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Mittwoch, den 05. Oktober 2016 um 10:54 Uhr

Bismarck in Leeds

Sie erkennen den Zusammenhang zwischen der Überschrift und der Abbildung nicht? Nun, das ist eigentlich ganz einfach: Eyecatcher gehören zu den Basics in Print- und Online-Veröffentlichungen, selbst wenn sie weithergeholt sind! Wir versuchen mal eine Überleitung:

Wer Nachrichten nicht aus öffentlich-rechtlichen Leitmedien, sondern  aus Zeitschriften in Wartezimmern und beim Friseur erfährt, dem fällt beim Thema "Bismarck und England" vielleicht zuerst der Name Kate Moss ein. Schließlich soll das weltweit bekannteste Top-Model aus dem Inselkönigreich - seit gestern geschieden -  kurz vor einer Neu-Verheiratung stehen und zwar mit einem Ur-ur-Enkel Otto von Bismarcks. Links auf einschlägige Artikel ersparen wir uns hier, wer mag, kann bei Google News Hunderte Texte zu dem Thema finden.

"Bismarck und England" kann aber auch noch Anderes bedeuten, so unter anderem das Naheliegende, nämlich die historischen Beziehungen zwischen dem deutschen Staatsmann und der seinerzeitigen Weltmacht Großbritannien. Um jenes Thema kreist eine Ausstellung, die im letzten Jahr in London und St. Andrews gezeigt wurde. Nach einigen Monaten Pause wird sie nun in der University of Leeds gezeigt. Prof. Dr. Holger Afflerbach, ausgewiesener Experte der Geschichte des Kaiserreichs und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Otto-von-Bismarck-Stiftung, hat die Ausstellung an seine Universität geholt. Am 10. Oktober wird sie im Beisein des deutschen Honorarkonsuls und der Spitzen der Universität eröffnet. Einen Vortrag zum historischen Verhältnis Bismarcks zu Großbritannien wird Ulf Morgenstern von der Bismarck-Stiftung halten.

Auf einen anderen Aspekt des Themas kann dabei nur am Rande eingangen werden, da erst am darauffolgenden Tag Zeit für Feldforschungen für BISMARCKIERUNG sein wird: Warum gibt es in Leeds gleich zwei der sonst im UK so seltenen Straßenbenennungen nach Bismarck? Und wie wirkt das eigentümliche Ehrregime im Stadtteil Beeston, wo neben einer "Bismarck Street" und einem "Bismarck Drive" ausgerechnet "Disraeli Gardens" und eine "Disraeli Terrace" liegen? Und was ist Beeston überhaupt für eine Gegend? Würde Kate Moss einen Fuß dorthin setzen? Wir werden berichten...

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Montag, den 23. Mai 2016 um 08:25 Uhr

Bismarck blüht. Und wie!

Der Mai ist der Monat der Rhododendron-Blüte. Das wissen nicht nur die Spezialisten der Deutschen-Rhododendron-Gesellschaft, sondern alle Gartenbesitzer und Parkbesucher. Überall zwischen Hochgebirge und Küstenlandschaften blühen jetzt gerade die Rhododendren. Natürlich nur auf der Nordhalbkugel der Erde.

Die Pflanzengattung aus der Familie der Heidekrautgewächse umfasst ungefähr 1000 Arten mit einer schier unübersehbaren Anzahl von Sorten. Kein Wunder also, dass im großen Kategorisierungszeitalter, dem langen 19. Jahrhundert der europäischen Weltentdeckung und Weltverzeichnung, auch eine Sorte nach Otto von Bismarck benannt wurde. Zugegeben, sie wurde nicht im klassischen Sinne "entdeckt", sondern gezüchtet und dann benannt, aber wen stören denn Details? Wichtig ist in historischer Perspektive die Benennung an sich.

Den botanisch festgeschriebenen Namen Bismarck trägt das Gewächs nämlich seit dem Jahr 1900, also zwei Jahre nach dem Tod Bismarcks. Der Kult um den Reichsgründer steuerte damals auf seinen Höhepunkt zu und Straßen, Plätze, Gebäck- und Heringszubereitungen wurde nach ihm benannt. Warum also nicht auch eine Rhododendronart? Zu finden ist die besonders winterharte, dafür langsam wachsende, "großblumige Hybride" überall in den gemäßigten Breiten. 116 Jahre nach ihrer Züchtung hat die Globalisierung sie womöglich aber auch in den Tropen heimisch werden lassen. Hinweise dazu sind uns sehr willkommen, vielleicht sprießt und gedeiht der Bismarck-Rhododendron ja auch unmittelbar neben einer Bismarck-Palme, einer endemischen Art auf Madagaskar?

Unser Exemplar mit der lehhreichen Beschriftung wächst jedenfalls im grünen Hamburger Stadtpark, wo es einen ganzen Rhododendron-Pfad gibt.

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Nicht erst das 20., sondern bereits das 19. Jahrhundert war eine Hochzeit des politischen Attentats. Königen, Zaren und Kaiserinnen wurde mit Messern, Pistolen und Sprengstoff nachgestellt. In der Rückschau staunt man, wie blutig das Zeitalter von Nationalstaatsbildung und europäischem Kolonialismus für seine Exponenten sein konnte. Das Wissen um die zahlreichen rechts- und linksterroristischen Attentate des 20. Jahrhunderts verstellt da gelegentlich den Blick. Ob am Genfersee, vor mexikanischen Bretterzäunen oder auf noblen Kurpromenaden: Regierende Häupter wurden lange vor den Morden von Sarajewo erstochen, füsiliert und in die Luft gesprengt.

Vor 150 Jahren entging auch der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck nur knapp einem Attentat. Ein Kalenderblatt des Deutschlandfunks erinnert an den Mordversuch. Bismack überlebte diesen Angriff ebenso wie spätere Attentate und starb bekanntlich eines natürlichen Todes im heimischen Bett. Hätte die europäische Geschichte einen anderen Verlauf genommen, wenn Bismarck im Mai 1866 getötet worden wäre? Zumindest der Attentäter war davon überzeugt, erlebte diese Ereignisse dann aber nicht mehr mit, da er sich in Haft selbst richtete.

S. zu dem Attentat auch Julius H. Schoeps, Bismarck und sein Attentäter, Zürich-München 1998; und Markus Mühlnikel, "Fürst, sind Sie unverletzt?" Attentate im Kaiserreich 1871-1914, Paderborn 2014.

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Dienstag, den 03. Mai 2016 um 09:06 Uhr

Bismarck isst ein Toastbrot

Für das Wissensmagazin "Lexi TV" hat der MDR einen informativen und sehr unterhaltsamen Beitrag über die Sozialgesetzgebung Bismarcks produziert. In dem Animationsfilm wird erläutert, warum und mit welchen Mitteln der Reichskanzler den gravierenden Missständen bei den Lebens- und Arbeitsbedingungen der Fabrikarbeiterschaft beikommen wollte. Die fachliche Einordnung liefert der Chemnitzer Witzschaftshistoriker Rudolf Boch, ein hervorragender Kenner der Industriegeschichte.

Amüsant ist die Verwendung eines etwas aus der Zeit gefallenen Accessoires, nämlich einer Scheibe Toastbrot. Ein solches American Sandwich dürfte Bismark weder an die Arbeiter verteilt, noch selbst je verspeist haben. Denn es kam in Deutschland erst in der frühen Bundesrepublik auf, und zwar mit den amerikanischen Besatzern und deren sich rasch ausbreitender Populärkultur. Aber wer wird schon kleinlich sein und Brotkrumen zählen?

Zum Film geht es hier.

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Mittwoch, den 27. April 2016 um 13:59 Uhr

Kurzschrift-Profi gesucht!

Bei der Übertragung von Bundestagsdebatten auf Phoenix sieht man sie gelegentlich bei Kameraschwenks: Die hochamtlichen Stenographen des Parlaments. Aber sonst? Wer schreibt noch Kurzschrift? Jüngere Bürokräfte haben mit Excel, Access und Outlook genug um die Ohren und der diktierende Chef spricht längst auf Band. Weil das Zeitalter des Stenographierens also vorbei zu sein scheint, fällt uns auch auf Anhieb niemand ein, der die Seite 52 der hier abgebildeten Zeitschrift "Die Fortbildung. Übungs-Blätter in Deutscher Kurzschrift" für uns lesen kann. Und dabei wäre es schon interessant zu wissen, was eine NS-Fachzeitschrift zu dem etwas unrunden Jubiläum von Bismarcks 41. Todestag über den Gründer des Zweiten Reiches zu berichten hatte.

Anzunehmen ist, dass die üblichen patriotischen Allgemeinplätze dominieren. Übergroß dürfte der erste Reichskanzler jedoch nicht dargestellt worden sein. Denn seit zwei eingängigen Studien Christoph Nübels [1] wissen wir recht genau, dass das Verhältnis der Nationalsozialisten zu Bismarck ambivalent war und sich bei aller oberflächlichen Verehrung im überbordenden Führerkult Hitler deutlich vor seinen Vorgänger schob. Die für die Urlaubstage beworbenen Titel des Darmstädter Verlages lassen da einiges befürchten: Schlageters Leben und Sterben, Unsere Kolonien, Unsere Feldgrauen im Weltkrieg, Reichsparteitag der Arbeit 1937 usw. Oh weh, was steht da bloß über Bismarck? Wer es lesen kann, ist klar im Vorteil und darf es uns gern mitteilen.

[1] Christoph Nübel, Der Bismarck-Mythos in den Reden und Schriften Hitlers. Vergangenheitsbilder und Zukunftsversprechen in der Auseinandersetzung von NSDAP und DNVP bis 1933, in: Historische Zeitschrift 298 (2014), S. 349-380, Ders. Bismarck und die Legitimität der Diktatur. Zur "Gleichschaltung" politischer Mythen im Nationalsozialismus, 1933-1939, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 63 (2015), S. 5-27

 

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Als die Reichsregierung aus einem ganzen Bündel von Ursachen 1884/85 dem Drängen kolonialer Enthusiasten nachgab und einige "Erwerbungen" deutscher Händler unter den Schutz des Reiches stellte, begann das kurze Kapitel deutscher kolonialer Besitzungen in Übersee. Im Bewusstsein der Deutschen haben sich die afrikanischen Territorien und vielleicht auch - weil besonders weit entfernt und mit einer ganz eigener Exotik - die chinesischen Häfen gehalten.

Fast vergessen ist dagegen das Bismarck-Archipel in Papua-Neuginea. Und völlig vergessen sind die dortige Kreolbevölkerung und ihre ganz eigene Sprache, die linguistisch ausgedrückt die einzige deutsche Kreolsprache ist. Auf das Schicksal ihrer Sprecher, die als Nachkommen von deutschen Männern und eingeborenen Frauen weder in die koloniale noch in die indigene und nach der Unabhängigkeit des Gebietes von Australien 1975 auch nicht in die post-koloniale Gesellschaft integriert wurden, weist ein Artikel in der Welt hin.

Darin berichtet Matthias Heine über die Forschungen des Germanisten Péter Maitz von der Universität Augsburg. Im Moment hat Maitz ein Forschungsfreisemester, wir vermuten ihn in Südostasien. Die von Maitz und seinen Kollegen untersuchte Pidgin-Sprache heißt übrigens "Unserdeutsch": Eine ehemals in deutschen Missionsschulen "erworbene", unfreiwillige Aneignung deutscher Leitkultur, von der hierzulande bisher nicht einmal eine Handvoll Spezialisten etwas wusste. Nun kann man erfahren, dass die wenigen verbliebenen Sprecher, nach 1875 nach Australien auswanderten. Der Augsburger Forscher bekommt seinen Forschungsgegenstand also in Brisbane und Cairns zu hören. Was für eine post-koloniale Pointe!

In einer englischen Karikatur ist der überraschend zum Kolonialbefürworter gewordene Bismarck zu sehen, der um die Gunst einer "African Venus" wirbt.

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Montag, den 21. März 2016 um 11:17 Uhr

Bismarck-Denkmäler bei Karambolage auf ARTE

Landauf, landab stehen in Deutschland Bismarck-Denkmäler. Dem verehrten Reichsgründer wurden schon zu Lebzeiten Denkmäler gesetzt wie sonst nur den Diktatoren des 20. Jahrhunderts. Der gravierende Unterschied: Die Bismarck-Ehrungen im öffentlichen Raum waren keine staatlich-politischen Maßnahmen (die Verwaltungen der Kommunen begleiteten sie allenfalls wohlwollend), sondern sie entstanden aus "zivilgesellschaftlichem" Engagement heraus.

Unter den unterschiedlichen Anhängern des Kanzlers fanden sich in den Jahrzehnten bis zum Ersten Weltkrieg überall Enthusiasten, die Denkmalserrichtungen initiierten und begleiteten (ganz ähnlich war es auch im Falle der Bismarck-Türme und -Säulen).

Arte erinnerte im Januar in seinem deutsch-französischen Kulturmagazin Karamabolage an diese noch heute sichtbare Form der Politikerverehrung. Ob man aus der vielerorts nur noch recht oberflächlichen Fortexistenz der Denkmäler zu dem Schluss kommen muss, dass der Bismarck-Kult in Deutschland noch andauert, ist Geschmackssache. Aus französischer Sicht mag die schiere Tatsache der vielen Denkmäler so anmuten. Als "Inventar" deutscher Erinnerungslandschaften ist Bismarck aber schon längst profanisiert und entmythifiziert.

Wenn es den Kult also noch gibt, dann doch in deutlich gewandelter Form als Rest der einstigen Heldenerzählung. Zahlreiche Beispiele für diese Tendenz finden sich in unserem Online-Projekt BISMARCKIERUNG. Auch die bei Karambolage zusammengestellten Türme.

Vielen Dank jedenfalls an ARTE für das Aufgreifen dieses im deutsch-französischen Verhältnis lange nicht selbstverständlichen Themas!

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Mittwoch, den 03. Februar 2016 um 10:33 Uhr

Bismarck und Weizsäcker

Der Vater Ernst von Weizsäcker diente als junger Beamter bis 1918 noch im kaiserlichen Auswärtigen Amt Bismarcks. Richtig Karriere machte er aber erst danach, im eigentlichen Sinne erst nach 1933. Sein 1920 geborener Sohn Richard half ihm dann nach dem Zweiten Weltkrieg bei seiner Verteidigung im Wilhelmstraßenprozess, in dem seine Verwicklungen als NS-Diplomat im Italien angeklagt waren. Vorher hatte der Junior begonnen Jura zu studieren und damit er das tun konnte, musste er noch vorher die Hochschulreife erworben haben. Diese erlangte er 1937 am Wilmersdorfer Bismarck-Gymnasium, einer bei der politischen Hautevolee beliebten höheren Schule Berlins (heute Goethe-Gymnasium). Nachdem der Vater den Prozess hinter sich hatte, studierte der Sohn zu Ende. Und wurde am Ende einer politischen Laufbahn als elder Statesman einer der prägendsten Bundespräsidenten. So ist die verbreitetste Lesart, die allerdings eine Lücke hat.

Denn Richard von Weizsäcker verbarchte die ersten Berufsjahre als promovierter Jurist (Göttingen 1951) im Wirtschaftswunder-Deutschland in der Industrie. Und diese hatte damals ihre wichtigsten Standorte noch an Rhein und Ruhr. An vier Gelsenkirchener Jahre im Leben Weizsäckers erinnert seit einigen Tagen eine Gedenktafel an jenem Haus, in dem der Mannesmann-Mitarbeiter Weizsäcker ab 1950 wohnte. Postadresse: Bismarck-Straße 193! Die Gelsenkirchner haben das Gebäude nun "Erinnerungsort von-Weizsäcker-Haus" genannt. Eine schöne Geste, die an eine lokalhistorische Episode im Leben eines später berühmten Kurzzeit-Ruhrgebiets-Bürgers erinnert. Ergänzt sei, dass die Bismarck-Straße im Stadtteil Gelsenkirchen-Bismarck liegt.

Der Bismarck-Mythos, hier durch den Namen einer Zeche auf ein ganzes Viertel ausgedehnt, ist also nun durch den Demokraten Weizsäcker auf reizvolle Weise gebrochen oder zumindest zusätzlich konnotiert. Wem in dem (unbequemen) CDU-Politiker Weizsäcker dabei noch zu viel bürgerlicher Konservatismus steckt, der kann den Blick auf die Gelsenkirchener "Falken" richten. Die Jugend-Organisation der von Bismarck einst verfolgten SPD gibt es nämlich - alte Ruhrgebietstradition - natürlich auch in "Bismarck"!

Auf dem Bild ist der Bundespräsident a.D. neben einer Tafel zu sehen, die an seine Geburt im Stuttgarter Neuen Schloss erinnert.

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Mittwoch, den 27. Januar 2016 um 16:40 Uhr

Denkmäler konstruktiv einhegen

Denkmäler ragen oft wie Relikte aus der Vergangenheit in unsere Gegenwart. Längst vergessene Ehr-Regime haben einen Geehrten in Stein oder Kupfer in den öffentlichen Raum gestellt. Und mit dieser Setzung muss man klarkommen, auch wenn der Bezug zur Thema sich geändert hat oder verloren gegangen ist. Die laustarke Inititaive "Rhodes must fall" in Südafrika und England zeigt den in Bezug auf Personenkult sensiblen Deutschen, dass auch andernorts schwierige einstige Helden durch die Hintergrundfilme des Alltagslebens spuken.

Erfrischend ist, wie reflektiert man auf die geschichtsvergessenen Wünsche nach der einfachen Lösung der Bilderstürmerei (was ist nicht sehe, hat es auch nicht gegeben) reagiert. Nämlich nicht mit der bockigen Abwehrhaltung der unkritischen Verklärer von Monarchie und Republik im Kolonialzeitalter. Natürlich muss die Verherrlichung des Empires (nicht des Vereinigten Königreiches) dort ebenso den tempi passati angehören, wie es in Deutschland mit den Relikten vermeintlicher kolonialer Heldentaten sein sollte, die eigentlich Kriegsverbrechen waren. Sollten aber alle Spuren kolonialer Geschichte im öffentlichen Raum verschwinden? Oder in welcher Form sollten sie entschärft oder ironisiert werden? Darüber wird gegenwärtig diskutiert. Deutschland holt damit die Beschäftigung mit einemn Thema nach, das über Jahrzehnte marginalisiert und später zunächst nur aus europäischer Perspektive in den Blick genommen wurde. Alltagserfahrungen globaler Dynamiken haben nun zunehmend zu der Einsicht geführt, dass Kolonialgeschichte kein alleiniges Phänomen von Kolonien und kleinen Eliten in den "Mutterländern" war, sondern eine gesamtgesellschaftliche Dimension weit über das Ende der formalen Kolonialzeit hinaus hat. Wissmann-, Woermann- und Trotha-Straßen und -denkmäler sind bis heute beredte Zeugnisse, weniger plakative Beispiele gibt es zu Hauf.

In der englischen Öffentlichkeit diskutiert man gegenwärtig darüber, wie man den wüsten Imperialisten Rhodes einhegen kann. Dort, wo er im öffentlichen Raum unkommentiert aufwartet, soll er nun durch Hinweistafeln kontextualisiert werden. "Konstruktiv" nennt das Deutschlandradiokultur. "Sinnvoll und abgewogen", nennen wir das aus der Sicht der Bismarck-Forschung. Dass man dabei nebenher noch etwas lernen kann, ja sogar dem vielbeschworenen historisch-politischen Bildungsauftrag nachkommen kann, in dem den moralisch nicht mehr haltbaren Bock durch Informationen über ihn zum Gärtner des historischen Wissens macht, zeigen in Punkto Bismarck die Ost-Thüringer in Gera. Aber die waren immer schon pfiffig und unaufgeregt.

 

Die lässige Haltung der allierten Soldaten vor einem Bismarck-Denkmal auf dem Bild zeigt, dass man die Blochsche "Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen" aushalten kann, wenn man weiß, dass man historisch gewonnen hat.

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Freitag, den 22. Januar 2016 um 12:23 Uhr

Bismarck und die russischen Werte

In den Straßen Moskaus ist gegenwärtig etwas zu bestaunen, das in Deutschland selbst im letzten Jahr, als an Bismarcks 200. Geburtstag erinnert wurde, nicht passierte. Auf Plakaten kann man Bismarck dort an Haltstellen begegnen. Auf einem bekannten Gemälde Lenbachs sitzt der greise Kanzler in Kürassieruniform, Pour le merite und mit Pickelhaube auf dem Kopf.

In den städtischen Alltag der Russen des 21. Jahrhundert wird Bismarck aber nicht zu Werbezwecken einer Bank geholt, wie es bei dem für seine Lebensfreude bekannten Neu-Russen Gerard Depardieu der Fall ist, der dem schnellen Kredit für das spontane Konsumbedürfnis sein Gesicht leiht. Bismarck wird für höhere Zwecke eingesetzt, es geht um seine politische Kernkompetenz. Deshalb erkennt man hinter den Kanzler auch einr Europakarte. Die fehlt im Original, verleiht dem Staatsmann aber die Autorität, die Historiker durch Bücherregale oder Ärzte durch um den Hals gehängte Stetoskope zu gewinnen meinen.

Die Moskauer Stadtverwaltung ist auf den wortmächtigen Reichsgründer gekommen, um für ein patriotisches Geschichtsportal zu werben. Passt das zu Bismarck? Auf den ersten Blick schon, denn unter der großen Überschrift "Russland. Meine Geschichte" wird der Deutsche folgendermaßen zitiert:

"Man kann die Russen nicht besiegen, das haben wir über Jahrhunderte gelernt. Aber man kann den Russen falsche Werte einbläuen, dann besiegen sie sich von selbst."

Der historisch Bewanderte horcht bei solchen schlagwortartigen Aphorismen auf. Bismarck war durchaus kernigen Formulierungen zugeneigt. In den einschlägigen Zitatensammlungen und den edierten Briefe, Reden und Gespräche Bismarcks findet sich das Zitat jedoch nicht. Und vertieft man sich ein wenig in die Aussage, wird auch klar, warum das so ist: Was hier vordergründig aufgeht, passt am Ende überhaupt nicht zusammen. Und nicht zu Bismarck.

Zunächst: Wenn Bismarck von "wir" sprach meinte er Preußen und Deutschland. Diese haben Russland aber erst nach seinem Tod angegriffen. Den einzigen Angreifer seines Zeithorizonts, das napoleonische Frankreich, bezog Bismarck hingegen nie in ein (west-)europäisches Kollektiv-Wir ein.

Und die falschen Werte? Die wollte Bismarck nicht per se fern von den Russen halten, schließlich nützte dem Berliner Machiavellisten jedes innenpolitische Problem seiner Nachbarn. War eine Macht mit sich selbst beschäftigt, konnte sie ihm nicht in dem Maße gefährlich werden, wie ein festes, von inneren Spannungen verschontes Staatswesen. Im Falle Russlands gibt es für dieses nach innen gewendete Ableiten von Spannungen eine ganze Reihe von Zitaten Bismarcks. Das vielleicht expliziteste findet sich gegen Ende des Kissinger Diktats vom 15. Juni 1877 (hier zitiert nach der Neuen Friedrichsruher Ausgabe, Bd. 3, Paderborn 2008, S. 154):

"Wenn in dem slavischen Communismus auch größere Verrücktheiten stecken, als in dem unserer Socialisten, so haben wir weder die Aufgabe, noch die Macht dergleichen zu hindern: steckt es darin, so wird es durch ein anderes Ventil zur Erscheinung kommen, wenn ihm das Tscherkassi'sche genommen wird; es ist eine Überschätzung sowohl der auswärtigen Mittel, wie auch der eigenen Vorherberechnung des Weltlaufs, wenn man die Bekämpfung des russischen Communismus als Aufgabe der deutschen Diplomatie ansehn will. Wenn die Russen den Brand entzünden, so werden sie selbst die ersten Löschbedürftigen sein, und ihre eigenen Finger die verbrannten."

Die Russen sollten sich also ruhig die Finger am "Communismus" verbrennen, da wolle man sich weder fördernd, noch abwehrend einmischen. Der monarchisch-konservatiev Bismarck vertraute auf die Fähigkeiten zum Löschen des monarchisch-konservativen Russlands. Aber es sollte lediglich beschäftigt, nicht besiegt oder grundsätzlich gefährdet sein. Aus einem einfachen und triftigen Grund: Ein Szenario wie es lange nach ihm 1917 eintrat, war für Bismarck der Worst Case. "Falsche Werte" auf Dauer erschienen ihm als Gefahr, "eingebläut" hätte er sie niemandem, erst recht nicht dem gewaltigen Zarenreich.

Bleibt zu fragen, woher die freihändige Zuschreibung auf den Plakaten rührt? Dass Angriffe von außen zweimal erfolgreich abgewehrt wurden, ist eine Anspielung auf die Unbesiegbarkeit des größten Landes der Erde, die den Moskauer Passanten offenkundig schmeicheln soll. Sie könnte von Bismarck stammen, tut es aber nicht, im Gegenteil: Bismarck hielt Russland prinzipiell für besiegbar, wollte den möglichen, manchmal sogar wahrscheinlichen Konflikt aber wiederholt vermeiden. Und muss man für eine Mahnung zu nationaler Eintracht und zur Abwehr "falscher Werte" Bismarck bemühen? Wenn man denn nicht auf andere Aphoristiker ausweichen will, sondern den konservativen Polit-Promi des 19. Jahrhunderts sprechen lassen möchte, kann man ja auch auf belegte Zitate zurückgreifen.

Wir nennen beim nächsten Mal gern Beispiele, bitte bei Bedarf einfach anfragen!

 

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