Kalenderblatt: Reichsratsgebäude in Wien

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Reichsratsgebäude in Wien, Fotografie, Österreich-Ungarn, um 1885, Abzug auf Papier, Otto-von-Bismarck-Stiftung, Friedrichsruh, Inventar-Nr.: F 2025/030

Die beiden Kammern des österreichischen Parlaments, der vom Volk gewählte Nationalrat und der Bundesrat als Vertretung der Bundesländer, tagen im Parlamentsgebäude an der Wiener Ringstraße. Das Gebäude zählt zu den größten und bedeutendsten Parlamentsbauten der Welt und blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück. Es wurde für den aus dem Herrenhaus und dem Abgeordnetenhaus bestehenden Reichsrat erbaut. Dabei handelte es sich um das Zweikammerparlament der österreichischen Hälfte der seit 1867 bestehenden Doppelmonarchie Österreich-Ungarn. Bis zum Ende der Monarchie im November 1918 wurde der Parlamentsbau als k. k. (kaiserlich-königliches) Reichsratsgebäude bezeichnet.

Noch im provisorischen Abgeordnetenhaus: „Eröffnung des Reichsrathes beider Häuser im Thronsaale durch den Kaiser von Oesterreich“, Zeichnung von Vinzenz Katzler, 1879, in: Ueber Land und Meer. Allgemeine Illustrirte Zeitung (Wien Museum, Online-Sammlung)

Seit 1861 tagte das Abgeordnetenhaus in einem Provisorium, das durch eine finale Lösung ersetzt werden sollte. Der in Kopenhagen geborene Architekt Theophil von Hansen (1813 – 1891) erhielt 1869 den Auftrag, auf einem ehemaligen Paradeplatz ein repräsentatives Parlamentsgebäude zu errichten. Die ursprüngliche Idee, für das Herrenhaus und das Abgeordnetenhaus jeweils ein separates Gebäude zu schaffen, wurde damit aufgegeben. Beide Kammern des Parlaments sollten in einem gemeinsamen Bauwerk ihre Sitzungen abhalten. Die Bauarbeiten begannen im September 1874 und endeten nach neun Jahren. Die ersten Sitzungen von Abgeordneten- und Herrenhaus im neuen Reichsratsgebäude wurden am 4. Dezember 1883 abgehalten.

Das k.k. Reichsratsgebäude (heute Parlament) an der Wiener Ringstraße um 1900, aufgenommen vom Burgtheater aus, rechts der Rathauspark. Foto: Library of Congress, LC-DIG-ppmsc-09207

Die letzte Sitzung des Abgeordnetenhauses fand am 12. November 1918 statt. Nach dem Zerfall der österreichisch-ungarischen Monarchie wurde das Parlamentsgebäude zunächst von der Provisorischen sowie der Konstituierenden Nationalversammlung der kurzlebigen Republik Deutschösterreich genutzt. Seit November 1920 diente es den beiden Parlamentskammern (Nationalrat und Bundesrat) der ersten österreichischen Republik als Sitz. Nachdem der letzte demokratisch gewählte Nationalrat beseitigt worden war, tagte von 1934 bis 1938 im Plenarsaal des Herrenhauses der Bundestag als Scheinparlament des austrofaschistischen Ständestaats. In der NS-Zeit diente das Parlamentsgebäude als „Gauhaus der NSDAP“. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Parlamentsgebäude durch Bombentreffer schwer beschädigt; dabei wurde der Sitzungssaal des ehemaligen Herrenhauses vollständig zerstört. Nach dem Krieg wurde dort der neue Plenarsaal für den Nationalrat in zeitgenössischer Architektur eingerichtet. 1956 folgte die Eröffnung des wiederaufgebauten Hauses. Der historische Sitzungssaal des ehemaligen Abgeordnetenhauses, der erhalten geblieben ist, wird bei besonderen Anlässen von beiden Parlamentskammern genutzt und dient damit als Bundesversammlungssaal.

Das knapp 152 Meter breite und rund 13.700 Quadratmeter große Reichsratsgebäude wurde von Hansen im neoklassizistischen Stil errichtet. Es besteht aus einem zentralen Mittelbau in Form eines griechischen Tempels sowie zwei würfelförmigen Seitenflügeln, die teilweise erhöht sind und vorspringende Eckrisaliten aufweisen. Sie umschließen insgesamt acht Innenhöfe. Mit seinem Entwurf wollte Hansen auf die Anfänge der Demokratie im antiken Griechenland verweisen.

Die Fassade des Hauptgeschosses ist mit Wandfriesen geschmückt und wird durch korinthische Halbsäulen sowie Pilaster gegliedert. Auf den Brüstungen der Dächer der erhöhten Flügelbauten sind Statuen historischer Persönlichkeiten aus der griechischen und römischen Antike aufgestellt. Neben diesen stehen jeweils vier aus Bronze gegossene Quadrigen, die von der griechischen Siegesgöttin Nike gezogen werden. Auf der großen, zum Haupteingang hinführenden Auffahrtrampe befinden sich heute acht sitzende, aus Marmor gefertigte Skulpturen griechischer und römischer Geschichtsschreiber. Auf der Fotografie sind die Sockel noch leer. Auch die vier Rossebändiger aus Bronze fehlen noch; deren ebenfalls noch leere Sockel sind am unteren Ende der Rampe zu erkennen. Sie wurden erst zwischen 1897 und 1900 gegossen. Auch der bereits 1870 von Hansen entworfene Pallas-Athene-Brunnen wurde erst zwischen 1898 und 1902 im Zentrum der Rampe aufgestellt.

Besonders markant ist der Portikus des Mittelbaus mit seinen acht korinthischen Säulen. Im darüber befindlichen Dreiecksgiebel ist in antikisierender Darstellung Kaiser Franz Joseph I. von Österreich-Ungarn (1830 – 1916) bei der Verleihung der Verfassung an die Völker der 17 Kronländer der österreichischen Reichshälfte zu sehen. Die Dreiecksgiebel über den sechssäuligen Portiken der Eckrisaliten symbolisieren in allegorischer Form die Justiz (linker bzw. Südflügel) und die innere Verwaltung (rechter bzw. Nordflügel). Die Seiteneingänge an den Flügelbauten werden von Balkonen überdacht, die von Karyatiden gestützt werden. Der mit Säulen und Skulpturen ausgestattete Mittelbau teilt sich auf in Vestibül, Atrium und Peristyl, eine mit 24 Säulen aus rotgrauem Marmor mit vergoldeten korinthischen Kapitellen geschmückte, repräsentative und mit Glas überdachte Halle. Des Weiteren gibt es einen Empfangssalon und den ehemaligen Budgetsaal. Im Südflügel befand sich der frühere, mit einem gläsernen Dach versehene Plenarsaal des Herrenhauses. Dieser wird heute vom Nationalrat genutzt. Im Norden befindet sich der ebenfalls mit einem Glasdach ausgestattete frühere Plenarsaal des Abgeordnetenhauses, der erhalten geblieben ist.

Der historische Bundesversammlungssaal im nördlichen Flügel des Parlamentsgebäudes in Wien. Foto: Bwag, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Im Laufe seiner rund 140-jährigen Geschichte erfuhr das Parlamentsgebäude zahlreiche bauliche Veränderungen, um den vorhandenen Platz optimal nutzen zu können; so wurde beispielsweise 2005 unter der Säulenhalle und der Rampe ein neuer Haupteingang mitsamt Besucherzentrum eingebaut. Zwischen 2017 und 2023 erfolgte eine umfassende Sanierung. Dabei musste der Bundesrat vom Vorzimmer des früheren Herrenhauses in den ehemaligen Budgetsaal an der Rückseite umziehen. Zudem erhielt der Plenarsaal des Nationalrats im südlichen Flügel eine neue gläserne Kuppel.

Der Kalender begleitet unsere Sonderausstellung „Volkes Stimme! Parlamentarismus und demokratische Kultur im Deutschen Kaiserreich“. Sie ist bis zum 1. November 2026 im Bismarck-Museum Schönhausen zu sehen.