Noch ist Polen nicht verloren...Geschrieben von Dr. Ulf Morgenstern am Freitag, den 25. Januar 2013 um 12:29 Uhr
„Von den Weibern gehe ich über zu dem politischen Gemütszustande der Polen und muß bekennen, daß ich bei diesem exaltierten Volke es immerwährend bemerkte, wie schmerzlich [575] es die Brust des polnischen Edelmanns bewegt, wenn er die Begebenheiten der letzten Zeit überschaut. Auch die Brust des Nichtpolen wird von Mitgefühl durchdrungen, wenn man sich die politischen Leiden aufzählt, die in einer kleinen Zahl von Jahren die Polen betroffen.“ Die mitfühlenden Zeilen stammen aus der Feder Heinrich Heines, der 1822 den zu Preußen gehörenden westlichen Teil Polens bereiste, das seinerzeitige Großherzogtum Posen. Bis 1920 gehörte dieses Gebiet, im Wesentlichen deckungsgleich mit dem alten Großpolen als Provinz Posen zu Preußen, ab 1871 war es integraler Bestandteil des Deutschen Kaiserreichs. An das ungeliebte Preußen gekommen war dieser Teil Polens 1793 im Zuge der zweiten Polnischen Teilung. Schon zuvor, 1772, und noch zweimal danach, 1797 und dann als Ergebnis des Wiener Kongresses 1815, hatten die benachbarten Mächte das zur Abwehr unfähige Königreich Polen unter sich aufgeteilt. Mit der polnischen Eigenstaatlichkeit war es dann bis zum Ende des Ersten Weltkriegs und den Pariser Vorortverträgen vorbei. Hatte sich der polnische Adel die beiden Wettiner-Kurfürsten Friedrich August I. und Friedrich August II. am Beginn des 18. Jahrhunderts noch selbst zu Königen gewählt (was mehr für die opulenten Barockfürsten und ihre Residenzstadt Dresden, weniger für Polen ein Segen war), waren die Habsburger, die Hohenzollern und erst recht die Romanows mit ihren Armeen und Beamten ungefragt erschienen. Im Zeitalter der nachnapoleonischen Nationalstaatsbildung schlugen dem um seine staatlische Integrität kämpfenden Polen daher zahlreiche Sympathien entgegen. Aus Deutschland, Frankreich, England und auch aus Italien wurden Rufe nach einer Beendigung der polnischen Teilung laut, vergeblich. Heinrich Heine bediente hier eine weitverbreitete öffentliche Meinung und tatsächlich schienen in den Jahren und Jahrzehnten nach Heines Polenreise für viele sich in Großreichen und Machtsphären von Großmächten befindliche Völkern die Forderungen nach eigenen Nationalstaaten in Erfüllung zu gehen. Auf die Griechen folgten die (neuen) Belgier und als im Laufe der 1850er Jahre auch ein einheitliches Italien entstand, beflügelte das die untergründig brodelnde, heterogene polnische Nationalbewegung so sehr, dass sie im Januar 1863 trotz völlig unzureichender Vorbereitung den Aufstand ausrief. Dass beklagenswerte Ergebnis ist bekannt. Im russischen Warschau und den baltischen Teilen „Kongress-Polens“ wurden die Aufständischen brutal verfolgt, bis der letzte Widerstand im Frühjahr 1864 gebrochen war. Die Folgen der Niederschlagung waren erheblich: Um weitere Erhebungen zu verhindern und Exempel zu statuieren, wurden tausende Polen nach Sibirien verschleppt und das polnische gesellschaftliche Leben noch stärker als zuvor russifiziert. Wenn weite Teile Europas mit der polnischen Sache sympathisierten, stellt sich allderings die Frage, warum das als erzreaktionär geltende zaristische Russland ohne nennenswerte diplomatische oder erst recht militärische Widerstände Dritter schalten und walten konnte. Die Antwort führt nicht an Otto von Bismarck vorbei, dem damals gerade seit einem halben Jahr amtierenden preußischen Ministerpräsidenten mit vorherigen Lehrjahren in der Petersburger Gesandtschaft. Auf Geheiß Bismarcks reiste der Generaladjutant des Königs, Gustav von Alvensleben, nach Petersburg und handelte mit dem Vizekanzler des Zarenreiches, Bismarcks Lehrmeister Gortschakow, die nach ihm benannte "Alvenslebensche Konvention" aus. Ihr wesentlicher Inhalt war der gegenseitige Beistand bei Aufständen in den besetzten Teilen Polens. Konkret äußerte sich dieser Schulterschluß zwischen den Besatzern schon wenig später, als russische Truppen polnische Aufständische auch auf preußisch-polnischem Gebiet verfolgten. Die Empörung in Europa war groß, Heinrich von Sybel nannte es eine „Menschenjagd“; wohlgemerkt als Abgeordneter im Preußischen Landtag, nicht in einem seiner historischen Werke. An Bismarck prallte die Kritik ab. In seinen Memoiren sprach er von der "unverständige[n] Entrüstung der Liberalen im Landtage". [1] Dass er nun noch mehr als zuvor als Antidemokrat, preußischer Erz-Monarchist und Freund des autoritär-reaktionären Zarenreichs galt, störte ihn wenig. Sein außenpolitisches Ziel, mit Rußland zu einer Übereinkunft in Bezug auf Polen zu kommen (mit der man übrigens auch in Wien gut leben konnte), und Frankreich und England außervorzuhalten, hatte er erreicht. Und innenpolitisch war unmissverständlich klar geworden, dass der Pommer zu robustem Vorgehen bereit war. Die polnische Nationalbewegung, sowohl die demokratischere „Rote“ als auch die vom Adel getragenen „Weiße“, erholte sich von der Niederlage nicht mehr. Am 22. Januar 1863, vor 150 Jahren also, unternahm sie den bis 1920 letzten Versuch, die als Fremdherrschaft empfundene Besatzung abzustreifen. Das schwierige polnisch-russische Verhältnis des 20. Jahrhunderts und erst recht die polnisch-deutschen Verwerfungen erklären sich eben nicht nur durch Freikorpskämpfe und "Blutsonntage", Besatzung, Krieg, Völkermord und Vertreibung in und um den Ersten und Zweiten Weltkrieg. Vieles ist vielmehr schon im 19. Jahrhundert angelegt. Dass Bismarcks Alvenslebensche Konvention eine Aktie an diesem Gesamtproblem hat, ist nicht zu leugnen. Mittelfristig war sie für den preußischen Ministerpräsidenten jedoch ein durchschlagender Erfolg: Der Zar schaute 1866 beim Deutsch-Deutschen Krieg desinteressiert zur Seite, und auch 1870 griff er Napoleon III. nicht unter die Arme. Auf dem Weg zur Reichseinigung war die 1863/64 mit polnischen Opfern erkaufte russische Neutralität unverzichtbar. Daran sollte 150 Jahre nach den Ereignissen gelegentlich auch im deutschen Nachfolgestaat des Kaiserreichs gedacht werden, dass man östlich von Oder und Neisse an an den Januaraufstand erinnert, ist ohnehin klar. Unser Bild zeigt eine Karikatur aus dem Figaro vom 21.Februar 1863, die Bismarcks außenpolitisches Handeln vor allem darin motiviert sieht, dass er innenpolitisch (Stichworte: Verfassungskonflikt, Heeresreform, Lückentheorie) nocht nicht zu durchschlagenden Erfolgen gekommen war. [1] Otto von Bismarck, Gedanken und Erinnerungen, bearb. von Michael Epkenhans u. Eberhard Kolb (=Neue Friedrichsruher Ausgabe, Abt. IV), Paderborn 2012, S. 189.
Weiterführende Lektüre: Stéphanie Burgaud, La politique russe de Bismarck et l'unification allemande. Mythe fondateur et réalités politiques, Straßburg 2010.
Japanisch-deutsche Beziehungen mal anders: Eine mittelrheinische Burg in den SubtropenGeschrieben von Christian Wachter am Mittwoch, den 23. Januar 2013 um 00:46 UhrKnapp 9.000 Kilometer trennen Deutschland von der wunderschönen kleinen Insel Miyako-jima, im Ostchinesischen Meer – deutlich näher zu Taiwan gelegen als an das eigene japanische Mutterland. Wer das Glück hat, einmal das subtropisch-tropische Eiland der Präfektur Okinawa zu besuchen, wird sich nicht nur an den puderzuckerweißen Stränden, den bunten Korallenriffen oder der exotisch anmutenden Vegetation erfreuen. Man wird auch nicht schlecht staunen, wenn man im Hafen der Ortschaft Hirara plötzlich vor einer Gedenkstele Kaiser Wilhelms I. steht, oder bei Ueno eine mittelalterliche Burg sowie Fachwerkhäuser inmitten des Themenparks „Deutsches Kulturdorf Ueno“ erblickt – genau an der Gerhard-Schröder-Straße. Womit haben wir es hier also genau zu tun? Und warum lassen sich ausgerechnet auf dieser kleinen pazifischen Insel Bezüge zu Deutschland finden, die vom Kaiserreich bis in die Berliner Republik reichen? HIER geht es weiter zum vollständigen Artikel...
[Das Bild am Artikelanfang stammt von der Homepage des "Deutschen Kulturdorfs Ueno" / „Ueno doitsu bunkamura“] Manchmal kommen sie wieder: Laut "Le Monde" empfindet Präsident Hollande Angela Merkel als "Neo-Bismarck", möchte aber selbst auch gern "neobismarckische Politik" betreibenGeschrieben von Dr. Ulf Morgenstern am Dienstag, den 22. Januar 2013 um 10:46 Uhr
Das Jubiläum des Elysée-Vertrages lenkt die Aufmerksamkeit auf das gegenwärtige Verhältnis zwischen den beiden wichtigsten Staaten Europas. Solide, gut, gefestigt, belastbar usw. sei es, so liest man allerorten, nur könnte es eben noch besser sein. So wie seinerzeit zwischen Adenauer und de Gaulle oder wie zwischen Kohl und Mitterand. Oder, so streut es Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder gerade, wie zwischen ihm und dem damaligen französischen Präsidenten Chirac, der besonders von der Kanzlergattin angetan gewesen sein soll. Deutschlands Rolle bei der Eindämmung der europäischen Staatsschuldenkrisen wird bekanntlich nicht nur im Inland, sondern auch bei den EU- und Eurozonen-Partnerländern nicht überall gutgeheißen. Die Süddeutsche Zeitung bringt nun einen Artikel zweier "Le Monde"-Journalisten. Darin wird ohne Umschweife berichtet, dass Pariser Regeriungskreise ihre Kritik am als zu konsequent empfundenen Spar- und Konsoliderungskurs der Bundesregierung mit einem handfesten historischen Vorbild untermauerten. Und zwar jenem, das von 1871 bis 1890 an erster Stelle in der Reihe der Amtsvorgänger der Kanzlerin stand. Ob diese historische Polemik gerechtfertigt ist? Warten wir ab, bis in 30 Jahren die Archive in der Berliner Kurstraße und am Pariser Quai d'Orsay geöffnet werden. Wieviele Vergleiche zwischen dem ersten deutschen Kanzler und der ersten deutschen Kanzlerin bis dahin noch gezogen werden, bleibt abzuwarten. Im europäischen Ausland ist der für seine diplomatisch Geschicklichkeit und Skrupellosigkeit bekannte Otto von Bismarck jedenfalls immer noch für Polemiken gut. Oder zumindest will man das deutsche Zeitungsleser glauben machen. Denn der Artikel in der "Süddeutschen Zeitung" ist keine 1:1-Übersetzung aus "Le Monde", in den zahlreichen "Le Monde"-Artikeln zum Thema fehlen die kaiserzeitlichen Spitzen! Ein Schelm, wer Arges dabei denkt. Unser Bild zeigt eine englische Fotomontage aus dem Juni 2012.
Bald steht er in der Dauerausstellung, der "neue" PhonographGeschrieben von Dr. Ulf Morgenstern am Dienstag, den 22. Januar 2013 um 09:56 UhrUnd wer schon mal sehen möchte, wie sich die technikversessenen Mitarbeiter der Otto-von-Bismarck-Stiftung für die neuen Medien begeistern, klickt auf den Link zu einem schönen Artikel in den Lübecker Nachrichten! Menschliches, allzu Menschliches. Drei Bismarcks als Krisenmanager für den Kaiser in NotGeschrieben von Dr. Ulf Morgenstern am Freitag, den 11. Januar 2013 um 09:58 Uhr
Wilhelm II. genießt gegenwärtig eine hohe Medienaufmerksamkeit. 100 Jahre nach dem letzten Friedensjahr werden zahlreiche Ereignisse erinnert, in deren Zentrum er damals stand. Da ist zum einen sein 1913 gefeiertes 25jähriges Regierungsjubiläum. Ebenfalls 1913 verheiratete Wilhelm seine Tochter Viktoria Luise mit Herzog Ernst August von Braunschweig-Lüneburg, was aus zwei Gründen bedeutend war: Einerseits sollte damit die Feindschaft mit den seit 1866 zurecht grummelnden Welfen beendet werden, Wilhelm Großvater hatte sich mit Bismarcks Hilfe deren Königreich Hannover unter den Nagel gerissen. Andererseits traf bei den Feierlichkeiten in Berlin und Braunschweig letztmals der europäische Hochadel aufeinander, bereits ein Jahr später zerfleischte man sich bekanntlich im Ersten Weltkrieg. Auch an diese von Wilhelm II. groß inszenierte Hochzeit wird erinnert. Und dass nun der ZDF-Dreiteiler "Adlon" einen leichtbekleideten Wilhelm II. in der Fürstensuite des Hotels zeigte, der nach außerehelichem Verkehr mit einer exotischen Dame eine Champagnerflasche öffnet, inspiriert zu neuerlichen Artikeln. Die Klatschspalten der Yellow Press haben es ja schon immer bewiesen und nun zeigt sich auch in der „Welt“, dass die Deutschen 95 Jahre nach dem Ende der Monarchie noch ein reges Interesse am Privatleben ihres ehemals regierenden Adels haben. Da neben Otto von Bismarck auch die Söhne Wilhelm und Herbert in der amüsanten Episode vorkommen, ist es unsere Pflicht, auf den Text Ulli Kulkes zu verlinken. Jegliche in Richtung historischen Voyeurismus zielende Vorwürfe weisen strictissime zurück!
Und wieder mal das 19. Jahrhundert: Auf nach München!Geschrieben von Dr. Ulf Morgenstern am Montag, den 07. Januar 2013 um 10:51 Uhr
Das Münchner Stadtmuseum birgt wie viele deutsche Stadtmuseen Schätze! Das ist bei einem der großen kommunalen Häuser keine Überraschung, die bürgerliche Sammelkultur der Residenzstadt wird wohl, so vermutet man, in den letzten beiden Jahrthunderten einiges zusammen bekommen haben. Die aktuelle Snderausstellung präsentiert aber nicht Objekte aus den hauseigenen Sammlungen, sondern zeigt eine Auswahl von frühen Fotografien aus einer privaten Sammlung. Unter dem Titel "Zwischen Biedermeier und Gründerzeit. Deutschland in frühen Photographien 1840-1890" werden 250 Originalabzüge gezeigt, im dazugehörigen Katalog sind sogar 350 Abbildungen enthalten. Man sieht den turmlosen Kölner Dom des Jahres 1855 und andere architektonische Relikte, aber auch zahlreiche Alltagsszenen finden sich. Die Kritiken sind voll des Lobes und auch wir möchten zu diesem verdienstvollen Unternehmen gratulieren, das den Blick auf das facettenreiche 19. Jahrhundert verändert. Wie vielgestaltig, wie überraschend neu und frisch ist die Epoche der Erfindung der Fotorafie doch in warmen Farbtönen erhalten! Fahren Sie nach München und blicken Sie noch bis zum 20. Mai zurück in die Zeit der "Verwandlung der Welt!".
Bismarck und Robert Zimmermann: Willkommen im Jahr 2013!Geschrieben von Dr. Ulf Morgenstern am Mittwoch, den 02. Januar 2013 um 13:15 Uhr
Die Otto-von-Bismarck-Stiftung hat nach einer kurzen Weihnachtsunterbrechung ihre historisch-politischen Bildungsaufgaben wieder aufgenommen und startet durch in ein veranstaltungsreiches Jahr. Neu an Bord ist Herr Dr. Maik Ohnezeit, der in Friedrichsruh die Leitung des Bismarck-Museums sowie der Archiv- und Museumspädagogik übernehmen wird. Wir freuen uns auf seine Mitarbeit in unserem Team und heißen ihn herzlich willkommen! Wie brandaktuell sein neuer Gegenstand "Bismarck" und das von diesem geprägte Jahrhundert noch immer ist, wird ein Vortrag auf dem Neujahrsempfang der Stiftung am 11. Januar um 19.00 Uhr im Veranstaltungsraum des Stiftungsgebäudes in Friedrichsruh thematisieren. Dr. Ulf Morgenstern wird über das Thema "Alles ganz weit weg? Überreste des 19. im 21. Jahrhundert" sprechen. Interessierte sind herzlich eingeladen, sollten sich aber bitte anmelden. Neben den offenkundigen Überresten wie der Gründung des ersten deutschen Nationalsstaates, der das Gesicht Europas noch immer prägenden Industrialisierung oder den vielfältigen Werken aus Kunst und Literatur zwischen Goya, Heine, Wagner und Gerhart Hauptmann gibt es auch kleinere Nebenstränge, die uns noch immer mit dem 19. Jahrhundert verbinden. Eines dieser selten beachteten Felder ist das der geflügelten Worte und Redewendungen. Dazu gehören literarische Formulierungen, etwa Goethes "Heinrich, mir graut vor Dir [...]" (1808), Fontanes "[...] ein weites Feld" (1895) oder Heinrich Heines "Denk ich an Deutschland in der Nacht [...]" (1844). Auch die politische Sphäre erwies sich im Zeitalter des Parlamentarismus als besonders reichlich sprudelnde Quelle von Zitaten, die bis heute im Sprachgebrauch vieler Deutscher zu finden sind. Treitzschkes unglückliches "Die Juden sind unser Unglück" (1878) gehört in diesen Zusammenhang ebenso wie der Reim Friedrich Wilhelms IV. "Gegen Demokraten helfen nur Soldaten!" (1849). Otto von Bismarck war als markiger Politiker auch ein Schöpfer zahlreicher zuspitzender Formulierungen, die das Potential für Redewendungen haben. Dass sich viele als "zugeschrieben" erweisen, müssen wir immer wieder als enttäuschende Antworten auf entsprechenden Anfragen in mails oder Briefen ins Land schicken. Denn vieles ist leider zu schön, um war zu sein. Dazu zählt etwa der Satz, dass "man das Volk beim Machen von Würsten und Machen von Gesetzen nicht zuschauen lassen dürfe, sonst werde ihm schlecht". Er würde wunderbar zu dem nicht eben viel von der legislativen Aufgabe des Parlaments haltenden Bismarck passen. Leider findet sich nirgendwo ein Beleg. Für viele andere Aussagen gibt es aber Belege, man denke an Bismarcks gegen den Zentrumsführer Windthorst gerichtete Feststellung: „Mein Leben erhalten und verschönern zwei Dinge, meine Frau und Windthorst. Die eine ist für die Liebe da, der andere für den Haß" (1875) oder "Ihre Karte von Afrika ist ja sehr schön, aber meine Karte von Afrika liegt in Europa. Hier liegt Russland. Und hier liegt Frankreich, und wir sind in der Mitte, das ist meine Karte von Afrika" (1888). Zu den bekanntesten Aussprüchen zählt eine Wendung, die Bismarck schon in den 1860er Jahren den Ruf einer eisernen Monarchisten einbrachte, dem parlamentarische Zuständigkeiten eine Zumutung waren. 1862 staunten die Mitglieder der Budgetkommission des preußischen Abgeordnetenhauses nicht schlecht, als der neue Ministerpräsident ihnen ins Stammbuch schrieb: "[...] nicht durch Reden oder Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden – das ist der große Fehler von 1848 und 1849 gewesen – sondern durch Eisen und Blut." Wer kennt nicht das aus diesem martialisischen Satz herausdestillierte Wortpaar "Eisen und Blut" oder - häufiger - "Blut und Eisen"? Ähnlich wie Churchills Durchhalteparole "Blut, Schweiß und Tränen" (1946 gegen die Kommunisten), eigentlich "Blut, Mühsal, Tränen und Schweiß" - "Blood, toil, tears, and sweat“ (1940 gegen die Nationalsozialisten) hat sich die Redewendung verselbständigt. Sie wird wohl deshalb so häufig gebraucht, weil sie in kurzen eingängigen Schlagworten etwas über ihren Urheber zum Ausdruck bringen soll. Bismracks "Blut und Eisen" wird noch zusätzlich überlagert durch August Winnigs bzw. Richard Walther Darrés "Blut und Boden" (1926, 1928, 1930), das einer rassistisch-primitiven Denk- und Literaturrichtung ihren Namen gab. Die anhaltende Bekanntheit von beiden Begriffspaaren aufgreifend betitelte Jordan Mejias am 30. Dezember 2012 einen Artikel über den seit einigen Jahren auch malenden und siebdruckenden Singer-Songwriter Bob Dylan, geb. als Robert Zimmermann "Blut und Busen. Bob Dylan stellt sich als der Erfinder der 'Revisionist Art' vor" (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Nr. 52 2012, Kunstmarkt 53). Ob der 1941 geborene Amerikaner, dessen vor 25 Jahren begonnene "Never ending Tour" mit etwas Glück bald die 28jährige Regierungszeit Bismarcks als preußischer Ministerpräsident überrundet haben wird, das weiß?
Die etwas andere WeihnachtsmusikGeschrieben von Dr. Ulf Morgenstern am Samstag, den 22. Dezember 2012 um 11:35 UhrGegen Ende der 1870er Jahre hatte Otto von Bismarck, der in den 1860er Jahren den Ausgleich mit Lasalle suchte, keinen anderen Lösungsansatz mehr, als die Sozialdemokratie zu verbieten. Zu stark waren die vereinigten Arbeiterparteien und -verbände geworden, zu sehr hatten sie an politischem Gewicht gewonnen, als dass Bismarck die Partei der Revolution noch länger dulden wollte. Der Erfolg des viermal zwischen 1878 und 1890 verlängerten „Gesetzes gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ ist bekannt: In die Illegalität getrieben wurde die SPD nur noch stärker! Bis in die letzten Jahre der Weimarer Republik war sie die stärkste Partei des Deutschen Reiches, und seit 1919 auch an der Regierung beteiligt. Bismarck, der 1898 im ländlichen Friedrichsruh starb, wo er seine letzten Lebensjahrzehnte fernab von Fabriken und Arbeitersiedlungen verbracht hatte, erlebte diese Entwicklungen nicht mehr. Selbst seine Glorifizierung, den Beginn des Bismarck-Kultes mit der Benennung von Straßen, Plätzen und ganzen Stadtvierteln (etwa in Gelsenkirchen) nach ihm bekam er nur in Ansätzen mit. Und auch die Entwicklungen der deutschen und europäischen Kolonien in Afrika und Asien verfolgte der Kolonialgegner a.D. Bismarck nur bis zu seinem Tod 1898. So blieben ihm der Verlust der deutschen überseeischen Gebiete nach dem Ersten Weltkrieg und die fast vollständige Dekolonisierung nach dem Zweiten Weltkrieg unbekannt. Was würde er wohl zu den bald nach der Unabhängigkeit der afrikanischen Staaten einsetzenden umgekehrten Migrationsbewegungen gesagt haben? Wie würde der pommersche Landjunker auf die sich nicht mehr nur aus Polen oder Galizien speisende, sondern die ganze Welt einbeziehende Einwanderung nach Deutschland blicken? Diese Fragen sind müßig, zugegeben, aber sie bereiten ein beherztes Schmunzeln vor beim Anschauen dieses Videos. Man muß weder die Ziele noch den Musikgeschmack der zur großen Familie der eurpäischen Sozialdemokratie gehörenden "Sozialistischen Jugend Deutschlands" teilen, um den Hintersinn der Bezeichung "SJD Falken Bismarcks" amüsant zu finden. Und natürlich das ambitionierte Video der Teenies aus dem Ruhrgebiet zu mögen. Ein Hit wird es wohl nicht werden, aber als eine audiovisuelle Zustandsbeschreibung der post-industriellen Einwanderungsgesellschaft der Berliner Republik ist es geradezu ein Geschichtszeichen. Es sollte unbedingt aufbewahrt werden und als Videostation in die Dauerausstellungen des Hauses der Geschichte in Bonn und des Deutschen Historischen Museums in Berlin integriert werden. In diesem Sinne: Frohe Weihnachten und immer locker bleiben! Der Torso eines Waggons wurde übrigens im Jahr 2007 in Gelsenkirchen-Bismarck abgestellt und fotografiert. |


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