Die Standuhr erhält ihre Begleitpapiere zurück

Die Standuhr wurde 1885 zusammen mit einer Mappe übergeben, die eine Zeichnung, ein Glückwunschschreiben und eine Erläuterung enthält.

Die alte Inventarnummer ist noch erhalten und verweist auf das erste Bismarck-Museum in Schönhausen/Elbe: Die großformatige Mappe aus Samt enthält eine Zeichnung des Geschenks, Erläuterungen und ein Glückwunschschreiben. Vor Kurzem konnte unsere Stiftung sie ankaufen. Damit erhält die Standuhr, die im Eingangsbereich des Bismarck-Museums in Friedrichsruh steht, ihre „Begleitpapiere“ zurück.

Erschaffen hatte dieses besondere Geburtstagsgeschenk für Otto von Bismarck 1885 der schlesische Uhrmacher Gustav Becker in Zusammenarbeit mit dem Magdeburger Bildhauer Franz Kiefhaber. Die Standuhr zeigt nicht nur die Zeit an, sondern erzählt auch schlaglichtartig die deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts, verbunden mit Bismarcks Biografie. In der umfangreichen Dokumentation „Das Bismarck-Museum in Wort und Bild“ von 1899 ist denn auch nachzulesen, dass Bismarck die Standuhr „so wohl gefiel, daß er sie in Friedrichsruh zurückbehielt, wo sie die gerechte Bewunderung aller Gäste des Fürsten erregte“.

Die Standuhr und der Uhrmacher Gustav Becker werden ausführlich in dem Beitrag „Eine Standuhr erzählt Geschichte(n)“ vorgestellt.

Die Deutung der Schnitzereien und die genauen Umstände der Übergabe zum 70. Geburtstag des Reichskanzlers in Friedrichsruh werden nun durch den Inhalt der Mappe erhellt. In einem handgeschriebenen Brief überbringt Richard Becker die „untertänigsten und aufrichtigsten“ Glückwünsche seines Vaters Gustav, der durch eine plötzliche Krankheit „zu seinem großen Schmerz verhindert“ sei, selbst zur Übergabe der Standuhr anzureisen.

Ein besonders eindrückliches Dokument der zeitgenössischen Verklärung der Nationalstaatsgründung „von oben“, durch Krone und Regierung, und des Bismarck-Kults ist der „Erläuterungs-Bericht zur 500.000 Uhr“, den Gustav Becker der Mappe beigelegt hat. „Die deutsche Kraft, symbolisch dargestellt durch einen Heros, ringt sich in den vier Hauptepochen durch, um endlich, siegreich das Ganze krönend, die ersehnte Kaiserkrone als Kleinod und wohlverdientes Gut dem Volke zu übergeben“, lauten die einleitenden Worte. Es folgt nicht nur eine wortgewaltige Beschreibung der historischen Ereignisse, sondern auch deren personelle Zuspitzung: „Durch die verschiedenen Hinweise aus dem Leben und Wirken Sr. Durchlaucht des Fürsten Reichskanzlers Bismarck soll die innige Verbindung, gleichsam die concentrirte Volkskraft in der Person des politischen Leiters dargestellt werden, welche mit der Geburt Sr. Durchlaucht am 1. April 1815 seinen Anfang nimmt.“ Die deutsche Geschichte also ist, so die damalige Deutung, unauflöslich mit dem ersten Reichskanzler verbunden. Abgerundet wird der Text mit der Nennung seiner „letzten Errungenschaften“: „Colonialpolitik, als auch die Arbeiterschutzgesetze, geben Zeugnis von dem unermüdlichen Streben, das deutsche Reich zum führenden Kulturstaat zu erheben“.

Die Standuhr gehörte zwischenzeitlich zum Bestand des ersten Museums in Schönhausen. Seit Jahrzehnten steht sie im Eingangsbereich des hiesigen Bismarck-Museums, wird alle zwei Wochen aufgezogen und geht mehr oder weniger präzise. Nur ihre Deutung der deutschen Geschichte ist inzwischen, nun ja, aus der Zeit gefallen.