Das „Deutsch-Ostafrika-Ehrenmal“ in Aumühle – Ein kolonialrevisionistisches Denkmal aus dem Jahr 1955

Die spätexpressionistische Plastik, entstanden zwischen 1935 und 1955, stellt in stilisierter Form eine Szene aus dem Ersten Weltkrieg dar: In der Mitte steht der behelmte Generalmajor Paul von Lettow-Vorbeck (1870-1964), flankiert von einem Soldaten der ostafrikanischen Hilfstruppen (links) sowie einem sitzenden indigenen Träger (rechts). Die Gruppe überschaut das vor ihr liegende Gelände. Das überlebensgroße Denkmal mystifiziert die vermeintliche Treue tansanischer Afrikaner an der Seite deutscher Kolonialtruppen gegen die Übermacht aus Briten, Belgiern und Südafrikanern.
Tatsächlich beruhte Lettow-Vorbecks militärisches Vorgehen in den Jahren 1914 bis 1918 nicht auf freiwilliger Kameradschaft zwischen Herrschern und Beherrschten, sondern auf „Terror und Zwang“ und einer „totalen Mobilisierung“ (T. Bührer). Nach seiner Rückkehr nach Deutschland im April 1919 avancierte der „einzige im Weltkrieg unbesiegte General“ des untergegangenen Kaiserreichs zu einer Integrationsfigur monarchisch-militaristischer Strömungen. Eine zentrale Rolle kam ihm in kolonialrevisionistischen Kreisen zu. Aus deren Reihen wurde Mitte der 1930er-Jahre ein Denkmal für den auch der NS-Propaganda dienenden Helden am Düsseldorfer Rheinufer in Auftrag gegeben. Der Bildhauer Walther von Rukteschell (1882-1941), Adjutant Lettow-Vorbecks im Ersten Weltkrieg und später Ghostwriter sowie Illustrator von dessen Memoiren „Heia Safari“, verstarb vor der Fertigstellung. Seine Witwe vollendete die 3,60 mal 3,20 Meter große Sandsteinplastik in den späten 1940er-Jahren.
Da nach dem Ende des Deutschen Reiches an die Aufstellung in einem großstädtischen Raum nicht mehr zu denken war, suchten die Kolonialveteranen nach einem alternativen Standort. Aus ihrer Sicht hatte das Denkmal nun sogar eine zusätzliche Botschaft bekommen, da die Eintracht suggerierenden kolonialen Militärfiguren an positive, sich von den Untaten der Nationalsozialisten abhebende Momente deutscher Großmachtgeschichte erinnerten.
Paul von Lettow-Vorbeck, über Bismarcks Bruder Bernhard mit den Bismarcks verwandt und seit einem Freikorpseinsatz in Hamburg im Jahr 1919 auch mit ihnen persönlich bekannt, wandte sich an die Familie, die einen Standort nahe des Restaurants Waldesruh zur Verfügung stellte. Die Reminiszenz an Otto von Bismarck als Gründer des deutschen Kolonialreichs erschien in den 1950er-Jahren noch naheliegend. Kritik ist nicht überliefert.
Das in Deutsch-Ost-Afrika bis 1914 im Eisenbahn- und Brückenbau engagierte Bauunternehmen „Philipp Holzmann“ übernahm aus alter Verbundenheit mit Lettow-Vorbeck den Transport aus dem Dachauer Atelier Ruckteschells nach Aumühle. Am 8. Mai 1955 wurde das Denkmal eingeweiht. Die Festansprache vor 300 Anwesenden hielt der Schleswig-Holsteinische Ministerpräsident Kai-Uwe von Hassel (1913-1997), selbst ein „alter Afrikaner“. Seitdem steht die Figurengruppe am östlichen Rand des Sachsenwaldes.
Weitere Informationen:
Tanja Bührer, Afrikanische und deutsche Kriegserfahrungen in Ostafrika während des Ersten Weltkriegs, in: Flavio Eichmann, Markus Pöhlmann, Dierk Walter (Hrsg.), Globale Machtkonflikte und Kriege – Festschrift für Stig Förster zum 65. Geburtstag, Paderborn 2016, S. 211-232 und
Ulf Morgenstern, Globalgeschichte jenseits der Metropole. Bismarcks Friedrichsruh als kolonialgeschichtlicher Erinnerungsort, in: Kim Todzi/Jürgen Zimmerer (Hrsg.), Hamburg: Tor zur kolonialen Welt. Erinnerungsorte der (post-)kolonialen Globalisierung, Göttingen 2021, S. 113-128.



