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Konferenz: Der preußisch-österreichische Krieg 1866

Geschrieben von Dr. Ulf Morgenstern am Montag, den 01. Februar 2016 um 10:59 Uhr

In der Zeit vom 7. bis zum 9. März 2016 veranstaltet die Deutsche Kommission für Militärgeschichte (deutsche Sektion der Commission Internationale d'Histoire Militaire) zusammen mit der Otto-von-Bismarck-Stiftung Friedrichsruh, dem Institut für Geschichtswissenschaft der Universität Wien, dem Militärhistorischen Museum der Bundeswehr (MHM) und dem Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) eine wissenschaftliche Tagung.

Veranstaltungsort ist das Militärhistorische Museum der Bundeswehr (MHM), Olbrichtplatz 2, 01099 Dresden.

In diesem Jahr jährt sich der preußisch-österreichische Kriegs von 1866 zum 150. Mal. Dieses Ereignis soll der Anlass sein, diesen Krieg und seine Schlachten in europäischer Perspektive neu zu betrachten und eine Bilanz zu ziehen. In die Konferenz ist am 7. März 2016 ein Abendvortrag von Prof. Dr. Michael Epkenhans integriert, der der Frage nach dem Charakter des Jahres 1866 als Wendepunkt in der europäisch-deutschen Geschichte nachgeht.

Programm

Montag, 7. März 2016
19:00 Öffentlicher Abendvortrag Prof. Dr. Michael Epkenhans (ZMSBw)
„1866 – Ein Wendejahr in der preußisch-deutschen und europäischen Geschichte?“

Dienstag, 8. März 2016
09:00 Begrüßung
09:10 Einführung, Prof. Dr. Lothar Höbelt (Universität Wien)

Sektion I. Entscheidung zum Krieg
09:30 Preußen, PD Dr. Frank Möller (Universität Greifswald – angefragt)
10:00 Österreich, Dr. Alma Hannig (Universität Bonn)
10:30 Italien, Prof. Luciano Monzali (Universität Bari)
11:00 Diskussion

11:30 Besichtigung des Militärhistorischen Museums

Sektion II. Entscheidung zur (bewaffneten) Neutralität
14:00 Frankreich, Prof. Dr. Ulrich Lappenküper (Otto-von-Bismarck-Stiftung Friedrichsruh)
14:30 Großbritannien, Prof. Dr. Thomas Otte (University of East Anglia, Norwich)
15:00 Russland, Dr. Alexander Medjakow (Lomonosow Universität Moskau)
15:30 Diskussion

Sektion III. Verlauf und Charakteristika des Krieges
16:30 Die Schlacht von Königgrätz, Dr. Thorsten Loch (ZMSBw Potsdam)
17:00 Die Schlacht von Custozza, Dr. Christian M. Ortner (Heeresgeschichtliches Museum Wien)
17:30 Die Schlacht von Lissa, Dr. Bernhard Wenning (Österreichisches Staatsarchiv Kriegsarchiv Wien)
18:00 Die Rolle der Waffentechnik, Eugen Lisewski (MHMBw)
18:30 Diskussion

Mittwoch, 9. März 2016
Sektion IV. Die Rolle der deutschen Mittelstaaten
09:30 Sachsen, Dr. Ulf Morgenstern (Otto-von-Bismarck-Stiftung Friedrichsruh)
10:00, Die süddeutschen Staaten, Prof. Dr. Wolf D. Gruner (Universität Rostock)
10:30, Hannover, Dr. Dieter Brosius (Hannover)
11:00 Diskussion

Sektion V. Folgen und Rezeption
12:00 Preußen, Prof. Dr. Hans-Christof Kraus (Universität Passau)
12:30 Österreich, Prof. Dr. Lothar Höbelt (Universität Wien)
13:00 Abschlussdiskussion

Kontakt

Prof. Dr. Winfried Heinemann, Deutsche Kommission für Militärgeschichte (deutsche Sektion der Commission Internationale d'Histoire Militaire)
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Unser Bild zeigt rastende preußische Truppen in Aschaffenburg.

Bismarck und Frankreich

Geschrieben von Dr. Ulf Morgenstern am Freitag, den 29. Januar 2016 um 09:16 Uhr

Bismarck und Frankreich, dieses Thema löst eine Reihe von Assoziationen aus: Vor seiner Geburt waren die elterlichen Besitzungen von französischen Truppen geplündert worden, die darauf in seiner Kindheit folgenden Redensarten bei Tisch dürften wenig freundlich gewesen sein. Als junger Mann reiste Bismarck trotzdem gern über den Rhein, als Diplomat genoß er das Pariser Leben und die Kuratmosphäre in Biarritz. Als Ministerpräsident setzte er sich mit dem bonapartistischen Frankreich der 1860er Jahre auseinander, den Krieg gegen dasselbe gewann er, und mit der Annexion von Elsass-Lothringen trieb er sehenden Auges einen dauerhaften Keil in das Verhältnis zwischen seinem neuen Kaiserreich und die auf Revanche sinnende Pariser Politik, die er in der Folge bei allen Bündnissen-Plänen als negativen Faktor außen vor hielt.

Ist Ihnen das zu holzschnittartig? Uns auch. Viel lieber lesen wir einen ausgewogenen Text über "Bismarck und Frankreich". Er stammt von unseren französischen Kollegen von der "Encyclopédie pour une nouvelle de l'Europe", die Teil der Forschungsverbundes "LabEx Ehne - Écrire une nouvelle histoire de l'Europe" ist. Das Stöbern auf deren Seiten lohnt sich!

Denkmäler konstruktiv einhegen

Geschrieben von Dr. Ulf Morgenstern am Mittwoch, den 27. Januar 2016 um 16:40 Uhr

Denkmäler ragen oft wie Relikte aus der Vergangenheit in unsere Gegenwart. Längst vergessene Ehr-Regime haben einen Geehrten in Stein oder Kupfer in den öffentlichen Raum gestellt. Und mit dieser Setzung muss man klarkommen, auch wenn der Bezug zur Thema sich geändert hat oder verloren gegangen ist. Die laustarke Inititaive "Rhodes must fall" in Südafrika und England zeigt den in Bezug auf Personenkult sensiblen Deutschen, dass auch andernorts schwierige einstige Helden durch die Hintergrundfilme des Alltagslebens spuken.

Erfrischend ist, wie reflektiert man auf die geschichtsvergessenen Wünsche nach der einfachen Lösung der Bilderstürmerei (was ist nicht sehe, hat es auch nicht gegeben) reagiert. Nämlich nicht mit der bockigen Abwehrhaltung der unkritischen Verklärer von Monarchie und Republik im Kolonialzeitalter. Natürlich muss die Verherrlichung des Empires (nicht des Vereinigten Königreiches) dort ebenso den tempi passati angehören, wie es in Deutschland mit den Relikten vermeintlicher kolonialer Heldentaten sein sollte, die eigentlich Kriegsverbrechen waren. Sollten aber alle Spuren kolonialer Geschichte im öffentlichen Raum verschwinden? Oder in welcher Form sollten sie entschärft oder ironisiert werden? Darüber wird gegenwärtig diskutiert. Deutschland holt damit die Beschäftigung mit einemn Thema nach, das über Jahrzehnte marginalisiert und später zunächst nur aus europäischer Perspektive in den Blick genommen wurde. Alltagserfahrungen globaler Dynamiken haben nun zunehmend zu der Einsicht geführt, dass Kolonialgeschichte kein alleiniges Phänomen von Kolonien und kleinen Eliten in den "Mutterländern" war, sondern eine gesamtgesellschaftliche Dimension weit über das Ende der formalen Kolonialzeit hinaus hat. Wissmann-, Woermann- und Trotha-Straßen und -denkmäler sind bis heute beredte Zeugnisse, weniger plakative Beispiele gibt es zu Hauf.

In der englischen Öffentlichkeit diskutiert man gegenwärtig darüber, wie man den wüsten Imperialisten Rhodes einhegen kann. Dort, wo er im öffentlichen Raum unkommentiert aufwartet, soll er nun durch Hinweistafeln kontextualisiert werden. "Konstruktiv" nennt das Deutschlandradiokultur. "Sinnvoll und abgewogen", nennen wir das aus der Sicht der Bismarck-Forschung. Dass man dabei nebenher noch etwas lernen kann, ja sogar dem vielbeschworenen historisch-politischen Bildungsauftrag nachkommen kann, in dem den moralisch nicht mehr haltbaren Bock durch Informationen über ihn zum Gärtner des historischen Wissens macht, zeigen in Punkto Bismarck die Ost-Thüringer in Gera. Aber die waren immer schon pfiffig und unaufgeregt.

 

Die lässige Haltung der allierten Soldaten vor einem Bismarck-Denkmal auf dem Bild zeigt, dass man die Blochsche "Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen" aushalten kann, wenn man weiß, dass man historisch gewonnen hat.

Bismarck und die russischen Werte

Geschrieben von Dr. Ulf Morgenstern am Freitag, den 22. Januar 2016 um 12:23 Uhr

In den Straßen Moskaus ist gegenwärtig etwas zu bestaunen, das in Deutschland selbst im letzten Jahr, als an Bismarcks 200. Geburtstag erinnert wurde, nicht passierte. Auf Plakaten kann man Bismarck dort an Haltstellen begegnen. Auf einem bekannten Gemälde Lenbachs sitzt der greise Kanzler in Kürassieruniform, Pour le merite und mit Pickelhaube auf dem Kopf.

In den städtischen Alltag der Russen des 21. Jahrhundert wird Bismarck aber nicht zu Werbezwecken einer Bank geholt, wie es bei dem für seine Lebensfreude bekannten Neu-Russen Gerard Depardieu der Fall ist, der dem schnellen Kredit für das spontane Konsumbedürfnis sein Gesicht leiht. Bismarck wird für höhere Zwecke eingesetzt, es geht um seine politische Kernkompetenz. Deshalb erkennt man hinter den Kanzler auch einr Europakarte. Die fehlt im Original, verleiht dem Staatsmann aber die Autorität, die Historiker durch Bücherregale oder Ärzte durch um den Hals gehängte Stetoskope zu gewinnen meinen.

Die Moskauer Stadtverwaltung ist auf den wortmächtigen Reichsgründer gekommen, um für ein patriotisches Geschichtsportal zu werben. Passt das zu Bismarck? Auf den ersten Blick schon, denn unter der großen Überschrift "Russland. Meine Geschichte" wird der Deutsche folgendermaßen zitiert:

"Man kann die Russen nicht besiegen, das haben wir über Jahrhunderte gelernt. Aber man kann den Russen falsche Werte einbläuen, dann besiegen sie sich von selbst."

Der historisch Bewanderte horcht bei solchen schlagwortartigen Aphorismen auf. Bismarck war durchaus kernigen Formulierungen zugeneigt. In den einschlägigen Zitatensammlungen und den edierten Briefe, Reden und Gespräche Bismarcks findet sich das Zitat jedoch nicht. Und vertieft man sich ein wenig in die Aussage, wird auch klar, warum das so ist: Was hier vordergründig aufgeht, passt am Ende überhaupt nicht zusammen. Und nicht zu Bismarck.

Zunächst: Wenn Bismarck von "wir" sprach meinte er Preußen und Deutschland. Diese haben Russland aber erst nach seinem Tod angegriffen. Den einzigen Angreifer seines Zeithorizonts, das napoleonische Frankreich, bezog Bismarck hingegen nie in ein (west-)europäisches Kollektiv-Wir ein.

Und die falschen Werte? Die wollte Bismarck nicht per se fern von den Russen halten, schließlich nützte dem Berliner Machiavellisten jedes innenpolitische Problem seiner Nachbarn. War eine Macht mit sich selbst beschäftigt, konnte sie ihm nicht in dem Maße gefährlich werden, wie ein festes, von inneren Spannungen verschontes Staatswesen. Im Falle Russlands gibt es für dieses nach innen gewendete Ableiten von Spannungen eine ganze Reihe von Zitaten Bismarcks. Das vielleicht expliziteste findet sich gegen Ende des Kissinger Diktats vom 15. Juni 1877 (hier zitiert nach der Neuen Friedrichsruher Ausgabe, Bd. 3, Paderborn 2008, S. 154):

"Wenn in dem slavischen Communismus auch größere Verrücktheiten stecken, als in dem unserer Socialisten, so haben wir weder die Aufgabe, noch die Macht dergleichen zu hindern: steckt es darin, so wird es durch ein anderes Ventil zur Erscheinung kommen, wenn ihm das Tscherkassi'sche genommen wird; es ist eine Überschätzung sowohl der auswärtigen Mittel, wie auch der eigenen Vorherberechnung des Weltlaufs, wenn man die Bekämpfung des russischen Communismus als Aufgabe der deutschen Diplomatie ansehn will. Wenn die Russen den Brand entzünden, so werden sie selbst die ersten Löschbedürftigen sein, und ihre eigenen Finger die verbrannten."

Die Russen sollten sich also ruhig die Finger am "Communismus" verbrennen, da wolle man sich weder fördernd, noch abwehrend einmischen. Der monarchisch-konservatiev Bismarck vertraute auf die Fähigkeiten zum Löschen des monarchisch-konservativen Russlands. Aber es sollte lediglich beschäftigt, nicht besiegt oder grundsätzlich gefährdet sein. Aus einem einfachen und triftigen Grund: Ein Szenario wie es lange nach ihm 1917 eintrat, war für Bismarck der Worst Case. "Falsche Werte" auf Dauer erschienen ihm als Gefahr, "eingebläut" hätte er sie niemandem, erst recht nicht dem gewaltigen Zarenreich.

Bleibt zu fragen, woher die freihändige Zuschreibung auf den Plakaten rührt? Dass Angriffe von außen zweimal erfolgreich abgewehrt wurden, ist eine Anspielung auf die Unbesiegbarkeit des größten Landes der Erde, die den Moskauer Passanten offenkundig schmeicheln soll. Sie könnte von Bismarck stammen, tut es aber nicht, im Gegenteil: Bismarck hielt Russland prinzipiell für besiegbar, wollte den möglichen, manchmal sogar wahrscheinlichen Konflikt aber wiederholt vermeiden. Und muss man für eine Mahnung zu nationaler Eintracht und zur Abwehr "falscher Werte" Bismarck bemühen? Wenn man denn nicht auf andere Aphoristiker ausweichen will, sondern den konservativen Polit-Promi des 19. Jahrhunderts sprechen lassen möchte, kann man ja auch auf belegte Zitate zurückgreifen.

Wir nennen beim nächsten Mal gern Beispiele, bitte bei Bedarf einfach anfragen!

 

Am Sonntag, den 24. Januar 2016, 14.00 Uhr, findet im Rahmen der Reihe "Wendepunkte deutscher Geschichte" eine öffentliche Themenführung durch die Dauerausstellung der Otto-von-Bismarck-Stiftung sowie im Bismarck-Museum Friedrichsruh statt. Während des knapp 90-minütigen Rundgangs wird anhand ausgewählter Exponate anschaulich ein Überblick über die Vorgeschichte der Gründung des deutschen Nationalstaates sowie die Kaiserproklamation am 18. Januar 1871 im Schloss von Versailles vermittelt. Die Themenführung startet im historischen Bahnhofsgebäude von Friedrichsruh und endet im Bismarck-Museum am berühmten Gemälde "Kaiserproklamation in Versailles" des Historienmalers Anton von Werner.

Termin: Sonntag, 24. Januar 2016, 14.00 Uhr

Ort: Dauerausstellung der Otto-von-Bismarck-Stiftung und Bismarck-Museum, Friedrichsruh

Treffpunkt: Historisches Bahnhofsgebäude, Am Bahnhof 2, 21521 Friedrichsruh

Kosten: Eintritt für das Bismarck-Museum: 4,-- Euro


 

 

Eröffnung Sonderausstellung „Das Menschenschlachthaus“

Geschrieben von Dr. Maik Ohnezeit am Freitag, den 22. Januar 2016 um 09:31 Uhr

Zum Gedenken an den Ersten Weltkrieg präsentieren die Otto-von-Bismarck-Stiftung und die Bibliothek der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg die Ausstellung “‘Das Menschenschlachthaus‘. Vorahnungen des Ersten Weltkriegs in Literatur, Kunst und Wissenschaft“. Die Sonderausstellung wurde am Sonntag, den 17. Januar 2016, im Vortragsraum des historischen Bahnhofs von Friedrichsruh eröffnet. Den Festvortrag hielt Prof. Dr. Bernd Wegner von der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg-Jenfeld.

Deutsche Publizisten erträumten ein Weltreich von Berlin bis Bagdad, französische sahen Deutschland von der Landkarte verschwinden. Britische Erfolgsautoren warnten unterdessen vor einer Siegesparade Kaiser Wilhelms durch London. Der ‚Große Krieg‘ war in Literatur, Kunst und Wissenschaft längst präsent, bevor er 1914 auf den Schlachtfeldern Europas Wirklichkeit wurde.

Politiker und Militärs hielten ihn für naturgegeben, Dichter und Intellektuelle sehnten sich nach ihm, während Anderen allein bei der Vorstellung an ihn grauste. Die Ausstellung, hervorgegangen aus einem Hauptseminar der Professur für Neuere Geschichte unter Berücksichtigung Westeuropas an der Helmut-Schmidt-Universität unter der Leitung von Prof. Dr. Bernd Wegner, gibt einen Eindruck von der Vielfalt der Meinungen und Stimmungen und zeigt, wie nahe Phantasterei, Utopie und Realität beieinander lagen.

Die Sonderausstellung ist noch bis zum 18. März 2016 in den Räumlichkeiten der Otto-von-Bismarck-Stiftung zu besichtigen.

2015, das Jahr von Bismarcks 200. Geburtstag, ist vorübergegangen. Für die Otto-von-Bismarck-Stiftung ist das ein Grund, nicht nur auf ihr eigenes Jubiläumsprogramm und in diesem Zusammenhang auf die vielfältige Auseinandersetzung mit Bismarck zurückzublicken. Die Frage, inwieweit das Jubiläum Anlass für eine breitere öffentliche Diskussion über ihn und das Gedenken seiner war, schließt sich unmittelbar an.
Insbesondere die Presseberichte der vergangenen Monate sind ein Gradmesser dafür, welcher Stellenwert dem 200. Geburtstag Bismarcks in der Öffentlichkeit beigemessen wird, welche Bilder von Bismarck dabei gezeichnet und welche Bezüge zu aktuellen gesellschaftlichen und politischen Lagen hergestellt werden. Aus diesem Grund fassen wir die Pressestimmen diverser Online-Medien hier zusammen.

Vorangestellt sei, dass angesichts der großen Fülle an Berichten und bei aller gebotenen Differenzierung zu den thematisch wie meinungsbezogen unterschiedlichen Artikeln die Beschäftigung mit dem Altmärker und dem Gedenken an ihn durchaus markante Trends aufweist: Die beiden prominenten Pole der Bismarckrezeption – „Dämon der Deutschen“ auf der einen Seite, der „Heldenpolitiker“ auf der anderen – stecken für einen Großteil der Beiträge den thematischen Rahmen ab. Bezeichnend dabei ist, dass sie sich dem eher mit kritisch-differenzierender Neugierde widmen, um einen „authentischen Bismarck“ hinter diesen Zerrbildern kenntlich zu machen. Ein unverkrampftes Sich-Annähern und eine reflektierte Auseinandersetzung mit der vergangenen Bismarckrezeption ist die vorrangige Herangehensweise.
Zu dieser Annäherung gehört auch der Verweis auf neue wissenschaftliche Publikationen zum Jubiläumsjahr wie ihn zum Beispiel Ulrike Bosse auf NDR.de oder Angela Brünjes vom Göttinger Tageblatt geben; Peter Leusch vom Deutschlandfunk widmet sich der allgemeinen Frage „Wie blickt die Wissenschaft heute auf Otto von Bismarck?“. Eigene Beschreibungen der Presseseiten zu Bismarck greifen zumeist auf Christoph Nonns Biografie „Bismarck. Ein Preuße und sein Jahrhundert“ zurück, so etwa im Beitrag „Politisches Talent in einem Land voller Bauern“ von Winfried Sträter bei Deutschlandradio Kultur. Sträter hinterfragt auf diese Weise das Image von Bismarck als Verhinderer von Modernisierungen und resümiert: „In seiner Bismarck-Biografie stellt Nonn Bismarcks politisches Talent nicht in Frage und holt ihn doch von dem Sockel.“ „Einmal Otto von Bismarck ohne Mythos, bitte“ titelt Wolfgang Schneider auf Welt.de, um unter Rückgriff auf Nonns Buch eine Bismarckrezeption ohne Ideologisierung einzufordern. Die Differenzierungsbemühungen des Düsseldorfer Historikers werden hier allerdings durchaus kritisiert: „Man sieht Bismarck bei der Lektüre manchmal kaum noch vor lauter schrittweisen, vielschichtigen Prozessen.“ SZ.de hat unter der Überschrift „‚Ein ungewöhnlicher Knabe‘“ ein Gespräch veröffentlicht, das Oliver Das Gupta mit dem Historiker und Bismarckforscher Fritz Stern geführt hat. Hier kommt Stern auf die „ungewöhnlichen Begabungen“ und sein Verhältnis zu seinem Bankier Gerson von Bleichröder und zu Juden im Allgemeinen zu sprechen.
Ein Interview von Stephan Maus mit Nonn bei Stern.de soll der Klärung der Fragen dienen, was Bismarck uns heute sagen kann und wie seine historische Bedeutung einzuschätzen ist. Hierbei interessieren besonders die Auswirkungen bismarckscher Politik auf die Entwicklung deutscher Geschichte hin zu beiden Weltkriegen. Im Ergebnis heißt es für Nonn dazu: „Bismarck hat […] mit der von ihm bestimmten Verfassung von 1871 letztlich eine Hypothek für die Weimarer Republik geschaffen – keine unüberwindliche, aber doch eine schwere.“ Überhaupt: Die prominente Frage, inwiefern Bismarck haftbar gemacht werden kann für die Entwicklung hin zum Ersten Weltkrieg und zum Nationalsozialismus spielt wenig überraschend auch in weiteren Pressebeiträgen eine wichtige Rolle. Zwei Lager lassen sich hier grob ausfindig machen, die einerseits direkte Verbindungslinien konsequent ablehnen und die andererseits sein Wirken als beide Katastrophen stark begünstigend auffassen. Michael Stürmer schreibt auf Welt.de unter dem Titel „Bismarck ist den Deutschen fremd“: „Bismarck dachte im Begriff der Staatsräson. Ihn haftbar zu machen schon für Wilhelm II. und den Wilhelminismus kann nur, wer die Abrechnung des Kanzlers mit dem "persönlichen Regiment" ignoriert.“ In Bezug auf den vor allem durch das national gesinnte deutsche Bürgertum getragenen Bismarck-Mythos heißt es bei Manuel Glasfort von NOZ.de: „Der Mythos trug dazu bei, die politische Kultur der Zwischenkriegszeit zu vergiften. […] Den Wunsch nach einem starken Führer machte sich der junge Adolf Hitler zunutze.“

Bei alledem sind die (manchmal auch nur vermeintlichen) Widersprüche im politischen Handeln, aber auch im Privatleben Bismarcks ein beliebtes Leitmotiv, um sich der charakteristischen Mischung aus dessen Gespür für Realpolitik, seinem diplomatischem Geschick sowie seiner wilden Schul- und Studentenzeit anzunähern und sie einzuschätzen. So bezeichnet der Historiker Christoph Jahr auf NZZ.ch den Reichskanzler als „Deutschlands ruhelosen Rittmeister“ dessen Charakterbild in der Geschichte schwanke. Schilderungen des unsteten Schülers und Studenten Bismarck werden etwa von Peter-Philipp Schmitt auf FAZ.net bemüht. Auch mit Anekdotensammlungen schicken sich einige Autoren an, hinter den „Eisernen Kanzler“ zu blicken oder einfach etwas Amüsantes zu vermitteln. „Seltsam, wie der Kaviar sättigt“ titelt so beispielsweise SZ.de und „Sprach der Fürst zum Bauern ...“ Rainer Blasius von FAZ.net.
Immer wieder sind es auch Einzelthemen zur bismarckschen Politik, die behandelt werden. So gehen Rüdiger Achenbach und Alfried Schmitz vom Deutschlandfunk in ihrem Beitrag „Gegen den Ultramontanismus“ der Serie „Reichskanzler Otto von Bismarck und der Kulturkampf“ auf Bismarcks repressive Politik gegen „reichsfeindliche“ katholische Aktivitäten ein.

Auch wenn Bismarck von vielen Seiten ein – auf die Außenpolitik bezogenes – realpolitisches und diplomatisches Genie attestiert wird, die meisten Berichte verpassen es nicht, seine innenpolitischen Schwächen klar herauszustellen, die langfristigen Schwierigkeiten der Reichsgründung für die europäische Staatenkonstellation zu betonen sowie Bismarcks Methoden als ganz und gar unbrauchbar für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu bewerten. Eindeutig vertritt dies Volker Weiß auf Spiegel Online in seinem Artikel „Bismarck-Jahr 2015: Der deutsche Traum als Schrecken Europas“, um sodann einen direkten Bezug zum 200. Bismarckjubiläum herzustellen: „Deutschlands ökonomische Dominanz in der EU verstört andere. Schon aus diesem Grund dürfte Otto von Bismarcks 200. Geburtstag am 1. April 2015 international aufmerksam beobachtet werden. Die Frage, wie die Berliner Republik heute des Reichsgründers gedenkt, wird vieles über ihr Selbstverständnis aussagen.“ Weniger scharf, aber nicht minder eindeutig formuliert es Paul Munzinger von SZ.de im Artikel „Dämon außer Dienst“: „Deutschland braucht den einstigen Übervater nicht mehr – weder um sich anzulehnen noch um sich an ihm abzuarbeiten. Vielleicht können wir ja gerade jetzt etwas von ihm lernen.“
Dass Bismarcks Politik den Deutschen heute kaum als Vorbild dienen könne, liege eben an gewandelten Wertesystemen, an veränderten gesellschaftlichen wie politischen Grundbedingungen in einem Europa, in dem Machtpolitik des 19. Jahrhunderts keinen Platz habe – besonders keine auf bilateralen Geheimverträgen gründenden Bündnissysteme. Mit dem vielsagenden Titel „Für Deutsche gibt es bessere Vorbilder als Bismarck“ gibt John Kornblum von Welt.de diese Ansicht deutlich wider. Er attestiert Europa eine Leitung von negativen Selbstbildern. „Bis heute fesseln die Europäer Gefühle von Scham und Verlust, die seit 70 Jahren von einer Generation an die nächste weitergegeben wurden. Diese Bürde aus Angst und Selbstzweifel behindert Europa ernsthaft beim Versuch, seine erheblichen Talente einzubringen in eine Welt, die sich im Zuge einer technologischen Revolution rasend schnell verändert.“ Sich auch auf ein reiches europäisches Erbe zurückzubesinnen sei nach Kornblum notwendig, um die „Kräfte des Fortschritts“ fruchtbar entfalten zu lassen – Bismarck als Reaktionär könne hierfür eben keine Orientierung bieten.

Zwei Artikel eines einzigen Presseorgans lassen die Ambivalenz, mit der Bismarck sowie die deutsche Erinnerungskultur behandelt werden, besonders deutlich werden: Albert Funk von Der Tagesspiegel stellt in einer Artikelüberschrift heraus: „Otto von Bismarck taugt nicht als Vorbild“, beklagt insbesondere „spalterische Methoden“ in Bismarcks Innenpolitik und resümiert über seine Außenpolitik nach der Reichsgründung, er habe gekittet, was zerbrochen gewesen sei. Dieser Kritik an Bismarck selbst, an seiner Ehrzuteilung sowie an der Bezugnahme auf ihn als politische Traditionsfigur für die Bundesrepublik stellt Christoph von Marschall den Artikel „Deutschlands Einheit ohne Pickelhaube“ zur Seite. Hierin heißt es als Fazit: „Diesen Bismarck, der Frieden durch Bündnispflege sichert, der die Sozialversicherungen schuf, dürfen die Deutschen auch heute getrost auf die Sockel heben. Wäre doch schade, wenn sie nach dem gedanklichen Denkmalsturz sinnentleert in der Landschaft herumstehen.“
Wie bei anderen umstrittenen Figuren der Geschichte oszilliert also die mal mehr, mal weniger deutlich positionierte Stellungnahme zu Bismarck um die Frage, inwieweit sich Einzelleistungen (wie etwa die Schaffung des Sozialversicherungssystems) oder Charakterzüge (wie Bismarcks politisches Talent, in Optionen zu denken) abstrahieren lassen vom übergeordneten Kontext der bismarckschen Politik. Überraschen kann dies angesichts der unterschiedlichen gesellschaftlichpolitischen Verortung der Presseorgane freilich nicht. In diesem Kontext geht es häufig auch um die Frage, inwiefern der „Eiserne Kanzler“ aus seiner Zeit heraus beurteilt oder an modernen Maßstäben gemessen werden muss. Im Kontrast zu den oben genannten, Bismarck an heutigen Politik- und Wertesystemen messenden Beiträgen, schreibt so etwa Michael Stürmer auf Welt.de unter der Überschrift „Bismarck, der weiße Revolutionär aus Deutschland“: „Den Zeitgenossen, von Friedrich Engels bis zu den Stockkonservativen, galt er als weißer Revolutionär. Bismarck – oder Talleyrand, Palmerston, Disraeli – zu messen nach der Political Correctness der Gegenwart, ersetzt Urteilsvermögen durch Gesinnung.“ Nüchtern heißt es weiter unten: „Ein preußischer Staatsmann, dessen Name man heute in Verbindung mit Mineralwasser und einem leckeren Hering kennt. Den Staatsmann aber weniger“.

Diesen Leitlinien folgend wurden ebenso die Jubiläumsveranstaltungen im „Bismarck-Jahr“ kritisch begleitet. Im oben erwähnten Artikel „Dämon außer Dienst“ heißt es: „[G]emessen daran, wie der Mann dieses Land einst umgetrieben hat, wirkt das Gedenken doch eher wie eine pflichtschuldige Übung, wie die leidenschaftslose Reaktion auf einen kalendarischen Zufall.“ Die Redeinhalte von Bundespräsident Joachim Gauck und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble während des zentralen Festaktes anlässlich des 200. Geburtstages bewertet Albert Funk in seinem oben angeführten Beitrag kritisch als „Ehrenrettung des ‚Eisernen Kanzlers‘“. Auch in Altkanzler Gerhard Schröder sieht der Autor einen „Bismarck-Versteher“, was wundere, da der erste Reichskanzler im Geschichtsbild der Deutschen zu verglühen scheine. Schäubles Wahrnehmung von Bismarck ist ebenfalls dessen Gastbeitrag bei FAZ.net mit der Überschrift „Politik ist die Lehre vom Möglichen“ zu entnehmen. Hierin heißt es zusammenfassend: „Beschäftigt man sich mit Bismarcks Politik in seiner Zeit, dann wird man weiser für den Umgang mit unseren heutigen Problemen. Diese Chance sollte man sich nicht entgehen lassen.“ Auch Norbert Blüm, ehemaliger Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung, zeichnet mit seinem Beitrag „Bismarck bleibt modern“ bei SZ.de ein positives Bild von Bismarck. Für ihn stehen die Leistungen des Reichskanzlers für den Sozialstaat im Vordergrund – damit ist das Statement des ehemaligen stellvertretenden Bundesvorsitzenden der CDU ein weiteres Beispiel für solche Stimmen, die bestimmte Leistungen Bismarcks als beispielhaft in den Fokus rücken.

Die übrigen Artikel beschäftigen sich unter anderem mit der Vielfalt und den großen Dimensionen der Bismarck-Denkmäler, besonders in Form der Bismarcktürme, oder mit Straßenbenennungen. Einen Schwerpunkt hierauf legen etwa ZEIT Online unter dem Titel „Türme für den Kult-Kanzler“ sowie der bereits angeführte Beitrag „Dämon außer Dienst“, in dem auch das Projekt BISMARCKIERUNG der Otto-von-Bismarck-Stiftung verlinkt ist.
Ansonsten werden vornehmlich Hinweise auf aktuelle Veranstaltungen zum Bismarck-Jubiläum oder Berichte über jüngst stattgefundene gegeben. MDR.de berichtet so über das „Bismarck-Treffen in Stendal“ mitsamt Podiumsdiskussion, weitere Artikel beziehen sich auf die Ausstellungen und Vorträge (nicht nur) der Otto-von-Bismarck-Stiftung, wie beispielsweise folgender von Andreas Müller auf MDR.de.
Regionale Bezüge stellen ein weiteres Themenfeld dar: Michael Groß berichtet für die Ostthüringer Zeitung über eine Ausstellung im Jenaer Bismarckturm und verweist dabei auch auf den besonderen Pflegeeinsatz des lokalen Vereins Berggesellschaft Forsthaus am Bismarckturm. Solche Pflegeeinsätze an Bismarckdenkmälern häuften sich zum 200. Jubiläum, ebenso die entsprechenden Presseberichte. WAZ.de verweist auf einen Vortrag von Christoph Nonn in Hagen und stellt dabei „Bismarcks besonderes Verhältnis“ zu der Stadt heraus.

In der Zusammenschau lässt ein Großteil der hier aufgeführten Texte deutlich werden, dass der differenzierte Blick hinter Stereotype keineswegs automatisch klare politische Urteile verhindert. Darüber hinaus fällt auf, dass sich internationale Stimmen rarmachen und die meisten Online-Artikel an den Tagen kurz vor oder nach Bismarcks Geburtstag am 1. April erschienen – in allgemeine Rückschauen auf das Jahr 2015 wird das Bismarckjubiläum kaum einbezogen. Auch Meldungen aus früheren oder späteren Monaten des Jahres sind selten und beziehen sich hauptsächlich auf aktuelle Veranstaltungen oder haben regionale Relevanz.
Eine seltene Ausnahme stellt Ulrich Schlies Gastbeitrag und Rückblick auf das Jubiläumsjahr „Bismarcks grosse Linie“ bei NZZ.ch dar. Hierin konstatiert Schlie: „Das zu Ende gehende Jahr war auch ein Bismarck-Jahr“, um sodann eher auf die dominierenden gesellschaftlichen, politischen Themen des Jahres 2015 zurückzuschauen und die Auseinandersetzung mit Bismarck hierzu ergänzend in Beziehung zu setzen. Dafür greift er die Bismarck-Bilder auf, die im Jubiläumsjahr von Historikern und Historikerinnen entworfen und verhandelt wurden, um zu schließen: „Bismarck bleibt ein Mann der Widersprüche. Der Kampf um das Bismarck-Bild begleitete dessen ganze Historiografie, auch 2015.“ Es folgt eine Nachzeichnung und Analyse von Bismarcks innen- wie außenpolitischem Vorgehen. Schlies Fazit: „Bismarcks Konstellationen haben mit denjenigen unserer Zeit wenig gemeinsam, seine Methoden, Stärken, auch seine Fehler zu studieren, ist gleichwohl ein lohnender Gegenstand von ungebrochener Aktualität.“ Die Aktualität Bismarcks bestünde nicht in Bezug auf den konkreten Inhalt seiner Politik oder seine Methoden, sondern in seinem Geschick für Diplomatie und Realpolitik im Allgemeinen; Bismarck habe sich als „antidoktrinär, instinktsicher und taktisch klug“ hervorgetan.

Na das fängt ja gut an: Mao ist 2016 erstmals größer als Bismarck!

Geschrieben von Dr. Ulf Morgenstern am Dienstag, den 05. Januar 2016 um 09:06 Uhr

Vor 110 Jahren wurde in Hamburg das größte Bismarck-Denkmal eingeweiht. Bis heute ist es das höchste seiner Art, seine Sanierung ist im letzten Jahr beschlossen worden. Dabei wendet die öffentliche Hand die Gelder dezidiert dem Hamburger Wahrzeichen und nicht der mythischen Rolandsfigur des Reichsgründers zu. Nach zwei Diktaturen ist man in Deutschland sensibel geworden in Sachen Personenkult, was sich nicht nur im politischen Stil in Bund und Ländern, sondern auch im Umgang mit dem historischen Erbe der deutschen Länder ausdrückt. Kurz: Man tut sich nicht selten schwer mit Straßennamen, Denkmälern und anderen Ehrungen, die in vergangenen Zeiten für seinerzeit als verdienstvoll erachtete Führungsfiguren aus Politik und Militär errichtet worden.

Während die Präsenz der Symbolfiguren des Kaiserreichs (Bismarck, Moltke, Kaiser Wilhelm I., usw.) bisher noch unumstritten scheint, wird seit einigen Jahren lebhaft um vermeintliche koloniale Helden wie Lothar von Trotha und deren Ehrungen im öffentlichen Raum diskutiert. Am prominentesten war zuletzt der vielerorts ausgetragene Streit um Hindenburg-Plätze und Straßen, Einzelheiten sollen hier nicht wiederholt werden.

So begrüßenswert diese Beispiele für gelebte Demokratie an sich schon sind, so relevant sind sie als lokalpolitische und zivilgesellschaftliche Debatten um Ehrregime auch für die Bismarck-Forschung. Diese endet bekanntlich nicht chronologisch mit Tod Bismarcks 1898, sondern nimmt auch das lange Ausgreifen des danach zu beachtlichen Merkwürdigkeiten ausgewachsenen Bismarck-Mythos in den Blick. In dem Projekt BISMARCKIERUNG sammeln und dokumentieren wir seit 2013 die Ehrungen für den Kanzler. Dabei interessiert uns ganz allgemein, wer wann und wo welche Form von Ehrung in die Landschaft brachte, sei es in Form von Denkmälern, Gedenksteinen, Benennungen von Straßen usw.

Aus der Kartierung der Welt mit Bismarck-Orten erhellt umgekehrt aber auch, wo genau das nicht geschehen ist, d.h. wo dem preußischen Gewaltpolitiker Ehrungen versagt worden. Selbstverständlich verzeichnen wir auch ehemalige Bismarck-Orte, denn die Umbenennungen sind eine bisher nicht,oder nur in Einzelfällen und am Rande untersuchte Facette der Geschichtspolitik und Erinnerungskultur in Staat und Gesellschaft.

Dafür, dass andere Nationen noch recht umbefangen und unkritisch mit ihren historischen Leit-Figuren umgehen, liefert die de jure noch immer sozialistische Volksrepublik China seit kurzem ein neues Beispiel. Eine 36 Meter hohe Mao-Figur erinnert an den nach offizieller Lesart unumstrittenen Staatsgründer. Damit ist Mao erstmals ein Denkmal gewidmet, das höher ist, als das 1906 in Hamburg errichtete Bismarck-Denkmal: der Chinese ist nun sitzend 1,7 Meter höher als der stehende Altmärker, bisher war ein mit 32 Metern auch auch schon beachtlicher Mao noch knapp kürzer. Dass China de facto schon seit etwa zwei Jahrzehnten in kapitalistischen Zuständen angekommen ist, beweist die wenig zurückhaltende Oberfläche des Revolutionärs. Sie ist aus purem Gold! Zumindest auf den ersten Blick. Tatsächlich ist der Riese nur golden angestrichen, wobei dem Reich der Mitte sein Staatsgründer schon ein paar Hundert Quadratmeter Blattgold hätte wert sein dürfen, oder?! Aber wie auch immer: Verglichen damit erscheint der schwert-bewehrte Bismarck-Roland fast schon zurückhaltend!

Auf der Abbildung ist eine Bismarck-Ehrung auf chinesischem Boden aus der Hochphase des europäischen Kolonialismus zu sehen.

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