher Friedhof aus Laub, riesigem Wasser und Marmor, ein wahrhaft aristokratischer und demoralisierender Ort, an dem wir nicht einmal von der Reue geplagt sind, dass das Leben so vieler Arbeiter nur dazu gedient hat, die Freuden einer anderen Zeit ebenso zu vergrößern wie unsere eigene Melancholie.)

2. „Die Proklamierung des deutschen Kaiserreiches (18. Januar 1871)“, Öl auf Leinwand, 1885: Das vom Historienmaler Anton von Werner geschaffene Gemälde, ein Geschenk der preußischen Königsfamilie zu Otto von Bismarcks 70. Geburtstag, ist die dritte und einzige erhaltene Fassung von insgesamt vier von ihm gemalten Bildern, die das geschichtsmächtige Ereignis vom 18. Januar 1871 festhalten. Es zeigt den auf einem Podest stehenden Kaiser Wilhelm I., an seiner rechten Seite Kronprinz Friedrich Wilhelm, den späteren Kaiser Friedrich III., zu seiner Linken sein Schwiegersohn Großherzog Friedrich I. von Baden, der das „Hoch auf Kaiser Wilhelm“ ausbrachte, und hinter dem neuen Kaiser die deutschen Bundesfürsten sowie die Regimentsfahnen. Vor dem Podium steht Otto von Bismarck, preußischer Ministerpräsident und Außenminister sowie Kanzler des Norddeutschen Bundes, mit dem Text der Proklamationsurkunde, links von ihm der Chef des Generalstabs, Helmuth von Moltke, etwas weiter rechts der preußische Kriegsminister Albrecht von Roon, hinter und neben Bismarck die deutschen Heerführer.
In einer ersten Fassung, die Werner zum 80. Geburtstag Wilhelms I. für das Königliche Schloss in Berlin angefertigt hatte, stellte er Bismarck weniger herausgehoben dar. Seine zweite Version aus dem Jahre 1882 für das Zeughaus in Berlin rückte Bismarck dann stärker in den Mittelpunkt. Eine vierte Ausführung entstand 1913 als Wandbild in der Aula des Realgymnasiums in Frankfurt/Oder. Die ersten beiden Fassungen wurden im Zweiten Weltkrieg vernichtet, die vierte überstand zwar den Krieg, gilt aber spätestens seit 1948 als verschollen.
(Vielen Dank an Dr. Maik Ohnezeit für diese Information.)