Beiträge

Hoher Besuch am Jahresbeginn: Staatsministerin Grütters im Sachsenwald

Geschrieben von Dr. Ulf Morgenstern am Freitag, den 13. Januar 2017 um 09:10 Uhr

Gut, wir geben gern zu, dass die Eröffnung der Elbphilharmonie ein klein wenig dazu beigetragen haben mag, dass unsere Dienstherrin sich auf eine Reise durch das winterliche Norddeutschland gemacht hat. Am Ergebnis ändert der (ge)wichtigere Anlass aber nichts. Denn nach dem rauschenden Konzert besuchte Frau Prof. Grütters, die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien, am nächsten Tag zuerst die Kollegen der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und anschließend die Otto-von-Bismarck-Stiftung in Friedrichsruh. Zunächst machte dabei der historische Bahnhof größeren Eindruck auf die Ministerin als der Bismarcksche genius loci.

Nach einer Führung durch unsere Dauerausstellung war bei einem ausführlichen Gespräch mit dem Vorstand und den Mitarbeitern des Hauses Gelegenheit, Wünsche, Sorgen und Zukunftsideen auszutauschen.

Die Ministerin hörte aufmerksam zu, fragte kritisch nach und machte sich mehr als eine Notiz. Am Ende war sich die Runde einig, dass es mehr Gelegenheiten zum persönlichen Gespräch geben müsste, um die gegenseitigen Vorstellungen, Pläne und Handlungsspielräume kennen- und einschätzen zu lernen.

Wenn das Jahr schon so positiv und freundschaftlich losgeht, kann man nur das Beste erwarten. Auch und gerade an einem Freitag, dem 13.

Auf unserem Bild beugen sich die Strategen über den Kartentisch, v.l.n.r.: Dr. Rüdiger Kass (Vorstandsvorsitzender der Stiftung), Norbert Brackmann (Kuratoriumsmitglied und Vorsitzender des Fördervereins), PD Dr. Gerold Letko (Vorstandsmitglied) und Prof. Monika Grütters (Bundesbeauftragte für Kultur und Medien).

Wahlen, Wahlergebnisse und die Repräsentativität der „Volksmeinung“

Geschrieben von Dr. Ulf Morgenstern am Donnerstag, den 10. November 2016 um 10:35 Uhr

In einer Debatte über das Reichsbranntweinmonopol äußerte sich Otto von Bismarck am 26. März 1886 im Reichstag über das Verhältnis von Wahlen und der „Volksmeinung“:

„Daß die Wahlen nicht das Barometer der Gefühle und Empfindungen des Volkes im Allgemeinen sind, das geht einmal schon aus den arithmetischen Verhältnissen hervor. Die Majorität des Reichstages, wie sie den Regierungen ablehnend und obtruierend augenblicklich gegenübersteht, vertritt doch ihrerseits nur etwas – nicht mal gar viel – mehr als die Hälfte des Reichstages, und der ganze Reichstag vertritt in seiner Gesammtheit doch mit Notwendigkeit nur etwas mehr als die Hälfte des deutschen Volkes.

Also dieses Viertel der öffentlichen Meinung, welches in den Majoritätsabstimmungen zum Ausdruck kommt, ist nicht nothwendig die Volksmeinung.“

Bismarck im Kanzleramt. Zumindest indirekt…

Geschrieben von Dr. Ulf Morgenstern am Donnerstag, den 03. November 2016 um 11:56 Uhr

Kultur und Bildung gehören in Deutschland zur Länderhoheit, das ist allgemein bekannt. Da Ausnahmen aber die Regel bestätigen, gibt es eine über das gesamte Bundesgebiet verteilte Schar von Kultureinrichtungen, die vom Bund gefördert werden oder ihm direkt unterstehen.

Zu diesem auserlesenen Kreis gehören Ozeanriesen wie das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland und das Deutsche Historische Museum sowie kleinere Beiboote wie das Bach-Archiv in Leipzig oder die fünf Politikergedenkstiftungen.

Auf Einladung der Beauftragten für Kultur und Medien (BKM), Frau Prof. Monika Grütters, waren die Spitzen dieser Kultureinrichtungen am 2. November zu einem Treffen ins Kanzleramt geladen. Das Motto der BKM „Kultur öffnet Welten“ wirkte bei dieser Zusammenkunft keineswegs übertrieben. Die große Zahl der anwesenden Vertreter und die Vielfältigkeit ihrer jeweiligen Häuser zeigten, wie breit das kulturelle Engagement des Bundes ist.

Die Bundeskanzlerin selbst ließ es sich nicht nehmen, ihrem straffen Terminplan [1] noch einen weiteren hinzuzufügen und die Gäste persönlich zu begrüßen. Nach einem Gruppenfoto auf der Südtreppe des Kanzleramts nahm sie sich Zeit für eine einstündige Aussprache.

Die Bundeskanzlerin hatte jüngst in ihrem regelmäßigen Podcast deutlich gemacht, welchen Stellenwert sie Kultur in Deutschland beimesse. Nun betonte sie u.a. die Aufgabe der Kulturschaffenden, kritische Diskussionen über unsere Geschichte anzuregen und Fragen an diese Geschichte zu stellen. Außerdem lieferte sie ein bemerkenswertes Plädoyer, bei den Projekten „ehrliche Kostenberechnungen“ anzustellen, damit nicht wie so häufig erst  ex post klar würde, wie teuer diese würden.

Gewisse Bewirtungskosten entstanden anschließend, als Frau Prof. Grütters zu weiteren Gesprächen bei Wein und Häppchen einlud – beides entgegen internationalen gastronomischen Moden explizit aus deutschen Landen. Die BKM brachte bei dieser Gelegenheit Otto von Bismarck ins Spiel. Sie erinnerte an eine kulinarische Episode, bei der der Connaisseur Bismarck dem jungen Kaiser Wilhelm II. seine Vorliebe für Champagner bekannte, den er deutschen Schaumweinen vorzöge: „Bei mir, Majestät, macht der Patriotismus kurz vor dem Magen halt.“

Wer diese launigen und jeglichen Chauvinismus zurückweisenden Worte nachlesen möchte, um es bei nächster Gelegeneheit der Staatsministerin gleich zu tun, der kann den vollständigen Text in einer Anekdotensammlung über Bismarck nachlesen – herausgegeben von zwei Kulturschaffenden des Bundes.[2]

[1] Zu den öffentlichen Terminen zählte u.a. eine gemeinsame Pressekonferenz mit dem schweizerischen Bundespräsidenten sowie eine Rede zur Überreichung des Seoul Friedenspreises.

[2] Dem Otto sein Leben von Bismarck. Die besten Anekdoten über den Eisernen Kanzler, hrsg. von Ulrich Lappenküper/Ulf Morgenstern, München 2015.

„Grüne Stadträtinnen setzen neue Bismarck-Ehrung durch“

Geschrieben von Dr. Ulf Morgenstern am Freitag, den 03. Juni 2016 um 10:48 Uhr

Das glauben Sie nicht? Oder Sie halten die Schlagzeile für eine Überschrift aus dem Jahr 2050, wenn das Beispiel Baden-Württembergs vielleicht der bundesdeutsche Normalfall geworden sein wird? Dann schauen Sie mal nach Würzburg.

Dort gibt es seit dem Jahr 1900 einen Bismarckturm (s. unser Bild). Das fanden zwei grüne Stadträtinnen zu wenig und haben für eine Erweiterung des Ehrregimes gesorgt. Unterhalb der Festung. Dort hat die Pflege einer Städtepartnerschaft durch die engagierten Lokalpolitiker zu einer neuen Bismarck-Benennung im öffentlichen Raum geführt.  Dass es bei der außerwöhnlichen Gestaltung einer Grünfläche nur mittelbar um Bismarck geht, geben wir gern zu.

Im Ergebnis bleibt aber festzustellen, dass der Name Bismarck hier neu in die Landschaft eingeschrieben wurde. Auf unverkrampfte Art und Weise. Über postkoloniale Geschichtsbilder und sich überlagernde oder sogar schneidende Ebenen von erinnerungskulturellen Versatzstücken tansanischer und mainfränkischer Geschichte könnte die Wissenschaft hier detaillierte Ausführungen folgen lassen. Tut Sie vielleicht auch später noch. Aber lesen Sie in der Main-Post doch zunächst einmal selbst, worum es geht.

Würste und Gesetze

Geschrieben von Dr. Ulf Morgenstern am Dienstag, den 15. März 2016 um 15:45 Uhr

Die Liebhaber deftiger Redewendungen kennen Bismarck als Schöpfer zahlreicher eingängiger sprachlicher Bilder. Manche Metaphern sind fix an ihn gebunden („Eisen und Blut“). Andere scheinen von ihm zu stammen, da Wortwahl und Kontext passen. Belegen lassen sich viele jedoch nicht.

Eines der bekanntesten Bonmots zählt zu eben diesen Zuschreibungen und es passt zu der allgemein verbreiteten (und nicht ganz unzutreffenden) Distanz Bismarcks gegenüber parlamentarischen Gesetzgebungsverfahren. Mit dem Blick in die allgemeinverständliche Welt der Lebensmittel soll der Kanzler gesagt haben, Gesetze seien wie Würste, man solle besser nicht dabei sein, wenn sie gemacht werden.

In einer schärferen Version heißt es sogar,  das Volk solle besser nicht dabei sein, wenn Gesetze oder Würste gemacht würden, sonst werde ihm schlecht.

Beide Formulierungen sind pointiert und könnten von Bismarck stammen, beweisen lässt es sich nicht. Anders als Überlieferungen aus anderen Quellen.

Bei der historisch bedingten und nachvollziehbaren, mit fortschreitender Zeit langsam schwindenden Distanz vieler Polen zu Bismarck ist es erstaunlich, das der momentane Außenminister genau diese Wendung benutzt und zur zusätzlichen Bekräftigung auf den vermeintlichen Urheber verweist. Nachzuhören und zu schauen hier in einem Podcast des ZDF heute journals.

Dass Waszczykowski unabhängig vom Entstehungsprozess ein Anhänger von Würsten und sonstiger fleischlicher Nahrung ist, bemerkten deutsche Medien unlängst in einem anderen Zusammenhang. Wir meinen: Auch die Tofu-Herstellung gewinnt selten Ästhetik-Preise, daher trotzdem: Wohl bekomms!

Bismarck und Weizsäcker

Geschrieben von Dr. Ulf Morgenstern am Mittwoch, den 03. Februar 2016 um 10:33 Uhr

Der Vater Ernst von Weizsäcker diente als junger Beamter bis 1918 noch im kaiserlichen Auswärtigen Amt Bismarcks. Richtig Karriere machte er aber erst danach, im eigentlichen Sinne erst nach 1933. Sein 1920 geborener Sohn Richard half ihm dann nach dem Zweiten Weltkrieg bei seiner Verteidigung im Wilhelmstraßenprozess, in dem seine Verwicklungen als NS-Diplomat im Italien angeklagt waren. Vorher hatte der Junior begonnen Jura zu studieren und damit er das tun konnte, musste er noch vorher die Hochschulreife erworben haben.

Diese erlangte er 1937 am Wilmersdorfer Bismarck-Gymnasium, einer bei der politischen Hautevolee beliebten höheren Schule Berlins (heute Goethe-Gymnasium). Nachdem der Vater den Prozess hinter sich hatte, studierte der Sohn zu Ende. Und wurde am Ende einer politischen Laufbahn als elder Statesman einer der prägendsten Bundespräsidenten. So ist die verbreitetste Lesart, die allerdings eine Lücke hat.

Denn Richard von Weizsäcker verbarchte die ersten Berufsjahre als promovierter Jurist (Göttingen 1951) im Wirtschaftswunder-Deutschland in der Industrie. Und diese hatte damals ihre wichtigsten Standorte noch an Rhein und Ruhr. An vier Gelsenkirchener Jahre im Leben Weizsäckers erinnert seit einigen Tagen eine Gedenktafel an jenem Haus, in dem der Mannesmann-Mitarbeiter Weizsäcker ab 1950 wohnte. Postadresse: Bismarck-Straße 193! Die Gelsenkirchner haben das Gebäude nun „Erinnerungsort von-Weizsäcker-Haus“ genannt. Eine schöne Geste, die an eine lokalhistorische Episode im Leben eines später berühmten Kurzzeit-Ruhrgebiets-Bürgers erinnert. Ergänzt sei, dass die Bismarck-Straße im Stadtteil Gelsenkirchen-Bismarck liegt.

Der Bismarck-Mythos, hier durch den Namen einer Zeche auf ein ganzes Viertel ausgedehnt, ist also nun durch den Demokraten Weizsäcker auf reizvolle Weise gebrochen oder zumindest zusätzlich konnotiert. Wem in dem (unbequemen) CDU-Politiker Weizsäcker dabei noch zu viel bürgerlicher Konservatismus steckt, der kann den Blick auf die Gelsenkirchener „Falken“ richten. Die Jugend-Organisation der von Bismarck einst verfolgten SPD gibt es nämlich – alte Ruhrgebietstradition – natürlich auch in „Bismarck“!

Auf dem Bild ist der Bundespräsident a.D. neben einer Tafel zu sehen, die an seine Geburt im Stuttgarter Neuen Schloss erinnert.

Das Bismarck-Jubiläum in der Online-Presse: zwischen neugieriger Differenzierung und kritischen Gegenwartsbezügen

Geschrieben von Christian Wachter am Donnerstag, den 14. Januar 2016 um 12:00 Uhr

2015, das Jahr von Bismarcks 200. Geburtstag, ist vorübergegangen. Für die Otto-von-Bismarck-Stiftung ist das ein Grund, nicht nur auf ihr eigenes Jubiläumsprogramm und in diesem Zusammenhang auf die vielfältige Auseinandersetzung mit Bismarck zurückzublicken. Die Frage, inwieweit das Jubiläum Anlass für eine breitere öffentliche Diskussion über ihn und das Gedenken seiner war, schließt sich unmittelbar an.
Insbesondere die Presseberichte der vergangenen Monate sind ein Gradmesser dafür, welcher Stellenwert dem 200. Geburtstag Bismarcks in der Öffentlichkeit beigemessen wird, welche Bilder von Bismarck dabei gezeichnet und welche Bezüge zu aktuellen gesellschaftlichen und politischen Lagen hergestellt werden. Aus diesem Grund fassen wir die Pressestimmen diverser Online-Medien hier zusammen.

Vorangestellt sei, dass angesichts der großen Fülle an Berichten und bei aller gebotenen Differenzierung zu den thematisch wie meinungsbezogen unterschiedlichen Artikeln die Beschäftigung mit dem Altmärker und dem Gedenken an ihn durchaus markante Trends aufweist: Die beiden prominenten Pole der Bismarckrezeption – „Dämon der Deutschen“ auf der einen Seite, der „Heldenpolitiker“ auf der anderen – stecken für einen Großteil der Beiträge den thematischen Rahmen ab. Bezeichnend dabei ist, dass sie sich dem eher mit kritisch-differenzierender Neugierde widmen, um einen „authentischen Bismarck“ hinter diesen Zerrbildern kenntlich zu machen. Ein unverkrampftes Sich-Annähern und eine reflektierte Auseinandersetzung mit der vergangenen Bismarckrezeption ist die vorrangige Herangehensweise.

Zu dieser Annäherung gehört auch der Verweis auf neue wissenschaftliche Publikationen zum Jubiläumsjahr wie ihn zum Beispiel Ulrike Bosse auf NDR.de oder Angela Brünjes vom Göttinger Tageblatt geben; Peter Leusch vom Deutschlandfunk widmet sich der allgemeinen Frage „Wie blickt die Wissenschaft heute auf Otto von Bismarck?“. Eigene Beschreibungen der Presseseiten zu Bismarck greifen zumeist auf Christoph Nonns Biografie „Bismarck. Ein Preuße und sein Jahrhundert“ zurück, so etwa im Beitrag „Politisches Talent in einem Land voller Bauern“ von Winfried Sträter bei Deutschlandradio Kultur. Sträter hinterfragt auf diese Weise das Image von Bismarck als Verhinderer von Modernisierungen und resümiert: „In seiner Bismarck-Biografie stellt Nonn Bismarcks politisches Talent nicht in Frage und holt ihn doch von dem Sockel.“ „Einmal Otto von Bismarck ohne Mythos, bitte“ titelt Wolfgang Schneider auf Welt.de, um unter Rückgriff auf Nonns Buch eine Bismarckrezeption ohne Ideologisierung einzufordern. Die Differenzierungsbemühungen des Düsseldorfer Historikers werden hier allerdings durchaus kritisiert: „Man sieht Bismarck bei der Lektüre manchmal kaum noch vor lauter schrittweisen, vielschichtigen Prozessen.“ SZ.de hat unter der Überschrift „‚Ein ungewöhnlicher Knabe‘“ ein Gespräch veröffentlicht, das Oliver Das Gupta mit dem Historiker und Bismarckforscher Fritz Stern geführt hat. Hier kommt Stern auf die „ungewöhnlichen Begabungen“ und sein Verhältnis zu seinem Bankier Gerson von Bleichröder und zu Juden im Allgemeinen zu sprechen.

Ein Interview von Stephan Maus mit Nonn bei Stern.de soll der Klärung der Fragen dienen, was Bismarck uns heute sagen kann und wie seine historische Bedeutung einzuschätzen ist. Hierbei interessieren besonders die Auswirkungen bismarckscher Politik auf die Entwicklung deutscher Geschichte hin zu beiden Weltkriegen. Im Ergebnis heißt es für Nonn dazu: „Bismarck hat […] mit der von ihm bestimmten Verfassung von 1871 letztlich eine Hypothek für die Weimarer Republik geschaffen – keine unüberwindliche, aber doch eine schwere.“ Überhaupt: Die prominente Frage, inwiefern Bismarck haftbar gemacht werden kann für die Entwicklung hin zum Ersten Weltkrieg und zum Nationalsozialismus spielt wenig überraschend auch in weiteren Pressebeiträgen eine wichtige Rolle. Zwei Lager lassen sich hier grob ausfindig machen, die einerseits direkte Verbindungslinien konsequent ablehnen und die andererseits sein Wirken als beide Katastrophen stark begünstigend auffassen. Michael Stürmer schreibt auf Welt.de unter dem Titel „Bismarck ist den Deutschen fremd“: „Bismarck dachte im Begriff der Staatsräson. Ihn haftbar zu machen schon für Wilhelm II. und den Wilhelminismus kann nur, wer die Abrechnung des Kanzlers mit dem „persönlichen Regiment“ ignoriert.“ In Bezug auf den vor allem durch das national gesinnte deutsche Bürgertum getragenen Bismarck-Mythos heißt es bei Manuel Glasfort von NOZ.de: „Der Mythos trug dazu bei, die politische Kultur der Zwischenkriegszeit zu vergiften. […] Den Wunsch nach einem starken Führer machte sich der junge Adolf Hitler zunutze.“

Bei alledem sind die (manchmal auch nur vermeintlichen) Widersprüche im politischen Handeln, aber auch im Privatleben Bismarcks ein beliebtes Leitmotiv, um sich der charakteristischen Mischung aus dessen Gespür für Realpolitik, seinem diplomatischem Geschick sowie seiner wilden Schul- und Studentenzeit anzunähern und sie einzuschätzen. So bezeichnet der Historiker Christoph Jahr auf NZZ.ch den Reichskanzler als „Deutschlands ruhelosen Rittmeister“ dessen Charakterbild in der Geschichte schwanke. Schilderungen des unsteten Schülers und Studenten Bismarck werden etwa von Peter-Philipp Schmitt auf FAZ.net bemüht. Auch mit Anekdotensammlungen schicken sich einige Autoren an, hinter den „Eisernen Kanzler“ zu blicken oder einfach etwas Amüsantes zu vermitteln. „Seltsam, wie der Kaviar sättigt“ titelt so beispielsweise SZ.de und „Sprach der Fürst zum Bauern …“ Rainer Blasius von FAZ.net.
Immer wieder sind es auch Einzelthemen zur bismarckschen Politik, die behandelt werden. So gehen Rüdiger Achenbach und Alfried Schmitz vom Deutschlandfunk in ihrem Beitrag „Gegen den Ultramontanismus“ der Serie „Reichskanzler Otto von Bismarck und der Kulturkampf“ auf Bismarcks repressive Politik gegen „reichsfeindliche“ katholische Aktivitäten ein.

Auch wenn Bismarck von vielen Seiten ein – auf die Außenpolitik bezogenes – realpolitisches und diplomatisches Genie attestiert wird, die meisten Berichte verpassen es nicht, seine innenpolitischen Schwächen klar herauszustellen, die langfristigen Schwierigkeiten der Reichsgründung für die europäische Staatenkonstellation zu betonen sowie Bismarcks Methoden als ganz und gar unbrauchbar für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu bewerten. Eindeutig vertritt dies Volker Weiß auf Spiegel Online in seinem Artikel „Bismarck-Jahr 2015: Der deutsche Traum als Schrecken Europas“, um sodann einen direkten Bezug zum 200. Bismarckjubiläum herzustellen: „Deutschlands ökonomische Dominanz in der EU verstört andere. Schon aus diesem Grund dürfte Otto von Bismarcks 200. Geburtstag am 1. April 2015 international aufmerksam beobachtet werden. Die Frage, wie die Berliner Republik heute des Reichsgründers gedenkt, wird vieles über ihr Selbstverständnis aussagen.“ Weniger scharf, aber nicht minder eindeutig formuliert es Paul Munzinger von SZ.de im Artikel „Dämon außer Dienst“: „Deutschland braucht den einstigen Übervater nicht mehr – weder um sich anzulehnen noch um sich an ihm abzuarbeiten. Vielleicht können wir ja gerade jetzt etwas von ihm lernen.“

Dass Bismarcks Politik den Deutschen heute kaum als Vorbild dienen könne, liege eben an gewandelten Wertesystemen, an veränderten gesellschaftlichen wie politischen Grundbedingungen in einem Europa, in dem Machtpolitik des 19. Jahrhunderts keinen Platz habe – besonders keine auf bilateralen Geheimverträgen gründenden Bündnissysteme. Mit dem vielsagenden Titel „Für Deutsche gibt es bessere Vorbilder als Bismarck“ gibt John Kornblum von Welt.de diese Ansicht deutlich wider. Er attestiert Europa eine Leitung von negativen Selbstbildern. „Bis heute fesseln die Europäer Gefühle von Scham und Verlust, die seit 70 Jahren von einer Generation an die nächste weitergegeben wurden. Diese Bürde aus Angst und Selbstzweifel behindert Europa ernsthaft beim Versuch, seine erheblichen Talente einzubringen in eine Welt, die sich im Zuge einer technologischen Revolution rasend schnell verändert.“ Sich auch auf ein reiches europäisches Erbe zurückzubesinnen sei nach Kornblum notwendig, um die „Kräfte des Fortschritts“ fruchtbar entfalten zu lassen – Bismarck als Reaktionär könne hierfür eben keine Orientierung bieten.

Zwei Artikel eines einzigen Presseorgans lassen die Ambivalenz, mit der Bismarck sowie die deutsche Erinnerungskultur behandelt werden, besonders deutlich werden: Albert Funk von Der Tagesspiegel stellt in einer Artikelüberschrift heraus: „Otto von Bismarck taugt nicht als Vorbild“, beklagt insbesondere „spalterische Methoden“ in Bismarcks Innenpolitik und resümiert über seine Außenpolitik nach der Reichsgründung, er habe gekittet, was zerbrochen gewesen sei. Dieser Kritik an Bismarck selbst, an seiner Ehrzuteilung sowie an der Bezugnahme auf ihn als politische Traditionsfigur für die Bundesrepublik stellt Christoph von Marschall den Artikel „Deutschlands Einheit ohne Pickelhaube“ zur Seite. Hierin heißt es als Fazit: „Diesen Bismarck, der Frieden durch Bündnispflege sichert, der die Sozialversicherungen schuf, dürfen die Deutschen auch heute getrost auf die Sockel heben. Wäre doch schade, wenn sie nach dem gedanklichen Denkmalsturz sinnentleert in der Landschaft herumstehen.“
Wie bei anderen umstrittenen Figuren der Geschichte oszilliert also die mal mehr, mal weniger deutlich positionierte Stellungnahme zu Bismarck um die Frage, inwieweit sich Einzelleistungen (wie etwa die Schaffung des Sozialversicherungssystems) oder Charakterzüge (wie Bismarcks politisches Talent, in Optionen zu denken) abstrahieren lassen vom übergeordneten Kontext der bismarckschen Politik. Überraschen kann dies angesichts der unterschiedlichen gesellschaftlichpolitischen Verortung der Presseorgane freilich nicht. In diesem Kontext geht es häufig auch um die Frage, inwiefern der „Eiserne Kanzler“ aus seiner Zeit heraus beurteilt oder an modernen Maßstäben gemessen werden muss. Im Kontrast zu den oben genannten, Bismarck an heutigen Politik- und Wertesystemen messenden Beiträgen, schreibt so etwa Michael Stürmer auf Welt.de unter der Überschrift „Bismarck, der weiße Revolutionär aus Deutschland“: „Den Zeitgenossen, von Friedrich Engels bis zu den Stockkonservativen, galt er als weißer Revolutionär. Bismarck – oder Talleyrand, Palmerston, Disraeli – zu messen nach der Political Correctness der Gegenwart, ersetzt Urteilsvermögen durch Gesinnung.“ Nüchtern heißt es weiter unten: „Ein preußischer Staatsmann, dessen Name man heute in Verbindung mit Mineralwasser und einem leckeren Hering kennt. Den Staatsmann aber weniger“.

Diesen Leitlinien folgend wurden ebenso die Jubiläumsveranstaltungen im „Bismarck-Jahr“ kritisch begleitet. Im oben erwähnten Artikel „Dämon außer Dienst“ heißt es: „[G]emessen daran, wie der Mann dieses Land einst umgetrieben hat, wirkt das Gedenken doch eher wie eine pflichtschuldige Übung, wie die leidenschaftslose Reaktion auf einen kalendarischen Zufall.“ Die Redeinhalte von Bundespräsident Joachim Gauck und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble während des zentralen Festaktes anlässlich des 200. Geburtstages bewertet Albert Funk in seinem oben angeführten Beitrag kritisch als „Ehrenrettung des ‚Eisernen Kanzlers‘“. Auch in Altkanzler Gerhard Schröder sieht der Autor einen „Bismarck-Versteher“, was wundere, da der erste Reichskanzler im Geschichtsbild der Deutschen zu verglühen scheine. Schäubles Wahrnehmung von Bismarck ist ebenfalls dessen Gastbeitrag bei FAZ.net mit der Überschrift „Politik ist die Lehre vom Möglichen“ zu entnehmen. Hierin heißt es zusammenfassend: „Beschäftigt man sich mit Bismarcks Politik in seiner Zeit, dann wird man weiser für den Umgang mit unseren heutigen Problemen. Diese Chance sollte man sich nicht entgehen lassen.“ Auch Norbert Blüm, ehemaliger Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung, zeichnet mit seinem Beitrag „Bismarck bleibt modern“ bei SZ.de ein positives Bild von Bismarck. Für ihn stehen die Leistungen des Reichskanzlers für den Sozialstaat im Vordergrund – damit ist das Statement des ehemaligen stellvertretenden Bundesvorsitzenden der CDU ein weiteres Beispiel für solche Stimmen, die bestimmte Leistungen Bismarcks als beispielhaft in den Fokus rücken.

Die übrigen Artikel beschäftigen sich unter anderem mit der Vielfalt und den großen Dimensionen der Bismarck-Denkmäler, besonders in Form der Bismarcktürme, oder mit Straßenbenennungen. Einen Schwerpunkt hierauf legen etwa ZEIT Online unter dem Titel „Türme für den Kult-Kanzler“ sowie der bereits angeführte Beitrag „Dämon außer Dienst“, in dem auch das Projekt BISMARCKIERUNG der Otto-von-Bismarck-Stiftung verlinkt ist.
Ansonsten werden vornehmlich Hinweise auf aktuelle Veranstaltungen zum Bismarck-Jubiläum oder Berichte über jüngst stattgefundene gegeben. MDR.de berichtet so über das „Bismarck-Treffen in Stendal“ mitsamt Podiumsdiskussion, weitere Artikel beziehen sich auf die Ausstellungen und Vorträge (nicht nur) der Otto-von-Bismarck-Stiftung, wie beispielsweise folgender von Andreas Müller auf MDR.de.
Regionale Bezüge stellen ein weiteres Themenfeld dar: Michael Groß berichtet für die Ostthüringer Zeitung über eine Ausstellung im Jenaer Bismarckturm und verweist dabei auch auf den besonderen Pflegeeinsatz des lokalen Vereins Berggesellschaft Forsthaus am Bismarckturm. Solche Pflegeeinsätze an Bismarckdenkmälern häuften sich zum 200. Jubiläum, ebenso die entsprechenden Presseberichte. WAZ.de verweist auf einen Vortrag von Christoph Nonn in Hagen und stellt dabei „Bismarcks besonderes Verhältnis“ zu der Stadt heraus.

In der Zusammenschau lässt ein Großteil der hier aufgeführten Texte deutlich werden, dass der differenzierte Blick hinter Stereotype keineswegs automatisch klare politische Urteile verhindert. Darüber hinaus fällt auf, dass sich internationale Stimmen rarmachen und die meisten Online-Artikel an den Tagen kurz vor oder nach Bismarcks Geburtstag am 1. April erschienen – in allgemeine Rückschauen auf das Jahr 2015 wird das Bismarckjubiläum kaum einbezogen. Auch Meldungen aus früheren oder späteren Monaten des Jahres sind selten und beziehen sich hauptsächlich auf aktuelle Veranstaltungen oder haben regionale Relevanz.

Eine seltene Ausnahme stellt Ulrich Schlies Gastbeitrag und Rückblick auf das Jubiläumsjahr „Bismarcks grosse Linie“ bei NZZ.ch dar. Hierin konstatiert Schlie: „Das zu Ende gehende Jahr war auch ein Bismarck-Jahr“, um sodann eher auf die dominierenden gesellschaftlichen, politischen Themen des Jahres 2015 zurückzuschauen und die Auseinandersetzung mit Bismarck hierzu ergänzend in Beziehung zu setzen. Dafür greift er die Bismarck-Bilder auf, die im Jubiläumsjahr von Historikern und Historikerinnen entworfen und verhandelt wurden, um zu schließen: „Bismarck bleibt ein Mann der Widersprüche. Der Kampf um das Bismarck-Bild begleitete dessen ganze Historiografie, auch 2015.“ Es folgt eine Nachzeichnung und Analyse von Bismarcks innen- wie außenpolitischem Vorgehen. Schlies Fazit: „Bismarcks Konstellationen haben mit denjenigen unserer Zeit wenig gemeinsam, seine Methoden, Stärken, auch seine Fehler zu studieren, ist gleichwohl ein lohnender Gegenstand von ungebrochener Aktualität.“ Die Aktualität Bismarcks bestünde nicht in Bezug auf den konkreten Inhalt seiner Politik oder seine Methoden, sondern in seinem Geschick für Diplomatie und Realpolitik im Allgemeinen; Bismarck habe sich als „antidoktrinär, instinktsicher und taktisch klug“ hervorgetan.

Bismarck-Museum in Schönhausen: Kooperationsvereinbarung bis 2020 unterzeichnet!

Geschrieben von Dr. Ulf Morgenstern am Dienstag, den 15. Dezember 2015 um 13:40 Uhr

Wer wissen möchte, wie die föderale Struktur der Bundesrepublik im Wesentlichen aufgebaut ist, kann das am Betrieb des Bismarck-Museums in Schönhausen lernen. Das Haus in der Altmark wird seit 2007 als erfreuliches Joint Venture betrieben. Die Beteiligten haben nun ihren Kooperationsvertrag bzw. die Kooperationsvereinbarung für weitere fünf Jahre verlängert. Unterschrieben haben die Dokumente Vertreter

– der Otto-von-Bismarck-Stiftung (die bei der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien ressortiert, also vom Bund getragen wird),

– des sachsen-anhaltinischen Kultusministeriums (also ein Bundesland)

– des Landkreises Stendal (ein Landkreis in ebenjenem Bundesland)

und der Gemeinde Schönhausen.

Vier Ebenen des föderalen Gebäudes der Bundesrepublik haben sich in Bismarcks Geburtsort also zu wiederholten Male dazu verabredet, den Betrieb des einzigartigen Museums und den Fortgang der wissenschaftlichen und museumspädagogischen Arbeit in den nächsten Jahren zu garantieren. Ein schönes, vorzeitiges Weihnachtsgeschenk, für das wir herzlich danken!

Auf unserem Bild von links nach rechts: Dr. Gerold Letko vom Vorstand der Otto-von-Bismarck-Stiftung, Holger-Hazy Borowski, Bürgermeister der Gemeinde Schönhausen,Kultusstaatssekretär Dr. Jan Hofmann und Carsten Wulfänger, Landrat des Landkreises Stendal.

Hurra, wir bauen!

Geschrieben von Dr. Ulf Morgenstern am Freitag, den 13. November 2015 um 13:23 Uhr

Der Haushaltsausschuss des Bundestages hat am 12. November 2015 einen Gesamtetat von 316,9 Milliarden Euro für das Haushaltsjahr 2016 beschlossen. Teil dieser riesigen Summe sind immerhin noch sehr stattliche 2,7 Millionen Euro für den Neubau eines multifunktionalen Neubaus für die Otto-von-Bismarck-Stiftung in Friedrichsruh. Zusammen mit 300.000 Euro, die bisher für die Planung des Vorhabens bereits genehmigt worden sind, wendet der Bund der Bismarck-Stiftung 3 Millionen Euro für die Lösung von akuten Raumproblemen zu.

Geplant ist ein Neubau auf dem eigenen Grundstück, der einen Veranstaltungsraum und die Bibliothek aufnehmen soll; beide sind in den knapp 20 Jahren seit Bestehen der Stiftung im historischen Bahnhofsgebäude in Friedrichsruh an ihre Kapazitätsgrenzen gestoßen bzw. schlicht über diese hinausgewachsen. Dort, wo sie im alten Bahnhof Platz machen, soll die ebenfalls zu erneuernde Dauerausstellung zusätzlich zu ihrem bisherigen Umfang neue Räumlichkeiten hinzubekommen.

Wir freuen uns sehr über die guten Nachrichten und sagen herzlich: Danke!

Und keine Angst, die Steuergelder werden sparsam und sachdienlich verwendet: Auf der einzigen Grundstücksecke des denkmalgeschützten Stiftungsgeländes in Friedrichsruh, die für eine Bebauung in Frage kommt, einem knapp 13×15 Meter großen Stück Wiese, wird ein moderner Funktionsbau und kein Wolkenkuckucksheim entstehen, wie es das Schloss Neuschwanstein 1875 schon in seiner Bauphase erkennbar war. Obwohl das seinen Reiz hätte, von den Besucherzahlen ganz zu schweigen…

Ausstellungseröffnung und Podiumsdiskussion erinnern an 25. Jahrestag der Wiedervereinigung

Geschrieben von Dr. Ulf Morgenstern am Montag, den 05. Oktober 2015 um 09:39 Uhr

28 Jahre war Deutschland durch die Mauer geteilt, seit 25 Jahren ist es wiedervereint. Setzt man die vielen Zeitgenossen endlos erschienene Phase der Trennung neben das nunmehr volle Vierteljahrhundert seit der Wiedervereinigung, wird klar, dass der 3. Oktober 1990 ein immer historischer werdendes historisches Datum ist. Lebhaft in Erinnerung gerufen wurden die Ereignisse der Jahre 1989/90 durch zwei einstige aktive Gestalter der „großen Politik“. Zur Eröffnung einer Wanderausstellung der Stiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur (Berlin) unter dem Titel „Der Weg zur Deutschen Einheit 1989/90“ waren Dr. Rudolf Seiters (CDU) und Hans-Ulrich Klose (SPD) am 4. Oktober in den Sachsenwald gekommen.

Der Vorsitzende und der Stellvertretende Vorsitzende des Kuratoriums der Otto-von-Bismarck-Stiftung teilten ihren je eigenen Erfahrungsschatz mit einem großen Kreis von Zuhörern. Seiters, seinerzeit Chef des Bundeskenzleramts und verantwortlich für die Ausreise der Botschaftsflüchtlinge in Prag, Warschau und Budapest, erinnerte an den wohlgeordneten Umgang mit dem Unerwarteten.

Den Eindruck einer bedachten und keinesfalls zu stürmischen Politik der damaligen Bundesregierung gegenüber der DDR, den Allierten und den übrigen Mächten teilte auch der außenpolitische Experte und langjährige Vorsitzende der SPD-Fraktion Hans-Ulrich Klose. Prof. Joachim Scholtyseck, Historisches Seminar der Universität Bonn, war als Moderator der Diskussion in der angenehmen Position, nicht zwischen streitenden Zeitzeugen vermitteln zu müssen. Im Gegenteil, fast schien ihm das Gespräch mit den Elder Statesmen zu harmonisch. Seiters und Klose lagen nahezu völlig auf einer Linie, wenn sie sich an die Ereignisse der Wende- und Wiedervereinigungszeit und an deren damalige, durchaus kontroverse Wahrnehmung  bei den Spitzen von Politik, Kultur und Wissenschaft erinnerten.

Ihre Einschätzungen waren ein Lehrstück für alle Historiker, denen hier die prinzipielle Offenheit historischer Prozesse verdeutlicht wurde. Sinnbildlich brachte Rudolf Seiters diese Proseminar-Weisheit auf den Punkt, als er selbstironisch eine Begebenheit vom 9. November 1989 vortrug. Als am Mittag dieses Tages sein stellvertretender Büroleiter  mit der Bitte an ihn herangetreten sei, an diesem Tag etwas eher den Dienst verlassen zu dürfen, da er zu Hause seine Frau bei einem Kindergeburtstag unterstützen wolle, ließ der nachsichtige Chef Seiters ihn mit den Worten ziehen: „Sie können ruhig gehen, heute passiert nichts mehr.“

Unser Bild zeigt von links Dr. Rüdiger Kass, Vorsitzender des Vorstands der Otto-von-Bismarck-Stiftung, Dr. Rudolf Seiters, Vorsitzender des Kuratoriums , Prof. Dr. Joachim Scholtyseck, Universität Bonn und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats, Hans-Ulrich Klose, stellvertretender Vorsitzender des Kuratoriums mit Ehefrau, und Prof. Dr. Ulrich Lappenküper, Geschäftsführer und Vorstand der Otto-von-Bismarck-Stiftung.