Kalenderblatt: Das Parlamentsgebäude in Ottawa

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Parlamentsgebäude (House of Parliament, Ottawa), Fotografie, Kanada, um 1914, Abzug auf Papier (Reproduktion), Otto-von-Bismarck-Stiftung, Friedrichsruh, Inventar-Nr.: F 2024/089

1858 bestimmte Königin Victoria (1819 – 1901) Ottawa zur zukünftigen Hauptstadt der britischen Provinz Kanada, 1865 wurde diese Festlegung formell vollzogen. Im folgenden Jahr begann auf dem Barracks Hill (nun: Parliament Hill) der Bau der Parlaments- und Regierungsgebäude.

Der Sitz des Parlaments wechselte im 19. Jahrhundert mehrmals den Ort. Von 1844 bis 1849 wurde in Montreal getagt, dann zerstörte ein Feuer das Parlamentsgebäude. – „The Burning of the Parliament Building in Montreal“, 1849, Ölgemälde eines unbekannten Malers, McCord Stewart Museum, Montreal (Pubic Domain)

Das Parlamentsgebäude mit dem Victoria Tower an der Vorderseite wurde im Stil der Neugotik nach Entwürfen des Architekturbüros Thomas Fuller (1823 – 1898) und Chilion Jones (1835 – 1912) errichtet. Der Grundstein wurde am 19. April 1860 gelegt. Das Mauerwerk war mit geschnitzten Profilen, skulptierten Blattwerken, realen und mythischen Tieren und Grotesken sowie Emblemen Frankreichs, Englands, Irlands und Schottlands verziert, die sich in verschiedenen Gruppen über Spitzbogenfenster, Türme und spitz zulaufende Fialen erstreckten. Das Dach war mit grauem und grünem Schiefer gedeckt und mit einem eisernen, blau gestrichenen und vergoldeten Ziergiebel versehen. An der Rückseite wurde ein sechzehnseitiger Polygonbau für die Parlamentsbibliothek angefügt.

Im Mittelgebäude (Centre Block) tagten seit 1866 beide Kammern des kanadischen Parlaments (Senat und Unterhaus), das sich bis heute am britischen Westminster-System ausrichtet. Zwei Verwaltungsgebäude, der West Block und der East Block, wurden nach Plänen der Architekten Thomas Stent (1822 – 1912) und Augustus Laver (1834 – 1898) zwischen 1860 und 1865/66 gebaut. Die gotische Architektur der Gebäude, die sich um einen viereckigen Rasenplatz gruppieren, orientierte sich bewusst am Londoner Westminster-Palast und nicht am republikanisch interpretierten Neoklassizismus wie beim Kapitol in Washington, D. C. Die Gesamtbauzeit des Gebäudekomplexes einschließlich der Tore und Zäune dauerte von 1859 bis 1876. Zwischen 1906 und 1914 mussten die Gebäude erweitert werden, weil sich die Zahl der Abgeordneten und deren Mitarbeiter durch die Gründung neuer kanadischer Provinzen erhöhte.

Nach dem Brand 1916 schlichter und größer wiederaufgebaut: das Zentralgebäude des Parlaments. Foto: Saffron Blaze (CC BY-SA 3.0)

Das hier abgebildete Parlamentsgebäude, einschließlich des Victoria Towers, wurde am 3. Februar 1916 durch ein Feuer zerstört, nur die Bibliothek auf der Rückseite blieb unversehrt. In den folgenden vier Jahren versammelten sich beide Häuser des Parlaments südlich des Parliament Hill im Victoria Memorial Museum, dem heutigen Kanadischen Naturkundemuseum. Der abgebrannte Centre Block wurde an derselben Stelle in vergrößerter, aber schlichterer Form neu errichtet, und 1920 wurden die Parlamentssitzungen im noch unfertigen Gebäude wieder aufgenommen. Der Neubau wurde schließlich 1922 fertiggestellt. Ein neuer, 92 Meter hoher Turm, der Friedensturm (Peace Tower) zum Gedenken an Kanadas Opfer im Ersten Weltkrieg, wurde 1927 vollendet. Die Ausschmückung der Innenräume nahm weitere fünf Jahrzehnte in Anspruch.


Der Kalender begleitet unsere Sonderausstellung „Volkes Stimme! Parlamentarismus und demokratische Kultur im Deutschen Kaiserreich“. Sie ist vom 28. September 2025 bis zum 12. April 2026 im Bismarck-Museum Friedrichsruh zu sehen. Erhältlich ist er im Historischen Bahnhof Friedrichsruh, im Bismarck-Museum Friedrichsruh sowie im Bismarck-Museum Schönhausen/Elbe und kostet zehn Euro.