Das Deutsche Kaiserreich hatte von Januar 1871 bis November 1918 Bestand. 47 lange Jahre lang hielt sich also die Bismarcksche Staatsschöpfung, davon bis zum Sommer 1914 ganze 43 Friedensjahre lang. Diese Zeitspanne ohne kriegerische Auseinandersetzungen mit den europäischen Nachbarn wurde erst 1993 von der wiedervereinigten Bundesrepublik überholt, mittlerweile befinden wir uns im 63. Friedensjahr der parlamentarischen Demokratie. Mit dem Blick zurück ins 19. Jahrhundert kann es nicht überraschen, das den Zeitgenossen die mit einer ungekannten wirtschaftlichen Prosperität einhergehenden langen Jahrzehnte ohne Krieg wie eine einzige Erfolgsgeschichte vorkamen, an den kolonialen Kriegen des Deutschen Reiches in Afrika hatte schließlich nur ein ganz kleiner Teil der waffenfähigen jungen Männer teilgenommen. Die überspannten Erwartungen im August 1914, als Freiwillige die mit Kreideaufschriften über ein Weihnachtsfest in Paris beschrifteten Züge an die Front bestiegen, erklären sich aus dieser Weltsicht. Während im 19. Jahrhundert noch fast jede Generation an irgendeinem Krieg teilgenommen hatte und sich die Grausamkeit immer wieder neu ins Bewußtsein der Deutschen eingeschliffen hatte, waren die zu Wohlstand gekommenen, mehrheitlich national gesinnten Wilhelminer die ersten, denen nur die Erzählungen der Alten den Krieg nachbrachten, woraus sich eine nach zwei Weltkriegen nur noch schwer zu begreifende Naivität gegenüber dem Thema speiste.
Einer, der diese Naivität nicht teilte, sondern vielmehr zu den kritischen Intellektuellen und Künstlern der Zeit gehörte, ist der Lyriker Christian Morgenstern. Seine Lebensdaten markieren wie die keines anderen Anfang und Ende auch des Reiches, in dem er lebte: Der Bayer kam vier Monate nach der Reichsgründung am 6. Mai 1871 in München zur Welt und starb, seit 1881 an Tuberkulose erkrankt, am 31. März 1914 in Meran. Wie andere expressionistische und dadaistische Dichter seiner Zeit, konnte er seiner auf Äußerlichkeiten fixierten Zeit und den oft zur bloßen Form geronnen Maniriertheiten des durchmilitarisierten Preußendeutschlands nur kopfschüttelnd gegenüber treten, seine komische Lyrik nimmt diese Gegenwart auf einzigartige Weise auf die Schippe (dies ist freilich eine ganz holzschnittartige Interpretation, Morgensterns Schaffen ist ein hochkomplexes Universum in sich). Sein bekanntestes Werk ist das unausprechliche "Fisches Nachtgedicht" (s. oben), das nichtsdestotrotz immer wieder gern "performt" wird. Reizvoll sind diese Auftritte vor allem deshalb, weil das menschliche Kommunikationssystem keine Imitationsmöglichkeit für den Sprachaustausch der Fische hat, umso lustiger sind die blubbernden Versuche, sich durch die Zeilen Morgensterns zu "lesen".
Faszinierend ist in diesem unterseeischen Zusammenhang das Auftauchen einer weiteren sensationellen Tonaufnahme aus dem späten 19. Jahrhundert, für das die Titanic verantwortlich zeichnet. Die Assoziation Bismarcks mit dem nach ihm benannten Hering wurde nie schöner umgesetzt als in diesem minimalstischen Unterwasserfragment. Vielen Dank, liebe Titanic! Was schon Helmut Kohl und andere von Dir verballhornte Größen wußten, spürt nach dem Rummel um seine Stimme auf einer alten Walze endlich auch wieder der zu Lebzeiten oft karikierte Otto von Bismarck: Wer satirisch behandelt wird, der hat es geschafft. Herzliche Grüße aus dem Sachsenwald nach Frankfurt!


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