Zum Auftakt ein Expertengespräch: Der Berliner Kongress 1878 und seine Nachwirkungen bis in die Gegenwart

Otto von Bismarcks Selbstinszenierung als „ehrlicher Makler“, die Enttäuschung und Wut des russischen Zaren Alexander II. über das Verhandlungsergebnis und ein Fürstentum Bulgarien, das auf Dauer mit wesentlich engeren Grenzen als zunächst angestrebt auskommen musste – der Vertrag, mit dem der Berliner Kongress 1878 beendet wurde, sollte langfristige Folgen im europäischen Machtgefüge entfalten. Aber lassen sich die langen historischen Linien bis in die Gegenwart ziehen?
Diese Frage war Ausgangspunkt eines Expertengesprächs, zu dem wir am vergangenen Donnerstag unweit des historischen Ortes in das Auswärtige Amt in Berlin eingeladen haben. Unsere Kooperationspartner waren Dr. Volker Berresheim, Botschafter a. D. und Vorsitzender des Deutsch-Bulgarischen Forums, dessen Geschäftsführer Dr. Peter Fäßler sowie Dr. Martin Kröger, Leiter des Politischen Archivs des Auswärtigen Amts. Zusammen mit Dr. Berresheim moderierte für uns Prof. Dr. Sabine Mangold-Will das Gespräch. In Vorschau auf den 150. Jahrestag haben wir damit die Debatte über die aktualisierten Perspektiven auf das historische Ereignis eröffnet. Für das Jahr 2028 ist unter anderem eine Konferenz geplant.
Das Expertengespräch brachte Diplomatie und Geschichtswissenschaft zusammen. Zunächst skizzierte der Osteuropa-Historiker Prof. Dr. Stefan Troebst Bismarcks Absichten sowie den historischen Kontext des Kongresses: Eine Finanzkrise hatte das Osmanische Reich wirtschaftlich stark geschwächt, zugleich wurden in der Balkan-Region die Emanzipationsbestrebungen immer lauter. Russland nahm dabei, begründet durch eine Nähe von Religion und Sprache, zunehmend eine Rolle als Vertreter der südslawischen Völker ein. Es verfolgte dabei aber vor allem auch das Interesse, Zugang zum Mittelmeer zu erlangen. Auf den russisch-osmanischen Krieg (1877/78) folgte der Vorfrieden von San Stefano, der zum Unmut anderer europäischer Mächte Russland seinen Zielen näherbrachte. Auf dem Berliner Kongress wurde dem Zarenreich dann doch eine übermächtige Machtposition und der Zugang zum Mittelmeer verwehrt.
Unser Geschäftsführer PD Dr. Ulf Morgenstern ordnete im Anschluss Bismarcks politische Ambitionen ein, der für das Deutsche Kaiserreich 1878 keine Gebietsansprüche verfolgte. Da ihm zudem klargeworden sei, dass ein Präventivkrieg keine außen- und sicherheitspolitische Option mehr darstelle, habe er auf eine friedenssichernde Bündnispolitik gesetzt und diese Rolle auf dem Berliner Kongress ausgespielt. Da Russland aber seine maximalen Ziele nicht habe erreichen können, sei dauerhaft „ein Knacks“ im deutsch-russischen Verhältnis geblieben.
Die Debatte konzentrierte sich dann auf die Gründung des Fürstentums Bulgarien und die Folgen. Es diskutierten Knut Abraham MdB, der an der Botschaft in Sofia tätig war und derzeit Koordinator der Bundesregierung für die deutsch-polnische zwischengesellschaftliche und grenznahe Zusammenarbeit ist, Dr. Sigrun Comati, Präsidentin der Deutsch-Bulgarischen Gesellschaft, Generalkonsul a.D. Dr. Dr. Rolf Krause sowie Botschafterin a.D. Gudrun Steinacker.
Zum Abschluss vermittelte Prof. Dr. Markus Wien, der an der American University in Bulgaria (AUBG) lehrt und online zugeschaltet war, Einblicke in die gegenwärtige politische Kultur Bulgariens. Dass der Berliner Kongress 1878 einen Krieg verhinderte, sei in der allgemeinen Erinnerung nicht präsent. Stattdessen werde mit dem Nationalfeiertag am 3. März an den Vorfrieden von San Stefano gedacht. Damit würden der Traum von einem Groß-Bulgarien sowie eine Wahrnehmung Russlands als Befreier und Brudervolk konserviert. Diese beiden erinnerungspolitischen Aspekte spielten zwar gegenwärtig keine nennenswerte Rolle. Im rechten Spektrum werde allerdings ein pro-russisches Narrativ bewirtschaftet. Die historischen Ereignisse in den 1870er-Jahren in Südosteuropa und Berlin seien damit immer noch politisch aktivierbar.
Fotos: Dr. Sigrun Comati, Prof. Dr. Stefan Troebst, Dr. Volker Berresheim, Knut Abraham MdB und Prof. Dr. Sabine Mangold-Will (obere Reihe v.l.n.r.), Generalskonsul a.D. Dr. Rolf Krause, Dr. Thomas Kröger, PD Dr. Ulf Morgenstern, Prof. Dr. Sabine Mangold-Will und Dr. Volker Berresheim, Botschafterin a.D. Gudrun Steinacker (untere Reihe v.l.n.r.)



