Die Mitrailleuse im Bismarck-Museum – seltenes Zeugnis aus dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71

Mitrailleuse aus Bronze, Gusseisen und Holz, hergestellt 1865 in Lyon, Frankreich; Standort: Bismarck-Museum, Friedrichsruh (Inventar-Nr.: A 069)

Die Mitrailleuse „Le General Malus“ aus dem Jahr 1865 ist das wohl schwerste Ausstellungsobjekt im Bismarck-Museum. Das gusseiserne Schnellfeuergeschütz war ein Geschenk Wilhelms I. an seinen Kanzler Bismarck, welches er ihm Ende 1872 überreichte. Die Waffe gelangte als Beute aus dem Deutsch-Französischen Krieg (1870/71) nach Deutschland.

Die Mitrailleuse, in der deutschen Sprache auch „Kugelspritze“ genannt, ist auf eine ursprünglich belgische Entwicklung zurückzuführen und der Gattung der Orgelgeschütze zuzuordnen. Die vielläufige Kanone ist in ihrer äußeren Form, von seitlicher Ansicht, kaum von einem normalen Geschütz zu unterscheiden. Das Objekt besteht aus einem bronzenen Geschützrohr, das auf einer Holzkonstruktion mit zwei großen Rädern befestigt ist (Lafette). Innerhalb des Rohres befindet sich ein gusseiserner Block, der in fünf Lagen jeweils fünf Bohrungen aufweist. Jede dieser Bohrungen ist in ihrer Art mit dem Kugellauf eines normalen Infanteriegewehrs vergleichbar. Der besondere waffentechnische Fortschritt der Mitrailleuse bestand folglich in der Tatsache, dass sie die Kraft von 25 einzelnen Gewehrschüssen in sich vereinte. Durch seitliches Kurbeln konnten die Läufe in kürzester Zeit nacheinander abgefeuert werden. Somit gilt die Mitrailleuse als Vorläufer des modernen Maschinengewehrs. Die Entwicklung wurde 1867 von Kaiser Napoleon III. in der französischen Armee eingeführt.[1]

Als Anerkennung für die Verdienste Otto von Bismarcks um die Reichsgründung nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 schenkte Kaiser Wilhelm I. dem Reichskanzler die erbeutete Mitrailleuse im Dezember 1872, die symbolisch an den Sieg über Frankreich erinnern sollte und ein großes „N“ als Initiale Kaiser Napoleons III. auf dem eisernen Kanonenrohr aufweist.

Die während des Krieges erbeuteten Mitrailleusen und Feldgeschütze wurden in Deutschland sorgfältig studiert und bezüglich ihrer technischen Leistung genau unter die Lupe genommen.[2] In einem Bericht der Provinzial-Correspondenz, einer halbamtlichen preußischen Wochenzeitung, vom 26. Juli 1870 steht im Zusammenhang mit der Mitrailleuse folgendes geschrieben:

„Die Franzosen haben immer dahin gestrebt, bei Beginn eines Krieges mit irgend etwas Neuem die Welt und den Gegner zu überraschen. Dies Mal sind es die Mitrailleusen, welche uns Verwirrung und Niederlage, ihnen aber den Sieg bringen sollen. Noch niemals hatten die Franzosen Glück mit der Einführung neuer Waffen. […] So werden sie 1870 am Ziel vorbei schießen, wenn sie uns mit ihrer Waffe zu überraschen gedenken. Wir haben dieselbe erprobt und ihren geringen wahren Werth sorgfältig ergründet.“[2]

Bei Schnellfeuer konnte eine geübte Mannschaft in einer Minute höchstens 5 Salven à 25 Schuss, also 125 Kugeln, abfeuern. Diese Leistung war jedoch kein großer Vorteil, da die Geschosse über ihre knapp 1100 Meter Reichweite so an Kraft verloren, dass sie nur schwache Treffer erzielen konnten. Hinzu kommt, dass die Waffe für ein Feldgeschütz viel zu unbeweglich war. Mehrere gut ausgebildete und treffsichere Soldaten erzielten mindestens die gleiche Wirkung und waren zudem weitaus beweglicher. [3] Auf den mäßigen Erfolg des Modells weist auch die enorme Zahl der erbeuteten Kanonen hin: Bis zum Ende des Krieges im Mai 1871 erbeuteten die deutschen Soldaten insgesamt 1915 Feldgeschütze und Mitrailleusen. Die Franzosen hingegen erbeuteten nur 8 Feldgeschütze.[4]

Ihre geringfügige Wirkung führte dazu, dass die Mitrailleuse nach dem Krieg gegen Deutschland wieder ausgemustert wurde. Der Begriff Mitrailleuse hat sich in Frankreich jedoch bis heute als Bezeichnung für ein Maschinengewehr erhalten.

Ursprünglich wurde die Mitrailleuse im 1891 eingerichteten Bismarck-Museum in Schönhausen, dem Geburtsort Otto von Bismarcks, ausgestellt. Dies bezeugt eine Zeichnung des Objektes aus dem Jahr 1894. Vermutlich um 1927 wurde die Mitrailleuse nach Friedrichsruh überführt. Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde sie wahrscheinlich für eine gewisse Zeit vor dem Zugriff der britischen Besatzungsmacht versteckt, später aber wieder geborgen. Seitdem ist die gut erhaltene Mitrailleuse als eines von sehr wenigen aus dem Deutsch-Französischen Krieg noch erhaltenen Exemplaren im Bismarck-Museum von Friedrichsruh zu besichtigen.

 

[1] Lappenküper, Ulrich/Seggern, Andreas von: Bismarck-Erinnerungsorte. Ein Begleiter durch die Museen in Friedrichsruh und Schönhausen, Friedrichsruh 2010, S. 89f..

[2] o. A.: Ueber die Mitrailleusen, in: Provinzial-Correspondenz (26. 07. 1870), Nr. 30, S. 4.  URL: http://zefys.staatsbibliothek-berlin.de/dfg-viewer/?set[image]=4&set[zoom]=min&set[debug]=0&set[double]=0&set[mets]=http%3A%2F%2Fzefys.staatsbibliothek-berlin.de%2Foai%2F%3Ftx_zefysoai_pi1%255Bidentifier%255D%3Da019eaeb-597c-43b2-9604-0612820d8a74

[3] Teichmann, C.: Die französische Kugelspritze (Mitrailleuse), in: Polytechnisches Journal (1870), Band 197, Nr. CXXIII, S. 484-488. URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj197/ar197123

[4]  Venohr, Wolfgang: 70/71. Der Krieg vor 100 Jahren in Zahlen, Daten, Fakten, in: Die Zeit (31. 07. 1970), Nr. 30. (Online-Version) URL: http://www.zeit.de/1970/31/7071/komplettansicht

Text: Angela Krätz