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Die Diskussion um Straßennamen und Denkmäler für historische Persönlichkeiten ist vielgestaltig. Sie hat regionale Anlässe oder unterliegt geschichtskulturellen Konjunkturen. Zwei Beispiele für diese beiden Fälle sind uns zuletzt untergekommen.

In Düren steht seit 1892 ein Bismarck-Denkmal. Eingehegt ist der Reichsgründer von dem liberalen ersten Bundespräsidenten, denn Bismarck steht auf einem Theodor-Heuss-Platz. Dieses Beispiel für den Wandel von Ehrungen im öffentlichen Raum, sog. Ehr-Regimen, zeigt, wie sich ändernde historische Wahrnehmungen in ironisch sachlicher Art zu einem sich ändernden Geschichtsbild in der Öffentlichkeit führen können.

Nun gibt es Streit um die Wiederaufstellung des Denkmals, das während eines Neubauprojekts in unmittelbarer Nachbarschaft eingelagert worden ist. Der Name des Neubaus: „Bismarck-Quartier“, ausgerechnet. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Stadt positionieren wird. Und wo sie den 124-jährigen Bismarck positionieren wird!

Vielleicht reicht ja eine erklärende Hinweistafel mit Hinweisen zu Leistungen und Fehlleistungen des Geehrten neben dem Denkmal. Das wäre jedenfalls unsere Empfehlung.

Eine solche abzugeben stehen wir beim nächsten Beispiel nicht an, denn es geht um eine Bismarck-Straße in einem fernen Ausland, wenn auch in einem mit ganz besonderer Beziehung zu Deutschland. Die Rede ist von der „Bismarckstrasse“ in Windhuk.

Die kleine, aber einflussreiche Gruppe von Namibianern deutscher Herkunft hat bisher sorgsam darauf geachtet, dass deutsche Spuren im Land erhalten bleiben.

Aus nachvollziehbaren Gründen sehen das die Nachfahren der schwarzen Namibianer anders, zumindest einige. Denn wie zuletzt auf einem Symposium im Deutschen Historischen Museum zu hören war, gibt es etliche afrikanische Stimmen, die das Abreißen der einst erzwungenen, seit langem aber auch identitätsstiftenden deutsch-namibisch – namibisch-deutschen „Entangled History“ für Geschichtsvergessenheit halten.

Also auch in Windhuk eher ein erklärendes Schild als eine Umbenennung? Warten wir es ab. Es gilt wie immer in der Geschichte: Der Ausgang ist offen, auch wenn man Wahrscheinlichkeiten ausmachen darf.

„Der größte aller deutschen Russland-Versteher war ohne Zweifel Otto von Bismarck“, schreibt der renommierte Historiker und Publizist Michael Stürmer jüngst in einem hochinteressanten Artikel der „Welt“.

Doch im dezidierten Gegensatz zu den zahlreichen „Russland-Verstehern“ und „Russland-Verklärern“ unserer Tage geht es ihm nicht darum, Deutschlands Verhältnis zu Russland unter Berufung auf den ersten deutschen Reichskanzler von „Schwärmerei und Dämonisierung“, sondern von „Abschreckung und Entspannung“ leiten zu lassen.

In der Tat: Wenn heute von interessierter Seite das Hohe Lied der Bismarck’schen Freundschaft zu Russland gesungen wird, wird nur zu gern ausgeblendet, dass der preußisch-deutsche Staatsmann das autokratische Zarenreich in all‘ seinen Widersprüchen mal als Partner, mal als militärische Bedrohung ansah.

Wenn wir Bismarcks Russlandpolitik heute als Orientierung nehmen wollen, müssen wir zwei Aufgaben lösen. Zunächst, den ‚ganzen‘ Bismarck in den Blick nehmen:

– den Bismarck, der mühsam die russische Sprache erlernte, um als Diplomat auf Posten in St. Petersburg auch mit dem Volk kommunizieren zu können;
– den Bismarck, der Zar Alexander II. als „asiatischen Despoten“ titulierte, obwohl der sich als Preußens „intimsten, wenn nicht alleinigen Freund“ rühmte;
– den Bismarck, der wegen der „Unberechenbarkeit der russischen Politik“ ein Bündnis mit dem autokratischen Zarenreich schloss, um sich vor der „roten Gefahr“ des Sozialismus wie auch des panslawistischen Chauvinismus zu schützen;
– den Bismarck, der Russland mit harter Schutzzollpolitik bekämpfte, um die deutsche Agrarwirtschaft vor unliebsamen Importen zu bewahren;
– den Bismarck, der Russland im Rückversicherungsvertrag machtpolitische Avancen machte, die anderen Abkommen des Deutschen Reichs diametral zuwiderliefen;
– den Bismarck, der Russland am Ende seiner Kanzlerschaft, wenn auch nur als reservatio mentalis, „freie Hand im Osten“ zuzugestehen bereit, um einen etwaigen Zweifrontenkrieg abzuwenden.

Und dann, das ist die zweite Aufgabe, sollten wir entscheiden, ob uns der Preis für die Wiederaufnahme seines Kurses annehmbar erscheint.

Vom Eisernen Kanzler stammt übrigens auch jener Satz, der vielleicht besser als alle Schwärmerei oder Dämonisierung Deutschlands Verhältnis zu Russland bestimmen kann: „Nur soll man nicht glauben, daß angenehme Eindrücke und Sympathien in der Politik maßgebend sind; da entscheiden schließlich doch die Interessen“.

Über die 1893 in Schönhausen an der Elbe geborene Hannah von Bredow, geb. von Bismarck und viertälteste Enkelin des Kanzlers a.D., ist eine spannende Biographie erschienen.

Der Diplomat Reiner Möckelmann, als historischer Autor bisher vor allem ein Türkeikenner, widmet sich dem Leben der entschiedenen Gegnerin des Nationalsozialismus.
Anders als weite Teile des deutschen Adels, auch in der engeren Verwandtschaft, lehnte Hannah von Bredow die NS-Diktatur ab, konnte sich aber auch nicht zu aktivem Widerstand oder einer Emigration entschließen.
Möckelmann bettet die 12 Jahre des Überdauerns des Dritten Reiches abgewogen und unaufgeregt in ein langes Leben zwischen Kaiserreich und Bundesrepublik ein; Hannah von Bredow starb 1971 nach einem in Friedrichsruh erlittenen Sturz.
Er wertet private Dokumente aus und kann so aus bisher unbekannten Quellen schöpfen. Das lesenswerte Panorama des Lebens einer achtfachen Mutter aus einer der ersten Familien Deutschlands erweitert nicht nur die Bismarck-Forschung, sondern auch die deutsche Sozial- und Kulturgeschichte insgesamt.