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Dr. Ernst Schweninger (r.) und Otto von Bismarck mit Tyras, aufgenommen bei einem Spaziergang in Bad Kissingen.

„Ich verfiel in einen Gesundheitsbankerott, der mich lähmte, bis der Dr. Schweninger meine Krankheit richtig erkannte, richtig behandelte und mir ein relatives Gesundheitsgefühl verschaffte, das ich seit vielen Jahren nicht mehr gekannt hatte.“ So erinnerte sich Otto von Bismarck später an seine erste Begegnung mit Ernst Schweninger. Am 4. Oktober 1882 hatte der erst 32jährige Arzt seine Behandlung übernommen. Dieser traf dabei auf einen mit 124 Kilogramm stark übergewichtigen Patienten, der unter anderem an chronischer Schlaflosigkeit, Migräne, Nerven- und Magenschmerzen litt sowie ein für seine Krankheiten problematisches Essverhalten aufwies: Zum „Frühstück“, das gegen Mittag eingenommen wurde, gab es Roastbeef und Beefsteak, weitere Wildgerichte und Geflügel, danach Pudding, Bier, Rotwein und Champagner, am Nachmittag oder gegen Abend erneut ein schweres Essen mit sechs Gängen, gegen Mitternacht Tee.

Prof. Dr. Ernst Schweninger mit seiner Frau Magdalena und dem jüngsten Sohn im Jahr 1910. Das Paar hatte vier gemeinsame Kinder. Magdalena Schweninger, geb. Gräfin Moltke, war zuvor in erster Ehe mit dem Maler Franz von Lenbach verheiratet.

Schweninger setzte seinen prominenten Patienten erfolgreich auf Diät. Sein Rezept war einfach: Mit Bewegung an der frischen Luft, einer einfachen Ernährung, reduziertem Alkoholgenuss und regelmäßigem Schlaf sollten die Selbstheilungskräfte gestärkt und das Übergewicht verringert werden. Die Kur wirkte und es entstand ein Vertrauensverhältnis, das bis zum Tod Bismarcks andauern sollte – obwohl sich dieser immer wieder der Aufsicht seines Leibarztes entzog, um seiner Ess- und Trinklust zu frönen.

Ernst Schweninger, der vor 170 Jahren, am 15. Juni 1850, im oberpfälzischen Freystadt geboren wurde, ging damit als Leibarzt des ersten Reichskanzlers in die deutsche Geschichte ein. Auch andere Prominente wie Cosima und Winifred Wagner zählten zu seinen Patienten. Bereits 1884 sorgte der dankbare Bismarck für Schweningers Berufung zum Chef der Berliner Hautklinik sowie zum außerordentlichen Professor für Dermatologie an der Berliner Universität. Im Verlauf seiner weiteren Karriere entfernte er sich von der wissenschaftlich fundierten Medizin und gründete eine naturheilkundliche Ärzteschule. Er starb am 13. Januar 1924 in München.


Quellen:

Otto von Bismarck, Gedanken und Erinnerungen, Paderborn 2012 (Gesammelte Werke, Neue Friedrichsruher Ausgabe)

Volker Wendt, Otto von Bismarcks Leibarzt Ernst Schweninger und seine Rolle in der Dermatologie, https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/pdf/10.1055/s-0041-107341.pdf  (zuletzt aufgerufen am 28. Mai 2020)