Zwischen Alltag und Mythos – Rückblick auf unseren Tag des offenen Denkmals

Das phasenweise regnerische Wetter konnte das Interesse am Bismarck-Mausoleum nicht trüben.
Otto von Bismarcks Verwandlung in einen Mythos spielte am Tag des offenen Denkmals bei unseren Veranstaltungen in Friedrichsruh und Aumühle eine zentrale Rolle. In Schönhausen/Elbe standen das einstige Landleben der Familie von Bismarck sowie im Kontrast dazu die Alltagssorgen der britischen Königin Victoria im Mittelpunkt.
Bismarckturm Aumühle

Noch heute erinnern zahlreiche Objekte in den oberen Etagen des Turms daran, dass dieser einst als Huldigungsstätte ausgestattet wurde. Henri Hausig führte in drei Runden durch die Räume.
Unser Programm begann am weißen Bismarck-Turm, der seit 125 Jahren Aumühle überragt. Unser studentischer Mitarbeiter Henri Hausig erläuterte während des Aufstiegs über die 143 Stufen, wie der damalige Bauherr Emil Specht den Wasserturm auf den unteren drei Etagen als Kultstätte für den ersten Reichskanzler ausgestaltete. Bei der Recherche sowie Auswahl der historischen Fotografien, die bei diesen insgesamt drei Führungen gezeigt wurden, hatte uns der Gemeindearchivar Erhard Bartels unterstützt. Er beantwortete außerdem an diesem Tag im Erdgeschoss viele Detailfragen. Kooperationspartnerin war die Stiftung Aumühle als Besitzerin des Turms, Bürgermeister Knut Suhk begrüßte die Gäste.

In den oberen Stockwerken führt die originale Wendeltreppe auf die Aussichtsplattform.
Bismarck-Museum Friedrichsruh

Das Bismarck-Museum in Friedrichsruh: Mensch und Mythos in der Zusammenschau.
Am späten Vormittag führte der Kulturwissenschaftler Nikolaj Müller-Wusterwitz für uns eine ebenfalls größere Gruppe von Gästen durch das Bismarck-Museum in Friedrichsruh. Dort zeugen zahlreiche Geschenke und Gemälde von dem Kult um Bismarck, der bereits zu seinen Lebzeiten entstand. Dabei sind das Gebäude und die Ausstattung der Räume mittlerweile selbst museal: Die ursprüngliche Einrichtung durch die Familie wird bis zur Sanierung des Hauses nicht verändert und bietet damit eine Zeitreise in eine kleine Museumslandschaft der frühen Bundesrepublik. Das Museum war ebenso wie unsere Dauerausstellung „Otto von Bismarck und seine Zeit“ im Historischen Bahnhof Friedrichsruh von 10 bis 18 Uhr geöffnet und sehr gut besucht.
Bismarck-Mausoleum

Das Bismarck-Mausoleum, undatierte Postkarte
Bereits zum dritten Mal bot unser Museumspädagoge Dr. Maik Ohnezeit an einem Tag des offenen Denkmals eine Sonderführung im Bismarck-Mausoleum an. Es befindet sich weiterhin im Besitz der Familie und ist meist am Wochenende für Besichtigungen geöffnet. Dr. Ohnezeit erläuterte die architektonischen Besonderheiten und verwies auf Bismarcks Lieblingsplatz in unmittelbarer Nähe. Außerdem verknüpfte er diesen Ort mit seit der Weimarer Republik immer wieder auftretenden Bestrebungen einzelner Parteien, Bismarck politisch zu instrumentalisieren. Dem setzte er die wissenschaftliche Betrachtung des preußisch-deutschen Staatsmannes entgegen, der in seiner Ambivalenz nur im historischen Kontext zu verstehen ist.
Der Ehrenbürgerbrief der Stadt Berlin für Bismarck

Dr. Claudia Czok stellte in ihrem Vortrag eine Auswahl der Arbeiten Adolph Menzels vor.
Ein eigensinniger Künstler, der dem ersten Reichskanzler ein Dokument voller „Nebenscherze“ erklärt: Die Kunsthistorikerin Dr. Claudia Czok (Gemeines Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz) hielt am Nachmittag einen Vortrag über den Maler Adolph von Menzel, seine Begegnungen mit Bismarck und den Ehrenbürgerbrief der Stadt Berlin, den er für diesen ausgestaltete. Das originale Dokument ist im Bismarck-Museum Friedrichsruh zu sehen.
Das Schönhauser Gutshaus

Gutshaus Schönhausen, in: Alexander Duncker, Die Ländlichen Wohnsitze, Schlösser Und Residenzen Der Ritterschaftlichen Grundbesitzer in Der Preussischen Monarchie, Band 8, 1865 –1866
Die restaurierten Fundamente verraten den Grundriss, ein Modell im Museum die Fassaden: Bei zwei Führungen erzählte unser Museumspädagoge Julian Simons in Schönhausen/Elbe die Geschichte des Bismarck’schen Familiensitzes, auf dem der spätere Reichskanzler 1815 geboren wurde. Das Museum sowie unsere Sonderausstellung „Volkes Stimme! Parlamentarismus und demokratische Kultur im Deutschen Kaiserreich“ waren von 10 bis 16 Uhr geöffnet und fanden reges Interesse.
„Queen Victoria“ im Bismarck-Museum Schönhausen

Elisa Jakob (r.) las aus ihrer Romanbiografie „Queen Victoria“ vor, unsere wissenschaftliche Mitarbeiterin Luisa von Korff moderierte.
Wir wollten es nicht bei einem einmaligen Auftritt belassen: Im Kultursommer am Kanal im Herzogtum Lauenburg hatte die Autorin Elisa Jakob im Historischen Bahnhof Friedrichsruh aus ihrer Romanbiografie „Queen Victoria“ gelesen. Zum Tag des offenen Denkmals reiste sie zu Tea Time und Lesung nach Schönhausen, ein Kleid in der Damenmode der 1860er-Jahre im Gepäck. Auf diese Weise zeigte Elisa Jakob, wie Geschichte und Literatur miteinander verbunden werden können – und ließ in dieser besonderen Atmosphäre die englische Königin wieder lebendig werden.



