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Standort Friedrichsruh

Objekt: Großkreuz des Sankt Stephans-Ordens mit Brillanten (Bruststern, Kleinod und Schulterband)

Material: Silber, Gold, Email, Brillanten, Smaragde, Textil

Maße: Bruststern (93 x 89 x 25 mm), Kleinod (86 x 48 x 13 mm), Schulterband (105 x 850 mm)

Inventar-Nr. A O 010 a – c

 

Foto: András Dabasi (Hungarian National Museum)

Zu den zahlreichen in- wie ausländischen Auszeichnungen Otto von Bismarcks gehört auch das Großkreuz mit Brillanten des St. Stephans-Ordens (vollständige Bezeichnung: Königlich Ungarischer Hoher Ritterorden vom Heiligen Stephan, dem Apostolischen König). Der am 5. Mai 1764 von Kaiserin Maria Theresia gestiftete Orden war die höchste zivile Auszeichnung des Königreichs Ungarn. Der Stiftungstag war gleichzeitig der Tag der Krönung ihres Sohnes Josephs (II.) zum Römischen König. Die Statuten des Ordens sind auf den Tag nach der Krönung Josephs (II.) datiert. Großmeister des Ordens war der ungarische Monarch, Ordensprälat war der Erzbischof von Gran und Ordenskanzler der Kanzler des Königreichs Ungarn.

 

Verliehen wurde die Auszeichnung an hundert Ordensritter in drei Klassen: Großkreuz (20), Kommandeur (30), Ritter (50). Der 20. August (St. Stephanstag) war der Festtag des Ordens. Mit dessen Verleihung waren ggfs. besondere Privilegien verbunden. Der Orden konnte nur an Adelige verliehen werden. Der ungarische Reichsverweser Miklós Horthy erneuerte den Orden im Jahr 1938, er wurde jedoch nur drei Mal verliehen.

 

Die Auszeichnung besteht aus dem Bruststern, dem Kleinod sowie dem Schulterband. Der mit Brillanten geschmückte und insgesamt achtundvierzig Strahlen versehene Bruststern besteht in der Mitte aus einem rot emaillierten Medaillon. Auf diesem findet sich das aus Edelsteinen geformte ungarische Wappen. Es handelt sich dabei um das ungarische Doppelkreuz (Patriarchenkreuz), in einer Krone stehend, auf einem grünen Dreiberg (Hügel mit drei Wölbungen). Flankiert wird das Wappen durch die aus Edelsteinen bestehenden Initialen „M“ und „T“ (für Maria Theresia). Das Medaillon ist mit einem Kranz aus weißen Edelsteinen sowie einem doppelten Eichenlaubkranz aus Smaragden umgeben.

 

Die grün emaillierten Arme des Tatzenkreuzes (Kleinod) sind mitsamt den Scharnierteilen sowie der mit dem Kreuz verbundenen goldenen Stephanskrone ebenfalls mit Brillanten besetzt. Das Medaillon in der Mitte des Kleinods ist so gestaltet wie beim Bruststern, doch ist das Medaillon hier nicht mit einem Ring aus Edelsteinen umgeben, sondern mit der in Goldschrift versehenen Devise „ PUBLICUM MERITORUM PRAEMIUM“ (öffentliche Belohnung der Verdienste). Auf der Rückseite des Medaillons erinnern die Kürzel „STO. STRI. AP.“ (Sancto Stephano regi apostolico – dem heiligen apostolischen König Stephan) an den Namensgeber des Ordens, den ungarischen König Stephan I. den Heiligen.

 

Zum Bruststern und dem Kleinod gehört ein purpurfarbenes Schulterband mit grünen Rändern, das über der rechten Schulter zu tragen war. Es existierte eine spezielle Ordenskleidung, die aus einem grünen Samtmantel mit karmesinroter Taftfütterung und Hermelinbesatz, einem goldverzierten roten Unterkleid sowie einem federgeschmückten Hut bestand.

 

Das Großkreuz des Sankt Stephans-Ordens mit Brillanten wurde Otto von Bismarck am 5. September 1872 von Kaiser Franz Joseph I. von Österreich-Ungarn verliehen und befindet sich bis heute im Besitz der Familie von Bismarck.

 

Objekt: Mitrailleuse

Material: Bronze, Gusseisen, Holz

Herstellung: 1865

Herstellungsort: Lyon, Frankreich

Standort: Bismarck-Museum Friedrichsruh

Inventar-Nr.: A 069


 

 

Von Angela Krätz

Die Mitrailleuse „Le General Malus“ aus dem Jahr 1865 ist das wohl schwerste Ausstellungsobjekt im Bismarck-Museum. Das gusseiserne Schnellfeuergeschütz war ein Geschenk Wilhelms I. an seinen Kanzler Bismarck, welches er ihm Ende 1872 überreichte. Die Waffe gelangte als Beute aus dem Deutsch-Französischen Krieg (1870/71) nach Deutschland.

Die Mitrailleuse, in der deutschen Sprache auch „Kugelspritze“ genannt, ist auf eine ursprünglich belgische Entwicklung zurückzuführen und der Gattung der Orgelgeschütze zuzuordnen. Die vielläufige Kanone ist in ihrer äußeren Form, von seitlicher Ansicht, kaum von einem normalen Geschütz zu unterscheiden. Das Objekt besteht aus einem bronzenen Geschützrohr, das auf einer Holzkonstruktion mit zwei großen Rädern befestigt ist (Lafette). Innerhalb des Rohres befindet sich ein gusseiserner Block, der in fünf Lagen jeweils fünf Bohrungen aufweist. Jede dieser Bohrungen ist in ihrer Art mit dem Kugellauf eines normalen Infanteriegewehrs vergleichbar. Der besondere waffentechnische Fortschritt der Mitrailleuse bestand folglich in der Tatsache, dass sie die Kraft von 25 einzelnen Gewehrschüssen in sich vereinte. Durch seitliches Kurbeln konnten die Läufe in kürzester Zeit nacheinander abgefeuert werden. Somit gilt die Mitrailleuse als Vorläufer des modernen Maschinengewehrs. Die Entwicklung wurde 1867 von Kaiser Napoleon III. in der französischen Armee eingeführt.[1]

Als Anerkennung für die Verdienste Otto von Bismarcks um die Reichsgründung nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 schenkte Kaiser Wilhelm I. dem Reichskanzler die erbeutete Mitrailleuse im Dezember 1872, die symbolisch an den Sieg über Frankreich erinnern sollte und ein großes „N“ als Initiale Kaiser Napoleons III. auf dem eisernen Kanonenrohr aufweist.

Die während des Krieges erbeuteten Mitrailleusen und Feldgeschütze wurden in Deutschland sorgfältig studiert und bezüglich ihrer technischen Leistung genau unter die Lupe genommen.[2] In einem Bericht der Provinzial-Correspondenz, einer halbamtlichen preußischen Wochenzeitung, vom 26. Juli 1870 steht im Zusammenhang mit der Mitrailleuse folgendes geschrieben:

„Die Franzosen haben immer dahin gestrebt, bei Beginn eines Krieges mit irgend etwas Neuem die Welt und den Gegner zu überraschen. Dies Mal sind es die Mitrailleusen, welche uns Verwirrung und Niederlage, ihnen aber den Sieg bringen sollen. Noch niemals hatten die Franzosen Glück mit der Einführung neuer Waffen. […] So werden sie 1870 am Ziel vorbei schießen, wenn sie uns mit ihrer Waffe zu überraschen gedenken. Wir haben dieselbe erprobt und ihren geringen wahren Werth sorgfältig ergründet.“[2]

Bei Schnellfeuer konnte eine geübte Mannschaft in einer Minute höchstens 5 Salven à 25 Schuss, also 125 Kugeln, abfeuern. Diese Leistung war jedoch kein großer Vorteil, da die Geschosse über ihre knapp 1100 Meter Reichweite so an Kraft verloren, dass sie nur schwache Treffer erzielen konnten. Hinzu kommt, dass die Waffe für ein Feldgeschütz viel zu unbeweglich war. Mehrere gut ausgebildete und treffsichere Soldaten erzielten mindestens die gleiche Wirkung und waren zudem weitaus beweglicher. [3] Auf den mäßigen Erfolg des Modells weist auch die enorme Zahl der erbeuteten Kanonen hin: Bis zum Ende des Krieges im Mai 1871 erbeuteten die deutschen Soldaten insgesamt 1915 Feldgeschütze und Mitrailleusen. Die Franzosen hingegen erbeuteten nur 8 Feldgeschütze.[4]

Ihre geringfügige Wirkung führte dazu, dass die Mitrailleuse nach dem Krieg gegen Deutschland wieder ausgemustert wurde. Der Begriff Mitrailleuse hat sich in Frankreich jedoch bis heute als Bezeichnung für ein Maschinengewehr erhalten.

Ursprünglich wurde die Mitrailleuse im 1891 eingerichteten Bismarck-Museum in Schönhausen, dem Geburtsort Otto von Bismarcks, ausgestellt. Dies bezeugt eine Zeichnung des Objektes aus dem Jahr 1894. Vermutlich um 1927 wurde die Mitrailleuse nach Friedrichsruh überführt. Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde sie wahrscheinlich für eine gewisse Zeit vor dem Zugriff der britischen Besatzungsmacht versteckt, später aber wieder geborgen. Seitdem ist die gut erhaltene Mitrailleuse als eines von sehr wenigen aus dem Deutsch-Französischen Krieg noch erhaltenen Exemplaren im Bismarck-Museum von Friedrichsruh zu besichtigen.

[1] Lappenküper, Ulrich/Seggern, Andreas von: Bismarck-Erinnerungsorte. Ein Begleiter durch die Museen in Friedrichsruh und Schönhausen, Friedrichsruh 2010, S. 89f..

[2] o. A.: Ueber die Mitrailleusen, in: Provinzial-Correspondenz (26. 07. 1870), Nr. 30, S. 4.  URL: http://zefys.staatsbibliothek-berlin.de/dfg-viewer/?set[image]=4&set[zoom]=min&set[debug]=0&set[double]=0&

set[mets]=http%3A%2F%2Fzefys.staatsbibliothek-berlin.de%2Foai%2F%3Ftx_zefysoai_pi1%255Bidentifier%255D%3Da019eaeb-597c-43b2-9604-0612820d8a74

[3] Teichmann, C.: Die französische Kugelspritze (Mitrailleuse), in: Polytechnisches Journal (1870), Band 197, Nr. CXXIII, S. 484-488. URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj197/ar197123


[4]  Venohr, Wolfgang: 70/71. Der Krieg vor 100 Jahren in Zahlen, Daten, Fakten, in: Die Zeit (31. 07. 1970), Nr. 30. (Online-Version) URL: http://www.zeit.de/1970/31/7071/komplettansicht

 

 

 

 

Objekt: Statuette Garde-Jäger, Deutschland, 1895

Material: Bronze mit marmornem Sockel

Größe: Höhe: 72,5 cm, Breite: 28 cm, Tiefe: 17 cm

Produzent: Kunstgießerei H. Steinemann (Berlin)

Standort: Bismarck-Museum, Friedrichsruh

Inventar-Nr.: A 020

 

Bismarck als Soldat

von Thilko Carstens, M.A.

Geht man durch das Bismarck-Museum in Friedrichsruh, fällt im zweiten Raum der Blick auf eine Soldatenstatuette, die Bismarck von den Offizieren seines ehemaligen Bataillons zum 80. Geburtstag geschenkt bekam. Wenig ist bisher über seine Soldatenzeit bekannt. Fast alle Biographen schweigen sich über seine Militärzeit aus oder erwähnen sie nur sehr kurz. Der Grund dafür liegt an dem Mangel an Quellen über diese Zeit. Doch was weiß man über den Soldaten Otto von Bismarck?

Im Jahr 1838 brach Otto von Bismarck, von seinen Eltern für eine Beamtenlaufbahn vorgesehen, sein Referendariat ab und trat in das Garde-Jäger-Bataillon in Potsdam ein. Dies tat er jedoch nicht freiwillig, denn er musste noch den obligatorischen Wehrdienst ableisten. Hierzu hatte er sich als sogenannter „Einjährig-Freiwilliger“ gemeldet. Diese Möglichkeit gab es in Preußen seit 1813. Wehrpflichtige mit einem höheren Schulabschluss konnten statt des zwei- bis dreijährigen einen verkürzten Wehrdienst leisten. Nach dem Ableisten dieses Jahres wurden die „Einjährig-Freiwilligen“ meistens Reserveoffiziere. Da sie sich in ihrer Dienstzeit jedoch selbst einkleiden und versorgen mussten, konnten es sich nur Söhne wohlhabender Familien leisten. Der Dienst musste zwischen dem 17. und 25. Lebensjahr absolviert werden. [1]

Bismarck war bei seinem Dienstantritt schon 23 Jahre alt, die Zeit drängte also. Dennoch versuchte er, sich auch um diesen verkürzten Wehrdienst zu drücken. Er täuschte bei der Einberufung eine Armverletzung vor, um dem ungeliebten Dienst noch zu entgehen. Doch damit hatte er keinen Erfolg und fügte sich schließlich seinem Schicksal. [2]

Das erste halbe Jahr seines Wehrdienstes leistete er beim Garde-Jäger-Bataillon in Potsdam ab. Dieses Bataillon war im Jahr 1744 auf Befehl Friedrichs des Großen aufgestellt worden und bestand zunächst aus Forstpersonal, welches seine eigene Bewaffnung mitbrachte. Es nahm unter anderem an den Napoleonischen Kriegen, dem Deutsch-Dänischen Krieg 1864 und dem Deutsch-Französischen Krieg 1871 teil.

Im Jahr 1838 zeichnete sich ab, dass Otto von Bismarck in naher Zukunft die elterlichen Güter in Pommern würde übernehmen müssen. Aus diesem Grund lies er sich zum 1. Oktober 1838 zum Pommerschen Jäger-Bataillon Nr. 2 nach Greifswald versetzen, denn er wollte sich an der Landwirtschaftsschule im nahegelegenen Eldena auf seine Tätigkeit als Gutsherr vorbereiten. [3] Dieses Bataillon ging 1821 aus dem zuvor genannten Garde-Jäger-Bataillon hervor und war seitdem in Greifswald stationiert. Später wurde es zu Ehren Bismarcks und in Erinnerung an seine Dienstzeit in Pommersches Jäger-Bataillon „Fürst Bismarck“ Nr. 2 umbenannt. Genau wie das Garde-Jäger-Bataillon kämpfte auch diese Einheit in allen wichtigen preußischen und deutschen Kriegen bis 1918. Über die Greifswalder Zeit schrieb Bismarck rückblickend, wobei er sich über seine Dienstzeit beim Pommerschen Jäger-Bataillon Nr. 2 ausschwieg:

„Ich hielt mich 6 Monate in Greifswald auf, um auf der landwirtschaftlichen Akademie in Eldena nichts zu lernen, als was ich in jedem Buche lesen konnte, und setzte mich dann mit der vollen Unwissenheit eines schriftgelehrten Stadtkinds in eine sehr ausgedehnte und verwickelte Wirtschaft“ [4]

In dieser Zeit erwarb er seine ersten Auszeichnung, als er in der Nähe der westpommerschen Stadt Lippehne (dem heutigen Lipiany) einen Kameraden vor dem Ertrinken rettete. Für diese Tat wurde er mit der „Rettungsmedaille“ ausgezeichnet und sogar vom Superintendenten der Region beglückwünscht. [5]

Zu Ostern des Jahres 1839 endete Otto von Bismarcks Wehrdienst, und er siedelte auf das Gut Kniephof um.

Die Bronzestatuette bekam Bismarck anlässlich seines 80. Geburtstags vom Offizierskorps des Garde-Jäger-Bataillons als Erinnerung an seine Dienstzeit geschenkt. Sie wurde in Berlin von der Kunstgießerei Steinemann hergestellt. Hermann Steinemann war ein 1852 in Berlin geborener Bildhauer und Kunstgießer. Noch heute sind die von ihm gestalteten Reliefs am Postfuhramt der Reichspost in Berlin zu sehen.

Die bronzene Statuette und zeigt einen stehenden Soldaten des Bataillons in zeittypischer Uniform der 1890er Jahre mit Waffe, Bajonett, Feldspaten und Marschgepäck. In den Sockel aus anthrazitgrünem Marmor, auf dem die Figur steht, ist der Text „Dem Fürsten Bismarck zur Erinnerung an seine Dienstzeit im Garde-Jäger-Bataillon 1838“ eingraviert. [6] Die Statuette ist heute im Bismarckmuseum in Friedrichsruh zu sehen.

[1] Freiwillige, in: Meyers Konversations-Lexikon, 4. Auflage, Leipzig/Wien 1885-1892, S. 659f.

[2] Engelberg, Ernst: Bismarck, Urpreuße und Reichsgründer, Berlin 1986, S. 146f.

[3] Quade, Gustav: Fürst Bismarck-Schönhausen und die nationale Bewegung des Deutschen Volkes 1815-1871, Anklam 1871, S. 15.

[4] Zitiert nach: Klein, Tim (Hg.): Der Kanzler. Otto von Bismarck in seinen Briefen, Reden und Erinnerungen, sowie in Berichten und Anekdoten seiner Zeit, München 1915, S. 54.

[5] Grousilliers, A. de (Hg.) : Das Bismarck Museum in Bild und Wort. Ein Denkmal deutscher Dankbarkeit, Leipzig 1899, S. 55.

[6] Ebd., S. 54.

 

 

 

 

Objekt: Karikatur „Bismarck Redivivus“, aus „The Denver Republican“ vom 10.05.1891

Autor: unbekannt (Kürzel: B. C.)

Material: Papier

Umfang: 1 Seite (1 Blatt)

Maße: Blatt 143: Höhe 23,7 cm, Breite 18,5 cm

Zustand: leichte Gebrauchsspuren; sonst gut erhalten

Ort: Otto-von-Bismarck-Stiftung Friedrichsruh, A 47, Bl. 143

 

Kaiser kontra Kanzler

von Rayk Unger

Die politische Laufbahn Otto von Bismarcks schien mit seinem unfreiwilligen Entlassungsgesuch und der Annahme desselben durch Wilhelm II. am 20. März 1890 [1] eigentlich beendet. 28 Jahre lang hatte der „Reichsgründer“ seine Machtposition an der Spitze – erst Preußens und später des Deutsches Kaiserreiches – behaupten können, musste sich dem jungen Kaiser im Kampf um diese jedoch geschlagen geben.[2]

Bismarck zog sich endgültig nach Friedrichsruh zurück, kommentierte und kritisierte – vor allem über die ihm eine Plattform bietende Zeitung „Hamburger Nachrichten“ die Politik der Reichsregierung und blieb auch durch anderweitige Tätigkeiten, wie beispielsweise dem Halten von diversen Reden, im Blickfeld der Öffentlichkeit.[3] Die Popularität des ehemaligen Reichskanzlers war ungebrochen und wuchs sogar noch weiter, was seine früheren Widersacher – besonders Wilhelm II. – beunruhigte. Zu dieser Nervosität trug auch die Wahl Otto von Bismarcks zum Reichstagsabgeordneten Ende April 1891 bei. Obwohl er es zur Bedingung machte, bei einem möglichen Wahlsieg nicht im Reichstag erscheinen zu müssen, war die Furcht vor genau diesem Fall in der Regierung enorm[4].

Dass Bismarck trotz seiner Entlassung nicht nur im deutschen Kaiserreich präsent war, sondern auch international weiterhin ein Thema blieb, zeigt die Karikatur „Bismarck Redivivus“ der amerikanischen Zeitung „The Denver Republican“. Ein Leser des Blattes hatte die Karikatur ausgeschnitten und an den „Reichsgründer“ geschickt, um ihm die angeblich in seinem Umfeld vorherrschende Meinung über Kaiser und Kanzler zu verdeutlichen. Da jedoch nur die Karikatur ohne den dazugehörigen Artikel vorliegt, kann über das Motiv der Veröffentlichung am 10. Mai 1891 nur spekuliert werden. Die Entscheidung zur Wahl Bismarcks in den Reichstag fiel am 30. April 1891 [5] und kann daher als wahrscheinlicher Grund gelten. Ein weiteres Indiz ist der Name der Karikatur: „Bismarck Redivivus“, der übersetzt in etwa „Bismarck der wieder lebendig Gewordene“ bedeutet. In den Vereinigten Staaten karikierte man Bismarck nämlich nur, wenn er Teil eines welthistorischen Geschehens war oder von ihm getroffene Entscheidungen die USA in irgendeiner Form betrafen, wie Karl Walther 1898 in seinem Werk „Bismarck in der Karikatur“ schrieb.[6] Eine mögliche Rückkehr Bismarcks in die aktive Politik passt in dieses Muster, welche vom Kaiser am 4. Mai 1891 mit folgenden – berühmt gewordenen – Worten indirekt kommentiert wurde: „Einer nur ist Herr im Reiche, und das bin Ich, keinen anderen dulde Ich.“[7]

Die Zeichnung selbst zeigt einen korpulenten Otto von Bismarck in Zivilkleidung und einer nachdenklichen Haltung, auf Kaiser Wilhelm II. hinunter blickend. Eine Hand am Kinn anliegend, eine hinter dem Rücken verschränkt, komplettieren die typische „Denker-Pose“.

Sein rechtes Bein ist leicht nach vorn gestellt, sonst wirkt sein Auftreten eher statisch und gelassen. Das rechte Bein des Kaisers ist ebenfalls nach vorn gerichtet; es sieht aus, als wolle er einen Schritt auf Bismarck zugehen. Seine Haltung wirkt zusätzlich durch die erhobene rechte Hand, die zur Faust geballt ist, energischer als die Bismarcks. Die Darstellung von Wilhelm II. als Kind relativiert diese entschlossene Positur, welche durch den viel zu großen Degen an seiner Seite und die zu groß wirkende Krone auf seinem Kopf weiter demontiert wird. Der Degen ist mit den Worten „Emperor William“ beschriftet und scheinbar viel zu schwer für seinen Körper, da er auf dem Boden schleift. Auch muss er seinen Kopf sehr weit nach oben recken, um überhaupt in das Gesicht Otto von Bismarcks schauen zu können.

Das Aufschauen kann gleichzeitig als Bewunderung interpretiert werden, die Wilhelm trotz der Differenzen für den gealterten „Reichsgründer“ empfand. Noch sechs Jahre nach der Entlassung Bismarcks vertraute er seinem Freund Philipp Eulenburg an: „Wie habe ich den Fürsten Bismarck geliebt!“[8] Auf politischer Ebene sieht der Historiker Christopher Clark in dem ehemaligen Reichskanzler den „Lehrmeister“ des Kaisers, dessen „Grundsätze“ dieser zumindest teilweise versuchte umzusetzen.[9] Otto von Bismarck warf seinem „Schüler“ jedoch politische Unerfahrenheit vor, die mit Wilhelms politischen Ambitionen sowie seiner Vorstellung des ihm von Gott verliehenen Herrscheramtes und dem damit verbundenen neoabsolutistischen Machtanspruch nicht zu vereinbaren war. Bismarck selbst hatte die Position des Kaiseramtes über viele Jahre gestärkt, das ihm in Person des ehrgeizigen Wilhelm II. zum Verhängnis wurde.[10]

Ein auffälliges Merkmal der Karikatur ist, dass Bismarck im Verhältnis zu seiner Umgebung – einem Torbogen und einer Häuserfassade – in menschlichen Proportionen gezeichnet wurde und er nicht wie in vielen anderen Karikaturen seine Mitwelt überragt.[11] Trotzdem sieht der „Denver Republican“ ihn gegenüber dem Kaiser sowohl vom Alter als auch in den Leistungen klar im Vorteil, was der Begleitsatz der Karikatur: „Blood and Iron Against Boyish Bravado“ beweist. Otto von Bismarck werden die für ihn „typischen“ Attribute `Blut und Eisen´ – zurückgehend auf seine Rede in der Kommissionssitzung am 30. September 1862[12] und auf die damit verbundene Art, ein Reich zu schmieden – zugeschrieben, die im Konflikt zum „kindischen Prahlen/Draufgängertum“ des Kaisers stehen. Und tatsächlich war Wilhelm II. für seine, wie Otto Pflanze sie nennt, „rhetorischen Ergüsse[n]“ berüchtigt, die seine Alleinherrscher-Ambitionen unterstreichen sollten.[13]

Die Karikatur zeigt beide Protagonisten in unversöhnlicher Haltung und sollte zumindest in dieser Hinsicht Recht behalten. Zwar gab es im Jahr 1894 eine vermeintliche Aussöhnung Otto von Bismarcks mit Wilhelm II., in der die neuere Forschung aber „eher einen Waffenstillstand als eine dauerhafte Versöhnung“ sieht.[14] Die angebliche „Gefahr“ einer Rückkehr Bismarcks in die Politik bestätigte sich dagegen nicht.[15] Trotzdem ist ein „Wiedererstarken“ des Mythos´ um Otto von Bismarck zu beobachten, der nach seinem Tod am 30. Juli 1898 noch deutlich an Wirkung zunahm. Wilhelm II. „wuchs“ in seine Rolle mehr oder weniger hinein, blieb bis 1918 deutscher Kaiser und somit 30 Jahre an der Spitze des Reiches.

Was von der Karikatur bleibt, ist die Erinnerung an zwei Personen, die Deutschland jeweils für etwa drei Jahrzehnte dominierten und die Erkenntnis, dass im Archiv der Otto-von-Bismarck Stiftung noch viele aussagekräftige Dokumente auf ihre Entdeckung warten.

 

[1] Röhl, John Charles Gerald: Wilhelm II. Der Aufbau der Persönlichen Monarchie 1888-1900, München 2001, S. 350.

[2] Steinberg, Jonathan: Bismarck. A life, New York 2011, S. 449.

[3] Gall, Lothar: Bismarck. Der weisse Revolutionär, Frankfurt/M. - München 1980, 3. Auflage (2008), S. 825.

[4] Pflanze, Otto: Bismarck. Der Reichskanzler, München 1998, S. 624f.

[5] Gall: Bismarck, S. 825.

[6] Walther, Karl: Bismarck in der russischen, italienischen, amerikanischen etc. Karikatur, in: Bismarck in der Karikatur, Stuttgart 1898, S. 19.

[7] Obst, Michael A. (Hg.): Die politischen Reden Kaiser Wilhelms II. Eine Auswahl, Paderborn 2011, S. 77.

[8] Röhl, John C. G. (Hg.): Philipp Eulenburgs politische Korrespondenz, Band III. Krisen, Krieg und Katastrophen 1895-1921, Boppard am Rhein 1983, S. 1704.

[9] Clark, Christopher: Wilhelm II. Die Herrschaft des letzten deutschen Kaisers, München 2008, S. 77ff.

[10] Pflanze: Bismarck, S. 617.

[11] Walther: Bismarck in der Karikatur, S. 19.

[12] Gall: Bismarck, S. 294ff.

[13] Pflanze: Bismarck, S. 634ff.

[14] Clark: Wilhelm II, S. 77.

[15] Gall: Bismarck, S. 825.

 

 

Objekt: Gedicht „Fürst Bismarck“ (Inventarnummer? 61 + 62), undatiert

Autor: Richard von Volkmann (-Leander)

Material: Papier

Umfang: 4 Seiten (2 Blatt)

Maße: Blatt 61: Höhe 29,8 cm, Breite 23,3 cm

Blatt 62: Identisch

Zustand: [Gebrauchsspuren, Ränder leicht beschädigt; sonst gut]

Ort: Otto-von-Bismarck-Stiftung Friedrichsruh, A 46, Bl. 61 + 62

 

Und noch ein Gedicht für Otto von Bismarck…

von Rayk Unger

 

Auf den ersten Blick sind die Verse scheinbar nur durch den kunstvoll gedruckten Rahmen und die prachtvolle Gestaltung der Initiale von den anderen Dichtungen zu unterscheiden. Denn Gedichte zu Ehren Otto von Bismarcks gibt es unzählige. So widmete beispielsweise der „Kladderadatsch“ dem „besten Deutschen“ schon 1894 einen Band mit einer Sammlung aller bis zu diesem Zeitpunkt in der Zeitschrift erschienenen Gedichte über Bismarck.[1]

In dem hier vorliegenden lyrischen Werk – Fürst Bismarck. schildert uns der Autor in 18 Strophen eindrücklich die erst durch Bismarck ermöglichte Reichseinigung anhand der „Germania“, der Personifikation Deutschlands. Diese wird von dem „Gottgesandten“ Otto von Bismarck zu neuer Stärke geführt, woraufhin sie schließlich dem „Helden“ Wilhelm die Kaiserkrone überreichen kann. Doch auch diese Darstellung ist kein Alleinstellungsmerkmal und in ähnlicher Form in anderen Gedichten zu finden. Unterschrieben ist das Gedicht mit dem Namen „Richard von Volkmann-Leander“. Wer aber war dieser Mann?

 

Aus dem Begleitschreiben des Gedichts, verfasst von seiner Frau Anna von Volkmann (geb. v. Schlechtendal) am 5. März 1891, geht hervor, dass der Name ihres Mannes dem Fürsten Otto von Bismarck möglicherweise nicht unbekannt geblieben sei. Allerdings nicht in Verbindung mit Poesie, sondern mit Chirurgie. Nach einem Blick in den Artikel über Richard von Volkmann in der „Deutschen Biographie“[2] wird klar, dass er einer der renommiertesten Chirurgen des 19. Jahrhunderts gewesen ist. So war er ab März 1867 als ordentlicher Professor an der chirurgischen Universitätsklinik in Halle tätig und wurde zu diesem Zeitpunkt auch dessen Direktor. Zahlreiche wissenschaftliche Publikationen und der Einsatz, beziehungsweise die Verbreitung der „listerschen Methode“[3] trugen maßgeblichen Anteil an seinem Weltruf als für die Medizin – speziell für die Orthopädie – wegweisenden Chirurgen.[4]

Die zweite Begabung des Richard von Volkmann-Leander war die Dichtkunst, welcher er schon als Student nachging. Die Veröffentlichung „Lieder aus der Burschenzeit“ ist zum Beispiel ein Resultat aus dieser Frühphase seines Schaffens.[5] Im deutsch-französischen Krieg 1870/71, an dem er als Generalarzt teilnahm[6], entstand sein berühmtestes Werk: „Träumereien an französischen Kaminen“. Diese Märchensammlung entstand während der Belagerung von Paris, indem er selbst verfasste Märchen an seine Familie in die Heimat schickte, wo sie von seiner Frau gesammelt und dann unter dem Pseudonym „Richard Leander“ herausgegeben wurden.[7] Der auch in dem uns vorliegenden Gedicht Verwendung findende Namenszusatz „Leander“ entstammt der griechischen Sprache und entspricht etwa dem deutschen Wort Volkmann; ist also eine Übersetzung seines Nachnamens.[8]

Nach seiner Unterschrift auf der letzten Seite des Gedichts ist unter der Rahmenstruktur nur noch der Satz: „Druck von Breitkopf & Härtel in Leipzig.“ zu lesen. Dem bekannten Musikverlag und Buchdruckhaus[9] war Richard von Volkmann verwandtschaftlich verbunden, da seine Mutter die Tochter des Verlegers Gottfried Christoph Härtel war, der das Haus viele Jahre lang leitete. So konnten die Werke des „Richard Leander“ problemlos publiziert werden.[10]

Richard von Volkmann starb im Jahr 1889, also zwei Jahre bevor das Gedicht von seiner Frau an Otto von Bismarck geschickt worden war. In dem Begleitschreiben liefert Anna von Volkmann dann eine Erklärung für jene Verzögerung. Sie führt an, dass ihr Mann glaubte, er könne unbescheiden oder lästig wirken, weshalb er die Versendung seiner Gedichte unterließ. Der Respekt vor der Person Otto von Bismarck und dessen Leistungen, der an dieser Geste des Richard von Volkmann deutlich wird, unterstreicht seine Frau in dem Schreiben mit folgenden Worten: „Mein Mann hat stets die allerhöchste Verehrung und Bewunderung für Ew. Durchlaucht gehabt, […]“.

Im Gedicht selbst lässt Volkmann Otto von Bismarck bereits in der ersten Strophe „hochleben“ und schließt dieses mit einer ähnlichen Zeile: „Fürst Bismarck, lebe hoch!“ In den übrigen Strophen werden besonders Kaiser Wilhelm I. und sein Sohn, der spätere Kaiser Friedrich III., mit positiven Attributen bedacht. Der Chirurg und Dichter stellt sich also als treuer Anhänger der Monarchie und Verehrer der kaiserlichen Herrschaftsfamilie dar. Zwei weitere Gedichte neben Fürst Bismarck., nämlich eines über das Dreikaiserjahr beziehungsweise den Tod Friedrich III. sowie eines über Wilhelm II., können dem Begleitschreiben zugeordnet werden und zeugen von seiner Hochachtung gegenüber jenen Persönlichkeiten.

 

Das Gedicht Fürst Bismarck. spiegelt also einmal die beinahe kultische Verehrung der Person Otto von Bismarck und seiner Leistung der Reichseinigung wieder und zum anderen die Wertschätzung vor dem Aufblühen der ´Germania´; der konstitutionellen Monarchie, vor allem von Wilhelm I., der einzig mit seinem Sohn würdig sei, das Kaiserreich zu lenken. Richard von Volkmann verfasste diese nationalistischen, mit Überhöhungen gespickten Verszeilen seiner Zeit entsprechend; hebt sich aber durch sein Schaffen und sein außergewöhnliches Doppeltalent von den anderen ´Verehrern´ ab. Hinzu kommt die auffällige, aber doch schlicht wirkende Gestaltung der „familienerzeugten“ Druckbögen, die dem Exponat des Monats ein würdiges Aussehen verleihen.

 

Fürst Bismarck.

 

Kommt erst die Zeit der höchsten Noth,

Schickt Gott den Rechten Mann:

Der deutsche Kanzler lebe hoch,

Fürst Bismarck, stoßet an.

 

Jung noch an Jahren, kampfesfroh,

Doch frei an Herz wie Brust,

In schlimmer, jammervoller Zeit

Nach Frankfurt kam er just.

 

Da sah er dich, Germania,

Du wundervolles Weib,

Mit hellen Flechten, blauem Aug´,

Zuchtvoll an Geist und Leib.

 

Und doch – zerschlissen und zersetzt

Ihr Kleid – daß Gott erbarm!

Blind und verdrückt, des Schmuckes baar,

Hing ihr die Kron´ am Arm.

 

Herausgebrochen Perl und Stein,

Viel Königreiche werth, –

Doch trug sie an der Lende noch,

Das breite Deutsche Schwert.

 

Er rief mit lauter Stimme Schall:

„Her mit dem Hermelin;

„Ich werf´ um Schultern und um Brust

„Der stolzen Herrin ihn.

 

 

 

„Her mit dem Roß, dem besten Roß –

„Ich sag´ Dir´s als ein Mann,

„Ich will Dir zeigen Deutsches Volk,

„Daß sie noch reiten kann!“

 

Zum Bügel er die Fraue hub –

Durch´s Land ging hell ein Schein: –

„Nun drück´ dem Roß mit Jugendkraft

„Den Sporn, Germania, ein!“

 

Hoch auf zum Sprung der Renner stieg,

Fort gings von Ruhm zu Ruhm,

Nach Düppel und zum Alfensund,

Nach Königgrätz und Chlum.

 

Und weiter über den grünen Rhein

In stürmischem Kaiserritt,

Ganz Deutschland jauchzend hinterdrein

In Trab, Galopp und Schritt.

 

Und hart an ihr, in weißem Bart,

Fest auf dem Sattelsitz,

Der König Wilhelm, jung an Muth,

Und neben ihm der Fritz.

 

Kein Mann war je so gut als der,

Kein Mann so tugendlich,

Kein Mann so lieb und jugendschön,

So treu, so ritterlich! –

 

Hei! Weißenburger Traubenblut,

Hei! Straßburg, Metz, Sedan:

Da brach bei Blitz und Donnerschall

Des Corsen ehrner Bann.

 

Und weiter vor die Seinestadt:

„Versailles, du Sündenpfuhl –

„Nun setzt mir hier ins Königsschloß

„Den deutschen Kaiserstuhl!

 

„Her mit dem Goldschmied, Meister werth,

„Die Kaiserkrone hier –

„Von Perl und Stein, was kostbar ist,

„Das Schönste ziemet ihr!“

 

Vom Sattel sprang Germania:

Zu König Wilhelm trat

Die hehre Frau und sprach zu ihm

In Purpurschmuck und Staat:

 

„So hochgefürstet ist kein Mann

„Als Du auf weiter Welt:

„Setz´ dir die Kaiserkrone auf,

„Du hochgemuther Held!“

 

Drum fang´ ich wohl von vorne an,

Und ruf´ es einmal noch:

Der Kanzler unsres Deutschen Reichs,

„Fürst Bismarck, lebe hoch!“ – –

 

Richard von Volkmann-Leander

 

[1] Horst Kohl (Hg.): Bismarck-Gedichte des Kladderadatsch, Berlin 1894. Vgl. weitere Gedichtbände über Otto-von-Bismarck: Pauls Arras: Bismarck-Gedichte, Leipzig 1898.; Rudolf Flex: Bismarck-Gedichte, Eisenach 1915.

[2] Ernst Gurlt „Volkmann, Richard von“, in: Allgemeine Deutsche Biographie (1896), S. [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd11909892X.html?anchor=adb. (aufgerufen am 09.08.2013)

[3] Joseph Lister nahm an, dass die hohe Mortalitätsrate bei Operationen durch Keime in der Wunde verursacht wurde, weshalb er diese durch den Einsatz von Karbolsäure sowohl im Operationssaal als auch an der Wunde selbst abzutöten versuchte. Richard von Volkmann erkannte die Wirksamkeit dieser Methode und setzte sich für dessen Anerkennung ein. Söll, Ute: Leben und Wirken des Hallenser Chirurgen Richard von Volkmann, Diss., Halle 1996, S. 25f.

[4] Ebd., S. 20ff.

[5] Ebd., S 46.

[6] Siehe Anmerkung 2.

[7] Söll: Leben und Wirken, S. 46.

[8] Pape, Wilhelm; Benseler, Gustav: Wörterbuch der griechischen Eigennamen, 2. Bd., ND der dritten Auflage, Graz 1959, S. 779.

[9] Hase, O., „Breitkopf und Härtel“, in: Allgemeine Deutsche Biographie (1876), S. [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/sfz98538.html#adb. (aufgerufen am 09.08.2013)

[10] Söll: Leben und Wirken, S. 46.

 

Knapp 9.000 Kilometer trennen Deutschland von der wunderschönen kleinen Insel Miyako-jima, im Ostchinesischen Meer –  deutlich näher zu Taiwan gelegen als an das eigene japanische Mutterland. Wer das Glück hat, einmal das subtropisch-tropische Eiland der Präfektur Okinawa zu besuchen, wird sich nicht nur an den puderzuckerweißen Stränden, den bunten Korallenriffen oder der exotisch anmutenden Vegetation erfreuen. Man wird auch nicht schlecht staunen, wenn man im Hafen der Ortschaft Hirara plötzlich vor einer Gedenkstele Kaiser Wilhelms I. steht, oder bei Ueno eine mittelalterliche Burg sowie Fachwerkhäuser inmitten des Themenparks „Deutsches Kulturdorf Ueno“ erblickt – genau an der Gerhard-Schröder-Straße.

Womit haben wir es hier also genau zu tun? Und warum lassen sich ausgerechnet auf dieser kleinen pazifischen Insel Bezüge zu Deutschland finden, die vom Kaiserreich bis in die Berliner Republik reichen?

Anders als man auf dem ersten Blick vermuten mag, steht der Ursprung des Ganzen nicht direkt mit der Kolonialvergangenheit des Kaiserreichs in Verbindung. Am 11. Juli 1873 geriet der deutsche Schoner R.J. Robertson während der Teehandelsfahrt vom chinesischen Fuzhou nach Taiwan in einen Taifun und strandete vor Ueno auf dem Riff. Miyako-jima stand zu jener Zeit unter chinesischem Einfluss und wurde von den Deutschen „Typinsan“ genannt (dem chinesischen „tai pin shan“ folgend, was „großer flacher Berg“ bedeutet); erst sechs Jahre später wurde sie in die japanische Präfektur Okinawa eingegliedert. Als einige Dorfbewohner das Unglück im Sturm bemerkten, setzten sie bei gefährlichem Wellengang mit kleinen Booten aus, um die Besatzung zu retten. Acht Mitglieder der selbigen konnten tatsächlich geborgen und an Land gebracht werden. Sie wurden auf der Insel mit Nahrung und Unterkunft versorgt und traten nach knapp einem Monat die Weiterreise an, welche nur dadurch zustande kam, dass der höchste Mandarin der Loochow-Inseln dem Kapitän Eduart Hernsheim eine Dschunke übereignete.
Wilhelm I. erhielt einen ausführlichen Bericht vom Schicksal der dankbaren Seeleute und ließ in Anerkennung für den Mut der Insulaner und die Versorgung der Besatzung eine Stele stiften, die heute noch in Hirara besucht werden kann.

 

Die Gedenkstele im Hafen von Hirara.
Die Inschrift ist einmal auf Deutsch (oben) und auf Chinesisch (unten) vorhanden, mit folgendem Wortlaut:

"Im Juli 1873 ist das Deutsche Schiff R. J. Robertson geführt vom Capitän Hernsheim aus Hamburg an den Felsen vor der Küste von Typinsan gestrandet. Die Besatzung ward mit Hilfe der Uferbewohner gerettet, in Sicherheit gebracht und während 31 Tage gastlich aufgenommen, bis sich am 17. August 1873 die Heimreise bewirken liess. In dankbarer Anerkennung dieses rühmlichen Benehmens haben
WIR WILHELM VON GOTTES GNADEN
Deutscher Kaiser, König von Preussen die Aufstellung dieses Denkmals in bleibender Erinnerung angeordnet."

 

1936 erinnerte man auf Miyako-jima feierlich des 60-jähriges Jubiläums der Denkmalsenthüllung und feierte die Stele als „Gedenkstein der Menschenliebe“; in der Folge wurden die Beziehungen zwischen Miyako-jima und Deutschland intensiviert.
Es sollte jedoch weitere 59 Jahre andauern, bis sich die Insel ein neues Symbol der japanisch-deutschen Verbindung gab: 1995 wurde der Freizeitpark „Deutsches Kulturdorf Ueno“ („Ueno doitsu bunkamura“) errichtet. Zu seinen Attraktionen zählen etwa ein Wasserobservatorium, Bootstouren im türkis-blauen Meer und ein beheizter Pool. Der deutsche Bezug wird beim „Kinderhaus“, in dem Kinder die Grimm’schen Märchen kennenlernen können, allerdings deutlicher – ebenso durch die Architektur zahlreicher markanter Bauwerke: Der Themenpark ist geprägt von einer Reihe aus Beton nachgebauter Fachwerkhäuser, einem deutschen Landhaus, einem Herrenhaus, Originalstücken der Berliner Mauer, einem Palais im Stil des 18. Jahrhunderts sowie seit 1996 von einer Kopie der mittelrheinischen Marksburg. In Ueno hatte man zunächst geplant, das mittelalterliche Original, welches seit 2002 zum UNESCO-Welterbe Mittelrhein gehört, tatsächlich abzubauen, zu verschiffen und auf der Insel wieder zu errichten. Die Zustimmung der „Burgherrin“, der Deutschen Burgenvereinigung, konnte freilich nicht eingeholt werden; so kommentierte ihr Präsident: „Wir sind eine Initiative für die Erhaltung der Burgen und nicht für deren Umsiedlung.“ Der Gegenvorschlag, eine Kopie zu errichten, um gleichzeitig Werbung für das Original im "Fernen Westen" zu machen, überzeugte und wurde bis 1996 in die Tat umgesetzt – ohne Burgzwinger, Batterien, Vogtsturm und Zugbrückentor. Im Innern der Burg finden regelmäßig Filmvorführungen, Konzerte, Informationsveranstaltungen zu Reisezielen in Deutschland, Deutschkurse, Weinproben und viele weitere Angebote statt. Das Ziel, deutsche Kunst und Kultur zu vermitteln, wird darüber hinaus mit dem „Museum der Philanthropie“ verfolgt, das sich ebenfalls im japanischen Marksburg-Zwilling befindet. Insgesamt sorgt die intendierte Kombination aus pazifischer Schönheit Miyako-jimas und mittelalterlich-deutscher Baukultur für einen im ersten Moment durchaus bizarren, schließlich aber doch faszinierenden Anblick.

 

Die Marksburg: Einmal ihr Original (oben links) und der Nachbau am pazifischen Strand (rechts oben)
Unten: Ein Überblick über das "Deutsche Kulturdorf Ueno"
[das linksobere Foto stammt
von Holger Weinandt, die beiden übrigen aus dem Tourist-Prospekt des Ueno German Culture Village]


Als vom 21. bis zum 23. Juli 2000 der G-8-Gipfel in Okinawa stattfand, besuchte der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder das Kulturdorf. In Erinnerung hieran wurde die Straße, die den Flughafen mit dem Kulturdorf verbindet, nach ihm benannt.

Der Freizeitpark „Deutsches Kulturdorf Ueno“ mit seinem Anspruch, deutsche Kultur mal auf die ungewöhnliche Art zu vermitteln, ist bei weitem nicht der einzige Grund, warum sich ein Besuch auf Miyako-jima auf jeden Fall lohnt. Das kleine „Hawaii Japans“ besticht wie beschrieben durch seine atemberaubende Naturschönheit, einem paradiesischem Wetter (abgesehen von dem ein oder anderem Taifun), einer für japanische Verhältnisse großen Lockerheit seiner Bewohner/innen und einem international bekannten Triathlon-Wettbewerb.
Wer vom „Fernen Westen“ aus einen direkten Einblick in die Internetpräsenzen von Insel und Kulturdorf erhalten möchte, muss sich gezwungenermaßen mit der Landessprache auseinandersetzen, da deutschsprachige Übersetzungen fehlen. Die Touristeninformation Okinawas gibt immerhin einige grundlegende Informationen und weitere, hilfreiche Links an.

Übrigens wurde auf der Basis von Kapitän Hernsheims Tagebuch 1881 das Buch „Der Untergang des Deutschen Schooners ‚R.J. Robertson‘ und die Aufnahme der Schiffbrüchigen auf der Insel ‚Typinsan‘“ im Leipziger Verlag Thiel veröffentlicht. Auf 60 Seiten lässt sich die ganze Geschichte bei etwas Rotwein und viel Fernweh nachverfolgen.

 

[Das Bild am Artikelanfang stammt von der Homepage des "Deutschen Kulturdorfs Ueno" / „Ueno doitsu bunkamura“]

 


Miyako-jima auf einer größeren Karte anzeigen

 

Zugegeben, erst wollten wir uns aus der kurz aber heftig geführten Debatte über den neuen Roman von Christian Kracht heraushalten. Aber die Stoffgrundlage zwingt eine zumindest schelmische Beschäftigung mit dem anhaltenden Interesse am Mythos „Deutsche Südsee“ geradezu auf. Das gilt auch und gerade weil die heutige Rezeption des Sujets zwischen überkommenen Stereotypen und unvoreingenommen Einsichten der "neuen Kolonialgeschichte", der "post-colonial-history" sowie der allgemeinen Kultur- und Sozialgeschichte osziliert und völlig uneinheitlich ist.[1]  Und dann brachte der Spiegel auch noch eine kurze Reportage über einen unbekleideten Japaner, der seinen wohlverdienten Ruhestand unter tropischer Inselsonne im Freien verbringt! Wegen all der schönen Assoziationen aus dem Bilderkreis von Sonnenbrand, Kokosnuss und dem Rilkeschen Imperativ: "Du musst dein Leben ändern", sei hier noch einmal eine faszinierend-befremdliche Facette deutscher Kolonialgeschichte nacherzählt, die nur wegen der jüngst wieder intensiv diskutierten Zustimmung Bismarcks zum deutschem Kolonialerwerb möglich wurde. Und sich dann zwei Jahrzehnte nirgendwo anders als auf einer Insel der "Neulauenburggruppe" ereignete und ihren wichtigsten Protagonisten mehrfach in das Bezirkskrankenhaus von "Herbertshöhe" brachte! Detailliert beschrieben hat den einzigartigen (Kokos-)Holzweg in eine leuchtende Zukunft der Wuppertaler Dieter Klein.[2] Golf Dornseif, ein weiterer Kenner der Vita des Nürnberger Exzentrikers August Engelhardt, hat eine anregend illustrierte Beschreibung der kokovorischen Irrungen und Wirrungen Engelhardts verfaßt, die online nachzulesen ist.

 

Als erster war jedoch Dieter Klein auf Engelhardts melanesischen Lebensabschnitt aufmerksam geworden. Er war aus philatelistischer Sicht zunächst fasziniert von einer für 25 DM erstandenen Postkarte aus dem Jahr 1904, auf der ein unbekannter Ausgewanderter aus der Südsee nach Deutschland schrieb: "Wir leben hier permanent nackt und genießen fast nur Früchte, vor allem die heilige Kokosnuß. Was sind die Städte: Friedhöfe des Glücks und Lebens, gegen mein palmengeschmücktes, ozeanumbraustes, sonnendurchglühtes Eiland?"[3] Im Laufe seiner Recherchen verwoben sich einzelne Fäden zu einem merkwürdigen Knäuel, das im Tod des tragischen Helden auf seiner Sonneninsel mündete. Begonnen hatte das Abenteuer Engelhardts im Jahr 1902, als der aus Nürnberg stammende Aussteiger mit pharmazeutischen Kenntnissen in die Südsee aufbrach. Schon zu diesem Zeitpunkt voller lebensreformerischer Ideen von befreiender Nacktheit und heilender Fleischlosigkeit kaufte Engelhardt eine Kokos-Plantage auf der Insel Kabakon. Das Eiland gehörte zum Bismarckarchipel, die nächst größere Insel hieß nach dem seit 1871 teilweise in Bismarckschem Besitz befindlichen, ehemals dänischen Herzogtum "Neu-Lauenburg". Schon in den ersten Monaten der Ankunft und des Einrichtens in seinem Tropenparadies beargwöhnten ihn seine deutschen Mitbürger in der Kolonie. Engelhardt kümmerte sich wenig bis gar nicht um die Plantage, sondern verbrachte seine Tage leicht- bis unbekleidet mit süßem Nichtstun. Außer Kokosnüssen nahm der fränkische Asket nichts zu sich und die Mangelernährung ließ sein erhitztes Philosophieren schon bald zum reinsten Irrlichtern werden. Tropenprofis in seiner Nachbarschaft zweifelten schon früh an seinen Geisteskräften: "In zwei Jahren landet der Mann im Irrenhaus, wenn er so weiter lebt [...]", urteilte etwa der deutsche Regierungsarzt Dempwolff ahnungsvoll.

Engelhardts schriftliche Auslassungen aus dieser Zeit zeigten in der Folge, wie recht der kaiserliche Schulmediziner hatte. Die später bei Engelhardt diagnostizierte unheilbare Paranoia kündigte sich bald mit Macht an, als der Sonderling seine Lehre des Kokovorismus entwickelte. Nach der war die am weitesten der Sonne entgegengereckt wachsende Kokosnuss die alleinseligmachende Nahrungsquelle für den Menschen, ihr anti-solares Gegenstück, die Kartoffel, brachte hingegen Verderben. Außer der Nussnahrung gehörten aber noch mehr Ingredienzien zum kokovorischen Heilsbrei. Der normale Nahrungsweg über den Magen war für Engelhardt eine unreine Illusion, vielmehr ernähre sich der Mensch von Sonnenkraft, die über die Haarwurzeln aufgenommen werde. Engelhardts Credo war bestechend einfach: "Nackter Kokovorismus ist Gottes Wille. Die reine Kokosdiät macht unsterblich und vereinigt mit Gott."[4] Das Tragen von Kopfbedeckungen war für ihn daher ein unhaltbarer Frevel. Die Folgen aus diesem Bekleidungs-Leichtsinn, gepaart mit der ernährungsphysiologisch-fatalen Kokosdiät und seinen mitgebrachten religiös-lebensreformerischen Idealen schufen einen Geistes- und Bewußtseinszustand, der tödlich enden sollte. Und zwar nicht nur für Engelhardt selbst.

Sein Sendungsdrang lockte bald Nachahmer an, die den Vollmundigkeiten in den Anzeigen Engelhardts in diversen lebensreformerischen Zeitschriften vertrauten. In dem breiten Spektrum der gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstehenden Lebensreformbewegung(en) kreierte Engelhardt mit seinem vegetarischen Nudismus à la Kabakon eine neue Spielart aus Freikörperkultur und Ernährungsreform.[5] Zum naturnahen Nacktsein und der pflanzlichen Ernährung, zwei wichtigen Säulen des Reformgebäudes [6], kam noch des Hauch des Exotismus durch die Umsetzung der Ideen unter der Sonne der Tropen. Engelhardts Robinsonade auf der seit dem 19. Mai 1885 zum neuen "Bismarckarchipel" gehörenden Insel Kabakon [7] endete also bald mit der Ankunft der ersten vom ihm geworbenen Sonnenanbeter.

Der erste Kokosjünger stammte zwar von einer Insel, war den sonstigen Bedingungen auf Kabakon aber offenbar nicht gewachsen: Sechs Wochen nach seiner Ankunft war der 24jährige Helgoländer tot. Engelhardt konnte das aber nicht irre machen. Sein nächster Kommunarde war ein zeitgenössischer Prominenter. Den Kapellmeister, Klavier- und Geigenvirtuose Max Lützow führte eine Sinnsuche nach Kabakon und noch nach zwei Monaten war er restlos begeistert. Seine idealisierten Beschreibungen des Eilands in der "Vegetarischen Warte" verfehlten ihre Wirkung nicht: Engelhardts Insel wurde das Ziel etlicher Aussteiger mit fleischlosen Outdoor-Gelüsten. Allerdings hielten die Wunschvorstellungen von einem harmonischen Leben in einer tropischen Urgemeinschaft den Realitäten auf Kabakon nicht stand. Enttäuscht, ausgezehrt und krank verließ ein Kokovore nach dem anderen die Insel. Zuletzt war im Februar 1905 auch Lützow so malade, dass er fluchtartig die Insel verließ. Zu seinem Unglück geriet er mit seinem Segelboot in einen Monsunsturm, kenterte und verstarb kurz nach seiner Rettung.

 

Hippies avant la lettre: August Bethmann, unbekannte Kokovorin (die Braut Bethmanns?) und August Engelhardt unter einer Kokospalme auf Kabakon 1906 (aus: Hiery, Die Deutsche Südsee, s. Anm. 2)

 

Engelhardt selbst blieb eisern und kaute weiter Fruchtfleisch. Und das Schicksal schien ihm mit der Ankunft August Bethmanns zunächst recht zu geben. Der Naturschriftsteller war ein alter Bekannter des Sonnenapostels und rührte nun gemeinsam mit diesem die Werbetrommel. Als Engelhardts abgemagerter Körper zunehmend einen Zustand Transzendenz erreichte - er wog bei 1,66 m Körpergröße gerade noch 39 Kilo, wurde es Bethmann bange und er zwang seine missionarischen Freund zur Einlieferung ins Krankenhaus in Herbertshöhe. Die Ärzte hatten zunächst wenig Hoffnung, päppelten den Krätze- und wohl auch Leprakranken aber mit Medizin und Fleischbrühe wieder auf. Kaum konnte der Patient aber wieder auf eigenen Beinen stehen, verließ er das Hospital und beschimpfte seine Retter wegen angebllicher Mordversuche durch die Gabe von nichtpflanzlicher Nahrung. Selbst der Kokovore Bethmann wollte seinen wirren Meister nun nicht mehr um sich haben und entschloß sich Kabakon zu verlassen. Im Juni 1906 konnte er diesen Plan aber nicht mehr umsetzen, denn er starb noch auf der Insel. Dieter Klein berichtet von einem Gewalthintergrund, Engelhardt soll in heftigen Streit mit Bethmann geraten sein, bei dem es nicht nur um die kokovoren Ideale, sondern auch um Bethmanns weibliche Begleitung gegangen sein soll.

Erneut blieb Engelhardt bei seinen Plänen, konnte aber keine neuen Jünger mehr zum Verlassen Europas bewegen. 1909 gab er den Orden auf, stellte zur Bewirtschaftung der Plantage einen geschäftsführenden Teilhaber ein und wirkte fortan als Privatgelehrter. Der selbsternannte Philosoph war in Deutschland in der Zwischenzeit eine Bekanntheit geworden und die (wenigen) Südseereisenden machten nun gelegentlich einen Abstecher nach Kabakon, um den merkwürdigen Heiligen zu sehen. Im Ersten Weltkrieg war er kurzzeitig interniert, konnte sich dann aber - längst nicht mehr Eigentümer der Plantage - auf Kabakon botanischen Studien widmen. Diese blieben auf Laienniveau und waren von vornherein wohl nicht biologisch- oder pharmazeutisch-wissenschaftlich motiviert, sondern speisten sich aus Engelhardts übersinnlicher Suche nach unbekannten Heilkräften. Diese scheint er nicht gefunden zu haben, denn im Mai 1919 starben kurz nacheinander Engelhardt und sein Teilhaber. Der letzte Besitzer der Planatge warf den größtenTeil des Engelhardtschen Besitzes ins Meer.

Bei Christian Kracht lebt der Kokophage (Kokosesser) noch weiter bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg weiter. Er erlebt das Ende des europäischen, nicht nur des deutschen Kolonialismus und man fragt sich in einem Hang zu kontrafaktischer Geschichtsschreibung, wie der mittlerweile 80jährige ehemalige Nürnberger Apotheker die Welt dann wohl gesehen hätte. Nach einer Million verzehrter Kokosnüsse und fünf Jahrzehnten höchster Luxdosen auf das ungeschützte Haupt... Stoff für das Weiterspinnen seines Lebens drängt sich gerade zu auf, so dass Krachts Roman nicht der letzte sein wird [8], der sich mit diesem Exzentriker beschäftigt.

[1]  Siehe zu erstem etwa den maßlos überzogenen Verriss des Krachtschen Romans durch Georg Diez, Die Methode Kracht, in: Der Spiegel 7 (2012), S. 100 - 103. Partei für Kracht nimmt Cornelius Tittel, Wie man aus Christian Kracht einen Nazi macht, in: Die Welt vom 17. Februar 2012, ein. Abgewogen urteilt auch Christopher Schmidt, Die Ritter der Kokosnuss, in: Süddeutsche Zeitung vom 16. Februar 2012, S. 11.

[2]  Vgl. Dieter Klein, Neuguinea als deutsches Utopia: August Engelhardt und sein Sonnenorden, in: Hermann Joseph Hiery (Hrsg.), Die deutsche Südsee 1884 - 1914. Ein Handbuch, Paderborn u.a. 2001, S. 450 - 458.

[3]  Zitiert nach Jan Grossarth, Die Retter des Kokosnuss, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 30. Juli 2009.

[4] Dieter Klein, Neuguinea als deutsches Utopia, wie Anm. 2, S. 452. Zu Engelhardts Sonnensekte s. weiterhin Susanne Leinemann, Der Orden der Fruchtesser, in: mare. 83 (Dezember 2010/ Januar 2011); oder Karl Baumann, Art.: Engelhardt, August, in: Biographisches Handbuch Deutsch-Neuguinea 1882-1922, 3. Aufl. Fassberg 2009, S. 123-125.

[5]  Vgl. dazu Uwe Schneider, Nacktkultur im Kaisereich, in: Uwe Puschner u. a. (Hrsg.), Handbuch zur "völkischen Bewegung" 1871 - 1918, München 1996, S. 409 - 435; Ralf Koerber, Freikörperkultur, in: Diethart Kerbs/Jürgen Reulecke (Hrsg.), Handbuch der deutschen Reformbewegungen, Wuppertal 1998, S. 103 - 114; Judith Baumgartner, Ernährungsreform, in: ebd., S. 115 - 126; Dies., Vegetarsimus, in: ebd., S. 127 - 139.

[6]  Vgl. zum Nudismus um 1900 etwa die einschlägigen Darstellungen von Michael Andritzky/Thomas Rautenberg, "Wir sind nackt und nennen uns Du". Von Lichtfreunden und Sonnenkämpfern. Eine Geschichte der Freikörperkultur, Gießen 1989; Freikörperkultur und Lebenswelt . "Studien zur Vor- und Frühgeschichte der Freikörperkultur", Kassel 1999; Giselher Spitzer, Der deutsche Naturismus. Idee und Entwicklung einer volkserzieherischen Bewegung im Schnittfeld von Lebensreform, Sport und Politik, Diss. Ahrensburg 1983.

[7]  Engelhardts "Kabakon", das außer von ihm von 40 bis 50 Melanesiern bewohnt wurde, lag als kleine Insel neben der zuvor und seit 1918 wieder "Duke-of-York"-Insel genannten Insel "Neu-Lauenburg". Die übrigen zum Bismarck-Archipel gehörenden Hauptinseln waren "Neumecklenburg" und "Neupommern". Vgl. Horst Gründer, Die historischen und politischen Voraussetzungen des deutschen Kolonialismus, in: Hermann Joseph Hiery (Hrsg.), Die deutsche Südsee 1884 - 1914. Ein Handbuch, Paderborn u.a. 2001, S. 45.

[8] Ein halbes Jahr vor Christian Kracht, Imperium, Köln 2012, erschien eine nicht minder lesenswerte literarische Bearbeitung des faszinierenden Stoffes: Marc Buhl, Das abenteuerliche Leben des August Engelhardt, Frankfurt a. M. 2011

 

Der spätere Reichskanzler fiel den akademischen Autoritäten Göttingens nicht gerade als ein mustergültiger Studiosus auf. Sein Benehmen führte rasch zur Bekanntschaft mit dem Karzer, dem universitätseigenen Gefängnis. Doch nicht nur ein Blick auf den eher unsteten Lebensstil zu seiner Studentenzeit lohnt sich, auch der später das gesamte Deutsche Reich umfassende Denkmalkult machte nicht vor der Stadt halt, mit der Bismarck auf besondere Weise verbunden war. Und so steht ein Ausspruch, den Bismarck gegenüber seinen Kommilitonen verlautbart haben soll, Pate für die beiden „Bismarck-Gesichter“, die in Bezug auf Göttingen erkennbar werden: „Ich werde entweder der größte Lump oder der erste Mann Preußens!“

 

Am 10. Mai 1832 wurde der 17-jährige Otto von Bismarck an der Georgia Augusta als Student der Rechte und Staatswissenschaften eingeschrieben. Wie schon seine Beamten- und Diplomatenkarriere von Seiten der Eltern vorbestimmt war, so entsprach die Wahl des Studienganges sowie der Universität dem Wunsch der Mutter. Die Göttinger Universität genoss einen hervorragenden Ruf, beheimatete viele berühmte Professoren und die städtische Gesellschaft galt als besonders vornehm wie weltoffen.

Die ersten zwei Semester hauste der junge Student in der Wohnung des Hauswirtes und Bäckers Justus Friedrich Schumacher, in der Roten Straße 299 (heute Rote Straße 27). Bismarck fühlte sich in seiner neuen Umgebung dabei zunächst unwohl – er beklagte sich über die polizeistaatliche Atmosphäre, das Gefühl, auf Schritt und Tritt verfolgt und beobachtet zu werden. Diese Einschätzung wandelte sich jedoch bald und im Januar 1833 bekundete er in seinen an die Familie gerichteten Briefen, er könne sich kaum einen besseren Ort als Göttingen vorstellen.

Während des kurzen Aufenthaltes an der Leine war Bismarck Mitglied des Corps Hannovera. In der schlagenden Studentenverbindung pflegte er einen rauf- und trinkfreudigen Lebensstil; seinem Bruder Bernhard gegenüber brüstete er sich mit seinen zahlreichen Erfolgen bei der Mensur, wobei er einmal eine gespaltene Nasenspitze beklagen musste. Sein nicht wirklich braves Studentenleben drückte sich zum einen im abnehmenden Besuch von Lehrveranstaltungen aus; in dieser Hinsicht setzte er die eher nachlässige Lernphase seiner Gymnasialzeit fort. Zum anderen führte gerade jener rauf- und trinkfreudige Lebensstil zu einigen Strafen für Störungen der öffentlichen Ordnung – so etwa zu einem 18-tägigen Aufenthalt im Karzer.

 

Das Corpshaus der Studentenverbindung Corps Hannovera

Das Corpshaus der Studentenverbindung Corps Hannovera


 

Karzertür im Bismarckhäuschen Graffito in der Karzertür

 

Die Tür des alten Karzers, ausgestellt im Bismarck-Häuschen; zu erkennen ist das Graffito mit Bismarcks Namen, seiner Corpszugehörigkeit und der Anzahl eingesessener Tage

 


Mitten in Göttingens Zentrum, am Wilhelmsplatz, steht das historische Aulagebäude der Georgia Augusta. Der seit 1837 genutzte Bau beinhaltet insgesamt acht Karzerräume jüngeren Datums. Sie wurden 2007 nach einem großen Spendenaufruf aufwendig restauriert und sind der Öffentlichkeit heute zugänglich – im Zuge von Stadtführungen kann der Karzer als eines der in Deutschland am besten erhaltenen Universitätsgefängnisse besichtigt werden. Die alte Zelle, in dem auch Bismarck einsaß, befand sich jedoch im ehemaligen Konzilienhaus in der Prinzenstraße und ist nicht mehr erhalten. Allerdings hat ihre Tür die Zeit überdauert und wird im so genannten Bismarckhäuschen (siehe unten) mitsamt einer auffälligen Inschrift ausgestellt: Bismarcks Name nebst dem seiner Studentenverbindung sowie der Anzahl eingesessener Tage sind hier eingeritzt. Das Graffito wird vom Kommentar „Petzer“ begleitet, der dem späteren Reichskanzler gegolten haben dürfte, jedoch ist die Echtheit dieses Zeugnisses nicht eindeutig belegt.

 

Stolz und ehern wirken diejenigen Gebäude aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, die das Bild der Universitätsstadt auch heute noch prägen. Und irgendwie passt es zum Nimbus des späteren standfesten „Eisernen Kanzlers“, dass dessen zweite Göttinger Wohnung Teil eines Bollwerkes, nämlich einer der Türme des Stadtwalls, war. Weit war die Landschaft des Leinetals, welche man von der Wallanlage aus überblicken konnte, und bei diesem außergewöhnlichen Ausblick soll Bismarck seine Wohnlage auch ausgiebig dazu genutzt haben, im Leinekanal zu baden; so berichtete es der spätere Reichskanzler schließlich selbst. Das heute als „Bismarckhäuschen“ bekannte Bauwerk entstand ursprünglich im Zuge der Errichtung einer erweiterten Stadtmauer im 14. Jahrhundert. Bereits im 17. und 18. Jahrhundert verloren die Verteidigungsanlagen an Bedeutung und wurden ab 1762/63 gegen Ende des Siebenjährigen Krieges geschleift. Die Folge war eine Umgestaltung des alten Walls zu einer Promenade und die Umfunktionierung des Turms zu einem Gartenhaus. Johann Voß, Gärtner des Göttinger „Oeconomischen Gartens“ vermietete dessen Räumlichkeiten an Studenten, so auch vom Frühjahr bis Herbst 1833 an Otto von Bismarck. Der Umzug von der Roten Straße in den Turm soll – so eine spätere Erzählung – dabei nicht ganz freiwillig zustande gekommen sein. Aufgrund der genannten Störungen der öffentlichen Ruhe sei Bismarck in die Stadtperipherie verbannt worden, um nur noch zu Studienzwecken die Innenstadt betreten zu dürfen.

Nach einigen Besitzerwechseln übernahm die Stadt zum 100. Jahrestag von Bismarcks Einzug das Häuschen, um es als Gedenkstätte zu nutzen. Als Einrichtung wählte man Mobiliar der Biedermeierzeit und schuf so den Eindruck einer bürgerlichen Wohnsituation, die es während Bismarcks Aufenthalt mit Sicherheit nicht gegeben hatte. Schließlich wurde 1985/86 das Innere des Turms neugestaltet, ohne die unglücklich gewählten Möbel und zugunsten einer einfachen Dokumentation, die heute noch begutachtet werden kann und insbesondere über die Geschichte des Häuschens, Bismarcks Studentenleben und den Denkmalkult in Göttingen informiert.

 

Das Bismarck-Häuschen am Stadtwall

Das Bismarck-Häuschen am Stadtwall

 

Doch nicht nur die Umgestaltung der Studentenbleibe blieb als Zeichen des Erinnerns in Göttingen erhalten. Im Thorner Park steht ein junger Eichenbaum, an seinem Fuße eine Gedenktafel. Beide wurden an Bismarcks 80. Geburtstag am 1. April 1895 dort platziert. Die Eiche war neben der Linde die bevorzugte Baumart, um „lebende Bismarckdenkmäler“ zu errichten – nicht zuletzt, weil sie als „typisch deutsch“ galt und eines der Wappenpflanzen der Familie Bismarck-Schönhausen ist. Das geringe Alter des Baumes im Park geht auf einen Unfall zurück, den städtische Arbeiter 2004 im Rahmen von Fällarbeiten verursachten: Ein benachbarter Baum fiel auf die Bismarck-Eiche, die derart beschädigt wurde, dass sie kurz darauf entfernt und durch einen Jungbaum ersetzt werden musste. Ein Nachtrag zur Inschrift des Gedenksteins bezeugt dieses Missgeschick.

 

Die Bismarckeiche im Thorner Park Die Schrifttafel an der Bismarckeiche

Die Bismarckeiche im Thorner Park mitsamt der ergänzten Schrifttafel

 

 

Der Bismarckturm im Göttinger WaldMitten im Göttinger Wald, auf dem Rücken eines Hügelgrats ragt ein 31 Meter großer, aus Kalkbruch- und Sandstein erbauter Turm über den Baumwipfeln hervor. Das im Burgenstil gehaltene Bauwerk wurde ursprünglich in den 1880er Jahren als Aussichtsturm angeregt; Justizrat Hermann Eckels war als Vorstandsmitglied des Göttinger Verschönerungsvereins der entscheidende Initiator. Ab März 1892 sollte die Idee in die Tat umgesetzt werden und Bismarck als Namenspatron dem Turm einerseits die zusätzliche Bedeutung eines Denkmals, andererseits dem Projekt die nötigen Geldspenden verschaffen. So wurde der Bismarck-Thurmbau-Verein gegründet und schon im Mai willigte der Reichskanzler in die Namensgebung ein. Knapp vier Jahre, vom 28. Juni 1892 bis zum 18. Juni 1896 dauerte die Bauphase nach einem Entwurf von Heinrich Gerber, der mithilfe von 43.700 Mark Spendengeldern sowie dem gestifteten Rohbau des ausführenden Maurermeisters Conrad Rathkamp verwirklicht werden konnte. In seinem Inneren finden sich neben einem Treppenaufgang, der auf die Spitze des Rundturmes führt, eine Gedächtnishalle mit Widmungstafeln der Großspender sowie eine Bismarckbüste.

Nachdem der Kult um den „Eisernen Kanzler“ am Turm selbst bis in die Zeit des Ersten Weltkrieges hinein – unter anderem mit Beleuchtungen und Kanonenschüssen an Bismarcks Geburtstagen – gepflegt wurde, verlor er seine Bedeutung als nationale Huldigungsstätte zusehends, ohne jedoch seine Popularität als Ausflugsziel einzubüßen. Bis 1952 folgten gar Plünderungen der Halle und der zunehmende Verfall der Bausubstanz, ehe sich der Göttinger Verschönerungsverein einer Sanierung annahm und 1985 weitere Erneuerungsarbeiten durchgeführt werden konnten. In dem hierdurch erreichten Zustand kann der Turm samstags, sonntags und an Feiertagen erklommen und sein Inneres besucht werden. Er dient nach wie vor als beliebtes Ausflugsziel und Aussichtspunkt, von dem aus man einen weiten Blick über Göttingen und das Leinetal genießen kann.

 

 

 

 

Der Bismarckturm im Göttinger Wald

 

 

Auch das zweite große Bismarckdenkmal Göttingens bietet einen beeindruckenden Ausblick auf Stadt und Umgebung aus erhöhter Position: Auf dem Hainberg, am nordöstlichen Stadtrand, befindet sich ein Bismarckstein - ein quadratischer Aufbau aus Kalkgestein, der durch seitliche Treppen zu einer Aussichtsfläche bestiegen werden kann. Weder seine Form noch irgendeine Abbildung erinnern an den Reichskanzler – nur eine kleine Inschrift „Gedenkstein für Otto von Bismarck. 1903“ stellt den Bezug her.

Am 10. Dezember 1899 trug der ehemalige Bürgermeister und damalige Rektor der Göttinger Universität Johannes Merkel den Wunsch seiner Studentenschaft an den neuen Bürgermeister Georg Carlsow heran, eine Bismarcksäule zu errichten. Wie auch andere solcher Säulen im Deutschen Reich, die auf das Einheitsmodell „Götterdämmerung“ des Architekten Wilhelm Kreis zurückgehen, sollte das Monument in abstrakter, entpersonalisierter Form als eine Art Feueraltar fungieren, welcher an bestimmten Tagen im Jahr (insbesondere zur Sommersonnenwende) entflammt wurde und den Kult um den zu Verehrenden in eine quasi-religiöse Sphäre hob. Carlsow und der Vorsitzende des Göttinger Verschönerungsvereins Hermann Eckels sicherten ihre Unterstützung zu und es wurde der „Verein zur Erbauung einer Bismarck-Säule bei Göttingen“ gegründet, der sich der Durchführung des Projektes annahm. Während das Vorhaben Ausdruck eines allgemeinen Aufrufs deutscher Studenten war, dem verstorbenen Altkanzler „auf allen Höhen unserer Heimat“ derartige Säulen zu errichten, kam es im Göttinger Vorhaben zu einer speziellen Abänderung der Konzeption: Für den Bau wurde die Schaffung einer Aussichtsplattform zur Bedingung gemacht und so wich die ursprüngliche Idee einer Säule nach Kreis'schem Vorbild letztlich einem sieben Meter hohen Quaderaufbau, den auf der oberen Ebene eine große Feuerschale zierte und der im Halbrund von zwölf kleinen Säulen mit Feuerschalen an ihren Spitzen umgeben war. Nachdem die ohnehin rasch unregelmäßig stattfindenden Feuerentfachungen, Lesungen und anderen Gedenkzeremonien immer seltener wurden und ähnlich wie beim Bismarckturm nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ausblieben, wurden die Säulen sowie die große Feuerschale entfernt. Im Jahr 1965 befand sich der Stein bereits in einem desaströsen Zustand, so dass eine allgemeine Diskussion über seine Zukunft entstand. Von einem Abriss, dem Ersatz durch ein Denkmal für die Opfer des Dritten Reiches bis zu einer kompletten Sanierung wurden zahlreiche Vorschläge eingebracht. Letztendlich wurde das im Volksmund aufgrund seiner Form liebevoll „Elefantenklo“ genannte Bauwerk notdürftig instand gesetzt, ehe es zwischen den Jahren 2002 bis 2005 für etwa 15.000 Euro restauriert werden konnte. Seine Wiedereröffnung erfolgte am Tag des offenen Denkmals, am 11. September 2005 – ohne Feuerschalen und -säulen. Heutzutage wird der Bismarckstein weiterhin als populärer Aussichtspunkt angesteuert, von dem aus sich ein weiter Blick hinunter auf Göttingen und seine Umgebung vor allem dann ergibt, wenn in der kalten Jahreszeit die umliegenden Laubbäume nicht die Sicht einschränken.

 

 

Der Bismarckstein (

einzige Inschrift auf dem Stein Ausblick vom Bismarckstein

Der Bismarckstein ("Elefantenklo"), seine einzige Inschrift und der Blick gen Leinetal

 

Insgesamt muss festgehalten werden, dass sich in Göttingen nach wie vor eindrucksvolle Zeugnisse darbieten, die sowohl einen der spannendsten Lebensabschnitte des jungen Bismarck als auch den reichsweit entfachten Denkmalkult um den „Eisernen Kanzler“ dokumentieren. Bei einem Ausflug in die schöne Leine-Stadt und ihre Umgebung, kann der Besucher gleich mehrere historisch authentische wie bemerkenswerte Stätten entdecken: Das Bismarck-Häuschen am Stadtwall mitsamt seiner informativen Ausstellung sowie die beiden auch im reichsweiten Vergleich durch ihre Monumentalität bestechenden Denkmäler tun sich dabei in besonderem Maße hervor.

Kein Zweifel, Bismarcks Andenken lebt in Göttingen fort und dies nicht nur an den vorgestellten historischen Stätten - auch beim Schlendern entlang der Bismarckstraße oder beim Einkehren in die Gaststätte "Fürst Bismarck" folgt man den Spuren des alten Reichskanzlers.

 

 

Straßenschild Die Kneipe

Straßenschild bei der Schillerwiese und die Gaststätte "Fürst Bismarck" in Göttingens Altstadt

 

 

 

Ein besonderer Dank gilt dem Museum "Bismarckhäuschen" für die freundliche und hilfsbereite Unterstützung der für diesen Artikel notwendigen Recherchen sowie der Anfertigung von Bildmaterial.

 

Linkliste:

 

Die Internetseiten des städtischen Museums Göttingen; im Archiv des Museums lassen sich zahlreiche Dokumente über Bismarcks Zeit in Göttingen sowie zur Baugeschichte der Denkmäler finden.

Die Webpräsenz des Göttinger Verschönerungsvereins e.V.

Zur Geschichte des Göttinger Karzers und weiteren Informationen zu Otto von Bismarck an der Georg Augusta siehe vor allem die Internetseiten der Universität Göttingen.

Webcam vor dem Bismarck-Häuschen mit 360-Grad-Aufnahmen von der Umgebung.

 

 


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