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Spätfolge deutscher Kolonialpolitik: Pidgin-Deutsch in Australien

Geschrieben von Dr. Ulf Morgenstern am Montag, den 11. April 2016 um 11:06 Uhr

Als die Reichsregierung aus einem ganzen Bündel von Ursachen 1884/85 dem Drängen kolonialer Enthusiasten nachgab und einige "Erwerbungen" deutscher Händler unter den Schutz des Reiches stellte, begann das kurze Kapitel deutscher kolonialer Besitzungen in Übersee. Im Bewusstsein der Deutschen haben sich die afrikanischen Territorien und vielleicht auch - weil besonders weit entfernt und mit einer ganz eigener Exotik - die chinesischen Häfen gehalten.

Fast vergessen ist dagegen das Bismarck-Archipel in Papua-Neuginea. Und völlig vergessen sind die dortige Kreolbevölkerung und ihre ganz eigene Sprache, die linguistisch ausgedrückt die einzige deutsche Kreolsprache ist. Auf das Schicksal ihrer Sprecher, die als Nachkommen von deutschen Männern und eingeborenen Frauen weder in die koloniale noch in die indigene und nach der Unabhängigkeit des Gebietes von Australien 1975 auch nicht in die post-koloniale Gesellschaft integriert wurden, weist ein Artikel in der Welt hin.

Darin berichtet Matthias Heine über die Forschungen des Germanisten Péter Maitz von der Universität Augsburg. Im Moment hat Maitz ein Forschungsfreisemester, wir vermuten ihn in Südostasien. Die von Maitz und seinen Kollegen untersuchte Pidgin-Sprache heißt übrigens "Unserdeutsch": Eine ehemals in deutschen Missionsschulen "erworbene", unfreiwillige Aneignung deutscher Leitkultur, von der hierzulande bisher nicht einmal eine Handvoll Spezialisten etwas wusste. Nun kann man erfahren, dass die wenigen verbliebenen Sprecher, nach 1875 nach Australien auswanderten. Der Augsburger Forscher bekommt seinen Forschungsgegenstand also in Brisbane und Cairns zu hören. Was für eine post-koloniale Pointe!

In einer englischen Karikatur ist der überraschend zum Kolonialbefürworter gewordene Bismarck zu sehen, der um die Gunst einer "African Venus" wirbt.

Beschaffungskriminalität an der Saale?

Geschrieben von Dr. Ulf Morgenstern am Montag, den 04. April 2016 um 13:25 Uhr

Eben lesen wir: Im Weißenfelser Bismarck-Turm ist eingebrochen worden. Sammler von Bismarck-Kitsch und Nippes und besonders an regionalen Bismarck-Erinnerungen Interessierte möchten wir nachdrücklich darauf hinweisen, dass es sich bei unter der Hand angebotenen Gegenständen mit Weißenfels-Bezug um Hehler-Ware handeln kann.

Wie Bismarck auf den Diebstahl reagiert hätte, zeigt die Abbildung, der Langfinger sollte sich also besser bald stellen.

Genannt sind entwendeten Objekte in einem Artikel im Naumburger Tageblatt.

 

Borussia gegen Hertha oder Onomastik und Kulturgeschichte des Sports

Geschrieben von Dr. Ulf Morgenstern am Montag, den 04. April 2016 um 12:36 Uhr

Am vergangenen Wochenende hatten die Fans von Hertha BSC Grund sich die Augen zu reiben, bis die Tränen flossen: Ihr Verein ging in Mönchengladbach 0:5 unter gegen einen überragenden Tabellen-Vierten. Woran sich auch andere Vereine in dieser Saison gewöhnen müssen, erinnert den Historiker an einen politisch-militärischen Trend der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: Im Zweikampf gewinnt am Ende oft Preußen, die "Borussia" eben.

Im Moment machen das außer den "Fohlen" vom Niederrhein auch ihre westfälischen Namensbrüder (oder besser: Namensschwestern) aus Dortmund vor. Wo die Borussia aufmarschiert, wird es für die gegenerische Elf eng.

Hätte man sich da in Berlin in der Gründerzeit des deutschen Fußballs nicht vielleicht doch für den naheliegenden Namen Borussia entscheiden sollen?

Auf den hätte man ja sozusagen das Hausrecht bei der Vergabe gehabt. Stattdessen votierten die Altvorderen an Spree und Havel für den Namen eines Ausflugsdampfers: Hertha, eben. Kann man machen. Muss man aber nicht.

Man kann sich auch für Borussia entscheiden, und dann "Fohlen" genannt werden. Aber das ist eine andere Geschichte.

Wer wissen will, woher das "Borussia" im Namen vieler deutscher Sportvereine stammt, dem erklärt es wie immer sehr unterhaltsam das deutsch-französische Bildungsfernsehen. Und man ahnt es, ohne Bismarck geht das natürlich nicht.

Bismarck-Denkmäler bei Karambolage auf ARTE

Geschrieben von Dr. Ulf Morgenstern am Montag, den 21. März 2016 um 11:17 Uhr

Landauf, landab stehen in Deutschland Bismarck-Denkmäler. Dem verehrten Reichsgründer wurden schon zu Lebzeiten Denkmäler gesetzt wie sonst nur den Diktatoren des 20. Jahrhunderts. Der gravierende Unterschied: Die Bismarck-Ehrungen im öffentlichen Raum waren keine staatlich-politischen Maßnahmen (die Verwaltungen der Kommunen begleiteten sie allenfalls wohlwollend), sondern sie entstanden aus "zivilgesellschaftlichem" Engagement heraus.

Unter den unterschiedlichen Anhängern des Kanzlers fanden sich in den Jahrzehnten bis zum Ersten Weltkrieg überall Enthusiasten, die Denkmalserrichtungen initiierten und begleiteten (ganz ähnlich war es auch im Falle der Bismarck-Türme und -Säulen).

Arte erinnerte im Januar in seinem deutsch-französischen Kulturmagazin Karamabolage an diese noch heute sichtbare Form der Politikerverehrung. Ob man aus der vielerorts nur noch recht oberflächlichen Fortexistenz der Denkmäler zu dem Schluss kommen muss, dass der Bismarck-Kult in Deutschland noch andauert, ist Geschmackssache. Aus französischer Sicht mag die schiere Tatsache der vielen Denkmäler so anmuten. Als "Inventar" deutscher Erinnerungslandschaften ist Bismarck aber schon längst profanisiert und entmythifiziert.

Wenn es den Kult also noch gibt, dann doch in deutlich gewandelter Form als Rest der einstigen Heldenerzählung. Zahlreiche Beispiele für diese Tendenz finden sich in unserem Online-Projekt BISMARCKIERUNG. Auch die bei Karambolage zusammengestellten Türme.

Vielen Dank jedenfalls an ARTE für das Aufgreifen dieses im deutsch-französischen Verhältnis lange nicht selbstverständlichen Themas!

"Perle von Meppen" und "Kleine Exzellenz"

Geschrieben von Dr. Ulf Morgenstern am Donnerstag, den 17. März 2016 um 11:40 Uhr

Im Stadtmuseum Münster erinnert im Moment eine kleine Sonderschau im Foyer an den wichtigsten parlamentarischen Gegner Bismarcks, den Führer der katholischen Zentrumspartei Ludwig Windthorst. Der ehemalige hannoversche Justizminister war auf Reichsebene der Geburtshelfer des heute so selbstverständlichen parlamentarischen Streits. Windthorst sollte nicht nur wegen seines Widerstandes gegen den Bismarckschen Kulturkampf in Erinnerung bleiben, sondern als ein im besten Wortsinn "Vorzeige-Demokrat", der Sondergesetze auch gegen die Welfen und die Sozialdemokratie ablehnte.

Würste und Gesetze

Geschrieben von Dr. Ulf Morgenstern am Dienstag, den 15. März 2016 um 15:45 Uhr

Die Liebhaber deftiger Redewendungen kennen Bismarck als Schöpfer zahlreicher eingängiger sprachlicher Bilder. Manche Metaphern sind fix an ihn gebunden ("Eisen und Blut"). Andere scheinen von ihm zu stammen, da Wortwahl und Kontext passen. Belegen lassen sich viele jedoch nicht.

Eines der bekanntesten Bonmots zählt zu eben diesen Zuschreibungen und es passt zu der allgemein verbreiteten (und nicht ganz unzutreffenden) Distanz Bismarcks gegenüber parlamentarischen Gesetzgebungsverfahren. Mit dem Blick in die allgemeinverständliche Welt der Lebensmittel soll der Kanzler gesagt haben, Gesetze seien wie Würste, man solle besser nicht dabei sein, wenn sie gemacht werden. In einer schärferen Version heißt es sogar,  das Volk solle besser nicht dabei sein, wenn Gesetze oder Würste gemacht würden, sonst werde ihm schlecht.

Beide Formulierungen sind pointiert und könnten von Bismarck stammen, beweisen lässt es sich nicht. Anders als Überlieferungen aus anderen Quellen.

Bei der historisch bedingten und nachvollziehbaren, mit fortschreitender Zeit langsam schwindenden Distanz vieler Polen zu Bismarck ist es erstaunlich, das der momentane Außenminister genau diese Wendung benutzt und zur zusätzlichen Bekräftigung auf den vermeintlichen Urheber verweist. Nachzuhören und zu schauen hier in einem Podcast des ZDF heute journals.

Dass Waszczykowski unabhängig vom Entstehungsprozess ein Anhänger von Würsten und sonstiger fleischlicher Nahrung ist, bemerkten deutsche Medien unlängst in einem anderen Zusammenhang. Wir meinen: Auch die Tofu-Herstellung gewinnt selten Ästhetik-Preise, daher trotzdem: Wohl bekomms!

 

Bismarckbüsten an Büchereien und anderen Hauswänden

Geschrieben von Dr. Ulf Morgenstern am Montag, den 29. Februar 2016 um 11:45 Uhr

Der Bismarck-Kult des späten Kaiserreichs trieb bekanntlich merkwürdige Blüten. Neben den zahlreichen Denkmälern und Türmen, die ihm zu Ehren errichtet wurden, oder den Straßen und Plätzen, die nach ihm benannt wurden, gab es vielgestaltige andere Ehrungen im öffentlichen Raum. Eine besondere Gruppe sind die Büsten an Gebäudefassaden. Diese gab es an öffentlichen Gebäuden, wobei das affirmative Anliegen durch die staatsnahe Platzierung gewissermaßen obrigkeitlich inszeniert und approbiert war. Aus heutiger Sicht eigenartige Kontexte dieser Ehrungen boten Bibliotheken. So wurde die Büste des Reichsgründers über dem Portal der 1915 eröffneten Deutschen Bücherei in Leipzig neben denen Gutenbergs und Goethes anegebracht. Der Bezug der letzten beiden zur Nationalbibliothek des Deutschen Reiches ist erkennbar über die Gegenstände Buch und Dichtung; Bismarck steht neben ihnen primär für die Gründung des Deutschen Reiches, die die Grundlage für den Bau einer National- "Bücherei" war.

So dachte ich zumindest bisher. Nun lässt eine Zusendung von Julius Jansen aus Tübingen aber noch eine andere Assoziation zu. In der schwäbischen Universitätsstadt wurde der Kanzler nämlich auch an der Schauseite einer Bibliothek angebracht, allerdings dezidiert in der Rubrik "Denker". Bismarck befindet sich dort in bester Gesellschaft mit Kant, Leibniz, Luther, da Vinci und Plato. Neben diesen gibt es noch eine Gruppe von Dichtern: Homer, Dante, Shakespeare, Goethe, Schiller und - in Schwaben unvermeidbar - Uhland.

An den Hauswänden privater Gebäude ist der Kanzler a.D. in der Regel nicht Teil einer größeren Figurengruppe. Hier findet er sich entweder als solitäre Büste (etwa in Dresden am Körnerplatz 2, an der Regerstraße 24 oder als Medaillon an der Weißeritzbrücke in Löbtau) oder in dem ihm angestammten politisch-monarchischen Milieu Preußens neben Königen und Militärs (etwa in Merseburg in der Straße "Weiße Mauer 18").

Kennen Sie weitere Bismarck-Applizierungen an Fassaden und die Geschichten dahinter? Dann schreiben Sie uns, wir sammeln diese Kuriosa der Politikerverehrung des Kaiserreichs in unserem Projekt Bismarckierung und veröffentlichen Sie in losen Abständen auf unserer Homepage.

Unsere Abbildung zeigt Bismarck am Tübinger "Bonatzhaus", (wikicommons).

Bismarck und Weizsäcker

Geschrieben von Dr. Ulf Morgenstern am Mittwoch, den 03. Februar 2016 um 10:33 Uhr

Der Vater Ernst von Weizsäcker diente als junger Beamter bis 1918 noch im kaiserlichen Auswärtigen Amt Bismarcks. Richtig Karriere machte er aber erst danach, im eigentlichen Sinne erst nach 1933. Sein 1920 geborener Sohn Richard half ihm dann nach dem Zweiten Weltkrieg bei seiner Verteidigung im Wilhelmstraßenprozess, in dem seine Verwicklungen als NS-Diplomat im Italien angeklagt waren. Vorher hatte der Junior begonnen Jura zu studieren und damit er das tun konnte, musste er noch vorher die Hochschulreife erworben haben. Diese erlangte er 1937 am Wilmersdorfer Bismarck-Gymnasium, einer bei der politischen Hautevolee beliebten höheren Schule Berlins (heute Goethe-Gymnasium). Nachdem der Vater den Prozess hinter sich hatte, studierte der Sohn zu Ende. Und wurde am Ende einer politischen Laufbahn als elder Statesman einer der prägendsten Bundespräsidenten. So ist die verbreitetste Lesart, die allerdings eine Lücke hat.

Denn Richard von Weizsäcker verbarchte die ersten Berufsjahre als promovierter Jurist (Göttingen 1951) im Wirtschaftswunder-Deutschland in der Industrie. Und diese hatte damals ihre wichtigsten Standorte noch an Rhein und Ruhr. An vier Gelsenkirchener Jahre im Leben Weizsäckers erinnert seit einigen Tagen eine Gedenktafel an jenem Haus, in dem der Mannesmann-Mitarbeiter Weizsäcker ab 1950 wohnte. Postadresse: Bismarck-Straße 193! Die Gelsenkirchner haben das Gebäude nun "Erinnerungsort von-Weizsäcker-Haus" genannt. Eine schöne Geste, die an eine lokalhistorische Episode im Leben eines später berühmten Kurzzeit-Ruhrgebiets-Bürgers erinnert. Ergänzt sei, dass die Bismarck-Straße im Stadtteil Gelsenkirchen-Bismarck liegt.

Der Bismarck-Mythos, hier durch den Namen einer Zeche auf ein ganzes Viertel ausgedehnt, ist also nun durch den Demokraten Weizsäcker auf reizvolle Weise gebrochen oder zumindest zusätzlich konnotiert. Wem in dem (unbequemen) CDU-Politiker Weizsäcker dabei noch zu viel bürgerlicher Konservatismus steckt, der kann den Blick auf die Gelsenkirchener "Falken" richten. Die Jugend-Organisation der von Bismarck einst verfolgten SPD gibt es nämlich - alte Ruhrgebietstradition - natürlich auch in "Bismarck"!

Auf dem Bild ist der Bundespräsident a.D. neben einer Tafel zu sehen, die an seine Geburt im Stuttgarter Neuen Schloss erinnert.

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