Fühlen, fürchten, nutzen, ausbeuten – Birgit Aschmann stellte ihr Buch „Die Deutschen und die Natur“ vor

Mönch am Meer, Gemälde von Caspar David Friedrich, 1808-1810. © Staatliche Museen zu Berlin, Alte Nationalgalerie / Andres Kilger, Public Domain 1.0

Mit der Wende zum 19. Jahrhundert, in der „Sattelzeit“ (Reinhart Koselleck) zwischen Früher Neuzeit und Moderne, könnte das Anthropozän begonnen haben – ein neues geologisches Zeitalter, in dem der Mensch durch seine Eingriffe die Erde verändert. Erstmals vorgebracht wurde diese Einschätzung im Jahr 2000 von dem Naturwissenschaftler Paul J. Crutzen. Die Historikerin Prof. Dr. Birgit Aschmann (Humboldt-Universität zu Berlin) nahm sie am 15. Oktober 2026 im Historischen Bahnhof Friedrichsruh bei der Vorstellung ihres Buches „Die Deutschen und die Natur. Eine andere Geschichte des 19. Jahrhunderts“ zum Ausgangspunkt ihrer eigenen Überlegungen.

Das 19. Jahrhundert besitze als eine Umbruchzeit, in der vieles neu erfunden worden sei, besondere Relevanz, so Birgit Aschmann. Dabei identifiziert sie einen von der Aufklärung geprägten Zeitgeist, bei dem verschiedene Grundhaltungen zusammengekommen seien: Die Säkularisierung ließ demnach nicht mehr Gott, sondern die Natur in den Vordergrund treten; es entwickelte sich ein Fortschrittsglaube, der als Aufgabe, das Leben zu verbessern, verstanden wurde; Machbarkeitsfantasien wurzelten ebenso wie Furcht und Angst vor dem Scheitern in den Erfahrungen mit der Französischen Revolution. Zugleich wurde die Sinnfrage gestellt, und gegen den Fortschritt formierte sich Widerstand.

Der Sommer (Landschaft mit Liebespaar), Gemälde von Caspar David Friedrich 1807, © Bayerische Staatsgemäldesammlungen – Neue Pinakothek, CC BY-SA 4.0

Vor diesem Panorama der Gedanken- und Gefühlswelt skizzierte die Historikerin beispielhaft den Umgang deutscher Maler der Romantik – mit Caspar David Friedrich als herausragendem Beispiel – mit der Natur. In den sehr wohl durchkomponierten Gemälden seien Denken und Fühlen verbunden worden. Dass allerdings dabei auch der politische Kontext – die Restauration – einen Einfluss ausübte, zeigte Birgit Aschmann an zwei Gegenbeispielen, die im gleichen Zeitraum entstanden: „Saturn verschlingt einen Sohn“ von Francisco de Goya (1820/23) und „Die Freiheit führt das Volk“ von Eugène Delacroix (1830). Beide Gemälde spiegelten revolutionäre Bewegungen in Spanien und Frankreich wider.

Hydrographische Charte vom Lauf des Rheins von Neuburg bis Sonderheim, die im Jahr 1817 angefangene Rektifikation desselben enthaltend

Von anderer Gewichtung im Umgang mit der Natur zeugte das zweite Beispiel an diesem Abend: Der Oberrhein wurde ab 1817 nach den Plänen von Johann Gottfried Tulla so stark begradigt, dass es, wie Birgit Aschmann aufzeigte, einer „Neuerfindung“ des Flusses gleichkam. Die Natur wurde korrigiert und genutzt, die Gefahr von tödlichen Überschwemmungen sank deutlich, Sumpfgebiete und damit die Malaria verschwanden, der wirtschaftliche Nutzen des Rheins als Transportweg vergrößerte sich. Allerdings hat der Versuch, die Natur zu korrigieren, zu neuen Problemen geführt. Um die Flutwellen von Hochwasser abzufangen, wurde im 21. Jahrhundert begonnen, den Rhein zu renaturieren.

Prof. Dr. Birgit Aschmann berichtete auch, wie die Konzeption des Buches entstand und gemeinsam mit dem Verlag der Titel gefunden wurde.

Birgit Aschmann
Die Deutschen und die Natur
Eine andere Geschichte des 19. Jahrhunderts
Berlin 2025