Kein Bismarck in StadeGeschrieben von Dr. Andreas von Seggern am Dienstag, den 04. September 2012 um 09:47 UhrBetriebsausflüge, verehrte Leserin, verehrter Leser, zählen selbstredend nicht zu den Themen, die zwingend auf diese Homepage gehören - und doch bot gerade der gestrige Ausflug unseres kleinen Teams in die sehr sehenswerte ehemalige Hansestadt Stade für die Mitarbeiter unserer Stiftung eine verblüffende Erkenntnis: An keiner Stelle dieser sympathischen Stadt findet sich ein Bismarck-Erinnerungsort, weder ein Denkmal noch eine Straße ist nach ihm benannt. Das war für uns schon überraschend, wußten wir zwar von ganzen Regionen, in denen sich kein steinernes oder metallenes Zeugnis der Bismarck-Verehrung des nationalen Bürgertums im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert findet, hatten jedoch bislang vermutet, dass eine Stadt mittlerer Größe doch allenthalben über eine Bismarck-, respektive Moltke- oder Roonstraße verfüge. Wir sind jetzt schlauer und fragen uns: Für welche Mittel- und Großstädte gilt dies noch? Wenn Sie mehr wissen, schreiben Sie uns! Ein sehr besonderes Denkmal Stades wollen wir Ihnen an dieser Stelle nicht vorenthalten: Ein lebensgroßer Bronze-Elch, der seit 1987 an die Patenschaft der Stadt mit dem Heimatkreis des ostpreussischen Goldap erinnert. Über den historischen Umgang mit Behinderung...Geschrieben von Dr. Andreas von Seggern am Mittwoch, den 22. August 2012 um 14:45 Uhr...weiß die Geschichtswissenschaft noch immer verblüffend wenig. Während sich die interdisziplinären disability studies vor allem in den angelsächsischen Staaten bereits seit langer Zeit mit sozial- und kulturwissenschaftlichen Aspekten des gesellschaftlichen Umgangs mit allen Arten von Behinderung auseinandersetzt, blühen erste vergleichbare deutsche Forschungspflanzen erst in jüngster Vergangenheit stärker auf. Wohl noch immer schreckt die Monströsität der nationalsozialistischen Verbrechen im Rahmen des Euthanasie-Programms, dem Tausende von behinderten Menschen, gleich ob Kind oder Erwachsener, zum Opfer fielen. Seine propagandistischen Auswüchse wirkten bis weit in die deutsche Nachkriegsgesellschaft hinein, die lange Zeit an der Ausgrenzung von Behinderten festhielt. Erst seit den 1970er Jahren beginnt sich der Umgang dert Gesellschaft mit behinderten Menschen offenkundig langsam zu normalisieren, auch wenn die Diskussion um die sogenannte Pränataldiagnostik in diesem Zusammenhang vielfach sicher nicht förderlich gewesen ist. Das aber bereits im Kaiserreich nicht nur die Ausgrenzung, sondern bisweilen auch das Bemühen um selbstverständlichen Umgang mit Behinderung erkennbar gewesen ist, scheint der Fall der Prinzessin Alexandrine von Preußen zu beweisen, der ältesten Tochter des Kronprinzen Wilhelm, mithin also Enkelin des letzten Kaisers Wilhelm II. Alexandrine hatte das Down-Syndrom, und doch wurden Postkarten mit ihrem Konterfei offenkundig in ähnlicher Vielzahl unters Volk gebracht wie diejenigen mit den Porträts ihrer Schwester oder ihrer Brüder. Wir wissen nicht viel mehr über diesen "Fall", als wir dem entsprechenden wikipedia-Eintrag entnehmen können und stießen im Übrigen bei der Sichtung unserer Ansichtskarten-Sammlung auf eben diese Geschichte - aber wir finden das spannend und sehr bemerkenswert. Wer weiß mehr darüber? Lob der studentischen MitarbeitGeschrieben von Dr. Andreas von Seggern am Donnerstag, den 16. August 2012 um 13:58 UhrUnd wieder gibt es neue Digitalisate aus unseren Sammlungen, die wir auf unserem flickr-Account verfügbar gemacht haben: http://www.flickr.com/photos/58384066@N05. Damit haben wir die 2000er-Marke geknackt und fühlen uns davon angespornt, mit Ihnen in Zukunft mehr und mehr Inhalte unseres reichhaltigen Archivmaterials im social web zu teilen. Das allein macht jetzt aber nicht unbedingt eine tolle Neuigkeit; die regelmäßigen Leser unseres Blogs wissen ja um dieses und weitere Projekte unserer Forschungs- und Bildungseinrichtung. Aber wir wollen doch einmal die Gelegenheit ergreifen, all denen zu danken, ohne deren engagiertes und mitunter verblüffend profundes Tun alles nichts wäre: Den studentischen Mitarbeitern, die sich - teilweise bereits über mehrere Jahre - unserem Haus verbunden fühlen und auf unterschiedlichen Ebenen vieles leisten, was mit Bordmitteln kaum noch umzusetzen wäre: Gleich ob als Praktikant/in, studentische(r) Mitarbeiter/in oder Honorarkraft im Besucherdienst, ist es die Arbeit von Herrn Kaiser, Herrn Schumacher, Frau Ueberhorst, Herrn Schnierer, Herrn Stienen, Frau Johnsson, Herrn Ekberg, Herrn Rausch, Herrn Wachter oder Frau Karakan, die viele Dinge in unserem Betrieb am Laufen hält. Wir finden, dass Sie das einmal wissen sollten! Auf dem Bild im Übrigen zu sehen (v.l.n.r.): Herr Wachter, Herr Schumacher, Herr Kaiser. Haben Sie Lust auf den sonnigen Süden? Dann auf nach Wuppertal zu "Bella Italia"!Geschrieben von Dr. Ulf Morgenstern am Freitag, den 10. August 2012 um 11:40 UhrDie Apenninenhalbinsel ist zwar der ureigenste Beritt von Dr. Andreas von Seggern, aber zumindest eine kleine Ausstellungsankündigung sei gestattet. Auf den Seiten der Otto-von-Bismarck-Stiftung auf die italienische Geschichte des 19. Jahrhunderts zu verweisen, ist aus einer Vielzahl von Gründen angebracht. Wie in Deutschland vollzog sich in Italien nach der Jahrhundertmitte die staatliche Einigung der vorher auf zahlreiche Einzelterritorien verteilten Kulturnation. Wie in Deutschland blieb dieser Vorgang nicht ohne Reibungsverluste. Und wie in Deutschland prägten einige wenige politische Gestalten (Garibaldi, Cavour) die Epoche. Otto von Bismarcks Augenmerk auf das Königreich Italien war ein ganz besonderes, denn der neue Mittelmeerstaat war ein Dauergegner des österreichischen Verbündeten, mit dem es nichtsdestotrotz konstruktiv umzugehen galt. Aber auch abseits der Politik- und Verfassungsgeschichte war Italien im 19. Jahrhundert ein wichtiges Thema für Deutschland und die Deutschen. Spätestens seit der Romantik war zwar auch Griechenland als Fokus der europäischen Antikenbegeisterung neben Italien getreten, aber der heimliche Sensuchtsort lag noch immer zwischen Sizilien und dem Gardasee. Das Land der Römer und der Stauferkönige, der Päpste und der Renaissancekunst war eine vielgestaltige Projektionsfläche für das deutsche Bildungsbürgertum. Wenn man nicht selbst reiste, speiste man seine Italienphantasien seit der Mitte des 19. Jahrhunderts aus Bildern. Und genau diese sind noch bis 9. September im Von-der-Heydt-Musuem in Wuppertal ausgestellt. Zeitgenössische Malerei und Photographie entführen in das Italien der Jahrzehnte zwischen 1815 und 1900 und lassen gerade in einem verregneten deutschen Sommer die Gedanken über die Alpen ans Mittelmeer fliehen. Ob man sich gleich am Vesuv tragen lassen möchte wie die Reisenden um 1880, ist eine Geschmackssache! Vielleicht reicht auch ein Gläschen ultramontanen Chiantis am Abend. Zu der Ausstellung finden sich weitere Informationen auf den Seiten des Deutschlandradios Kultur. Zum deutschen Italienbild im 19. Jahrhundert s. weiterführend u.a. Franz J. Bauer, Rom im 19. und 20. Jahrhundert. Konstruktion eines Mythos, Regensburg 2009. Abbildung: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Touristen_mit_Trägen_am_Krater_des_Vesuv.jpg
Diplomatenmagnet FriedrichsruhGeschrieben von Dr. Ulf Morgenstern am Donnerstag, den 09. August 2012 um 07:05 UhrAb 1873 lebte Otto von Bismarck mehrere Monate im Jahr in Friedrichsruh. Da der kleine Ort vor den Toren Hamburgs damals wie heute an der Eisenbahnlinie nach Berlin lag und die Telegraphentechnik am Beginn der 1870er Jahre immer ausgereifter wurde, konnte der Reichskanzler, Außenminister und preußische Ministerpräsident seine vielfältigen Regierungsgeschäfte größtenteils von dort aus führen. Nach Berlin fuhr er bis zu seiner Entlassung 1890 nur noch, wenn es dringende Termine oder Audienzen beim Kaiser unumgänglich machten. Andersherum bedeutete seine Hauptstadtabstienz einen regen Reiseverkehr nach Friedrichsruh. Neben den Mitarbeitern der Kanzleien Bismarcks, die zur täglichen Bearbeitung der Geschäfte mit Papierstößen untern den Armen in den Sachsenwald und zurück reisten, waren es aus höher gestellte Ministeriale und Regierungsmitglieder, die sich zum Fürsten auf sein Anwesen bequemen mussten. Auch Vertreter ausländischer Regierungen fuhren mit der Bahn zur Station Friedrichsruh, wo sie der einladende Reichskanzler in Empfang nahm. Das änderte sich auch nicht als Bismarck nach 1890 nur noch Pensionär im Walde war: Er blieb ein Magnet für zahlreiche Diplomaten aus aller Welt, die Überlieferungen der Besuche sind im Nachlaß erhalten. Dass Bismarck auch heute noch auf das Interesse von Diplomaten aus aller Welt stößt, bezeugen die zahlreichen Besuche von Botschaftern oder Botschaftsangehörigen und sonstigen Geschäftsträgern hier in Friedrichsruh. In Asien etwa sind besonders die Japaner und Chinesen am Altkanzler interessiert; erstere schickten unlängst ein Fernsehteam zum Dreh einer Dokumentation, letztere kommen in fast schon regelmäßigen Abständen in unterschiedlich großen Delegationen selbst in den Sachsenwald. Jüngst zog es auch einen Diplomaten der in Peking ungelittenen "Republic of China", also der unabhängigen Insel Taiwan in die Dauerausstellung der Otto-von-Bismarck-Stiftung und ins Bismarck-Museum. Die Gruppe um den ehemaligen taiwanesischen Außenminister Francisco Ou zeigte sich beeindruckt vom Erinnerungsort Friedrichsruh und las angeregt in den (chinesischen) Gästebucheinträgen ihrer chinesischen Landsleute aus dem großen Festlands-China. Bisher haben die Besuche aus Peking und Taipeh zu keinen diplomatischen Verwicklungen geführt und wir hoffen, dass das auch so bleibt. Schließlich ist der "ehrliche Makler" aus dem Sachsenwald schon seit 122 Jahren außer Dienst. Zum Stand der diplomatischen Beziehungen der Bundesrepublik zu den beiden Chinas siehe die kurzen Informationen auf den Seiten des Auswärtigen Amtes: VR China bzw. Taiwan. Kinder machen Geschichte!Geschrieben von Dr. Andreas von Seggern am Dienstag, den 07. August 2012 um 11:09 UhrDa war Leben in der Bude! Ein voller Erfolg war der erste Museumskindertag der Otto-von-Bismarck-Stiftung in den Räumen des Friedrichsruher Museums. Dutzende von Kindern 'wuselten' zwischen den authentischen Zeugnissen der Bismarck-Zeit, probierten sich an der neuen Kinderrallye, prägten Münzen und Buttons mit historischen Motiven, malten Wappen oder versuchten sich an historischen Handschriften. Viele Eltern verfolgten das bunte Treiben in lockerer Atmosphäre sichtlich entspannt und mitunter vielleicht auch erstaunt, wie sich ihr Nachwuchs interessiert und lebendig auf die vermeintlich trockene Geschichte einzulassen bereit ist. Wir jedenfalls waren darüber selbst so überrascht und erfreut, dass wir "BismarcKids", den Friedrichsruher Tag für Kinder, gern auch in den kommenden Jahren zur festen Institution machen möchten! Die Wege der Ururenkel... Oder: Neues aus dem House BismarckGeschrieben von Dr. Ulf Morgenstern am Mittwoch, den 01. August 2012 um 13:34 UhrOtto von Bismarck wurde zwar erst spät Großvater, erlebte dann aber immerhin noch die Geburt etlicher Enkelkinder, so aus der Ehe seines ältesten Sohnes Herbert die Enkeltöchter Hannah 1893-1971 und Goedela 1896-1981 sowie den Stammhalter Otto 1897-1970. Die Eltern der drei, Herbert (1849-1904) und seine Gattin Marguerite (1871-1945) bekamen nach dem Tod des Patriarchen noch zwei weitere Kinder (Gottfried 1901-1949 und Albrecht 1903-1970). Aber auch Otto von Bismarcks jüngster Sohn Wilhelm bekam in den 1880er und 1890er Jahren vier Kinder. Wieviele Urenkel und schließlich Ururenkel im Laufe des 20. Jahrhunderts geboren wurden, kann dann nur noch ein Stammbaum zeigen, einen Überblick über die Lebenswege haben ohnehin nur noch an der eigenen Geschichte interessierte Familienangehörige und die wenigen eingearbeiteten Biographen. Immer wieder einmal macht ein aus der Linie des Reichskanzlers (Bismarck-Schönhausen) stammender Nachfahre Schlagzeilen und das geneigte Publikum interessiert sich dann in der Regel für den Verwandtschaftsgrad. Wer also in nächster Zeit auf das neue Album "Fetch" des als Ururenkel Bismarcks apostrophierten Elektronikmusikers Moritz von Oswald aufmerksam wird, dem sei hier ein Hinweis gegeben. Von Oswald ist ein Neffe des gegenwärtigen Fürsten Ferdinand von Bismarck (dem 1930 geborenen ältesten Sohn des obengenannten Otto II.) und Sohn von Ferdinands älterer Schwester Mari-Ann, einer Urenkelin des Reichskanzlers. In Namen ausgedrückt lautet also die Generationen-Reihenfolge: Otto - Herbert - Otto - Mari-Ann - Moritz. Moritz von Oswald ist also einer der vielen Ururenkel Otto von Bismarcks. Alles klar? Dass Moritz von Oswalds erste musikalische Schritte in den frühen 1980er Jahren mit dem Bandnamen "Palais Schaumburg", dem seinerzeitigen Dienstsitz des Bundeskanzlers in Bonn, verbunden waren, entbehrt nicht einer gewissen (Selbst-)Ironie. Mehr Information zu von Oswald finden Sie u.a. hier. Ein Frühschoppen erinnert an den redenden Reichskanzler a.D.Geschrieben von Dr. Ulf Morgenstern am Dienstag, den 31. Juli 2012 um 08:30 UhrHeute vor 120 Jahren hielt Bismarck eine vielbeachtete Rede. Da das während der Jahrzehnte seiner politischen Wirksamkeit häufiger vorkam, wäre dieses Jubiläum kaum eine Schlagzeile wert, wäre die Rede nicht eine ganz besondere gewesen. Denn Bismarck sprach weder im Reichstag, noch im preußischen Abgeordnetenhaus, er war am 31. Juli 1892 überhaupt kein aktiver Politiker mehr. Er befand sich zu diesem Zeitpunkt vielmehr als Privatperson auf der Rückreise von der Hochzeit seines ältesten Sohnes Herbert. Dessen Hochzeit mit einer ungarischen Gräfin hatte Bismarck und seine Gattin Johanna nach Wien geführt - kein ganz unproblematischer Ausflug in das Land des Kriegsgegners von 1866; die Reise hatte ihn im Juni auch nach Dresden gebracht, was vordergründig ähnliche Befindlichkeiten befürchten ließ. Aber an der Elbe hatten die jubelnden nationalliberalen Bürger der Residenz- und Garnisonsstadt schon vorweggenommen, was in Jena noch folgen sollte. Auf dem Rückweg von Wien waren die beiden Ehepaare Bismarck zur gewohnten Kur nach Kissingen gefahren, wo sich die Herrschaften von den Strapazen der letzten Wochen erholen wollten. Eine Jenenser Abordnung unter dem rührigen Bürgermeister Singer überzeugte den für Schmeichelleien nicht unempfänglichen Bismarck dann überraschend, die thüringische Universitätsstadt zu besuchen. Seine Zusage war die Sensation des Jahres in der Saalestadt. Als der Zug am 30. Juli 1892 einfuhr war alles auf den Beinen und dem Kanzler wurde die Zuneigung so lebhaft kundgetan, dass sich der 78jährige am Abend vom Balkon des "Schwarzen Bären" aus Ruhe erbitten mußte. Am nächsten Tag hielt er dann eine ortsbezogene Rede, die mit der Erwähnung der Schönheit Thüringens den Gefallen des Publikums erregte. Nicht nur in Jena wurden die Passagen des sonst nur noch selten in der Öffentlichkeit auftretenden "Eisernen Kanzlers" abgedruckt. Sein überraschendes Lob des Parlamentarismus, der die Gewalt des Monarchen einhegen müsse, sorgte reichsweit für Erstaunen. Schließlich war er in den 19 Jahren seiner Reichskanzlerschaft nicht eben als Freund des seine Politik oft genug hemmenden Reichstages hervorgetreten. Bismarcks Abneigung gegenüber dem heißspornigen Wilhelm II. führte nun offenbar zu einem Sinneswandel. Ob man darauf wirklich etwas geben durfte, interessierte wohl niemanden. Vielmehr ergötzte sich das Publikum des nicht mehr in Amt und Würden befindlichen einstigen Kanzlers, dessen mythische Verklärung langsam einsetzte (auch und gerade durch solche Auftritte), an seinen drastischen Wendungen und Wertungen. Die Schaulustigen auf dem Markt bekamen u.a. zu hören: "Ich will Sie nur an ein Beispiel aus den Werken des großen Geistes erinnern, dessen Manen uns hier auf dieser Stätte umschweben. Goethe stellt uns in seinem Götz von Berlichingen einen kaisertreuen Ritter dar, der für seinen Kaiser eine solche Anhänglichkeit und Verehrung besitzt, daß er in dem Augenblicke, wo er einen seiner Beleidiger niederschlagen will, in die Worte ausbricht, 'Trügst du nicht das Ebenbild des Kaisers, das ich in dem gesudeltsten Konterfei verehre, du solltest mir den Räuber treffen und daran erwürgen.' Dieser Ritter trug keine Bedenken, dem kaiserlichen Hauptmann, der ihn zur Übergabe seiner belagerten Burg aufforderte, die Ihnen allen wohlbekannte, sehr scharfe Kritik aus dem Fenster entgegenzuschleudern. (Große langanhaltende Heiterkeit). Es zeigt dies klar, daß Götz von Berlichungen und Goethe beide Empfindungen keineswegs zusammengeworfen und identifiziert haben. Man kann ein treuer Anhänger seiner Dynastie, seines Königs und Kaisers sein, ohne von der Weisheit aller Maßregeln seiner Kommissare, wie es im Götz heißt, überzeugt zu sein. Ich bin letzteres nicht und ich werde auch in Zukunft diese meine Überzeugung keineswegs zurückhalten. (Stürmischer Beifall und begeisterte Hochrufe auf den Fürsten.)" (Anpsrache auf dem Markte zu Jena, 31. Juli 1892, in: Otto von Bismarck. Die gesammelten Werke, Bd. 13. Bearb. v. Wilhelm Schüßler, 2. Auflage, Berlin 1930, S. 471-476, Zitat S. 476). Konsequent hielt er an der Saturiertheit seines Reiches fest, dem großspurigen Säbelrasseln erteilte er eine Absage. Denkwürdig führte er in Bezug auf die Einigungskriege aus: "Diese Kriege waren notwendig; nachdem sie aber geführt worden sind, halte ich es nicht für nötig, daß wir weitere Kriege führen. Wir haben in ihnen nichts zu erstreben. Ich halte es für frivol und ungeschickt, wenn wir uns in weitere Kriege hineinziehen lassen, ohne durch fremde Angriffe dazu gezwungen zu werden. Dann allerdings werden wir auch so stark sein, wie Deutschland in der Mitte Europas es ist, d.h. es wird seinen Nachbarn, auch wenn sie sich verbinden, gewachsen sein. Aber nur im Defensivkrieg. Aggressive Kabinettskriege können wir nicht führen. Eine Nation, die in der Lage ist, sich zu einem Kabinettskrieg zwingen zu lassen, hat nicht die richtige Verfassung. Ein Krieg, auch ein siegreicher, hat für die Nation keine wohlthuenden Folgen. Wir haben uns, nachdem wir den nothwendigen Krieg von 1870 beendigt hatten, angelegen sein lassen, zu verhindern, daß weitere Kriege geführt wurden, um vor allem dem neuen Deutschen Reiche den Frieden zu erhalten, weil der innere Ausbau des Reiches unsere Thätigkeit voll in Anspruch nahm, ja sogar eine gewissen diktatorische Thätigkeit verlangte, die ich jedoch nicht als dauernede Institution eines großen Reiches betrachtet sehen möchte." (Anpsrache auf dem Markte zu Jena, 31. Juli 1892, s.o., Zitat S. 473). In Jena wird an das seinerzeitige Großereignis heute mit einem Frühschoppen im "Schwarzen Bären" erinnert, ein durchaus würdiger Rahmen, soll doch der auch in bacchischer Hinsicht sagenumwobene Fürst nach seinem 32minütigen Parforceritt durch Vergangenheit und Gegenwart drei Krüge Bier geleert haben! Für die weitergehende Beschäftigung mit den Thema ist ein Text Gerd Fessers ("Grosse Tage haben wir erlebt..." Bismarcks Besuch in Jena im Jahr 1892, zuerst abgedruckt im Jahrbuch für den Saale-Holzland-Kreis und Jena 1996) online nachzulesen, auch ein Reprint eines zeitgenössischen Büchleins ("Fürst Bismarck in Jena: Zur Erinnerung an seinem Aufenthalt am 30. und 31. Juli 1892 im Hotel Schwarzer Bär") ist seit 2011 über den Buchhandel erhältlich.
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