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Standort Friedrichsruh

 

 

Mit ihrem geschichtspolitischen Bewußtsein dürften die Radebeuler momentan in der Bundesrepublik eine Ausnahme sein. Denn wo sonst wird gerade ein Bismarckturm mit Enthusiasmus und Tatendrang restauriert, mit dem Ziel, ihn buchstäblich zu retten und der Öffentlichkeit wieder zugänglich zu machen? Der Dresdner Vorort, in dem einst der ideenreiche Schriftsteller Karl May lebte, birgt offenbar dieses seltene Potential an bürgerschaftlichem Engagement für einen scheinbar aus dem Mode gekommenen architekturgeschichtlichen Klotz. Hier ist nicht der Ort, die Geschichte aller 234 Bismarcktürme und -säulen zu erzählen, die zwischen 1869 und 1934 in Deutschland und seinen überseeischen Kolonien errichtet wurden. Ganz sicher ist der Radebeuler Turm aber ein besonderer, denn er wurde nach einem Entwurf eines Freundes von Karl May 1907 gebaut, hat also einen doppelt-berühmten lokalgeschichtlichen Bezug. [1]

Der Architekt Wilhelm Kreis (1873-1955) lehrte von 1902 bis 1909 als Professor für Raumkunst an der Kunstgewerbeschule Dresden und zeichnete in dieser Zeit für etliche neobarocke Bauwerke verantwortlich. Kreis war ein Schüler Paul Wallots (1841-1912), der in Berlin den Reichstag und in Dresden das Ständehaus, den alten Landtag an der Brühlschen Terrasse, gebaut hatte, und wer sich die von Kreis stammende neue Friedrich-August-Brücke (sie ersetzte die alte Augustusbrücke) anschaut, erkennt die ästhetische Verwandtschaft. Gemeinsam mit dem Illustrator der Karl-May-Bände, Sascha Schneider, weilte Kreis häufiger bei May in der idyllischen Weinstadt Radebeul, die damals noch vor dem Toren der Landeshauptstadt lag. Bei solchen Gelegenheiten mag Kreis in Berührung mit örtlichen Honoratioren gekommen sein, denen er als Referenz schon seinen Entwurf für den 1906 begonnenen Bismarck-Turm in Jena, auf dem Malakoff des Tatzend, vorzeigen konnte. Die Radebeuler waren offenbar überzeugt und setzten den Bau rasch in die Tat um. Am 30. April 1906 wurde der Grundstein gelegt und bereits am 2. September konnte die Einweihung gefeiert werden; die Jenenser bauten noch bis 1909 weiter!

Verzichtet wurde damals allerdings auf den Einbau einer Treppe, obwohl das Projekt 1913 noch einmal ernsthaft diskutiert wurde. Geldknappheit, der bald einsetzende Erste Weltkrieg und die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen in dessen Folge verhinderten die Umsetzung einer Aufstiegsmöglichkeit. Diese soll bei den Restaurierungsentwürfen der Jahre 2011/12 endlich realisiert  werden. Durch ein Schiebedach soll man auf den 18 m hohen Turm treten und den Rundblick ins Elbtal und die Radebeuler und Lößnitzer Weinberge genießen können. Verantwortlich für die Pläne zeichnet der Verein für Denkmalpflege und neues Bauen Radebeul. Seit 2007 versucht er die Idee in die Tat umzusetzen, den Turm wieder der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Stolze 210.000 Euro sollen eingeworben werden, um das alte Gemäuer zu stabilisieren und vom Fundament bis zur Spitze begehbar zu machen. Die kühnen Radebeuler Restaurateure planen zudem als Highlight eine Videoinstallation, die von der Turmspitze aufgezeichnete Bilder mit Impressionen aus der Geschichte Radebeuls mischt und auf einer ringförmigen Projektionsfläche an den Innenwänden des Turms sichtbar macht. Hier sieht man buchstäblich die begeisterten sächsischen Ingenieure vor sich, die das Industrie- und Wissenschaftsland seit 200 Jahren prägen! [2]

Der Turm wird wie viele andere Bismarcktürme verschließbar sein, allein schon um Vandalismus zu verhindern. Ein Verein soll sich schließlich um den Betrieb der Immobilie kümmern. Bis 2015, dem auch in diesem Hause freudig entgegen gesehenen 200. Geburtstag Otto von Bismarcks, sollen die Vorhaben in die Tat umgesetzt werden. Um diesen hochfliegenden Plänen eine solide Grundlage geben zu können, sind die Sachsen auf Spenden angewiesen, die etwa durch Stifterbriefe eingeworben werden sollen. Die wissenschaftliche Bismarckforschung kann diese gegenwartsbezogene Initiative um einen erinnerungs- und geschichtspolitischen Ort der kaiserzeitlichen Bismarckverehrung- und verklärung nur begrüßen. Erfolg und Glück wünscht der Autor freilich auch, weil er als gebürtiger Dresdner dem Radebeuler Turm näher steht als vielen der übrigen 233 Bismarcktürme.

[1] Im Referenzwerk zum Thema  (Günter Kloss/Sieglinde Seel, Bismarcktürme und Bismarcksäulen. Eine Bestandsaufnahme, Petersberg 1997, S. 134) ist unter der hier verwendeten Abbildung das Jahr 1985 angegeben, mitten in der Sachsen- und Preußenrenaissance also, die in den 1980er Jahren nicht zufällig parallel zum Herbst der sozialistischen Diktatur aus dem wiedererstarkten Heimatbewußtsein vieler DDR-Bürger entstand. Vgl. Ulf Morgenstern, Sächsische (Dis-)Kontinuitäten und die "Sachsenrenaissance". Von Verschwinden und Wiederkehr Sachsens in den vier Jahrzehnten der DDR, in: Konstantin Hermann (Hrsg.), Sachsen seit der Friedlichen Revolution. Tradition, Wandel, Perspektiven (=Saxonia. Schriften des Vereins für sächsische Landesgeschichte, Bd. 12), Beucha 2010, S. 28-45.

[2] Dem Artikel der Sächsischen Zeitung "Sifterbriefe sollen Bismarckturm retten" vom 17. Februar 2012 sind die Namen von fünf Radebeuler Architekten und Statikern zu entnehmen, die bereits Vorentwürfe geleistet haben. Sie seien neben dem Vorsitzenden des Denkmalschutzvereins Jens Baumann ausdrücklich genannt: Klaus Löschner, Thomas Scharrer, Hans Dieter Blanek, Henning Liebau und Gunar Richter.

 

Wilhelm Busch

Schein und Sein

Mein Kind, es sind allhier die Dinge,

Gleichwohl, ob große, ob geringe,

Im Wesentlichen so verpackt,

Daß man sie nicht wie Nüsse knackt.

Wie wolltest Du Dich unterwinden,

Kurzweg die Menschen zu ergründen.

Du kennst sie nur von außenwärts,

Du siehst die Weste, nicht das Herz

Wie so oft haben Wilhelm Buschs (1832-1908) aphoristische Reime auch in "Schein und Sein" (hier zit. nach Friedrich Bohne (Hrsg.), Historisch-kritische Gesamtausgabe, Bd. 4, Wiesbaden-Berlin 1960, S. 393)  einen tieferen Sinn. Was auch immer wir in der Welt antreffen, will Deutschlands bekanntester humoristischer Dichter und Zeichner und Zeitgenosse Bismarcks uns sagen: nichts ist so wie es scheint. Der nicht selten schopenhauerisch düstere Niedersachse Busch schneidet damit ein grundlegendes philosopohisches Problem an. Denn hinter "Schein und Sein" verbirgt sich die Frage nach der Verhältnis von Oberfläche und tatsächlichem Gehalt, also dem wahren Inhalt der Dinge, den eigentlichen Absichten der Menschen. Sprachwissenschaftlich unterscheidet man zwischen Thema und Rhema, d.h. demjenigen, über das etwas gesagt wird, und demjenigen, was darüber gesagt wird. Und letzteres kann je nach subjektiver Betrachtung sehr vielgestaltig sein. Denn selten steckt in dem zu küssenden Frosch nur der eine verzauberte Prinz oder man erkennt wie Laokoon in der Aeneis in dem Trojanischen Pferd die versteckten Danaer/Griechen ("Quidquid id est, timeo Danaos et dona ferentes"). Oft steht man ratlos vor einer blendenden Fassade und ahnt nicht, was sich dahinter verbirgt. Und wenn, dann kann man den Verdacht nicht konkretisieren, oft sind die Vermutungen vielfältig und kein einfacher Lösungsansatz führt zu der einzig richtigen Interpretation.

Solche stichhaltigen Interpretationen komplizierter Probleme trauten die Anhänger Preußen-Deutschlands ihrem Helden Bismarck fast uneingeschränkt zu. In ihren zeitgenössischen Augen war der Ministerpräsident und Reichskanzler innen- und außenpolitisch ein glänzender politischer Analytiker. Wenn ihm mal etwas schief ging, etwa das vorsichtige prorussische Vorfühlen im Rahmen der "Mission Radowitz", blieb es der Öffentlichkeit häufig verborgen oder Bismarck verstand es, mit anderen, von seinen Apologeten stets als "weitsichtig" titulierten Taten davon abzulenken.

Der an der Edition seiner Schriften sitzende Historiker kann sich dem Eindruck eines Probleme wie Nüsse knackenden und dann zu Kern der Sache vordringenden Politkers nicht völlig erwehren. Seine oftmals umfangreichen Glossierungen zeigen Bismarck als fleißigen Diplomaten, der zu Hauf Anmerkungen mit Querverweisen, Hintergründen und Vermutungen an die Seite der ihm vorgelegten Korrespondenzen und Entwürfe schrieb. Die Bearbeitung der Vorgänge dauerte nicht selten lange. Bis ein Problem gelöst war, mußten Erkundigungen eingezogen, Hinweise überprüft und Wahrscheinlichkeiten abgewogen werden, um dann schlußendlich zum "Kern" des Geschehens vorzudringen.

Aber knackte er wirklich jede Nuß? Ist seine Innenpolitik tatsächlich immer lösungsorientiert gewesen? Oder lavierte der Kanzler nicht wiederholt unentschlossen und spielte Bevölkerungsgruppen  und -schichten gegeneinander aus, was vor allem im Falle der Sozialdemokraten und der Katholiken gründlich daneben ging? Und kann nicht auch in der Außenpolitik das verschachtelte System der Bündnisse und Koalitionen als Hilflosigkeit des um Erhalt des einmal geschaffenen mitteleuropäischen Reiches besorgten Politkers interpretiert werden? Ist es in der Folgezeit nur das Versagen Wilhelms II. gewesen, oder waren die Bismarckschen Bünde und geheimen Zusatzprotokolle nicht schon zu Zeiten seiner Regierung ein labiles, permanent vom Einsturz bedrohtes Gebäude? Hatte der europazentristische Kanzler auch nur eine weltpolitische Nuß geknackt?

Diese Fragen zu stellen ist eine legitime Aufgabe der Nachgeborenen, die daraus erwachsende Kritik sollte sich freilich an dem messen, was Bismarck und seine Zeitgenossen abzusehen in der Lage waren, d.h. welche Nüsse sie überhaupt knacken konnten. Die hartgesottensten Verehrer des Kanzlers beschwerten ihr hinwendungsvolles Gedenken allerdings nicht mit solchen hermeneutischen Zumutungen. Für sie war der robuste Pommer derjenige, der nacheinander Dänen, Österreicher, Franzosen, Katholiken, Sozialdemokraten, Polen, Elsässer und noch etliche andere aus dem Weg in eine hehre kleindeutsch-preußische Zukunft gedrängt oder zumindest in die Schranken gewiesen hatte. Seine Anstrengungen dabei werden sichtbar in den martialischen Gesichtszügen des Nußknackers, in dem sich geistige und physische Kraft symbolisch bündeln.

Neben anderen utilitaristischen Manifestierungen der Bismarck-Verehrung wie Bierseideln, Aschenbechern usw. mit seinem Konterfei ist der Nußknacker sicher einer der Gegenstände mit dem höchsten Gebrauchswert. Unsere Postmoderne Gegenwart kann kaum anders als ironisch auf das Objekt blicken, denn es eröffnet ernährungswissenschaftlich noch eine dritte Perspektive auf den hölzernen Helfer: Da Wallnüsse durch ihren hohen Fettgehalt gut für die geistigen Kräfte sein sollen, würde der Benutzer der Nußknackers beim täglichen Gebrauch sogar doppelt von der Verehrung Bismarcks profitieren: patriotisch-moralisch und kognitiv-cerebral! Solche Spitzfindigkeiten würde man Wilhelm Busch zutrauen, überliefert sind sie leider nicht.

Weiterführend zum Bismarck-Mythos allgemein:

Robert Gerwarth, Der Bismarck-Mythos. Die Deutschen und der Eiserne Kanzler, Berlin 2007.

Aus der umfassenden Literatur über Wilhelm Busch sei nur hingewiesen auf:

Ulrich Mihr, Wilhelm Busch: Der Protestant, der trotzdem lacht. Philosophischer Protestantismus als Grundlage des literarischen Werks, Tübingen 1983.

Gert Ueding, Wilhelm Busch. Das 19. Jahrhundert en miniature. Erweiterte, revidierte Neuausgabe, Frankfurt a. M./ Leipzig 2007.

Eva Weissweiler, Wilhelm Busch. Der lachende Pessimist. Eine Biographie, Köln 2007.

 

 

Brandenburgische Fregatte „Der Kurprinz“

Schiffsmodell, Fregatte aus Silber, 1885

(15,0 x 6,0 x 15,0 cm) auf Marmorsockel (25,5 cm x 13 cm x 4,5, cm) Bismarck-Museum, Friedrichsruh

Otto von Bismarcks diplomatisches und geographisches Weltbild war durch seine lebensweltliche Prägung und außenpolitische Berufserfahrung weitgehend auf den europäischen Kontinent und dessen Mächte, nicht aber deren kolonialen Besitz konzentriert. Nur zögerlich gab er 1884 seine Zustimmung zur Errichtung von deutschen Schutzgebieten. Das Reich sollte hierbei lediglich in bescheidenem Maße die Interessen seiner Handel treibenden Bürgern schützen, sofern dies nicht auf den tatsächlichen Erwerb von Kolonien hinauslief, deren Ausbau, Schutz und Erhalt ihm nicht nur als zu teuer, sondern für sein preußisch-deutsches Kaiserreich schlicht unrentabel erschienen. Bismarcks Reserve gegenüber einer außereuropäischen Expansion der von ihm im Namen seines greisen Kaisers geführten Großmacht hatte also zum einen diplomatisch-taktische Gründe; er wollte kein weiteres Konfliktfeld mit den vertraglich eingehegten Nachbarmächten eröffnen, zumal wenn außer nationalistisch-großsprecherischem Prestige kein weiterer Nutzen zu erwarten war. Andererseits erging es dem pommerschen Junker in der Frage der Kolonien ebenso wie bei manchem sozialpolitischen Problem wie bei den der Sozialdemokratie in die Arme laufenden Fabrikarbeitermassen der industriellen Ballungsräume: Ihm verschlossen sich schlicht gewisse Dimensionen von Entwicklung, da sie sich nicht mit seiner Sozialisation in der im Grunde noch ständisch-grundherrschaftlich geprägten Heimat des ländlichen Pommerns in Einklang bringen ließen. Zugespitzt formuliert lauteten die erstaunten Fragen des Gutsbesitzers Bismarck: „Wieso fügen sich die Lohnarbeiter des Ruhrgebietes nicht dem fürsorgenden Willen der Fabrikbesitzer?“ und „Was soll mich an afrikanischen Wüsten interessieren, wenn der preußische Landesausbau in der Provinz Schlesien weiterhin Probleme birgt?“ Freilich, ganz so naiv sah der Reichskanzler die Dinge nicht, jedoch war seine Analyse außen- und innenpolitischer Fragestellungen bei allem rationalen Kalkül nie frei von einer romantisierenden ostelbischen Sicht auf die deutsche Gesellschaft und ihren Platz in der Welt.

Genau an dieses altpreußische Grundgefühl appellierte ein Geschenk, das der Fürst zu seinem 70. Geburtstag am 1. April 1885 vom Grafen und der Gräfin Heinrich von Pückler erhielt. Heinrich Graf Pückler (1835-1897, Deutschkonservatives MdR 1890-1893) war der Neffe des berühmten Reisenden und Landschaftsarchitekten Hermann von Pückler-Muskau (1785 - 1871). Die Gräfin war eine geborene Baronne de Constant-Rebeque (geb. 1835 in Lausanne), die die Herrschaft Mezery, Waadtland, mit in die Ehe brachte. 1873 hatte Pückler vergeblich für den preußischen Landtag kandidiert. Gegen Ende der 1880er Jahre saß er im Posener Provinziallandtag und erhoffte sich Chancen auf ein Mandat im Reichstag, das er für seinen Heimatkreis Kottbus-Spremberg schließlich auch errang. Bismarcks Hilfe kann hierbei wohl ausgeschlossen werden, geschadet hat dem begüterten Major der Reserve das Wohlwollen des Reichskanzler aber mit Sicherheit auch nicht. Bei dem Geschenk handelt sich um ein Modell der alten Brandenburgischen Fregatte „Kurprinz“ (oder „Churprinz“), die in den ersten Anfängen der Brandenburgischen Seefahrtsgeschichte für den großen Kurfürsten segelte. Da es drei Schiffe mit diesem Namen gab, ist nicht eindeutig festzustellen, welche der rund zweihundert Jahre alten brandenburgischen Fregatten die Pücklers im Sinn hatten. Das erste, zwischen 1661 und 1664 segelnde „Kurprinz“ scheidet wegen relativer Bedeutungslosigkeit aus. Bei den beiden jüngeren ist eine individuelle Zuordnung ebenfalls schwierig (und wie zu zeigen sein wird aber auch müßig), denn symbolisch kamen beide in Betracht.

Die zweite Fregatte „Kurprinz“ oder „Kurprinz von Brandenburg“ hatte im Laufe ihrer Zeit (1674 bis 1685) zwischen 16 und 32 Kanonen an Bord; die Bismarck geschenkte Miniatur-„Kurprinz“ verfügt über 15 auf jeder Seite, liegt also im Bereich des Wahrscheinlichen. Auch den Originalmaßen von 110 Fuß Länge und 26 Fuß Breite wird das Modell ungefähr gerecht. Den später in Preußen geltenden Rheinfuß von 313,85 Millimeter zugrunde gelegt ergeben sich 34,5 x 8,2 Meter. Die Besatzung ist nicht nachgebildet, bei einem Gewimmel von 100 bis 170 Mann an Bord wäre die Vielzahl an Figuren auf Deck aber handwerklich auch sehr schwierig umzusetzen gewesen. Modell und historisches Vorbild verfügen über drei Masten, an denen des kleineren Nachbaus ist eine wirre Takelage aus Silberfäden befestigt. Das Otto von Bismarcks Söhne Herbert und Wilhelm 1885 schon 36 bzw. 33 Jahre alt waren, ist davon auszugehen, dass die Enkel des Fürsten oder andere Kinder in seinem Hause den Seilen und Tauen durch ausgiebiges Spielen zusetzten, bevor das Fahrzeug in das Bismarck-Museum kam.

Nach europäischen Fahrten war die „Kurprinz“ 1683 an der Gründung von „Groß-Friedrichsburg“ in Guinea beteiligt, quer über den Atlantik segelte sie in die Karibik und kehrte gegen Ende 1683 zurück; im Oktober 1685 wurde es verkauft.

Zu diesem Zeitpunkt war die zweite „Kurprinz“, auch „Großer Afrikaner“ genannt und wahrscheinlich das marinehistorische Referenzobjekt der Schenker des Jahres 1885, bereits fertiggestellt. Diese Fregatte wurde seit 1684 in Berlin gebaut und war mit 113 x 27 Fuß, d.h. 35,9 x 8,6 Metern unwesentlich größer als ihr Vorgängerschiff. Sie hatte bis zu ihrem Verkauf 1694 zwischen 20 und 36 Kanonen an Bord und war für 150 bis 170 Mann Kriegsbesatzung konzipiert; das Gewimmel dürfte bei maximaler Anzahl an Crewmitgliedern also ähnlich groß gewesen sein. Über die Geschicke des Schiffes ist in den ersten Jahren nach seiner Indienstnahme wenig in Erfahrung zu bringen. Nachweisen läßt sich die Fregatte erst wieder 1691 in Emden (von dort gegen Hamburg) und im Juni 1692 in der westafrikanischen Küstenstadt Arguin (port. Arguim) im heutigen Mauretanien, von wo sie Sklaven auf die von Dänemark gepachtete Antilleninsel St. Thomas (zu den Jungferninseln gehörend) brachte. 1693 befand sich die „Kurprinz“ wieder in Emden, wo sie der kurfürstliche Besitzer ein Jahr später verkaufte.

Hinter diesen nüchternen Zahlen und Fakten steckt eine spannende Episode hohenzollernscher Seefahrtsgeschichte, die lange vor den deutlich bekannteren Flottenrüstungen des wilhelminischen Preußen des ausgehenden 19. Jahrhunderts stattgefunden hatte.

Der wichtigste Mann hinter den früheren Fahrten in Ostsee, Nordsee und Atlantik war Benjamin Raule (1634–1707). Als Sohn hugenottischer Einwanderer aus Frankreich im zeeländischen Middelburg geboren hatte er es als Ratsherr und Reeder bald zu Ansehen und Wohlstand gebracht, verlor jedoch seine Besitztümer im Englisch-Niederländischen-Französischen Krieg. 1675 wanderte er nach Brandenburg aus und bot seine Dienste dem Kurfürsten an. Durch erfolgreiche Kaperfahrten gegen die Schweden fand er dessen anhaltende Unterstützung. Seit 1677 war Raule Oberdirektor in allen brandenburgischen Seesachen, die freilich noch überschaubar waren, unter ihm aber einen raschen Aufschwung nahmen. Von Pillau aus war maßgeblich für das maritime Eingreifen Brandenburgs in den Schwedischen Krieg (1675–1679) und die Beteiligung am französischen Kaperkrieg gegen Spanien (1679–1681) verantwortlich. An beiden Unternehmungen war die „Kurprinz“ beteiligt, bei den Fahrten gegen die die Spanier segelte die Fregatte immerhin über den Atlantik nach Westindien, also in die Karibik.

Die Erfolge blieben trotz einiger aufgebrachter spanischer Schiffe insgesamt mäßig, was nicht wundert, verfügte der Kurfürst von Brandenburg im Jahr 1679 doch lediglich über 14 Schiffe (von Fregattengröße abwärts bis zu Jachten), von denen allerdings nur einige ihm selbst gehörten (1676 waren es immerhin 28 gewesen und bis 1688 stieg die Zahl wieder auf 32 an). An den übrigen Schiffen war der Hohenzoller nur mit Soldatenbesatzungen beteiligt.

Auf Raules Betreiben rüstete der Große Kurfürst 1680 eine kleine Flotte, die sich in Guinea festsetzen konnte und dort gegen die Holländer bis 1727 das Fort „Groß-Friedrichsburg“ halten konnte. Im Juli 1682 sandte Friedrich Wilhelm von Brandenburg die erste Expedition zur Gründung einer afrikanischen Kolonie aus. Sie wurde dem Kammerjunker Major Otto Friedrich von der Gröben (1657-1728) unterstellt und bestand aus den Schiffen „Churprinz“ mit 32 Geschützen und 60 Seeleuten unter Kapitän de Voß und „Morian“ mit 12 Geschützen und 40 Seeleuten unter Kapitän Blonck. Begleitend hatte der umtriebige Raule nach englischem und vor allem niederländischem Vorbild 1682 die „Brandenburgisch-Afrikanische Compagnie“ gegründet. 1684 verfügte diese über ca. 30 Handels- und 10 Kriegsschiffe, Sitz des die kolonialen Bestrebungen unterstützenden Unternehmens war zunächst Königsberg, später das für Atlantikfahrten ungleich günstiger gelegene Emden.

Zur Besatzung der kleinen Kolonie gehörten neben Offizieren und Soldaten für Verteidigung und Ausbau auch Ingenieure für die Konzeption der Fortifikationsanlagen an der Goldküste. Am 1. Januar 1683 hißte der Major Friedrich von der Gröben (1657–1728) auf dem „Kap der drei Spitzen“ („Cape Three Points“) die kurbrandenburgische Fahne, den Roten Adler. Auf einem nach dem Landesvater Groß-Friedrichsberg genannten Berg wurde im heutigen Ghana die Feste „Groß-Friedrichsburg“ gegründet, einer der Kapitäne wurde als Kommandant eingesetzt. Um den Dreieckshandel mit Sklaven, Zuckerrohr und billigen europäischen Massengütern systematisch ausbauen zu können, war die Gründung weiterer Stützpunkte nötig. Dabei handelte es sich um Arguin, weiter nördlich in Mauretanien, und St. Thomas in der Karibik.

In den erfolgreichen Anfangsjahren der Kolonie stieg Raule, der die Dinge von Emden aus lenkte, zu höchstem Ansehen bei seinem Kurfürsten auf. In Berlin baute er sich eine prächtige Residenz auf dem Gelände des heutigen Tiergartens. Als er in der Gunst der Nachfahren des Großen Kurfürsten sank, sollte er zum zweiten Mal in seinem Leben alles verlieren. 1898 wanderte er wegen zweifelshaften Geschäftspraktiken in die Zitadelle von Spandau, und auch nach seiner Freilassung im Mai 1702 lebte er in Emden und Hamburg unter ärmlichen Bedingungen, 1707 starb er nach langer Krankheit.

Auch wenn von seinem Werk wenig blieb, da die Holländer der Brandenburgischen Kolonie spätestens im Jahr 1727 ein Ende bereiteten, gehörte die kurze überseeische Expansion Brandenburgs an der Wende zum 18. Jahrhundert traditionell zum Stoffkanon preußischer Schüler. In ihrer mythischen Verklärung durch nachgeborene Generation, vor allem im historisierenden 19. Jahrhundert, ist die afrikanisch-karibische Episode der Hohenzollern vielleicht vergleichbar mit der etwa zeitgleich errungenen und nur unwesentlich länger verteidigten polnischen Königskrone durch die sächsischen Kurfürsten.

Daß auch Otto von Bismarck als Schüler mit den Fahrten der brandenburgischen Fregatten vertraut gemacht wurde, darf als sicher angenommen werden. Ob ihm der Name der „Kurprinz“ auf den ersten Blick etwas sagte, spielt bei dem Geschenk keine Rolle, denn von allen kurbrandenburgischen Schiffen besaß er für die königstreue Vorstellungswelt Bismarcks die größte Suggestivkraft. Mit dem Griff in die Geschichte wollten die Pücklers dem zögernden Kanzler die Weitsicht und Tragweite seiner Befürwortung kolonialer Unternehmungen verdeutlichen und ihnen ein dynastiespezifisches Pathos verleihen. Ob dem Fürsten das Geschenk gefallen hat und für wie gelungen er den aus heutiger Sicht reichlich einfach anmutenden kunsthistorisch-geschichtspolitischen Wink hielt, ist nicht überliefert. Dass der auf seine „Freigabe“ hin einsetzende koloniale Besitzerwerb des Kaiserreichs aber nur reichlich drei Jahrzehnte (1885 bis 1918) und somit deutlich kürzer als die kleineren kurbrandenburgischen Fleckchen in der außereuropäischen Welt (1683 bis 1727) in der Hand Berlins bleiben sollte, konnten weder Bismarck noch der Graf und die Gräfin Pückler ahnen.

weiterführende Lektüre zu brandenburgischen Seefahrt:

Eißenhardt, Franz, Aus der Vorzeit der brandenburgisch-preußisch-deutschen Flotte bis zum Auftreten Benjamin Raules, in: Marine-Rundschau, 13. Jg. (1902), S. 275-279.

Gloger, Bruno, Friedrich Wilhelm - Kurfürst von Brandenburg, Biographie, Berlin (Ost) 1985.

Heinrich, Gerd (Hrsg.), „Ein sonderbares Licht in Teutschland“. Beiträge zur Geschichte des Großen Kurfürsten von Brandenburg (1640–1688), Berlin 1990.

Heyden, Ulrich van der, Rote Adler an Afrikas Küste. Die brandenburgisch-preußische Kolonie Großfriedrichsburg in Westafrika, Berlin 2001.

Hüttl, Ludwig, Friedrich Wilhelm von Brandenburg, der Große Kurfürst 1620–1688. Eine politische Biographie, München 1984.

Kellenbenz, Hermann, Die Brandenburger auf St. Thomas, in: Jahrbuch für Geschichte von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft Lateinamerikas 2 (1965), S. 196–217.

Petsch, Kurt, Seefahrt für Brandenburg-Preußen, 1650-1815. Geschichte der Seegefechte, überseeischen Niederlassungen und staatlichen Handelskompanien, Osnabrück 1986.

Poten, Bernhard von, Raule, Benjamin, in: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB), Bd. 27, (1888), S. 398–401.

Radtke, Wolfgang, Die preußische Seehandlung zwischen Staat und Wirtschaft in der Frühphase der Industrialisierung, Berlin 1981.

Richter, Julius Wilhelm Otto, Benjamin Raule, der General-Marine-Direktor des Großen Kurfürsten. Ein vaterländisches Zeit- und Charakterbild aus der zweiten Hälfte des siebenzehnten Jahrhunderts, Jena 1901.

Schoepp, Meta, Benjamin Raule, des Grossen Kurfürsten grosser Marinedirektor, Düsseldorf 1941.

Szymanski, Hans, Brandenburg-Preußen zur See 1605–1815. Ein Beitrag zur Frühgeschichte der deutschen Marine, Leipzig 1939.

Weindl, Andrea, Die Kurbrandenburger im "Atlantischen System" 1650 - 1720, Köln 2001.

zum Grafen Pückler:

Haunfelder, Bernd, Die Konservativen Abgeordneten des deutschen Reichstags 1871 - 1918. Ein biographisches Handbuch, Münster 2010, S. 216.

Gothaisches Genealogisches Taschenbuch der Gräflichen Häuser, Gotha 1917.

 

Rauch- oder Schreibservice, um 1885
16,00 x 14,00 x 15,00 cm
Elfenbein, Ebenholz
Bismarck-Museum, Friedrichsruh

Einem glühenden Verfechter des Erwerbs von Kolonien, dem Afrikareisenden Eugen Wolf, begegnete Otto von Bismarck mit dem lakonischen Satz: „Ihre Karte von Afrika ist ja sehr schön, aber meine Karte von Afrika liegt in Europa. Frankreich liegt links, Russland liegt rechts, in der Mitte liegen wir.

Das ist meine Karte von Afrika.“ Diese Äußerung aus dem Jahr 1888 zeigt, wie sehr der Reichskanzler auch 17 Jahre nach der Gründung noch immer um den Bestand und Erhalt des vom ihm geschaffenen Deutschen Kaiserreiches besorgt war.

Bismarck als Reichskanzler
Franz von Lenbach (1836-1904)
Öl/Leinwand, 1370 x 995 cm
bez. "1880";
Bismarck-Museum Friedrichsruh

„Unsere Enkel werden diese Männer mit den Augen Lenbachs sehen“, würdigte Gustav Pauli 1904 die stets umstrittene gründerzeitliche Porträtkunst Franz von Lenbachs. Keinen betrifft dieses hellsichtige Bonmot mehr als den bereits zu Lebzeiten als Reichsgründer verehrten Otto von Bismarck. Lenbach prägte das Image Bismarcks, diese faszinierende Mischung aus stattlicher Physis gepaart mit stetig wechselndem psychischem Gemütszustand, der sich nicht selten im fokussierten Blick des Malers auf die Gesichtszüge des Porträtierten wiederspiegelte. Vor überwiegend dunkler Kulisse tritt die „Architektur des gewaltigen Schädels“ [Richard Muther] umso deutlicher hervor.

Konvolut von 20 Fotografien, aufgezogen, in blauem Schuber.
Fotograf: Arthur Mennell.
Verlag:
Literarische Gesellschaft Leipzig.
Erscheinungsjahr:
1892.

Bereits vor seiner Entlassung aus dem Amt des Reichskanzlers zählte Bismarck zu den begehrtesten Motiven der Porträtfotografie. Die persönliche wie politische Zäsur des Jahres 1890 markierte jedoch auch bildnerisch einen Wendepunkt. Eine wahre Flut von Porträt- und – immer stärker – auch Momentaufnahmen ergoss sich in die Öffentlichkeit, die „unersättlich in dem Verlangen nach Abbildungen des großen Mannes“ schien – zumindest in den Augen von Bismarcks „Hofblatt“, den „Hamburger Nachrichten“. Unzählige Fotografen, insbesondere aus der nahe gelegenen Elbmetropole, lauerten dem „Alten vom Sachsenwalde“ bei jeder nur denkbaren Gelegenheit auf und boten ihre Schnappschüsse auf dem wachsenden Markt der Bismarckverehrung an.

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