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Montag, den 16. Juni 2014 um 11:42 Uhr

Wer hat's gesagt? Bismarck!

Durch die Werbung für Schweizer Hustenbonbons hat sich seit Ende der 1990er eine prägnante Formel bei Millionen von Fernsehzuschauern eingebrannt: "Wer hat's erfunden? Die Schweizer". Diesen kompakten Fragestil aufnehmend, würde man im deutschen Sprachraum auf dem weiten Feld der historischen Zitaten auf die Frage "Wer hat's gesagt?" vor allem zwei geistige Universal-Urheber reflexhaft genannt bekommen:  Goethe und Bismarck. Ersterer dient bei allerlei literarischen und gelegentlich auch naturwissenschaftlichen Bonmots als Generalverdächtiger (übrigens sehr zum Leide Schillers, Lessings und Luthers). Letzterer ist der Alleinzuständige für Fragen der Politik. Dabei gilt: Je derber und hemdsärmliger eine Aussage oder ein gewagter politischer Vergleich sind, desto wahrscheinlicher scheinen sie aus dem Munde oder der Feder Bismarcks zu stammen. Und dafür gibt es ebenso wie beim legendären Sprachgefühl des Geheimrats Goethe gute Gründe. Bismarcks thematische Breite als Innen- und Außenpolitiker und seine bekannt robuste Politikauffassung verleiten in vielen Fällen dazu, ihm ein Zitat in den Mund zu legen. Unter zwei Bedingungen: Der verhandelte Sachverhalt sollte sich vor 1898 abgespielt haben und die Aussage sollte keine Generalinjurien gegen Preußen enthalten, kleinere Spitzen, auch gegen regierende Hohenzollern, sind hingegen durchaus erlaubt.

Mit dieser semantischen Feldbeschreibung ist in etwa umrissen, wie vielfältig die Anfragen nach der Bestätigung von Zitaten sind, die an die Otto-von-Bismarck-Stiftung gerichtet werden. In den letzten Wochen war darunter mehrfach ein Zitat, das nach Wiedergabe in verschiedenen russischen Medien aus dem Munde des auch im einstigen Zarenreich sprichwörtlich bekannten Eisernen Kanzlers stammen soll. Seine Übersetzung ins Deutsche lautet wie folgt:

"Die Macht Russlands kann nur durch die Abtrennung der Ukraine untergraben werden. Man muss die zwei Teile dieses einigen Volkes gegeneinander aufbringen und zuschauen, wie Brüder ihre Brüder töten werden."

In einer längeren Version wurde uns noch der Zusatz übermittelt:

"Dafür soll man nur die Verräter unter der nationalen Elite finden und erziehen und mit deren Hilfe das Selbstbewusstsein eines Teils des großen Volks so ändern, dass es alles Russische, seine Abstammung hassen wird, ohne das zu bemerken. Alles Andere ist nur eine Frage der Zeit."

Ein Beispiel für die gegenwärtige Verwendung des Zitats findet sich etwa auf der Seite PolitOnline. Eine filmisch-dramatische Indienstnahme der vermeintlichen Bismarck-Worte wartet auf die Zuschauer eines unter ukraina.ru abrufbaren Filmes. Demgegenüber ist die im russischsprachigen Internet vorhandene Skepsis gegenüber dieser Zuschreibung in den Einträgen einer Wikiquotation-Seite dokumentiert. Dort sind Zitierungen aufgeführt, die jedoch alle auf keine genauen Quellenangaben gestützt sind. Lediglich eine verlässliche Belegstelle eines inhaltlich freilich in eine ganz andere Richtung gehenden Erlasses Bismarcks an den Botschafter in Wien vom 3. Mai 1888 findet sich auf der Wikiquotation-Seite. Und auch diese ist nur partiell richtig übersetzt, mangelhaft belegt und leider unvollständig abgeschrieben aus Band 6 der "Großen Politik der europäischen Kabinette 1871-1914", Dok. 1340. Das vollständige Reinkonzept steht zum Verständnis der russlandbezogenen Vorstellungen und Wünsche Bismarcks in Bezug auf die Sicherung des Deutschen Kaiserreichs unten.

Aber davon abgesehen: Das seit neuestem auch bei Veranstaltungen in Deutschland der Öffentlichkeit präsentierte Zitat über Russland und die Ukraine (Spiegel Online berichtete) ist weder in seiner Lang- noch in seiner Kurzform als ein Ausspruch Bismarcks nachweisbar und daher mit großer Wahrscheinlichkeit ein Fake. Dass wir trotz eingehender Recherchen Bismarck nicht als den Urheber der prägnanten Worte belegen können, heißt allerdings wie in anderen Fällen nicht, dass sie nicht doch ein verifizierbares Bismarck-Zitat sein könnten. Denn auch der Staatsmann Bismarck sprach gelegentlich "off records". Nur, weshalb taucht ein solcher "Mitschnitt" jetzt außerhalb der deutschen Überlieferungen auf? Und weshalb werden bei seiner Benutzung keine oder lediglich falsche Belege angegeben?

Unwahrscheinlich ist die Zuschreibung aber vor allem aus zwei politisch-historischen Gründen.

Zum einen stand Bismarck dem Wohl und Wehe der südlich und südöstlich des damaligen Zarenreichs lebenden Völker völlig gleichgültig gegenüber. Mit dem Blick auf Zentralasien gestand der lateinische Christ Bismarck dem russischen Imperialismus einen zeittypischen Missions- und Zivilisierungsauftrag zu. Mit dem Blick auf die südlich des Petersburger Machtzentrums lebenden Ethnien stellte er diese Überlegungen aus einem ganz einfachen Grund sogar noch hintan: Ob orthodoxe Christen oder Muslime die russischen Kräfte in ihrer unverkennbar zur Krim, zur antiken Kolchis und zu den Dardanellen strebenden Hegemonie banden, war ihm völlig gleich. Hauptsache, Russland war gebunden! Entlastung im Osten wie im Westen, also Ablenkung Russlands und Frankreichs womit auch immer, das war sein bis 1890 mit diplomatischer List immer wieder in die Tat umgesetztes Erfolgsrezept für den friedlichen Bestand seines zwischen Frankreich und Russland befindlichen Reiches. Russland selbst und seine ost- sowie südosteuropäischen Einflusssphären verstand der Realpolitiker als "unzerstörbares Reich russischer Nation", eine Zerschlagung würde nie gelingen und nach einem siegreichen Krieg seien Revanchegelüste wie in Frankreich zu befürchten

Bismarck empfand, um es noch einmal konkret zu machen, weder mit den Polen noch mit anderen slawischen Völkern eine Art nationales Mitleid. Wie auch, lebten die Slawen doch in seiner Vorstellung in einer zwischen Preußen, Österreich, Russland und in Teilen auch dem Osmanischen Reich aufgeteilten mittel-osteuropäischen Welt. Diese war umgeben von und aufgeteilt zwischen Großreichen, das war sein Status quo.

Zum zweiten sucht man im speziellen Fall der heutigen Ukraine bei Bismarck gesonderte Erwähnungen aus einem anderen, eher lapidaren Grund vergeblich: Eine Ukraine genannte staatliche Einheit auf dem Gebiet der mittelalterlichen Kiewer Rus gab es zu seiner Zeit schlicht nicht. Und dass die Wiener Verbündeten dem nach Westen tendierenden Teil dieser riesigen Region lockende zivilisatorische Köder hinwarfen, nahm er ebenso billigend zur Kenntnis wie das gleichzeitige Ausgreifen des russischen Imperialismus.

Unbestritten ist, dass ihm innenpolitische Probleme Russlands entgegen kamen, da durch solche das Zarenreich nach außen zahmer werden musste. Gleiches galt für Querelen bei  der Ausbreitung Petersburgs in Richtung Pforte oder nach Osten, das, was die Amerikaner schon Jahrzehnte früher, mit dem Blick nach Süden nach der Monroe-Doktrin ihren Backyard nannten. Bedenkt man zudem, dass es etliche Zeugnisse Bismarcks gibt, in denen er seine Angst vor dem erstarkenden Panslawismus zum Ausdruck bringt, möchte man den obigen Zitaten mit dem Wunsch nach innerslawischem Zwist nicht jegliche Relevanz absprechen. Wenn da nicht der Anachronismus des im deutschen diplomatischen Sprachgebrauch seinerzeit noch gänzlich unbekannten Begriffs "Ukraine" wäre. Eine mit Belegen versehene Version des Ausspruchs wäre freilich der nach Vollständigkeit gerade auch entlegen überlieferter Zitate strebenden Bismarck-Forschung hochwillkommen. In diesem Fall sind die Hoffnungen darauf - höflich ausgedrückt -  mehr als gering.

 

Erlass Otto von Bismarcks an den deutschen Botschafter in Wien, Heinrich VII. Prinz zu Reuß (jüngere Linie), Berlin, den 3. Mai 1888*

Vertraulich.

Nach Ew. pp. Bericht No. 217 vom 28. v. Mts. hat Graf Kálnoky Anwandlungen von Zweifel darüber, ob die Generalstabs-Offiziere, welche im Herbst zum Kriege riethen, nicht doch Recht gehabt hätten. Es ließe sich hierüber streiten, wenn ein solcher Krieg möglicher Weise die Folge haben könnte, daß Rußland, wie Graf Kálnoky sich ausdrückt, „zertrümmert“ würde. Ein derartiges Ergebniß liegt aber auch nach den glänzendsten Siegen außerhalb aller Wahrscheinlichkeit. Selbst der günstigste Ausgang des Krieges würde niemals die Zersetzung der Hauptmacht Rußlands zur Folge haben, welche auf den Millionen eigentlicher Russen griechischer Confession beruht. Diese würden, auch wenn durch Verträge getrennt, immer sich ebenso schnell wieder zusammenfinden, wie die Theile eines zerschnittenen Quecksilberkörpers. Dieses unzerstörbare Reich russischer Nation, stark durch sein Klima, seine Wüsten und seine Bedürfnißlosigkeit, wie durch den Vortheil, nur Eine schutzbedürftige Grenze zu haben, würde nach seiner Niederlage unser geborener und revanchebedürftiger Gegner bleiben, genau wie das heutige Frankreich es im Westen ist. Dadurch wäre für die Zukunft eine Situation dauernder Spannung geschaffen, welche wir gezwungen werden können auf uns zu nehmen, wenn Rußland uns oder Oesterreich angreift, welche aber freiwillig herbeigeführt zu haben, ich nicht auf meine Verantwortung nehmen möchte. Das „Zertrümmern“ einer Nationalität ist drei starken Großmächten schon in Betreff der viel schwächeren polnischen in 100 Jahren nicht gelungen. Die Vitalität der russischen wird nicht minder zähe sein; wir werden meines Erachtens immer am Besten thun, sie wie eine elementarisch vorhandene Gefahr zu behandeln, gegen die wir Schutzdeiche unterhalten, die wir aber nicht aus der Welt schaffen können. Durch einen Angriff auf das heutige Rußland würden wir seinen Zusammenhang festigen; durch Abwarten seines Angriffs aber können wir seinen inneren Verfall und seine Zersetzung möglicher Weise früher erleben als seinen Angriff, und zwar umso früher, je weniger wir es durch Bedrohungen hindern, tiefer in die orientalische Sackgasse hineinzugehen.

 

 

*Reinkonzept nach den Abdruck in: Große Politik der europäischen Kabinette, Bd. 6, Berlin 1922, Dok. 1340, überliefert in: Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes, R 10883. Erlass Nr. 349. Demnächst kritisch ediert in: Neue Friedrichsruher Ausgabe, Abt. III: 1871-1898, Schriften Bd. 8: 1888-1890, bearb. von Andrea Hopp.

 

Auf der oben abgebildeten Karikatur aus dem Kladderadatsch von 1888 macht Bismarck übrigens genau das in seinem Brief an Reuß Angesprochene: Er hält Russland mit diplomatischen Mitteln, hier dem offenen Zeigen des deutsch-österreichischen Beistands, von einem Angriff auf das Deutsche Reich ab.

 

Veröffentlicht in Aktuelles