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Wer im Fontane-Jubiläumsjahr schon lange auf einen kleinen Fontane-Text im Bismarck-Blog gewartet hat, für den haben wir jetzt etwas gefunden. Und zwar etwas mit der Fontane-typischen Genauigkeit der Beobachtung, die als sicheres Stilmittel gelegentlich zur überdetaillierten Schilderung neigt und dann unerwartet in einer lakonischen Pointe endet. Das Zitat stammt aus einem Brief Fontanes an den Schriftstellerkollegen und Verleger Julius Rodenberg vom 11. Juni 1889.*

Er war als Genießer unterwegs: Theodor Fontane [1]

„Eins der Bredow-Güter – dicht bei Görne gelegen, wo die Gräfin Adele Bredow-Görne hauste, deren Zusendungen Ihnen schwerlich entgangen sein werden – heißt Kleßen, und dies Kleßen hat einen See, natürlich den Kleßner See. Der ist nun ein eigentümlich feines Ding. Alle sonstigen Seen des Havellandes sind Sumpf und Moor, und nur der Kleßener See hat Sand und Kalk (wie der Limfjord), so daß sein Wasser durchsichtig ist und man bis auf den Grund sehen kann. In diesen See senden nun die sumpfigen Nachbargewässer dann und wann etwas von ihrem Fischreichtum, Aale, Schleie, Bleie, sämtlich moorig, weil sie bis dahin unter schmutzigen Moorverhältnissen gelebt haben. Kaum aber in den Kleßener See getreten, beginnt das Purgatorium, der Reinigungs- und Veredlungsakt all dieser Rowdies und Kommißknüppel, und eh ein halb Jahr um ist, ist aus dem Moor-Aal ein Edel-Aal geworden, der 4fach höher im Preise steht und sein geläutertes Leben, wenn nicht bei Hofe, so doch niedrigstens bei Borchardt oder Dressel beschließt. Ich habe in Kleßen ein Stück von solchem Aal gegessen, an dem nichts Gemeines mehr war, ausgenommen seine kolossale Dicke. Denn das Edle muß auch immer schlank sein. Bismarck z.B. konnte nicht edel sein.“

 

*Unter dem Titel „Aal bei Borchardt oder Dressel“ abgedruckt in der Anthologie:  Theodor Fontane, „Wie man in Berlin so lebt.“ Beobachtungen und Betrachtungen aus der Hauptstadt, 2. Aufl. Berlin 2000, S. 118f. Die Originalschreibweise ist beibehalten.

 

[1] Bildnachweis: Das Denkmal Theodor Fontanes in Neuruppin wurde nach Entwürfen von Max Wiese errichtet. Foto von Lienhard Schulz / Wikimedia Commons (Creative Commons 3.0: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Fontane_Denkmal1.jpg)