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Schloss Rheinsberg auf einer Postkarte aus dem Jahr 1907 (Public Domain).

Rheinsberg hat in der Literatur prominente Beachtung gefunden, bei Theodor Fontane in seinen „Wanderungen durch die Mark Bandenburg“ oder bei Kurt Tucholsky in einem „Bilderbuch für Verliebte“. Der Publizist Eberhard Pühl zeigt in einem neu erschienenen Band, dass in dieser kleinen Reihe ein Name zu ergänzen ist: Annemarie Schwarzenbach.

Einige wenige Zeilen mit der Beschreibung des Gartens und des Säulengangs, der die beiden Seitenflügel des Schlosses verbindet, genügen Pühl als Hinweis: Ein wesentlicher Teil der „Lyrischen Novelle“, 1933 von Annemarie Schwarzenbach nach schwerem Liebeskummer veröffentlicht, spielt im namentlich ungenannten Rheinsberg. „Diese Stadt ist so klein, man kennt nach einem einzigen Spaziergang jeden Winkel“, so ihre weitere Beschreibung. Pühl, der zuvor unter anderem Bände über Parks und Gärten veröffentlichte, ist der Schriftstellerin nachgereist und erkundet in dem schmalen Band „Annemarie Schwarzenbach in Rheinsberg“ ihr Werk und Leben. Um ein historisch präzises Bild zeichnen zu können, hat er sich auch bei Prof. Dr. Ulrich Lappenküper, Geschäftsführer der Otto-von-Bismarck-Stiftung, über den Familienstammbaum sowie den Bismarck-Mythos informiert: Die 1908 geborene Schriftstellerin gehörte zur weitverzweigten Familie Bismarck, ihre Großmutter Clara Gräfin von Bismarck war eine Cousine dritten Grades des ersten Reichskanzlers.

Mit Annemarie Schwarzenbach vergrößert sich das Bild der Familie um eine junge Frau, die aus ihrer Homosexualität nur in ihren Büchern ein Geheimnis machte, in den 1930er-Jahren weite Reisen mit dem Auto bis nach Afghanistan unternahm und in Persien als archäologische Hilfsassistentin jobbte. Die dezidierte Gegnerin des NS-Regimes war mit Erika und Klaus Mann befreundet, entdeckte für sich Amerika und Afrika und zog 1942 zurück in ihren schweizerischen Heimatort Sils Baselgia. Dort verstarb sie im gleichen Jahr mit nur 34 Jahren nach einem Fahrradunfall. Ihre prominente Verwandtschaft spielte augenscheinlich für sie zeit ihres Lebens keine nennenswerte Rolle. In der „Lyrischen Novelle“ findet sich denn auch nur ein versteckter Hinweis, so lässt sie ihren Protagonisten in einer Wirtsstube ein Bismarck-Porträt entdecken – was auf einer echten Beobachtung beruhen könnte, waren seine Bildnisse doch auch noch lange nach dem Tod des Reichskanzlers eine beliebte Wanddekoration.

Die Beschreibungen seiner Suche nach den Spuren von Annemarie Schwarzenbach hat Pühl mit zahlreichen Fotos vor allem aus Rheinsberg und vielen Zitaten aus der „Lyrischen Novelle“ versehen. Der Band ist damit ein kleiner literarischer Reiseführer geworden. Die Teilnehmer unserer Bildungsreise am 9. Oktober 2019 können also nicht nur auf den Spuren Tucholskys und Fontanes in Neuruppin und Rheinsberg unterwegs sein, sondern auch auf denen von Annemarie Schwarzenbach.

 

Das Buch:

Eberhard Pühl
Annemarie Schwarzenbach in Rheinsberg
Oldenburg, Isensee Verlag 2019