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Heute vor 120 Jahren hielt Bismarck eine vielbeachtete Rede. Da das während der Jahrzehnte seiner politischen Wirksamkeit häufiger vorkam, wäre dieses Jubiläum kaum eine Schlagzeile wert, wäre die Rede nicht eine ganz besondere gewesen. Denn Bismarck sprach weder im Reichstag, noch im preußischen Abgeordnetenhaus, er war am 31. Juli 1892 überhaupt kein aktiver Politiker mehr. Er befand sich zu diesem Zeitpunkt vielmehr als Privatperson auf der Rückreise von der Hochzeit seines ältesten Sohnes Herbert. Dessen Hochzeit mit einer ungarischen Gräfin hatte Bismarck und seine Gattin Johanna nach Wien geführt - kein ganz unproblematischer Ausflug in das Land des Kriegsgegners von 1866; die Reise hatte ihn im Juni auch nach Dresden gebracht, was vordergründig ähnliche Befindlichkeiten befürchten ließ. Aber an der Elbe hatten die jubelnden nationalliberalen Bürger der Residenz- und Garnisonsstadt schon vorweggenommen, was in Jena noch folgen sollte. Auf dem Rückweg von Wien waren die beiden Ehepaare Bismarck zur gewohnten Kur nach Kissingen gefahren, wo sich die Herrschaften von den Strapazen der letzten Wochen erholen wollten. Eine Jenenser Abordnung unter dem rührigen Bürgermeister Singer überzeugte den für Schmeichelleien nicht unempfänglichen Bismarck dann überraschend, die thüringische Universitätsstadt zu besuchen. Seine Zusage war die Sensation des Jahres in der Saalestadt. Als der Zug am 30. Juli 1892 einfuhr war alles auf den Beinen und dem Kanzler wurde die Zuneigung so lebhaft kundgetan, dass sich der 78jährige am Abend vom Balkon des "Schwarzen Bären" aus Ruhe erbitten mußte.

Am nächsten Tag hielt er dann eine ortsbezogene Rede, die mit der Erwähnung der Schönheit Thüringens den Gefallen des Publikums erregte. Nicht nur in Jena wurden die Passagen des sonst nur noch selten in der Öffentlichkeit auftretenden "Eisernen Kanzlers" abgedruckt. Sein überraschendes Lob des Parlamentarismus, der die Gewalt des Monarchen einhegen müsse, sorgte reichsweit für Erstaunen. Schließlich war er in den 19 Jahren seiner Reichskanzlerschaft nicht eben als Freund des seine Politik oft genug hemmenden Reichstages hervorgetreten. Bismarcks Abneigung gegenüber dem heißspornigen Wilhelm II. führte nun offenbar zu einem Sinneswandel. Ob man darauf wirklich etwas geben durfte, interessierte wohl niemanden. Vielmehr ergötzte sich das Publikum des nicht mehr in Amt und Würden befindlichen einstigen Kanzlers, dessen mythische Verklärung langsam einsetzte (auch und gerade durch solche Auftritte), an seinen drastischen Wendungen und Wertungen. Die Schaulustigen auf dem Markt bekamen u.a. zu hören:

"Ich will Sie nur an ein Beispiel aus den Werken des großen Geistes erinnern, dessen Manen uns hier auf dieser Stätte umschweben. Goethe stellt uns in seinem Götz von Berlichingen einen kaisertreuen Ritter dar, der für seinen Kaiser eine solche Anhänglichkeit und Verehrung besitzt, daß er in dem Augenblicke, wo er einen seiner Beleidiger niederschlagen will, in die Worte ausbricht, 'Trügst du nicht das Ebenbild des Kaisers, das ich in dem gesudeltsten Konterfei verehre, du solltest mir den Räuber treffen und daran erwürgen.' Dieser Ritter trug keine Bedenken, dem kaiserlichen Hauptmann, der ihn zur Übergabe seiner belagerten Burg aufforderte, die Ihnen allen wohlbekannte, sehr scharfe Kritik aus dem Fenster entgegenzuschleudern. (Große langanhaltende Heiterkeit). Es zeigt dies klar, daß Götz von Berlichungen und Goethe beide Empfindungen keineswegs zusammengeworfen und identifiziert haben. Man kann ein treuer Anhänger seiner Dynastie, seines Königs und Kaisers sein, ohne von der Weisheit aller Maßregeln seiner Kommissare, wie es im Götz heißt, überzeugt zu sein. Ich bin letzteres nicht und ich werde auch in Zukunft diese meine Überzeugung keineswegs zurückhalten. (Stürmischer Beifall und begeisterte Hochrufe auf den Fürsten.)"  (Anpsrache auf dem Markte zu Jena, 31. Juli 1892, in: Otto von Bismarck. Die gesammelten Werke, Bd. 13. Bearb. v. Wilhelm Schüßler, 2. Auflage, Berlin 1930, S. 471-476, Zitat S. 476).

Konsequent hielt er an der Saturiertheit seines Reiches fest, dem großspurigen Säbelrasseln erteilte er eine Absage. Denkwürdig führte er in Bezug auf die Einigungskriege aus:

"Diese Kriege waren notwendig; nachdem sie aber geführt worden sind, halte ich es nicht für nötig, daß wir weitere Kriege führen. Wir haben in ihnen nichts zu erstreben. Ich halte es für frivol und ungeschickt, wenn wir uns in weitere Kriege hineinziehen lassen, ohne durch fremde Angriffe dazu gezwungen zu werden. Dann allerdings werden wir auch so stark sein, wie Deutschland in der Mitte Europas es ist, d.h. es wird seinen Nachbarn, auch wenn sie sich verbinden, gewachsen sein. Aber nur im Defensivkrieg. Aggressive Kabinettskriege können wir nicht führen. Eine Nation, die in der Lage ist, sich zu einem Kabinettskrieg zwingen zu lassen, hat nicht die richtige Verfassung. Ein Krieg, auch ein siegreicher, hat für die Nation keine wohlthuenden Folgen. Wir haben uns, nachdem wir den nothwendigen Krieg von 1870 beendigt hatten, angelegen sein lassen, zu verhindern, daß weitere Kriege geführt wurden, um vor allem dem neuen Deutschen Reiche den Frieden zu erhalten, weil der innere Ausbau des Reiches unsere Thätigkeit voll in Anspruch nahm, ja sogar eine gewissen diktatorische Thätigkeit verlangte, die ich jedoch nicht als dauernede Institution eines großen Reiches betrachtet sehen möchte."  (Anpsrache auf dem Markte zu Jena, 31. Juli 1892, s.o., Zitat S. 473).

In Jena wird an das seinerzeitige Großereignis heute mit einem Frühschoppen im "Schwarzen Bären" erinnert, ein durchaus würdiger Rahmen, soll doch der auch in bacchischer Hinsicht sagenumwobene Fürst nach seinem 32minütigen Parforceritt durch Vergangenheit und Gegenwart drei Krüge Bier geleert haben!

Für die weitergehende Beschäftigung mit den Thema ist ein Text Gerd Fessers ("Grosse Tage haben wir erlebt..." Bismarcks Besuch in Jena im Jahr 1892, zuerst abgedruckt im Jahrbuch für den Saale-Holzland-Kreis und Jena 1996) online nachzulesen, auch ein Reprint eines zeitgenössischen Büchleins ("Fürst Bismarck in Jena: Zur Erinnerung an seinem Aufenthalt am 30. und 31. Juli 1892 im Hotel Schwarzer Bär") ist seit 2011 über den Buchhandel erhältlich.

 

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