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Karikatur „Bismarck Redivivus“, aus „The Denver Republican“ vom 10.05.1891, Autor: unbekannt (Kürzel: B. C.), Papier; Maße: Blatt 143: Höhe 23,7 cm, Breite 18,5 cm; Zustand: leichte Gebrauchsspuren; sonst gut erhalten; Otto-von-Bismarck-Stiftung, Friedrichsruh, A 47, Bl. 143

Die politische Laufbahn Otto von Bismarcks schien mit seinem unfreiwilligen Entlassungsgesuch und der Annahme desselben durch Wilhelm II. am 20. März 1890[1] eigentlich beendet. 28 Jahre lang hatte der „Reichsgründer“ seine Machtposition an der Spitze – erst Preußens und später des Deutsches Kaiserreiches – behaupten können, musste sich dem jungen Kaiser im Kampf um diese jedoch geschlagen geben.[2]

Bismarck zog sich endgültig nach Friedrichsruh zurück, kommentierte und kritisierte – vor allem – über die ihm eine Plattform bietende Zeitung „Hamburger Nachrichten“ die Politik der Reichsregierung und blieb auch durch anderweitige Tätigkeiten, wie beispielsweise dem Halten von diversen Reden, im Blickfeld der Öffentlichkeit.[3] Die Popularität des ehemaligen Reichskanzlers war ungebrochen und wuchs sogar noch weiter, was seine früheren Widersacher – besonders Wilhelm II. – beunruhigte. Zu dieser Nervosität trug auch die Wahl Otto von Bismarcks zum Reichstagsabgeordneten Ende April 1891 bei. Obwohl er es zur Bedingung machte, bei einem möglichen Wahlsieg nicht im Reichstag erscheinen zu müssen, war die Furcht vor genau diesem Fall in der Regierung enorm[4].

Dass Bismarck trotz seiner Entlassung nicht nur im deutschen Kaiserreich präsent war, sondern auch international weiterhin ein Thema blieb, zeigt die Karikatur „Bismarck Redivivus“ der amerikanischen Zeitung „The Denver Republican“. Ein Leser des Blattes hatte die Karikatur ausgeschnitten und an den „Reichsgründer“ geschickt, um ihm die angeblich in seinem Umfeld vorherrschende Meinung über Kaiser und Kanzler zu verdeutlichen. Da jedoch nur die Karikatur ohne den dazugehörigen Artikel vorliegt, kann über das Motiv der Veröffentlichung am 10. Mai 1891 nur spekuliert werden. Die Entscheidung zur Wahl Bismarcks in den Reichstag fiel am 30. April 1891[5] und kann daher als wahrscheinlicher Grund gelten.

Ein weiteres Indiz ist der Name der Karikatur: „Bismarck Redivivus“, der übersetzt in etwa „Bismarck der wieder lebendig Gewordene“ bedeutet. In den Vereinigten Staaten karikierte man Bismarck nämlich nur, wenn er Teil eines welthistorischen Geschehens war oder von ihm getroffene Entscheidungen die USA in irgendeiner Form betrafen, wie Karl Walther 1898 in seinem Werk „Bismarck in der Karikatur“ schrieb.[6] Eine mögliche Rückkehr Bismarcks in die aktive Politik passt in dieses Muster, welche vom Kaiser am 4. Mai 1891 mit folgenden – berühmt gewordenen – Worten indirekt kommentiert wurde: „Einer nur ist Herr im Reiche, und das bin Ich, keinen anderen dulde Ich.“[7]

Die Zeichnung selbst zeigt einen korpulenten Otto von Bismarck in Zivilkleidung und einer nachdenklichen Haltung, auf Kaiser Wilhelm II. hinunter blickend. Eine Hand am Kinn anliegend, eine hinter dem Rücken verschränkt, komplettieren die typische „Denker-Pose“.

Sein rechtes Bein ist leicht nach vorn gestellt, sonst wirkt sein Auftreten eher statisch und gelassen. Das rechte Bein des Kaisers ist ebenfalls nach vorn gerichtet; es sieht aus, als wolle er einen Schritt auf Bismarck zugehen. Seine Haltung wirkt zusätzlich durch die erhobene rechte Hand, die zur Faust geballt ist, energischer als die Bismarcks. Die Darstellung von Wilhelm II. als Kind relativiert diese entschlossene Positur, welche durch den viel zu großen Degen an seiner Seite und die zu groß wirkende Krone auf seinem Kopf weiter demontiert wird. Der Degen ist mit den Worten „Emperor William“ beschriftet und scheinbar viel zu schwer für seinen Körper, da er auf dem Boden schleift. Auch muss er seinen Kopf sehr weit nach oben recken, um überhaupt in das Gesicht Otto von Bismarcks schauen zu können.

Das Aufschauen kann gleichzeitig als Bewunderung interpretiert werden, die Wilhelm trotz der Differenzen für den gealterten „Reichsgründer“ empfand. Noch sechs Jahre nach der Entlassung Bismarcks vertraute er seinem Freund Philipp Eulenburg an: „Wie habe ich den Fürsten Bismarck geliebt!“[8] Auf politischer Ebene sieht der Historiker Christopher Clark in dem ehemaligen Reichskanzler den „Lehrmeister“ des Kaisers, dessen „Grundsätze“ dieser zumindest teilweise versuchte umzusetzen.[9] Otto von Bismarck warf seinem „Schüler“ jedoch politische Unerfahrenheit vor, die mit Wilhelms politischen Ambitionen sowie seiner Vorstellung des ihm von Gott verliehenen Herrscheramtes und dem damit verbundenen neoabsolutistischen Machtanspruch nicht zu vereinbaren war. Bismarck selbst hatte die Position des Kaiseramtes über viele Jahre gestärkt, das ihm in Person des ehrgeizigen Wilhelm II. zum Verhängnis wurde.[10]

Ein auffälliges Merkmal der Karikatur ist, dass Bismarck im Verhältnis zu seiner Umgebung – einem Torbogen und einer Häuserfassade – in menschlichen Proportionen gezeichnet wurde und er nicht wie in vielen anderen Karikaturen seine Mitwelt überragt.[11] Trotzdem sieht der „Denver Republican“ ihn gegenüber dem Kaiser sowohl vom Alter als auch in den Leistungen klar im Vorteil, was der Begleitsatz der Karikatur: „Blood and Iron Against Boyish Bravado“ beweist. Otto von Bismarck werden die für ihn „typischen“ Attribute `Blut und Eisen´ – zurückgehend auf seine Rede in der Kommissionssitzung am 30. September 1862[12] und auf die damit verbundene Art, ein Reich zu schmieden – zugeschrieben, die im Konflikt zum „kindischen Prahlen/Draufgängertum“ des Kaisers stehen. Und tatsächlich war Wilhelm II. für seine, wie Otto Pflanze sie nennt, „rhetorischen Ergüsse[n]“ berüchtigt, die seine Alleinherrscher-Ambitionen unterstreichen sollten.[13]

Die Karikatur zeigt beide Protagonisten in unversöhnlicher Haltung und sollte zumindest in dieser Hinsicht Recht behalten. Zwar gab es im Jahr 1894 eine vermeintliche Aussöhnung Otto von Bismarcks mit Wilhelm II., in der die neuere Forschung aber „eher einen Waffenstillstand als eine dauerhafte Versöhnung“ sieht.[14] Die angebliche „Gefahr“ einer Rückkehr Bismarcks in die Politik bestätigte sich dagegen nicht.[15] Trotzdem ist ein „Wiedererstarken“ des Mythos´ um Otto von Bismarck zu beobachten, der nach seinem Tod am 30. Juli 1898 noch deutlich an Wirkung zunahm. Wilhelm II. „wuchs“ in seine Rolle mehr oder weniger hinein, blieb bis 1918 deutscher Kaiser und somit 30 Jahre an der Spitze des Reiches.

Was von der Karikatur bleibt, ist die Erinnerung an zwei Personen, die Deutschland jeweils für etwa drei Jahrzehnte dominierten und die Erkenntnis, dass im Archiv der Otto-von-Bismarck Stiftung noch viele aussagekräftige Dokumente auf ihre Entdeckung warten.

 

[1] Röhl, John Charles Gerald: Wilhelm II. Der Aufbau der Persönlichen Monarchie 1888-1900, München 2001, S. 350.

[2] Steinberg, Jonathan: Bismarck. A life, New York 2011, S. 449.

[3] Gall, Lothar: Bismarck. Der weisse Revolutionär, Frankfurt/M. – München 1980, 3. Auflage (2008), S. 825.

[4] Pflanze, Otto: Bismarck. Der Reichskanzler, München 1998, S. 624f.

[5] Gall: Bismarck, S. 825.

[6] Walther, Karl: Bismarck in der russischen, italienischen, amerikanischen etc. Karikatur, in: Bismarck in der Karikatur, Stuttgart 1898, S. 19.

[7] Obst, Michael A. (Hg.): Die politischen Reden Kaiser Wilhelms II. Eine Auswahl, Paderborn 2011, S. 77.

[8] Röhl, John C. G. (Hg.): Philipp Eulenburgs politische Korrespondenz, Band III. Krisen, Krieg und Katastrophen 1895-1921, Boppard am Rhein 1983, S. 1704.

[9] Clark, Christopher: Wilhelm II. Die Herrschaft des letzten deutschen Kaisers, München 2008, S. 77ff.

[10] Pflanze: Bismarck, S. 617.

[11] Walther: Bismarck in der Karikatur, S. 19.

[12] Gall: Bismarck, S. 294ff.

[13] Pflanze: Bismarck, S. 634ff.

[14] Clark: Wilhelm II, S. 77.

[15] Gall: Bismarck, S. 825.