Der Parlamentarismus als Schrittmacher der Demokratie – Katalog zur Sonderausstellung

Otto von Bismarck pflegte zu einigen ihm unliebsamen Reichstagsabgeordneten ein verbal robustes Verhältnis und schreckte auch nicht davor zurück, sie zu diskreditieren. Nicht immer waren seine Machtspiele erfolgreich. So unterlag sein Sohn Herbert 1878 ausgerechnet im heimatlichen Wahlkreis Lauenburg dem liberalen Gegenkandidaten. Es lief also nicht immer alles nach den Vorstellungen des ersten Reichskanzlers, der dennoch – ohne alle Folgen vorhergesehen zu haben – die Entwicklung des deutschen Parlamentarismus im 19. Jahrhundert entscheidend vorantrieb. Bismarck hatte das allgemeine, gleiche Männerwahlrecht auf Reichsebene durchgesetzt, dass das Parlament – den Reichstag – zu einem wichtigen Ort der Politik werden ließ.

Der Katalog der Sonderausstellung „Volkes Stimme! Parlamentarismus und demokratische Kultur im Deutschen Kaiserreich“ bietet einen facettenreichen Zugang zum Thema. Im ersten Teil zeigen Essays das historische Panorama, in dem sich die fortschreitende Parlamentarisierung abspielte. Aufgezeigt werden nicht nur Bismarcks Verhältnis zu den Volksvertretungen und die politische Karriere seines Sohnes Herbert, sondern schlaglichtartig auch das politische Milieu. Die Betrachtungen gelten beispielsweise der politischen Karikatur oder der Berufskleidung deutscher und französischer Abgeordneter: Der Trend zum bürgerlichen Anzug war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts unübersehbar. Essays über die englische Glorious Revolution, die Konstitutionalisierung im Osmanischen Reich, aber auch die regionalen Besonderheiten in Schleswig-Holstein stellen vergleichende Bezüge her, die den Parlamentarismus des Deutschen Kaiserreichs kontextualisieren.

Der Hauptteil des Katalogs umfasst die Ausstellungstexte, Abbildungen der Objekte und ihre Beschreibungen. Damit lädt der Band ein, die Geschichte des Parlamentarismus von den mittelalterlichen Ständevertretungen bis zum aktuellen Deutschen Bundestag zu durchstreifen. Es lässt sich ein Eindruck davon gewinnen, wie sich die politische Kultur und damit auch die Ansprache der Wähler – und seit 1919 Wählerinnen – änderte. Angesichts der politischen Systemumbrüche in der deutschen Geschichte wird deutlich, dass der Parlamentarismus gelebt und verteidigt werden muss, damit er seine Rolle als unabdingbarer Schrittmacher der Demokratie ausfüllen kann.


Volkes Stimme! Parlamentarismus und demokratische Kultur im Deutschen Kaiserreich, Katalog zur Sonderausstellung der Otto-von-Bismarck-Stiftung, herausgegeben von Maik Ohnezeit in Verbindung mit Lennart Bohnenkamp und Ulf Morgenstern, Friedrichsruh 2026. Der Katalog ist in unseren Ausstellungshäusern in Friedrichsruh und Schönhausen/Elbe erhältlich und kostet 39,95 Euro. Das Inhaltsverzeichnis ist hier einzusehen.

Die Sonderausstellung ist bis zum 4. Oktober im Bismarck-Museum Schönhausen zu sehen, außerdem steht dauerhaft ein virtueller Rundgang zur Verfügung.